Ibrāhīm an-Nachaʿī

Abū ʿImrān Ibrāhīm ibn Yazīd an-Nachaʿī (arabisch أبو عمران إبراهيم بن يزيد النخعي, DMG Abū ʿImrān Ibrāhīm ibn Yazīd an-Naḫaʿī geb. zwischen 656 und 671;[1] gest. 714) war ein islamischer Rechtsgelehrter aus Kufa und zu seiner Zeit zusammen mit asch-Schaʿbī einer der beiden Muftis der Stadt.[2] Er betätigte sich auch als Hadith-Gelehrter und Koranexeget und war bekannt für seine Frömmigkeit. Ibrāhīm an-Nachaʿī war einer der ersten großen Verteidiger des Gebrauchs des Ra'y, dessen Anwendung er jedoch nur in enger Verbindung mit der Tradition befürwortete. In den arabischen Rechtsquellen wird er üblicherweise einfach nur als Ibrāhīm bezeichnet.[3] Er war auf einem Auge blind.[1] Ahmad ibn Hanbal beschrieb ihn als einen ṣāḥib sunna, also als Angehörigen der Ahl as-Sunna.[4]

Abstammung

Die Nisba Nachaʿī verweist eigentlich auf den jemenitischen Nachaʿ-Stamm, der sich in Kufa ansiedelte.[3] Adh-Dhahabī (gest. 1348) gibt an, dass Ibrāhīm an-Nachaʿī im Jemen geboren wurde und erst später nach Kufa kam.[5] Unklar war, ob Ibrāhīm an-Nachaʿī ein Araber war oder nur zu den Mawālī der Nachaʿ gehörte. Als es Ende des 8. Jahrhunderts darüber zu einem Streit kam, ließ man die Anführer (ʿurafāʾ) der Nachaʿ kommen, die ihr Stammbuch (dīwān) mitbrachten. Als man dort nachschaute, stellte sich heraus, dass er Maulā war.[6] Allerdings war seine Mutter eine reine Araberin.[7] Vielleicht war dies der Grund dafür, dass in einem späteren hanafitischen Werk, den Manāqib al-imām al-aʿẓam von al-Kardarī (gest. 1424), behauptet wird, dass Ibrāhīm an-Nachaʿī ein Araber gewesen sei.[8]

Den Zeitgenossen fiel Ibrāhīm ibn Yazīd an-Nachaʿī durch seine fehlerhafte Aussprache (laḥn) des Arabischen auf.[9] Von dem kufischen Koran-Rezitator ʿĀsim ibn Bahdala wird die Aussage überliefert, dass Ibrāhīm an-Nachaʿī zwar ein aufrichtiger Mann sei. Wenn man ihn jedoch lesen höre, man sagen würde, dass er zu nichts taugt.[10]

Rolle als Mufti

Nach asch-Schāfiʿī (gest. 820) folgten Anfang des 8. Jahrhunderts die Bewohner von Mekka ʿAtā' ibn Abī Rabāh als Hauptaurität, die Leute von Basra folgten al-Hasan al-Basrī und Ibn Sīrīn, die Leute von Kufa asch-Schaʿbī und Ibrāhīm an-Nachaʿī und die Syrer Makhūl ibn Abī Muslim.[11]

Ibrāhīm soll sehr bescheiden aufgetreten sein. Nach Abū Nuʿaim (gest. 1038) hütete er sich vor Berühmtheit und ließ sich deswegen nicht am Fuße einer Säule der Moschee nieder.[12] Dennoch bestand zwischen ihm und asch-Schaʿbī in Kufa eine starke Rivalität. Asch-Schaʿbī machte ihm den Platz in der Moschee streitig und äußerte sich öfters abfällig über ihn.[13] So warf er ihm vor, am Abend zu ihm zu kommen und ihn zu befragen, um am Tag dann selbst als Mufti aufzutreten.[14] Wenn beide zusammenkamen, schwieg Ibrāhīm an-Nachaʿī.[15] Während Ibrāhīm an-Nachaʿī ihn respektierte, pflegte asch-Schaʿbī sich über sein Aussehen lustig zu machen.[16]

