Ilja Sacharowitsch Trauberg
Ilja Sacharowitsch Trauberg (russisch Илья Захарович Трауберг; * 20. Novemberjul. / 3. Dezember 1905greg. in Odessa, Russisches Kaiserreich, heute Ukraine; † 8. Dezember 1948[1][2] in Berlin, SBZ) war ein sowjetischer Filmregisseur und Drehbuchautor. Zuletzt war er Mitglied des Vorstandes der DEFA.
Leben
Ilja Trauberg wurde als Sohn eines Journalisten und Herausgebers in Odessa geboren, siedelte aber als Kind mit seiner Familie nach Sankt Petersburg um. Seine Mutter war Hausfrau. Er war der jüngere Bruder des Regisseurs und Drehbuchautors Leonid Trauberg und mit Olga Lepeschinskaja verheiratet.
Er lebte und arbeitete in Odessa, Leningrad und Moskau.
Ilja Trauberg arbeitete zunächst am Theater, schrieb Essays und Drehbücher. 1927 wechselte er zum Film zu Sovkino in Leningrad. Dort wurde er bei Sergej Eisenstein gemeinsam mit Michail Gomorow und Maxim Schtrauch Regieassistent bei dem Stummfilm über die Oktoberrevolution Oktober: Zehn Tage, die die Welt erschütterten.
Sein erster eigener Spielfilm als Filmregisseur, Der blaue Express, den er 1929 bei Sowkino als Stummfilm drehte, wurde ein außergewöhnlicher Erfolg. In diesem Film griff Trauberg auf Stilfiguren des russischen revolutionären Films zurück und wandte sich dabei ebenso wie die damalige Politik der Sowjetunion gen Ostasien. In Deutschland wurde Der blaue Express erstmals 1930 aufgeführt und von der Prometheus Film verliehen. Bis 1942 drehte Ilja Trauberg acht Spielfilme. 1945 wurde ihm die Leitung des Schauspielstudios von Mosfilm übertragen.[3]
Während des Zweiten Weltkrieges („Großen Vaterländischen Krieges“) war er Navigator in einer Bomberstaffel und wurde mit dem Orden des Vaterländischen Krieges 1. und 2. Grades ausgezeichnet.
1947 ging er im Auftrag der Sowjetregierung in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) zur Filmgesellschaft DEFA. Im Zuge der Umwandlung der DEFA von einer GmbH in eine sowjetisch-deutsche Aktiengesellschaft wurde er von sowjetischer Seite neben Alexander Wolkenstein (Generaldirektor Sojusintorgkino / Sovexport) zum Vorstand der gemeinsamen Gesellschaft bestimmt. Von deutscher Seite übernahmen diese Aufgabe Herbert Volkmann, Alfred Lindemann und Karl Hans Bergmann; ab Juli 1948 Hans Klering (Generaldirektor), Kurt Maetzig und Walter Janka.[4] Innerhalb des Vorstandes war er als künstlerischer Direktor für den thematischen Plan und literarische Vorarbeit verantwortlich.[5] Auch der Aufbau des Nachwuchsstudios der DEFA oblag ihm.[6]
In der kurzen Zeit seiner Tätigkeit bei der DEFA erwarb sich Trauberg einen exzellenten Ruf unter den Filmschaffenden als weltoffener Filmkünstler, der auf Augenhöhe freundschaftlich mit den deutschen Kollegen zusammenarbeitet.
Walter Janka resümierte 1992: „Trauberg war Filmfachmann und ein ganz phantastischer Charakter - überhaupt keiner, der als Sieger nach Deutschland gekommen war, sondern als kulturvoller Mensch. Dymschitz, mit dem ich später eng gefreundet war, und Trauberg wollten hier das machen, was sie in Rußland nicht durften.“[7]
Für 1949 war geplant, dass er wieder Filmregie führen kann, gemeinsam mit Friedrich Wolf bereitete er den Stoff „IG Farben“ bei der DEFA zur Produktion vor.
Stattdessen wurde er am 8. Dezember 1948 nach einer Feier am Vorabend völlig unerwartet tot aufgefunden. Er starb im Alter von 43 Jahren. Nach anderen Angaben starb er bereits am 7. Dezember 1948.[8] Das Neue Deutschland schrieb dazu „Am Dienstagmorgen ist der sowjetische Regisseur Ilja Trauberg unerwartet einem Herzschlag erlegen“.[9] Über die Todesursache und -umstände gab es diverse Spekulationen, da z. B. Traubergs Name in der Westpresse im Zusammenhang mit dem Überlaufen des SED-Funktionärs Erich Walter Gniffkes wenige Tage vor seinem Tod genannt wurde, der mit ihm befreundete Kultoroffiziers Alexander Mosjakow unlängs vom NKWD verhaftet wurde und andere eventuelle Querverbindungen existierten.[10][11][12]
Nach einer Trauerfeier bei der SMAD in Berlin-Karlshorst fand die Einäscherung am 10. Dezember in Berlin-Baumschulenweg statt. Die Wochenschau Der Augenzeuge berichtete über das tragische Ereignis an prominenter Stelle.[13] Auf der festlichen Trauerfeier im Deutschen Theater hielten Alexander Dymschitz[14] und Kurt Maetzig die Trauerreden.[15]
Ilja Traubergs Grab befindet sich auf dem Preobraschenskoje-Friedhof in Sankt Petersburg.[16]
Filmografie (Auswahl)
- Regisseur
- 1929: Der blaue Express (Goluboi express)
- 1932: Для вас найдётся работа (Dlja was naidjotsja rabota)
- 1933: Частный случай (Tschstny slutschai)
- 1936: Сын Монголии (Syn Mongolii)
- 1938: Год девятнадцатый (God dewjatnadzaty)
- 1941: Концерт-вальс (Konzert-wals) (mit Michail Dubson)
- 1941: Мы ждём вас с победой (My schdjom was s pobedoi)
- 1942: Боевой киносборник № 11 (Bojewoi kinosbornik № 11)
- Drehbuchautor
- 1927: Отважные мореплаватели (Otwaschnyje moreplawateli)
- 1928: Снежные ребята (Sneschnyje rebjata)
- 1929: Der blaue Express (Goluboi express)
- 1932: Для вас найдётся работа(Dlja was naidjotsja rabota)
- 1933: Частный случай(Tschstny slutschai)
- 1938: Год девятнадцатый (God dewjatnadzaty)
- 1941: Концерт-вальс (Konzert-wals)
Literatur
- Betriebsgeschichte des VEB DEFA-Studio für Spielfilme. Teil 1. Babelsberg: Selbstvlg. 1981.
