Ingeborg Weber-Kellermann

Ingeborg Weber-Kellermann (geb. Kellermann; * 26. Juni 1918 in Berlin; † 12. Juni 1993 in Marburg) war eine deutsche Volkskundlerin und Ethnologin. Sie lehrte von 1969 bis zu ihrer Emeritierung 1983 als ordentliche Professorin für Europäische Ethnologie an der Universität Marburg.

Werdegang

Herkunft

Ingeborg Weber-Kellermann war eine Tochter des Postbeamten und Schriftstellers Friedrich Carl (Karl) Kellermann, ihre Mutter Luise Auguste Kellermann, geb. Polte, war Oberlehrerin für Mathematik und Deutsch. Der Prähistoriker Volkmar Kellermann war ihr Bruder.[1]

Obwohl ihre Eltern liberal eingestellt und Gegner des Nationalsozialismus waren, trat Weber-Kellermann als Schülerin 1934 dem Bund Deutscher Mädel bei.[2] 1938 wurde sie Mitglied der NSDAP.[1]

Wissenschaftliche Tätigkeit

Nach dem Abitur, das sie 1936 am Berliner Viktoria-Luise-Oberlyzeum ablegte, studierte sie an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin Volkskunde, Völkerkunde (Ethnologie), Anthropologie und Vorgeschichte. Ihr prägendster akademischer Lehrer war Adolf Spamer. Als Studentin war sie von einem völkischen Weltbild geprägt und der nationalsozialistischen Volkstumsideologie verbunden, was durch Exkursionen zu „volksdeutschen“ Minderheiten in Südosteuropa untermauert wurde. Thema ihrer Dissertation war ein „Lebensbild“ von Josefsdorf (Josipovac), einem von ethnischen Deutschen bewohnten Dorf in Slawonien. Mit dieser wurde sie 1940 bei Spamer in Berlin zum Dr. phil. promoviert.[1]

Danach arbeitete sie für Regierungsstellen und wurde von der Volksdeutschen Mittelstelle (VoMi) als Nachwuchswissenschaftlerin von Februar bis November 1944 nach Käsmark (Kežmarok) in der slowakischen Zips entsandt, wo sie die volkstumspolitische Sammlungsarbeit von Hertha Wolf-Beranek an dem von der NSDAP und der slowakischen Deutschen Partei geführten Institut für Heimatforschung (IHF) fortführen sollte.[3] Das Kriegsende erlebte sie als Rot-Kreuz-Schwester in Prag, wo sie auch mit befreiten Juden aus dem KZ Theresienstadt zusammentraf, was ihre späteren Ansichten und Arbeiten prägte.[2]

Nach Kriegsende arbeitete Weber-Kellermann ab 1946 als persönliche Assistentin ihres akademischen Lehrers Adolf Spamer, der in dieser Zeit die Kommission für Volkskunde der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (DAW) gründete. Dort war sie ab 1947 wissenschaftliche Mitarbeiterin und blieb dies auch, nachdem die Kommission unter Spamers Nachfolger Wolfgang Steinitz 1953 in das Institut für deutsche Volkskunde umgewandelt wurde. 1959 wurde sie stellvertretende Direktorin des Instituts. Die DAW hatte ihren Sitz in Ost-Berlin, während Weber-Kellermann in West-Berlin wohnte. Als Grenzgängerin hatte sie gegenüber ihren DDR-Kollegen den Vorteil, an internationalen Tagungen im nicht-sozialistischen Ausland teilnehmen zu können, wurde aber auch Schikanen ausgesetzt und erhielt trotz fachlicher Anerkennung keine Gelegenheit zur akademischen Weiterqualifikation.[1]

Daraufhin wechselte sie 1960 als wissenschaftliche Assistentin zu Gerhard Heilfurth an das Institut für mitteleuropäische Volksforschung, das spätere Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft, an der Philipps-Universität Marburg. Dieses hatte im Gegensatz zur herkömmlichen Volkskunde eine sozialwissenschaftliche und kulturanthropologische Ausrichtung. Dort habilitierte sie sich 1963 mit der Schrift Erntebrauch in der ländlichen Arbeitswelt des 19. Jahrhunderts, für die sie die Mannhardtbefragung in Deutschland von 1865 auswertete. Nach Erteilung der Venia Legendi im Fach Volkskunde lehrte sie als Privatdozentin in Marburg.[1]

Dort wurde sie 1968 zur außerplanmäßigen Professorin für Europäische Ethnologie ernannt und im Jahr darauf auf eine ordentliche Professur gleicher Denomination berufen. Diese hatte sie bis zu ihrer Emeritierung 1983 inne. Im akademischen Jahr 1970/71 war Weber-Kellermann Dekanin der Philosophischen Fakultät. Sie sympathisierte mit der Studentenbewegung, setzte sich für eine Hochschulreform mit mehr Mitbestimmungsrechten für alle Statusgruppen und eine Demokratisierung des Hochschulwesens weg vom bisherigen Modell der Ordinarienuniversität ein.[1] Nach Aufteilung der traditionellen Fakultäten war sie 1972 Prodekanin des Fachbereichs 03 (Gesellschaftswissenschaften und Philosophie) der Universität Marburg.

