Huguette Caland

Huguette Caland
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Huguette Caland (Arabisch: أوغيت الخوري; geb. El Khoury; * 19. Januar 1931 in Beirut; † 23. September 2019 ebenda) war eine libanesische Malerin, Bildhauerin und Modeschöpferin, die in ihren Werken arabische und westliche Traditionen kombinierte. Bekannt wurde sie für ihre abstrakten, teils erotischen Gemälde und Körperlandschaften.[1]

Leben

Huguette Caland wurde am 19. Januar 1931 in eine wohlhabende liberale Oberschichtenfamilie geboren. ihr Vater Béchara el-Khoury war nach der Unabhängigkeit des Libanon 1943 der erste Präsident des Landes. Ihre Mutter Laure Chiha entstammte einer alten Banken-Dynastie.[2] Huguette malte und zeichnete bereits als Kind. Mit 16 Jahren nahm sie Unterricht in Malerei bei Fernando Manetti.[3] Mit 21 Jahren heiratete sie den Franzosen Paul Caland, einen politischen Gegner ihres Vaters, mit dem sie drei Kinder hatte.[1]

1969 gründete sie mit anderen Frauen die Nichtregierungsorganisation INAASH und unterstützte palästinensische Frauen in libanesischen Flüchtlingslagern dabei, ihre Traditionen wie die palästinensische Stickerei (Tatreez) zu erlernen und zu vermarkten. Nach dem Tod ihre Vaters, den sie während seiner längeren Krankheit gepflegt hatte, begann sie 1964 im Alter von 33 Jahren ein Studium an der amerikanischen Universität von Beirut (American University of Beirut).[1]

1970 verließ sie ihre Familie und ging allein nach Paris, wo sie 17 Jahre lang als Künstlerin lebte und arbeitete, von prominenten Künstlern lernte und von den avantgardistischen Strömungen der 1950er und 1960er Jahre beeinflusst wurde. Sie war regelmäßig Gast im Studio Feraud, wo sie mit vielen Künstlern zusammentraf, wie zum Beispiel André Masson, Pierre Schaeffer und Adalberto Mecarelli.

1979 arbeitete sie mit dem Modeschöpfer Pierre Cardin zusammen, um eine Kollektion von Kaftanen zu schaffen, die im Espace Cardin vorgestellt wurden.[4] Ihre Kaftane versahen das klassische, den Körper verhüllende arabische Kleidungsstück mit erotischen Applikationen, um Modekonventionen wie auch traditionelle Vorstellungen von weiblicher Körperlichkeit ironisch herauszufordern.[5]

Sie lernte den rumänischen Bildhauer George Apostu kennen, mit dem sie mehrere Jahre (1983–1986) in Paris und im Limousin zusammenlebte und -arbeitete, obwohl sie sich nie von ihrem Ehemann scheiden ließ. Gemeinsam schufen sie zahlreiche Malereien und Skulpturen.[1]

Nach dem Tod von George Apostu ging Huguette Caland 1987 in die Vereinigten Staaten und siedelte sich in der Nähe ihres Sohnes in Los Angeles an, wo sie bis 2013 lebte und arbeitete. In ihrem Atelier in Venice empfing sie häufig Freunde und Künstler, wie zum Beispiel Billy Al Bengston, Ed Moses, Ken Price und Nancy Rubins.[6] Im Jahre 2013 kehrte sie nach Beirut zurück, um von ihrem sterbenden Mann Abschied zu nehmen, wo sie selbst 2019 starb.[1]

Werk

In den frühen Jahren ihrer Karriere verfolgte Huguette Caland eine eher figurative Kunst, die von westlichen Traditionen beeinflusst war. Ab ab den 1960er Jahren fing sie zunehmend an, mit abstrakten Formen zu experimentieren, die die Grenzen des Realismus überschritten und Elemente arabischer Kultur mit Fragen nach weiblicher Identität verbanden. Geprägt vom kulturellen Kontext Beiruts, von intellektuellen künstlerischen Debatten in Paris und später von Einflüssen der westamerikanischen Avantgarde entwickelte sie eine eigenständige, sinnlich-erotische Bildsprache.[1]

