Ignaz Stein

Ignaz Stein (* 18. Januar 1721 in Rottenburg am Neckar; † 1. April 1772 in Obermarchtal), mit bürgerlichem Vornamen ursprünglich Sebastian Stein[1], war von 1768 bis 1772 Abt der Reichsabtei Obermarchtal in Oberschwaben. Seine Amtszeit war geprägt durch bauliche Aktivitäten im Übergang vom Barock zum Klassizismus sowie durch eine ungewöhnlich empathische Haltung in sozialen Fragen.

Ignaz Stein entstammte einer Rottenburger Bäcker- und Metzgerfamilie; er war einer von 14 Kindern des Josef Stein und der Anna Maria, geb. Wild, ebenfalls aus Rottenburg.[2]

Leben

Nach dem Besuch des vom Jesuitenorden geleiteten Gymnasiums in Rottenburg trat Stein in das Prämonstratenserstift Marchtal ein.[3] Seine Einkleidung erfolgte am 11. November 1738 und die Profess am 29. Mai 1740. Die Primiz feierte er am 10. Oktober 1745.[4]

Er war zunächst Subprior (1751–1753) sowie ab Dezember 1753 bis 1757 Prior und Novizenmeister. Zudem lehrte er an den unteren Klassen des Gymnasiums und war später Professor für Philosophie und Theologie (Hausstudium). Von 1757 bis 1759 wirkte er als Vikar in Sauggart, danach von 1759 bis 1768 als Vikar in Kirchbierlingen.[5] In Kirchbierlingen gründete er mit Genehmigung des Jesuitengenerals Laurentius Ricci die Bruderschaft „von der Todesangst Christi Jesu“ (confraternitas de bona morte).[6]

Wirken

Während seiner Amtszeit ließ Stein das Torhaus der Klosteranlage Obermarchtal errichten. Das Bauwerk gilt als eines der letzten größeren Gebäude der Abtei und zeigt bereits deutliche klassizistische Elemente.[7]

Die Wahl zum Abt erfolgte am 20. Juni 1768, gefolgt von der Abtweihe durch den Weihbischof von Konstanz am 3. Juli 1768.[8] Bei der Weihe wurde ein Melodrama aufgeführt, das den Charakter eines Abtsspiegels bzw. eines Regentenspiegels besaß.[9]

Die Untertanen von Marchtal, Uttenweiler und Bremelau huldigten ihm am 18. September 1769.[8] Im Mai 1770 holte er Missionare aus dem Jesuitenorden, die acht Tage lang „durch Predigt und Unterricht das Volk im Geiste erneuern sollten“.[10]

Im Mai 1771 hielt sich eine Tochter von Maria Theresia im Stift auf. Als Anerkennung für die Gastfreundschaft überreichte die Kaiserin Stein ein Pektorale (Brustkreuz) sowie einen mit Diamanten und roten Steinen besetzten Ring.[11]

Stein gestattete außerdem die kirchliche Bestattung eines Selbstmörders auf dem Gemeindefriedhof, was zeitgenössisch als Ausdruck einer aufgeklärten Haltung gewertet wurde.[12]

Wappen und Porträt

Das persönliche Wappen Ignaz Steins war durch eine Spitze gespalten. Vorne reichte aus einer Wolke eine Hand ein mit einem Herz belegtes Kreuz; hinten war eine Blume (Lilie) auf einem Dreiberg dargestellt. Die Spitze enthielt einen Altar mit brennender Altarplatte, die sich auf Gen 28,18 bezieht.[13]

Das Abtwappen war geviert und zeigte: 1. die Kirchenfahne, 2. auf Kürsch einen Pfahl von Hermelin, 3. das persönliche Wappen und 4. schräg gekreuzte Schlüssel und Schwert über einem Dreiberg.[4]

Das Siegel des Abts vereinte die Wappen von Tübingen und Bregenz in einem Schild und zeigte insgesamt drei Schilde: das Tübinger/Bregenzer Wappen, das persönliche Wappen und das Stiftswappen. Die Umschrift des 4,5 cm großen Rundsiegels (belegt 1770) lautete: IGNATIUS S. R. ABBAS MARCHTALLENSIS.[14]

Ein Porträt von Ignaz Stein befindet sich im Landratsamt des Alb-Donau-Kreises in Ulm, im Sitzungssaal.[15]

Krankheit und Tod

Stein litt an einer schweren chronischen Erkrankung. Zeitgenossen beschrieben ihn als Mann, der „nachfühlen konnte, was es bedeutet, Schmerzen bis zur Grenze des Wahnsinns zu ertragen“.[12] Er starb am 1. April 1772 in Obermarchtal und wurde dort bestattet.[16]

Ignaz Stein wurde am 3. April 1772 in der Kapelle der heiligen Alexandra in der Stiftskirche Obermarchtal beerdigt.[17] Zu seinen Totenfeierlichkeiten wurde eine Kantate mit dem Titel Veniat dilectus meus in hortum suum ut comedat fructum pomorum suorum komponiert und aufgeführt.[18] Sebastian Sailer verfasste die Eulogia und hielt am 2. März 1773, dem ersten Jahrtag nach Steins Tod, eine Trauerrede.[19]

Nachwirkung

Das von Stein errichtete Torhaus ist bis heute ein markantes Bauwerk der Klosteranlage und steht unter Denkmalschutz.[7]

Literarische Würdigung

Die besondere Wertschätzung für Abt Ignaz Stein fand ihren Ausdruck in einer Trauerode des Stiftskanonikers und oberschwäbischen Mundartdichters Sebastian Sailer (1714–1777).[20]