Ihre Forschungsschwerpunkte waren Kindheits- und Familiensoziologie, Interethnik sowie Feste, Bräuche und Lieder. Ihr 1982 erschienenes Buch der Weihnachtslieder stellte die Entwicklung des Weihnachtsliedes vom Priestergesang bis zum familiären Weihnachtslied in kritischer Edition dar, war aber auch als populäres Gesangbuch für die Adventszeit konzipiert, das bis 1984 in drei Auflagen erschien und noch heute verlegt wird.[4] In der Zeit von 1968 bis 1978 wirkte sie als Autorin an 41 Fernsehfilmen mit volkskundlicher Thematik beim Hessischen Rundfunk mit.

Ingeborg Weber-Kellermann kritisierte die stark von „Blut-und-Boden“-Ideologie geprägte Ausrichtung der Volkskunde und insbesondere die Sprachinselforschung (durch Kuhn, Jungbauer, Künzig u. v. m.). Dieser stellte sie ihr Konzept der Interethnik gegenüber, das Akkulturations- und interkulturelle Übernahmeprozesse in den Mittelpunkt stellt. 1985 wurde ihr die Wilhelm-Leuschner-Medaille verliehen, da sie „die Volkskunde von der Volkstümelei befreit“ habe.[2]

Privates

Ingeborg Kellermann heiratete 1948 in Berlin den Diplom-Ingenieur Moritz Wilhelm Weber, die Ehe wurde schon 1949 wieder geschieden. Ihr Sohn Heinz war in den 1970er Jahren als Kameramann bei Filmproduktionen seiner Mutter tätig, beispielsweise für „Bauernherbst in Maramures“ (1972).[4]

Schriften (Auswahl)

