Husain Bayqara

Husain ibn Mansur ibn Bayqara kurz Husain Bayqara (persisch حسین بایقرا; geboren Juni/Juli 1438 in Herat; gestorben 4. Mai 1506 in Baba Ilahi, Chorasan) war ein timuridischer Sultan und von 1469 bis zu seinem Tod im Jahr 1506 Herrscher von Herat.

Seine Herrschaft gilt als friedlich und wird als Höhepunkt der künstlerischen und kulturellen Entwicklung der Timuridenzeit angesehen, sie wird auch als „timuridische Renaissance“ bezeichnet[1]. Außerdem förderte Husain die Landwirtschaft und festigte die timuridische Herrschaft in seinem gesamten Reich[2]. Er gilt als der letzte bedeutende Herrscher der Timuriden in Chorasan[3].

Frühe Jahre

Husain Bayqara wurde vermutlich im Juni oder Juli des Jahres 1438 in Herat, der damaligen Hauptstadt des Timuridenreichs, geboren. Seine Eltern waren Ghiyas ud-din Mansur Mirza, ein Mitglied des turko-mongolischen Barlas-Stamms, und seine Frau Firuza Sultan Begum aus dem mächtigen Taichuud-Stamm[4]. Neben Husain hatten sie noch vier weitere Kinder: einen Sohn namens Bayqara Mirza II sowie drei Töchter mit den Namen Aka Biki, Badi al-Jamal und Urun Sultan Khanum[5].

Sein Vater war ein Urenkel des Eroberers Timur, seine Mutter Firuza war sogar zweifache Urenkelin Timurs. Beide Elternteile waren außerdem Nachfahren des Dschingis Khan, dem Begründer des Mongolischen Reichs[6].

Der Vater Husains, Ghiyas ud-din, verstarb, als Husain etwa 7 oder 8 Jahre alt war. Da Ghiyas ud-din in der Timuridenfamilie keine bedeutende Stellung hatte, nahm Husain den Namen ibn Bayqara an, zu Ehren seines berühmteren Großvaters Bayqara Mirza I[4].

Im Jahr 1452 trat Husain nach Rücksprache mit seiner Mutter in den Dienst seines älteren Vetters Abul-Qasim Babur Mirza, dem damaligen Herrscher von Herat[4]. Abul-Qasim Babur Mirza galt jedoch als unfähiger Regent, der sein Reich schlecht verwaltete und in Konflikt mit Abu Sa'id, dem timuridischen Herrscher von Samarkand (Transoxanien), geriet[7]. Husain Bayqara, unzufrieden mit seiner Position unter Abul-Qasim, versuchte sich Abu Sa'id anzuschließen. Obwohl Abu Sa'id grundsätzlich bereit war, Husain in seinen Dienst aufzunehmen, wurde er aufgrund eines Aufstands seines Verwandten Sultan Awais Mirza, Sohn von Muhammad Mirza und Enkel von Bayqara Mirza, eingekerkert[7]. Auf Bitten seiner Mutter Firuza wurde Husain schließlich 1455 freigelassen und diente darauf wieder für Abul-Qasim, bis zu dessen Tod im Jahr 1457[7].

Zeit in Merw und Choresmien

Nach dem Tod seines Vetters Abul-Qasim, schlug Husain ein Leben als Söldner ein und schloss sich Sultan Sanjar Mirza von Merw an, der ihn mit seiner Tochter Beqa Sultan Begum vermählte[8]. Aus dieser Ehe ging der gemeinsame Sohn Badi' al-Zaman Mirza hervor[9]. Sultan Sanjar Mirza und Husain Bayqara verstanden sich gut, doch als Sanjar seinen Schwiegersohn Husain im Sommer 1457 während seiner Abwesenheit zum Regenten ernannte, versuchte Husain, die Macht an sich zu reißen. Die Sanjar treuen Emire rebellierten jedoch und Husain Bayqara wurde daraufhin zur Flucht gezwungen.

Sanjars Gefolgsleute verfolgten Husain auf seiner Flucht bis in die Karakum-Wüste, wo es ihm gelang seinen Verfolgern zu entkommen[10].