Nach Joseph Schacht war Ibrāhīm an-Nachaʿī ein Spezialist für religiöses Recht. Er gab Stellungnahmen zu Fragen des Rituals und vielleicht zu verwandten Problemen von direkt religiösem Interesse ab, nicht aber zum eigentlichen Recht.[17] Dabei überlieferte er nach al-ʿIdschlī (gest. 875) von keinem der Prophetengefährten, obwohl er eine Gruppe von ihnen getroffen und ʿĀʾischa im Traum gesehen hatte.[18]

Beziehung zu den Herrschenden

Ibrāhīm an-Nachaʿī spielte vor allem als Rechtsberater eine bedeutende Rolle. In dieser Rolle hatte er einen angestammten Platz in der großen Moschee von Kufa und empfing dort auch Stammesführer, Beamte und Polizisten. Auch hatte er gute Beziehungen zu den Herrschenden. Während des Zweiten Bürgerkrieges (680–692) erhielt er von Ibn al-Aschtar (gest. 691), einem General im Dienst der Zubairiden, einen Ehrensold.[19] Nach der Eroberung Kufas durch al-Haddschādsch ibn Yūsuf nahm er an Feldzügen in Raiy teil.[9] Später hielt er sich jedoch von der Politik fern. Dennoch ordnete al-Haddschādsch irgendwann seine Verhaftung an, vielleicht deswegen, weil Ibrāhīm seine Verfluchung für erlaubt hielt. Es wird auch berichtet, dass er wie al-Hasan al-Basrī es für zulässig hielt, die Zakāt unter Umgehung des Herrschers auszuzahlen. Als al-Haddschādsch ihn verhaften lassen wollte, tauchte Ibrāhīm unter.[20]

Weit verbreitete Berichte besagen, dass er starb, als er sich vor al-Haddschādsch ibn Yūsuf verborgen hielt.[1] Allerdings gibt es andere Berichte, die davon sprechen, dass er vor Freude weinte oder ein Dankesgebet verrichtete, als er von al-Haddschādschs Tod erfuhr.[20]

Positionen

Zum Rang der ersten Kalifen

Ibrāhīm an-Nachaʿī wird zusammen mit asch-Schaʿbī und Saʿīd ibn Dschubair (gest. 714) zu denjenigen gezählt, die sich bezüglich der Auseinandersetzung zwischen ʿAlī ibn Abī Tālib und ʿUthmān ibn ʿAffān weigerten, Position zu beziehen.[21] So soll er bei einer Gelegenheit gesagt haben: „ʿAlī ist mir lieber als ʿUthmān, aber ich würde lieber vom Himmel fallen, als etwas Schlechtes über ʿUthmān zu sagen.“ Als ein Mann ihm gegenüber äußerte, dass er ʿAlī gegenüber Abū Bakr und ʿUmar ibn al-Chattāb vorziehe, soll er geantwortet haben: „Wenn ʿAlī dein Gespräch hörte, würde er dich verhauen. Wenn du dich mit uns zusammensetzen willst, um dies anzusprechen, dann setz dich nicht zu uns.“ Obwohl er sich darum bemühte, sich aus dem Streit über den Rang der ersten Kalifen herauszuhalten, war er ein entschiedener Gegner der Murdschi'a. So wird er mit der Aussage zitiert, dass ihm die Murdschi'a verhasster seien als die Ahl al-kitāb. Als ihn einer seiner Schüler nach seiner Meinung über die Auseinandersetzung zwischen ʿAlī und ʿUthmān fragte, antwortete er, er sei weder ein Saba'it noch ein Murdschi'it.[22]

Zum Umgang mit Koran und Hadithen

Ibrāhīm hielt es für verwerflich, Koranexemplare zu verkaufen. Er wird mit dem Ausspruch zitiert: „Jemandem den Hintern zu lecken, ist mir lieber, als Kopien des Korans zu verkaufen.“[23] Außerdem lehnte er diakritische Punkte beim Koran ab und sagte: „Haltet den Koran frei und vermischt ihn nicht mit Dingen, die nicht zu ihm gehören.“[24]

Im Gegensatz zu anderen Traditionariern seiner Zeit lehnte er das schriftliche Fixieren von Überlieferungen ab[25] und verabscheute Notizbücher,[26] mit der Begründung, dass diese Koranexemplaren glichen.[25]