  • Josefsdorf: Lebensbild eines deutschen Dorfes in Slawonien (= Deutsche Schriften zur Landes- und Volksforschung. Band 15). Hirzel, Leipzig 1942, DNB 363021566 (Dissertation, Universität Berlin, 1941, 84 Seiten).
  • Zur Frage der interethnischen Beziehungen in der Sprachinselvolkskunde. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde. Band 62 (1959), S. 19–47.
  • Erntebrauch in der ländlichen Arbeitswelt des 19. Jahrhunderts. Auf Grund der Mannhardtbefragung in Deutschland von 1865 (= Veröffentlichungen des Instituts für Mitteleuropäische Volksforschung an der Philipps-Universität Marburg-Lahn. Reihe A, Band 2). Elwert, Marburg 1965 (Habilitationsschrift, Universität Marburg).
  • Probleme interethnischer Forschungen in Südosteuropa. In: Ethnologia Europaea. Band 1 (1967), Heft 3, S. 218–231.
  • Deutsche Volkskunde zwischen Germanistik und Sozialwissenschaften (= Sammlung Metzler. Band 79). Metzler, Stuttgart 1969.
  • (mit Walter Stolle) Volksleben in Hessen 1970. Arbeit, Werktag und Fest in traditioneller und industrieller Gesellschaft. Schwartz, Göttingen 1971, ISBN 3-509-00565-1.
  • Die deutsche Familie. Versuch einer Sozialgeschichte (= Suhrkamp-Taschenbuch. Band 185). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1971; Neuauflage ebenda 1974, ISBN 3-518-06685-4.
  • (mit Annemie Schenk) Interethnik und sozialer Wandel in einem mehrsprachigen Dorf des rumänischen Banats (= Marburger Studien zur vergleichenden Ethnosoziologie. Band 3). Marburger Studienkreis für Europäische Ethnologie, Marburg 1973.
  • Die Familie. Geschichte, Geschichten und Bilder. Insel, Frankfurt am Main 1976, ISBN 3-458-05020-5.
  • (Hrsg.) Zur Interethnik: Donauschwaben, Siebenbürger Sachsen und ihre Nachbarn. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, ISBN 3-518-07480-6.
  • Brauch, Familie, Arbeitsleben. Schriften (= Marburger Studien zur vergleichenden Ethnosoziologie. Band 10). Marburg 1978.
  • Das Weihnachtsfest. Eine Kultur- und Sozialgeschichte der Weihnachtszeit. Bucher, Luzern / Frankfurt am Main 1978, ISBN 3-7658-0273-5.
  • Die Kindheit. Kleidung und Wohnen, Arbeit und Spiel. Eine Kulturgeschichte. Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-458-05095-7.
  • Volksfeste in Deutschland). HB, Hamburg 1981 (= HB-Bildatlas spezial, Band 3.
  • Das Buch der Weihnachtslieder. Mit Klavier- oder Orgelbegleitung. Musikalische Bearbeitung von Hilger Schallehn. Schott, Mainz 1982, ISBN 3-7957-2061-3. Taschenbuch: Melodieausgabe mit Akkordbezifferung. 12. Auflage. Atlantis, Mainz 2010, ISBN 978-3-254-08213-8 (Serie Musik Atlantis-Schott, Band 8213).
  • Frauenleben im 19. Jahrhundert. Empire und Romantik, Biedermeier, Gründerzeit. Beck, München 1983, ISBN 3-406-08516-4.
  • Der Kinder neue Kleider. 200 Jahre deutscher Kindermoden in ihrer sozialen Zeichensetzung (= Suhrkamp-Taschenbuch. Band 1128). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-518-37628-4.
  • Saure Wochen, frohe Feste. Fest und Alltag in der Sprache der Bräuche. Bucher, München / Luzern 1985, ISBN 3-7658-0471-1.
  • Landleben im 19. Jahrhundert. Beck, München 1987, ISBN 3-406-32177-1.
  • Vom Handwerkersohn zum Millionär. Eine Berliner Karriere des 19. Jahrhunderts. Beck, München 1990, ISBN 3-406-34707-X (Biografie des Wilhelm Weber).
  • Die Kinderstube (= Insel-Bücherei. Band 1126). Insel, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-458-19126-7.
  • Die helle und die dunkle Schwelle. Wie Kinder Geburt und Tod erleben. Beck, München 1994, ISBN 3-406-37425-5 (= Beck’sche Reihe. Band 1035).
  • Erinnern und vergessen: Autobiographisches und weitere Materialien. Hrsg. v. Siegfried Becker, Andreas Bimmer. Jonas, Marburg 1993, ISBN 3-89445-240-4.
  • Das Buch der Kinderlieder. 235 alte und neue Lieder. Kulturgeschichte, Noten, Texte, Bilder. Klaviersätze von Hilger Schallehn und Manfred Schmitz. Schott, Mainz 1997, ISBN 3-7957-2063-X. Taschenbuch: Melodieausgabe mit Akkordbezifferung (Serie Musik Atlantis-Schott, Band 8370). 2. Auflage. Atlantis, Mainz 2010, ISBN 978-3-254-08370-8.

Des Weiteren eine Reihe von Filmen.

Literatur

  • Siegfried Becker, Andreas C. Bimmer (Hrsg.): Ländliche Kultur. Internationales Symposion am Institut für Europäische Ethnologie und Kulturforschung, Marburg, zu Ehren von Ingeborg Weber-Kellermann. Göttingen 1990.
  • Annemie Schenk: Interethnische Forschung. In: Rolf W. Brednich (Hrsg.): Grundriss der Volkskunde: Einführung in die Forschungsfelder der europäischen Ethnologie. 3. Auflage. Reimer, Berlin 2001, S. 363–390.
  • Von der Sprachinselforschung zur Interethnik. In: Ingeborg Weber-Kellermann, Andreas C. Bimmer, Siegfried Becker: Einführung in die Volkskunde/Europäische Ethnologie. Eine Wissenschaftsgeschichte. 3. Auflage. Metzler, Stuttgart 2003, S. 175–180.
  • Friederike Herrmann: Ingeborg Weber-Kellermann: Weg mit dem Weihnachtsmann. In: Die Zeit, Nr. 52/1989.

Einzelnachweise

  1. a b c d e f Friedemann Schmoll: Weber-Kellermann, Ingeborg (geborene Ingeborg Kellermann). In: NDB-online, 1. Oktober 2024.
  2. a b c Friederike Herrmann: Ingeborg Weber-Kellermann: Weg mit dem Weihnachtsmann. In: Die Zeit, Nr. 52/1989.
  3. Zuzana Panczová, Gabriela Kiliánová, Tomáš Kubisa: Volkskunde in den Diensten des Dritten Reiches. Deutsche Forscher und Forscherinnen in der Slowakei (= Kultur: Forschung und Wissenschaft. Band 26). Lit-Verlag, Berlin 2023, ISBN 978-3-643-25076-6, S. 59.
  4. a b Elsbeth Wallnöfer: Mass nehmen, Mass halten: Frauen im Fach Volkskunde. Böhlau, Wien 2008, S. 100 f.