Kampf gegen Abu Sa'id

Nach dem Tod Abul-Qasim kam es zu Wirren, die der turkmenische Fürst Dschahan Schah von Qara Qoyunlu, nutzte, um im Juni 1458 Herat zu besetzen, bis ihn eine Revolte zum Rückzug zwang. Abu Sa'id konnte im darauffolgenden Jahr Herat einnehmen und verlagerte seinen Regierungssitz dorthin[11].

Der inzwischen aus Choresmien zurückgekehrte Husain widersetzte sich jedoch der Herrschaft Abu Sa'ids und belagerte von August bis Oktober 1461 Herat, als Abu Sa'id gerade in Transoxanien weilte. Abu Sa'id kehrte nachdem er von der Belagerung erfuhr nach Herat zurück, und Husain floh erneut nach Choresmien, von wo aus er ab 1464 plündernde Raubzüge in Chorasan unternahm. Um sich vor Abu Sa'id zu schützen, bat er die Usbeken um Hilfe. Diese blieb jedoch aus, da der usbekische Anführer Abul-Chayr Khan 1468 starb. Die Jahre von 1461 bis 1469 waren eine schwierige Zeit in Husain Bayqaras Leben. Er irrte zeitweise in großer Not umher.

Machtübernahme in Herat

Als der in Herat herrschende Abu Sa'id gegen die Aq Qoyunlu in den Krieg zog, wurde er in der Mugansteppe besiegt und gefangen genommen. Der Anführer der Aq Qoyunlu, Uzun Hasan, lieferte Abu Sa'id dem 19-jährigen Timuridenprinzen Yadgar Muhammad aus, der ihn darauf am 8. Februar 1469 hinrichten ließ[12]. Mit Abu Sa'ids Tod kam es im Timuridenreich erneut zu Wirren. Husain Bayqara nutzte die instabile Lage, um erneut in Chorasan einzumarschieren und Herat einzunehmen, das er schließlich am 24. März 1469 eroberte. Damit wurde Husain zum Herrscher von Chorasan. Die Söhne des hingerichteten Abu Sa'id versuchten, gegen Husain zu marschieren, zogen sich aber zurück, als sie erfuhren, dass Husain Bayqara nicht nur seine Herrschaft über die Stadt gefestigt, sondern sich auch das geschlagene Heer ihres Vaters ihm angeschlossen hatte.

Krieg mit den Aq Qoyunlu

Am 15. September 1469 besiegte Husain Yadgar Muhammad, der versuchte die Macht in Chorasan an sich zu reisen, in der Schlacht von Chenaran. Uzun Hasan forderte von Husain die Auslieferung mehrerer Qara-Qoyunlu-Staatsmänner, die zu ihm übergelaufen waren, was Husain jedoch ablehnte. Yadgar setzte daraufhin seinen Angriff fort, und Husain konnte aufgrund massenhafter Desertionen nichts mehr entgegensetzen. Schließlich floh er aus Herat, das am 7. Juli 1470 besetzt wurde. Sechs Wochen später eroberte Husain die Stadt zurück. Er sammelte seine Truppen erneut, besiegte die Aq-Qoyunlu-Turkmenen abermals. Anschließend nahm Husayn Yadgar gefangen und ließ ihn hinrichten. Die Aq Qoyunlu-Turkmenen flohen panisch aus Chorasan, als sie von der Hinrichtung Yadgars erfuhren[13].

Husains Reich war nun gesichert. Die Aq Qoyunlu unternahmen keine weiteren Angriffe gegen ihn, und die Timuriden in Transoxanien waren durch interne Konflikte zu sehr geschwächt um in das nun wieder unter Husains Herrschaft stehende Chorasan vorzudringen. Seine Grenze zu den Aq Qoyunlu begann am Südrand des Kaspischen Meeres, verlief nach Süden und dann nach Osten über den Norden des Dasht-e Lut bis zum Hamun-See. Seine Grenze zu den Timuriden bildete der Oxus. Er respektierte beide Grenzen weitgehend und weigerte sich, nach Norden vorzudringen, um Transoxanien seinen ehemaligen Feinden zu entreißen. Wahrscheinlich war er sich der usbekischen Bedrohung für die Region bewusst und weise genug, keine Grenze zu diesem gefährlichen Stamm anzustreben.