Calands Werke umfassen Malerei, Zeichnungen, Skulpturen und Textilarbeiten, die häufig den menschlichen Körper in symbolische und fragmentierte Formen überführen. Sie zeichnen sich durch formale Kühnheit sowie einen kritischen Umgang mit etablierten Vorstellungen von Weiblichkeit und Schönheit aus.[7] Wiederkehrendes Thema ihrer Kunst ist die Selbstreflexion und die kritisch hinterfragte Rolle der Frau, die sie zum Beispiel in ihren Kaftan-Entwürfen mit Humor und Ironie bearbeitete.[1]

Ungewöhnlich sind insbesondere ihre abstrahierten erotischen Darstellungen und sogenannten Körperlandschaften. In der Serie Bribes de corps (1970er Jahre) reduzierte sie Körperdetails auf stilisierte Nahaufnahmen; eines dieser Gemälde, das zwei Pobacken in Großformat zeigt, betitelte sie ironisch als „Selbstporträt“.[8] In den 1990er Jahren entstand die Collagenreihe L’argent ne fait pas le bonheur..., in der sie sich kritisch mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Geld und Reichtum auseinandersetzte.[9][10]

Caland wird heute als Schlüsselfigur einer feministischen und transkulturellen Ästhetik wahrgenommen.[1] Ihre Werke befinden sich in bedeutenden internationalen Museen und Sammlungen, darunter im Centre Pompidou, dem British Museum, dem Museum of Fine Arts Houston, dem San Diego Museum of Art sowie in zahlreichen Privatsammlungen.[11]

Ausstellungen

Einzelausstellungen

Huguette Calands Werke waren lange Zeit nur in Insiderkreisen bekannt und wurden erst ab dem Jahr 2000 häufiger in internationalen Museen gezeigt.

Eine Retrospektive im Beiruth Exhibitions Center 2013 und eine Ausstellung in der Tate St Ives 2019 gehören zu den wichtigsten Einzelausstellungen ihres Schaffens.[10][12] In New York wurden 2021 Werke von ihr unter dem Titel Huguette Caland: Tête-à-Tête im The Drawing Center ausgestellt.[13] Im Arabischen Museum für Moderne Kunst in Doha, Emirat Katar, fand 2020 eine Ausstellung unter dem Titel Faces and Places statt.[14]

Die libanesische Kunstgalerie Janine Rubeiz vertrat ihre Kunst seit Beginn ihrer Karriere, die sie bis zu ihrem Tod begleitete[15], und organisierte mehrere Ausstellungen ihrer neusten Werke.[16][17] Im Dezember 2024 und Januar 2025 widmete die Galerie Mennour in Paris der Serie Bribes de corps eine Retrospektive.[18]

Das Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid organisierte in Zusammenarbeit mit den Deichtorhallen Hamburg die Retrospektive A life in an few lines von Februar bis August 2025 in Madrid[19] und von Oktober 2025 bis April 2026 in Hamburg[1].

Gemeinschaftsausstellungen

  • Lebanese Artists, Smithsonian Institution, Washington, 1970
  • Forces of Changes, Artists of the Arab World, National Museum of Women in the Arts, Washington, 1993
  • The Female Perspective, Museum of Art and Cultural Center, Los Angeles, 1996
  • Pinceaux pour Plumes, Fondation Libanaise de la Bibliothèque Nationale, Musée Sursock, Beirut, 2006
  • Here and Elsewhere, Pacific Design Center, Weissman Foundation, 2010
  • Le Corps découvert, Institut du Monde Arabe, Paris, 2012
  • Made in LA, Hammer museum, Los Angeles, 2016
  • LVIIe Biennale von Venedig, 2017

Auszeichnungen

2017 wurde Huguette Caland für ihr Gesamtwerk mit der Universitätsmedaille der amerikanischen Universität von Beirut ausgezeichnet.