Sailer, der sich selbst als „dankbarster Sohn“ (gratissimus Filius) des Abtes bezeichnete, pries Stein als „Fürst“ unter den Philosophen, Theologen und Rednern. Er hob dessen „väterliche Hulden“ sowie die Fürsorge für die armen Untertanen des Stifts hervor, denen Stein als „Speise-Meister“ galt. Auch die kaiserliche Auszeichnung in Form eines Pektorales fand in der Ode Erwähnung.[20]

Die Trauerode enthält zudem ein lateinisches und deutsches Epitaph, das Sailer seinem Abt widmete:

Ignaz Sein beßter Stein selbst ist, wo man soll lesen:
Zier liegt die Tugend selbst; es sind zwar kurze Wort,
Doch sind sie schon genug. Was ferner er gewesen,
Ist ein zergänglichs Lob. Merks Wanderer! geh fort!

Literatur

  • Klaus Wankmüller: Das Prämonstratenserstift Obermarchtal. In: Süddeutscher Barock – Architektur in Oberschwaben. Süddeutscher Barock Verlag, 2007.
  • Thomas Eser (Hrsg.): Schwaben vor 1800 – Politik, Kunst, Kultur. De Gruyter, Berlin 2011.
  • Gesellschaft für Heimatpflege Biberach (Hrsg.): Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach, Jahrgang 28, Heft 1, 2005.

Einzelnachweise

  1. Rottenburg St. Martin / Taufen. Abgerufen am 13. Oktober 2025.
  2. Manz, Dieter: Rottenburger Miniaturen. Band 3: Aus den Veranstaltungskalendern 1994–1998, Rottenburg am Neckar 2000, ISBN 3-89570-657-4.
  3. Wilfried Schöntag (Hg.): Germania Sacra. Dritte Folge 5: Das Prämonstratenserstift Marchtal. Berlin / New York 2012, S. 312–314. ISBN 978-3-11-025312-2.
  4. a b Obermarchtal Klosteranlage. In: Süddeutscher Barock. Abgerufen am 12. Oktober 2025.
  5. „Ignaz (Ignatius) Stein (18. Januar 1721 – 1. April 1772) – Einkleidung am 11. November 1738, Profess am 29. Mai 1740, Primiz am 10. Oktober 1745, 1757–1759 Vikar in Sauggart …“ In: Welt der Wappen – Heraldik und Genealogie. Abgerufen am 12. Oktober 2025, Welt-der-Wappen.de.
  6. „Der „gute Tod“ – früher und heute“, Jesuiten-Magazin 2015/1, S. 4 (PDF), Jesuiten.org, abgerufen am 4. Oktober 2025.
  7. a b Süddeutscher Barock: „Obermarchtal – Kloster und Kirche“. Online-Portal des Süddeutschen Barock, abgerufen am 15. August 2025.
  8. a b Wilfried Schöntag (Hg.): Germania Sacra. Dritte Folge 5: Das Prämonstratenserstift Marchtal. Berlin / New York 2012, S. 318–320. ISBN 978-3-11-025312-2.
  9. Franz Michael Möller: „Das Abtsmelodrama von 1768 in Marchtal – ein barockes Festspiel aus Anlass der Benediktion Ignaz Steins.“ In: Oberschwäbische Blätter für Geschichte und Kultur 47 (2009), S. 95–112.
  10. Marchtaler Chronik, Archiv des Prämonstratenserstifts Obermarchtal, Band III (1765–1775), fol. 142r–143v.
  11. Thomas Eser (Hrsg.): Schwaben vor 1800 – Politik, Kunst, Kultur. De Gruyter, Berlin 2011, S. 172.
  12. a b Gesellschaft für Heimatpflege Biberach: „Ein ungewöhnlicher Abt“. In: Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach, Jg. 28, H. 1 (2005), S. 53.
  13. Wilfried Schöntag (Hg.): Germania Sacra. Dritte Folge 5: Das Prämonstratenserstift Marchtal. Berlin / New York 2012, S. 322 f. ISBN 978-3-11-025312-2.
  14. Wolfgang Wüst: „Kloster Obermarchtal und seine Prälatenwappen.“ In: Kunstdenkmäler in Baden-Württemberg, Band 10 (2018), S. 201–205.
  15. Landratsamt Alb-Donau-Kreis (Hrsg.): Kunst im Landratsamt. Werke aus der Sammlung des Landkreises. Ulm 2009, S. 14.
  16. Marchtal, Ignaz; Stein, Abt von. Landesarchiv Baden-Württemberg, 2025, abgerufen am 18. August 2025.
  17. Wilfried Schöntag (Hg.): Germania Sacra. Dritte Folge 5: Das Prämonstratenserstift Marchtal. Berlin / New York 2012, S. 323 f. ISBN 978-3-11-025312-2.
  18. Michael Fink: „Musikpflege und geistliche Festkultur in der Reichsabtei Obermarchtal im 18. Jahrhundert.“ In: Jahrbuch des Vereins für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben, Band 60 (2015), S. 95–118, hier S. 107 f.
  19. Franz Joseph Mone (Hg.): Sebastian Sailers Werke in schwäbischer Mundart und hochdeutscher Sprache. Freiburg im Breisgau 1837, Band 4, S. 212 f.
  20. a b Sailer, Sebastian: Ode Avf Ignatzens Marchtalles thevresten Prälatens Unverhoften Hingang... Riedlingen [1777], Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek, urn:nbn:de:bvb:12-bsb11196136-5.