Nachwirkung

Zu Ibrāhīms Schülern gehörte Hammād ibn Abī Sulaimān, der Lehrer von Abū Hanīfa.[27] Vermittelt durch ihn, beeinflusste seine Lehre zahlreiche bedeutende Rechtsgelehrte, vor allem hanafitische wie Abū Yūsuf und asch-Schaibānī, aber auch solche anderer Rechtsschulen wie asch-Schāfiʿī und Sahnūn, die ihm in ihren Werken einen bedeutenden Platz einräumten.[28] In den Āṯār von asch-Schaibānī besteht fast die Hälfte aller Einträge aus Berichten über Ansichten Ibrāhīms, ein weiteres Sechstel aus Überlieferungen Ibrāhīms von früheren Autoritäten. Im Ṣaḥīḥ al-Buḫārī werden seine Rechtsgutachten häufiger zitiert als die jeder anderen Autorität mit Ausnahme von al-Hasan al-Basrī. Und der Muṣannaf von Ibn Abī Schaiba (gest. 849), der den kufischen Abū-Hanīfa-feindlichen Traditionalismus repräsentiert, zitiert Ibrāhīm weitaus häufiger als jeden anderen Muslim der zweiten Generation.[29]

Allerdings gehen nicht alle im Namen Ibrāhīms überlieferten Aussagen wirklich auf ihn zurück.[30] Dies wussten auch schon die Gelehrten in der Generation nach Ibrāhīm an-Nachaʿī. So wird der kufische Rechtsgelehrte Ibn Schubruma (gest. 761) mit der Aussage zitiert, dass nach dem Tode Ibrāhīms sein Schüler Hammād ibn Abī Sulaimān sein Wissen verbreitete und dabei seine Aussagen immer wieder auf Ibrāhīm zurückführte, wobei Ibrāhīms früherer Rivale asch-Schaʿbī dies spöttisch mit den Worten kommentierte: „Bei Gott, Ibrāhīm ist nach seinem Tod urteilsfähiger (afqah) als zu Lebzeiten.“[31] Auf die kritische Nachfrage eines Zeitgenossen, ob er denn alles, was er im Namen Ibrāhīm an-Nachaʿī überlieferte, von ihm gehört habe, soll Hammād geantwortet haben: „Einiges davon habe ich von ihm selbst gehört, einiges davon wurde mir von jemand anderem von ihm überliefert, und einiges davon habe ich per Analogieschluss aus dem abgeleitet, was Ibrāhīm gesagt hat.“[32]

Literatur

Arabische Quellen
  • Muḥammad ibn Saʿd (gest. 845): Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VI. K.V. Zetterstéen. Brill, Leiden 1909. Bd. VI, S. 188–199. Digitalisat
  • Aḥmad ibn Ḥanbal (gest. 852): Kitāb al-ʿIlal wa-maʿrifat al-riǧāl. Ed. Waṣīyallāh b. Muḥammad ʿAbbās. 4 Bde. al-Maktab al-islāmī, Beirut 1988. Digitalisat
  • Al-ʿIǧlī (gest. 875): Taʾrīḫ aṯ-ṯiqāt. Ed. ʿAbd al-Muʿṭī Qalʿaǧī. Dār al-kutub al-ʿilmiyya, Beirut 1984. S. 56f. Online-Version
  • Abū Yūsuf Yaʿqūb Ibn Sufyān al-Fasawī: Kitāb al-Maʿrifa wa-t-tārīḫ. Ed. Akram Ḍiyāʾ al-ʿUmarī. 3 Bde. Bagdad: Maṭbaʿat Aršād 1975. Bd. II, S. 604–610. Digitalisat
  • Abū Nuʿaim al-Iṣfahānī (gest. 1038): Ḥilyat al-auliyāʾ wa-ṭabaqāt al-aṣfiyāʾ. 10 Bde. Dār al-kutub al-ʿilmīya, Beirut ohne Datum. Bd. IV, S. 219–240. Digitalisat
  • Šams ad-Dīn aḏ-Ḏahabī (gest. 1348): Tārīḫ al-Islām. Ed. ʿUmar ʿAbd as-Salām Tadmurī. Dār al-kitāb al-ʿArabī, Beirut 1988. Bd. VI, S. 279–283. Digitalisat
  • Šams ad-Dīn aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. Ed. Šuʿaib al-Arnāʾūṭ. 11. Aufl. Muʾassasat ar-Risāla, Beirut, 1996. Bd. IV, S. 520–529. Digitalisat
Sekundärliteratur