Bibliographie

  • Samir S. Khalil: Huguette Caland: A Life In A Few Lines. Hrsg. Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Distanz Verlag, Madrid 2025, ISBN 978-3-95476-743-4.
  • Omar Kholeif: Huguette Caland. Sternberg Press 2025, ISBN 978-1-91560-972-4.

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i Huguette Caland, A life in a few lines. In: Deichtorhallen Hamburg. Abgerufen am 21. Dezember 2025.
  2. Dana Goodyear: The Playful Provocations (and Erotic Kaftans) of the Lebanese Artist Huguette Caland. In: The New Yorker. 7. Juni 2017, ISSN 0028-792X (newyorker.com [abgerufen am 29. Dezember 2025]).
  3. Huguette Caland, la dame en abaya blanche. In: L'Orient-Le Jour. 23. September 2019, abgerufen am 21. Dezember 2025 (französisch).
  4. Hrag Vartanian: The Colorful Past of Huguette Caland. In: Hyperallergic. 16. Dezember 2014, abgerufen am 21. Dezember 2025 (englisch).
  5. Dana Goodyear: The Playful Provocations (and Erotic Kaftans) of the Lebanese Artist Huguette Caland. In: The New Yorker. 7. Juni 2017, ISSN 0028-792X (newyorker.com [abgerufen am 29. Dezember 2025]).
  6. Anne-Marie O’Connor: Her magical world. In: Los Angeles Times. 19. Juni 2003, abgerufen am 21. Dezember 2025 (englisch).
  7. Huguette Caland. In: 36ª Bienal de São Paulo. Abgerufen am 29. Dezember 2025 (amerikanisches Englisch).
  8. Kaelen Wilson-Goldie: ‘Liberated, Rebellious and Historically Consequential’: Remembering Huguette Caland (1931–2019). In: Frieze. 27. September 2019, abgerufen am 21. Dezember 2025 (englisch).
  9. Laure de Hauteville: Huguette Caland, l’immatérielle - L’argent ne fait pas le bonheur. In: Le Commerce du Levant. 1. Dezember 1999, abgerufen am 21. Dezember 2025 (französisch).
  10. a b Michael Bird: Huguette Caland, Tate St Ives, review: joy of sex loses its rosy intimacy In: The Telegraph, 26. Mai 2019. Abgerufen am 20. Juli 2019 (englisch). 
  11. Anastasia Nysten: Illustrated Biography of Huguette Caland. In: Selections. 5. Mai 2020, abgerufen am 21. Dezember 2025 (englisch).
  12. Lebanese modernist master Huguette Caland makes British debut. In: The National. 22. Mai 2019, abgerufen am 20. Juli 2019 (englisch).
  13. William Fenstermaker: An Artistic Free Spirit Gets Her Due. In: The New York Times. 12. August 2021, abgerufen am 12. April 2022 (amerikanisches Englisch).
  14. Mohamad Khalil Harb: Huguette Caland's Restless Joie de Vivre. In: Hyperallergic. 25. November 2020, abgerufen am 1. Februar 2022 (amerikanisches Englisch).
  15. Edgar Davidian: Huguette Caland, celle qui a souvent précédé le vent. (pdf) In: galeriejaninerubeiz.com. 25. September 2019, abgerufen am 21. Dezember 2025 (französisch).
  16. Galerie Janine Rubeiz. In: www.galeriejaninerubeiz.com. Abgerufen am 2. Oktober 2019 (englisch).
  17. Expo : Huguette Caland à la Galerie Janine Rubeiz. Agenda Culturel, 16. Januar 2011, archiviert vom Original am 12. Mai 2018; abgerufen am 18. Januar 2013 (englisch).
  18. Philippe Dagen: A la galerie Mennour, le libertinage visuel d’Huguette Caland. In: Le Monde. Dezember 2024, abgerufen am 21. Dezember 2025 (französisch).
  19. Myrna Ayad: Huguette Caland : l’amour des lignes, la vie en liberté. In: Art Basel. 13. Februar 2025, abgerufen am 21. Dezember 2025 (französisch).