- Walter Janka: Spuren eines Lebens. Rowohlt, 1991, ISBN 978-3-87134-006-2.
- Karl Hans Bergmann: Der Schlaf vor dem Erwachen, DEFA-Stiftung 2004, VIII. Die DEFA 1946–1949, 2. bearbeitete Auflage, ISBN 3-00-013940-0
- Walter Janka: Wege zur DEFA. In: Spur der Filme. Zeitzeugen über die DEFA. Ch. Links-Verlag, Berlin, 2006, ISBN 978-3-86153-401-3.
- Günter Jordan: Vor 75 Jahren: Die Trauberg-Story. In: Leuchtkraft Nr.5 – Journal der DEFA-Stiftung, Onlineveröffentlichung 2022, abrufbar als PDF (S. 48–65) von DEFA-Stiftung, zuletzt abgerufen am 21. Dezember 2022.
- Ralf Schenk: Zwischen Toleranz und Linientreue. Notizen zum sowjetischen Personal in der frühen DEFA. In: Fluchtlinien. Hans-Michael Bock, Jan Diestelmeyer, Jörg Schöning (Hrsg.). edition text+kritik. München 2023. ISBN 978-3-96707-729-2
Weblinks
- Ilja Trauberg bei IMDb
- DEFA-Chronik in: DEFA-Stiftung
- Beisetzung Ilja Traubergs in: Der Augenzeuge 136/1948 (Vorschau-Video) in Progress-Film-Verleih
Einzelnachweise
- ↑ Aufsichtsrat und Vorstand der DEFA: Nachruf für Ilja Trauberg. In: SMAD (Hrsg.): Tägliche Rundschau. Berlin 10. Dezember 1948.
- ↑ Günter Jordan: Vor 75 Jahren: Die Trauberg-Story. In: DEFA-Stiftung (Hrsg.): Leuchtkraft. 1. Auflage. Nr. 5. DEFA-Stiftung, Berlin 2022, S. 61.
- ↑ Iliya Trauberg. Festival Vesoul, abgerufen am 25. März 2019 (französisch).
- ↑ Chronik der DEFA 1947. In: Online-Chronik DEFA. DEFA-Stiftung, 2023, abgerufen am 26. Dezember 2025.
- ↑ Günter Jordan: Film in der DDR. Daten Fakten Strukturen. Hrsg.: Filmmuseum Potsdam. 2. überarbeitete Fassung Auflage. Filmmuseum Potsdam, Potsdam 2013, ISBN 978-3-9812104-2-2, S. 121.
- ↑ Günter Reisch: Biografie Günter Reisch. In: Nachlass Günter Reisch. Filmmuseum Potsdam, abgerufen am 26. März 2019.
- ↑ Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hrsg.): Spur der Filme. Zeitzeugen über die DEFA. 2. Auflage. Christoph-Links Verlag, Berlin 2006, ISBN 978-3-86153-401-3, S. 52.
- ↑ DEFA-Chronik für das Jahr 1948. In: defa-stiftung.de, abgerufen am 29. Dezember 2025.
- ↑ ADN: Regisseur Ilja Trauberg verstorben. In: Neues Deutschland (Hrsg.): Neues Deutschland. Berlin 9. Dezember 1948, S. 5.
- ↑ Diplomaten der Zukunft. In: Der Spiegel 49/1948. Der Spiegel, 3. Dezember 1948, abgerufen am 29. Dezember 2025.
- ↑ Christiane Mückenberger: Zeit der Hoffnungen 1946-1949. In: Filmmuseum Potsdam (Hrsg.): Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg 1946-92. 1. Auflage. Henschel-Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-89487-175-X, S. 26.
- ↑ Ralf Schenk: Zeitzeugengespräch: Karl Hans Bergmann. In: DEFA-Stiftung Zeitzeugengespräche. DEFA-Stiftung, 1996, abgerufen am 26. März 2019.
- ↑ Marion Keller, Chefredakteur: Der Augenzeuge 136/1948 (Vorschau-Video). In: Der Augenzeuge. Progress Filmverleih, Dezember 1948, abgerufen am 26. März 2019.
- ↑ Ralf Schenk: Zwischen Toleranz und Linientreue. In: Fluchtlinien (Hrsg.): Cinegraph. edition text+kritik. 1. Auflage. Richard Boorberg Verlag GmbH & Co. KG, München 2023, ISBN 978-3-96707-729-2, S. 193.
- ↑ Ilja Traubergs Heimgang. In: Neues Deutschland (Tageszeitung). 1948 Nr. 290. Berlin 12. Dezember 1948, S. 5.
- ↑ Günter Jordan: Vor 75 Jahren. Die Trauberg-Story. In: DEFA-Stiftung (Hrsg.): Leuchtkraft. 1. Auflage. Nr. 5. DEFA-Stiftung, Berlin 2022, S. 62.