Husain als Herrscher

Husain galt als guter Herrscher, und als ein „Liebhaber von Frieden und Gerechtigkeit“. Er war insbesondere ein bedeutender Förderer von Kunst und Literatur, insbesondere von Dichtern, was zur Blüte der Literaturkultur in Herat beitrug. Zu den bedeutendsten Dichtern am Hof zählten Dschami (gest. 1492) und Ali-Shir Nava'i (gest. 1501). Ersterer gilt als der letzte der großen klassischen persischen Dichter, während Letzterer als Begründer der tschagataiischen Literatur bekannt ist.

Unter Husain Bayqara erreichte die Verschmelzung der türkischen und persischen Kultur ihren Höhepunkt, was sich in seiner Unterstützung und seinem Engagement für die Literatur beider Sprachen zeigte. Dennoch blieb Persisch die dominierende Sprache des Reiches[3]. Zu Beginn seiner Herrschaft erwog er zeitweise, den Schiismus zur Staatsreligion zu machen, wurde jedoch davon abgebracht[14].

Husain Bayqara war auch ein begeisterter Architekt. Während seiner Herrschaft erlebte die Architektur eine Blütezeit: Etwa die Hälfte aller bekannten Bauvorhaben der Timuriden (Neubauten, Renovierungen, Erweiterungen usw.) wurden in seiner Regierungszeit realisiert, entweder von ihm selbst direkt oder durch seine Familienmitglieder oder Beamte, hauptsächlich im Raum Herat. Er ließ im Musalla-Komplex in Herat eine Madrasa und ein Mausoleum errichten, in diesem er auch nach seinem Tod beigesetzt wurde[15]. Unter seiner Schirmherrschaft erlebte die Große Moschee von Herat ihre Blütezeit mit zahlreichen Verzierungen im timuridischen Stil. In Herat ließ er seinen eigenen Palast, Bāḡ-e Jahān-ārā, erbauen.

Letzte Herrschaftsjahre und Tod

Im Jahr 1501 eroberten die Usbeken Transoxanien und grenzten somit direkt an Husains Reich. Unter Muhammad Schaibani stellten die Usbeken nun eine ernsthafte Bedrohung für Chorasan dar. Husain, der bereits im hohen Alter war, unternahm zunächst nichts gegen sie, selbst nachdem seine Berater ihm zum Handeln geraten hatte. Als jedoch die Usbeken begannen, Raubzüge in seinem Reich zu verüben, änderte Husain seine Meinung und marschierte gegen sie, starb jedoch im Mai 1506 kurz nach Beginn seines Vormarsches.

Die Nachfolge in seinem Reich war zwischen seinen Söhnen Badi' al-Zaman und Muzaffar Husain umstritten. Der Mogulkaiser Babur und Verbündeter Husains, der einen Feldzug zur Unterstützung Chorasans unternommen hatte, bemerkte die Streitigkeiten zwischen den Brüdern und zog sich zurück. Im folgenden Jahr eroberte Muhammad Schaibani Herat und zwang Husains Nachfolger zur Flucht, womit die Herrschaft der Timuriden in Chorasan ein Ende fand.

Commons: Husain Bayqara – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. The Archaeology of Afghanistan from Earliest Times to the Timurid Period by Frank Raymond Allchin, Norman Hammond, Nicholas G. Hammond, S. 379
  2. Jürgen Paul: Zentralasien. 2012, S. 268f.
  3. a b Roemer, Hans R. 2004, S. 508–511.
  4. a b c Subtelny, Maria 2007, S. 47
  5. Woods, John E. 1990, S. 24–25, 27
  6. Subtelny, Maria 2007, S. 43–44
  7. a b c Subtelny, Maria 2007, S. 48
  8. Subtelny, Maria 2007, S. 52
  9. Subtelny, Maria 2007, S. 53
  10. Subtelny, Maria 2007, S. 54
  11. Hans Robert Roemer: Die Nachfolger Timurs, S. 242
  12. Hans Robert Roemer: Die Nachfolger Timurs, S. 241
  13. Subtelny, Maria 2007 S. 66
  14. Momen, Moojan 1985, S. 98
  15. Khairzade, Khair Mohammad; Franke, Ute (1. Januar 2020). The ‘Musalla’-Complex in Herat Revisited: Recent Archaeological Investigations at the Gawhar Shad Madrasa. S. 105