Igor Michailowitsch Tschubarow

Igor Michailowitsch Tschubarow (russisch И́горь Миха́йлович Чуба́ров, auch Chubarov, Tchoubarov, Čubarov * 13. Dezember 1965 in Kursk) ist ein russischer Philosoph, Kulturkritiker und Übersetzer der Werke westlicher Philosophen ins Russische. Es ist spezialisiert auf analytische Psychologie, Phänomenologie, kritische Theorie der Frankfurter Schule, Philosophie der Literatur, Medienphilosophie.

Leben und Karriere

Tschubarow absolvierte 1996 die Philosophische Fakultät der Lomonossow-Universität Moskau. Er wurde leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften und Dozent an der Philosophischen Fakultät der Lomonossow-Universität Moskau.[1] Er arbeitet als Redakteur im Verlagsprogramm der Russischen Staatlichen Universität für Geisteswissenschaften und ist seit 1991 Mitherausgeber der philosophischen Zeitschrift „Logos“.[2]

Aktuell ist Tschubarow Vizerektor der Universität von Tjumen und als Direktor des Instituts für Sozial- und Geisteswissenschaften Herausgeber der Zeitschrift Humanities Research. Humanitates. Er ist Senior Research Fellow am Institut für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften und Professor am Zentrum für moderne Philosophie und Sozialwissenschaften der Staatlichen Universität Moskau.[3]

Seit 2022 betreibt Tschubarow den Telegram-Kanal „Radio Benjamin“.[4]

Werke

2014 verfasste er eine Monographie Kollektive Sinnlichkeit: Theorien und Praktiken der linken Avantgarde.[5] Dieses Buch ist eine anthropologische Analyse des Phänomens der russischen linken Avantgarde der 1920er Jahre. Tschubarov argumentiert darin, dass die linke Avantgarde eine selbstreflexive soziale und anthropologische Praxis ist, die nichts von ihren künstlerischen Qualitäten einbüßt, da ihre Protagonisten bewusst versuchen, politische und alltägliche Probleme des Volkes zu lösen, das nach 1917 die Möglichkeit der sozialen Befreiung erhielt. Mit geeigneten interdisziplinären Instrumenten befasst sich das Buch mit so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Andrej Bely und Andrej Platonow, Nikolaj Evreinow und Dziga Vertov, Gustav Speth, Boris Arwatow usw. Diese verschiedenen Autoren verbindet die Entdeckung einer spezifischen Ebene der Sensibilität und einer alternativen Struktur des Unterbewusstseins in ihren Werken, die mit dem provokanten Begriff der „neuen Sensibilität“ beschrieben werden.

Die Studie wurde von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung und der Volkswagenstiftung unterstützt. In Russland wurde das Buch mit dem Andrey-Bely-Prize in der Kategorie „Humanitäre Forschung“ ausgezeichnet.

Lehrtätigkeit

  • „Gewaltkritik“, ein Spezialkurs für Studierende der Philosophischen Fakultät der Staatlichen Universität Moskau (2011);
  • „Philosophie der Dinge“, ein Spezialkurs für Studenten der Philosophischen Fakultät der Staatlichen Universität Moskau (2012);
  • „Philosophische Technologien des Denkens“, ein Kurs für Studenten der Staatlichen Universität Tjumen (2018–2021);
  • „Archäologie und Futurologie der Medien“, ein Kurs für Studenten der „School of Advanced Studies“ und des Instituts für Sozial- und Geisteswissenschaften der Staatlichen Universität Tjumen, Masterprogramm „Digitale Kultur und Medienproduktion“ (2018–2019);
  • „Methodology of Urbanism“, ein Kurs für Studenten des Instituts für Sozial- und Geisteswissenschaften der Staatlichen Universität Tjumen, Masterprogramm „Historical Urban Studies“ (2019–2022).

Auszeichnungen

  • 2014: Andrei Bely Prize
  • 2015: Innovation Prize, the All-Russian Competition in Contemporary Visual Art[6]
  • 2018: Justus Bier Preis für Kuratoren gemeinsam mit Inke Arns und Sylvia Sasse für das Projekt und die Publikation „Sturm auf den Winterpalast - Forensik eines Bildes“ im Hartware MedienKunstVerein im Dortmunder U.[7]

Schriften

Monographien

  • Igor Tschubarow: Коллективная чувственность: теории и практики левого авангарда (Kollektive Sinnlichkeit: Theorien und Praktiken der linken Avantgarde). Verlag der Wirtschaftsschule, Moskau 2016, ISBN 978-5-7598-1095-7.

Sammlungen

  • Walter Benjamin; Igor Tschubarow (Hrsg.): Учение о подобии: медиаэстетические произведения (Die Ähnlichkeitslehre: Medienästhetische Schriften). RSGU-Verlag, Moskau 2012, ISBN 978-5-7281-1276-1.
  • Словарь художественных терминов, 1923—1929 (Glossar künstlerischer Begriffe, 1923—1929). Logos-Altera, Moskau 2005, ISBN 5-98378-009-3.
  • Антология феноменологической философии в России. (Anthologie der phänomenologischen Philosophie in Russland. Band 1–2) Logos-Verlag, Мoskau (Band 1), Progress-Tradition-Verlag, Moskau (Band 2), 1997 (Band 1), 2000 (Band 2), ISBN 5-98378-009-3.