Einzelnachweise

  1. a b c Melchert: "Ibrāhīm al-Naḫaʿī (Kufan, d. 96/714)". 2020, S. 62.
  2. Al-ʿIǧlī: Taʾrīḫ aṯ-ṯiqāt. 1984, S. 56.
  3. a b Melchert: "Ibrāhīm al-Naḫaʿī (Kufan, d. 96/714)". 2020, S. 61.
  4. aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1996, S. 529.
  5. aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1996, Bd. IV, S. 520.
  6. Aḥmad ibn Yaḥyā al-Balāḏurī (gest. 892): Ansāb al-ašrāf. Band III. ʿAbd al-ʿAzīz ad-Dūrī. Steiner, Wiesbaden 1978. S. 95f, Zeile 8–11 Digitalisat
  7. Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert der Hidschra. 1991, S. 161.
  8. Muḥammad al-Kardarī: Manāqib al-Imām al-Aʿẓam Abī Ḥanīfa. 2 Bde. Hyderabad 1321h (=1905). Bd. I, S. 57. Digitalisat
  9. a b Melchert: "Ibrāhīm al-Naḫaʿī (Kufan, d. 96/714)". 2020, S. 63.
  10. Aḥmad ibn Ḥanbal: Kitāb al-ʿIlal wa-maʿrifat al-riǧāl. 1988. Bd. I, S. 348.
  11. Aš-Šāfiʿī: al-Umm. 11 Bde. Ed. Rifʿat Fauzī ʿAbd al-Muṭṭalib. Dār al-wafāʾ, al-Mansūra 2001. Bd. VIII, S. 763. Digitalisat
  12. Abū Nuʿaim: Ḥilyat al-auliyāʾ wa-ṭabaqāt al-aṣfiyāʾ. Bd. IV, S. 219.
  13. aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1996, Bd. IV, S. 299.
  14. al-Fasawī: Kitāb al-Maʿrifa wa-t-tārīḫ. 1975, Bd. II, S. 603.
  15. aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1996, Bd. IV, S. 303.
  16. aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1996, Bd. IV, S. 307.
  17. Schacht: The Origins of Muhammadan Jurisprudence. 1950, S. 237.
  18. Al-ʿIǧlī: Taʾrīḫ aṯ-ṯiqāt. 1984, S. 57.
  19. Melchert: "Ibrāhīm al-Naḫaʿī (Kufan, d. 96/714)". 2020, S. 64–65.
  20. a b Melchert: "Ibrāhīm al-Naḫaʿī (Kufan, d. 96/714)". 2020, S. 65.
  21. Melchert: "Ibrāhīm al-Naḫaʿī (Kufan, d. 96/714)". 2020, S. 66.
  22. Muḥammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. 1909, S. 192.
  23. Ibn Abī Šaiba: al-Muṣannaf. Ed. Ḥamad al-Ǧumʿa und Muḥammad Ibrāhīm al-Luḥaidān. Maktabat ar-Rušd, Riad 2004. Bd. VII, S. 181. Digitalisat
  24. Abū ʿUbaid al-Qāsim ibn Salām: Faḍāʾil al-Qurʾān. 2 Bde. Ed. Aḥmad ibn ʿAbd al-Wāḥid al-Ḫaiyāṭī. Wizārat al-auqāf wa-š-šuʾūn al-islāmiyya, al-Muḥammadiyya 1995. Bd. II, S. 230. Digitalisat
  25. a b Melchert: "Ibrāhīm al-Naḫaʿī (Kufan, d. 96/714)". 2020, S. 71.
  26. Aḥmad ibn Ḥanbal: Kitāb al-ʿIlal wa-maʿrifat al-riǧāl. 1988. Bd. I, S. 218.
  27. Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1966, Bd. I, S. 403.
  28. G. Lecomte: "Al-Nakhaʿī, Ibrāhīm" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden 1992. Bd. VII, S. 921b–922a.
  29. Melchert: "Ibrāhīm al-Naḫaʿī (Kufan, d. 96/714)". 2020, S. 73.
  30. Melchert: "Ibrāhīm al-Naḫaʿī (Kufan, d. 96/714)". 2020, S. 78.
  31. Aḥmad ibn Ḥanbal: Kitāb al-ʿIlal wa-maʿrifat al-riǧāl. 1988. Bd. III, S. 206.
  32. Aḥmad ibn Ḥanbal: Kitāb al-ʿIlal wa-maʿrifat al-riǧāl. 1988. Bd. III, S. 276.