Übersetzungen

  • Walter Benjamin, Igor Tschubarow (Üb), Artemy Magun, Valery Anaschwili (Hrsg.): К критике насилия (Zur Kritik der Gewalt und andere Aufsätze). In: Kultivator. 2011 (intelros.ru PDF).
  • Walter Benjamin, Igor Tschubarow, Boris Skuratow (Üb): Автор как производитель (Выступление в Институте изучения фашизма в Париже 27 апреля 1934 года) (Der Autor als Produzent. Ansprache im Institut zum Studium des Fascismus in Paris am 27. April 1934). In: Logos. 2010 (intelros.ru PDF)..

Artikel und Online-Veröffentlichungen

  • Igor Tschubarow, Julia Appolonova: “Старых войн” не было, или этика дронов (комментарий к статье Николая Ссорина-Чайкова) (Es gab keine „alten Kriege“ oder die Ethik der Drohnen (Kommentar zum Artikel von Nikolai Ssorin-Tschaikow)). In: Logos. 2022 (logosjournal.ru PDF).
  • Igor Tschubarow, Anastasia Rusakova, Tatjana Kruglova, Artjom Radejew (Hrsg.): Взаимное размыкание города и университета в перспективе создания "третьих мест" города и исполнения “третьей миссии” университета (Gegenseitige Öffnung der Stadt und der Universität in der Perspektive, „Dritte Orte“ der Stadt zu schaffen und die „Dritte Mission“ der Universität zu erfüllen). In: Russischer ästhetischer Kongress. Zusammenfassungen von Berichten der Teilnehmer. 2021.
  • Ведьма как объект социального исключения (Die Hexe als Objekt sozialer Ausgrenzung). In: PostNauka (PostWiessenschaft). 2019.
  • Литература факта post mortem левого проекта. Сергей Третьяков, Вальтер Беньямин и Варлам Шаламов Literature of Fact and the Left Movement. Sergei Tret’iakov, Walter Benjamin and Varlam Shalamov. In: Russian Literature. Band 103–105, 2019, ISSN 0304-3479, S. 305–321, doi:10.1016/j.ruslit.2019.04.013.
  • Igor Tschoubarov, Inke Arns, Sylvia Sasse: Nikolai Evreinov‘s “Revolution In Itself” (Nikolai Evreinovs „Revolution an sich“). In: Nikolai Evreinov & Others: «The Storming of the Winter Palace» (THINK ART). 2017, ISBN 978-3-03734-991-5.
  • Igor Tschubarow, Anne Krier (Üb): Eine Form für den Gesellschaftskörper. 2017.
  • Рабы порно (Die Sklaven von Porno). In: Unsere Psychologie. 2015.
  • Технология неудачи. Вальтер Беньямин как профанный мистик (Die Technik von Pech. Walter Benjamin als profaner Mystiker). In: T&P Kompass, Jüdisches Museum und Toleranzzentrum. 2015.
  • Порно как искусство насилия (Porno als Kunst der Gewalt). In: PostNauka (PostWiessenschaft). 2013.
  • Теория критики насилия (Theorie der Kritik der Gewalt). In: PostNauka (PostWiessenschaft). 2013.
  • Emancipated Thing Versus Reified Consciousness: Interaction of the Concepts "Defamiliarization" and "Alienation" in the Russian Communist Futurist and Avantgardemovement (Emanzipiertes Ding gegen verdinglichtes Bewusstsein: Wechselwirkung der Konzepte „Verfremdung“ und „Entfremdung“ in der russischen kommunistischen Futuristen- und Avantgardebewegung). In: Russian Studies in Philosophy. 2009.
  • Analyse comparée de la compréhension de la subjectivité chez G. Deleuse et chez G. Chpet (Vergleichende Analyse des Verständnisses der Subjektivität bei Gilles Deleuze und bei Gustav Speth). In: Slavica Occitania. 2008.
  • Московская феноменологическая школа "Квартет" (Moskauer Phänomenologische Schule „Quartett“). In: Logos. 1998.
  • Зачалось и быть могло, но стать не возмогло… : философское наследие Федора Августовича Степуна: предисловие к публикации «Жизнь и творчество» Ф. А. Степуна (Es wurde konzipiert und hätte sein können, aber es konnte nicht werden …: das philosophische Erbe von Fjodor Avgustovich Stepun: ein Vorwort zur Veröffentlichung „Leben und Werk“ von F. A. Stepun). In: Logos. 1991.

Einzelnachweise

  1. Chubarov – Angaben des HSE Publishing House
  2. Redaktion – Zeitschrift Logos. In: logosjournal.ru. Abgerufen am 23. Februar 2023 (russisch).
  3. Website University of Tyumen
  4. „Radio Benjamin“. Telegram-Kanal von Igor Tschubarow (auf Russisch). In: t.me. Abgerufen am 23. Februar 2023 (russisch).
  5. HSE Publishing House
  6. Alexander von Humbold-Stiftung
  7. Justus Bier Preis 2018. Helga Pape-Stiftung Jens und Helga Howaldt, abgerufen am 29. Dezember 2025.