Houari Boumedienne
Houari Boumedienne oder Huari Bu Madyan (arabisch هواري بومدين, DMG Hawārī Bū-Madyan, Zentralatlas-Tamazight ⵀⵓⵡⴰⵔⵉ ⴱⵓⵎⴷⵢⴰⵏ Hewari Bumedyan; mit bürgerlichem Namen Mohammed Boukharouba;[1] * offiziell am 23. August 1932 in Guelma; † 27. Dezember 1978 in Algier) war ein algerischer Politiker. Er war von 1965 bis zu seinem Tod 1978 algerischer Staatschef.
Leben
Houari Boumedienne entstammte einer armen Bauernfamilie mit sieben Kindern.[1] Im Alter von 12 Jahren erlebte er in seiner Heimat die Massaker von Sétif: Als am 8. Mai 1945 das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa gefeiert wurde, wurde auf den Straßen Guelmas und Sétifs für die Unabhängigkeit Algeriens demonstriert. Diese Demonstrationen mündeten in eine große Welle der Gewalt, in der 102 europäische Siedler und 15.000 bis 20.000 Algerier ums Leben kamen. Die blutige Niederschlagung der Unruhen durch das französische Militär prägte Boumediennes Jugend und erweckte in ihm nationale Bestrebungen.
Nachdem Boumedienne am islamischen Institut in Constantine und an der Ez-Zitouna-Moschee/Universität[1] in Tunis Theologie studiert hatte, besuchte er ab 1951 die al-Azhar-Universität in Kairo, an der er später auch als Dozent tätig war. Während seines Aufenthalts in Kairo erhielt er Guerilla-Training.[2] Nach dem Studium schloss er sich der Nationalen Befreiungsfront (FLN) an und wählte seinen Kampfnamen nach dem Sufi Abu Madyan, der im Maghreb Sidi Bu Madyan genannt wird.
Im Algerienkrieg gewann er als Kommandeur der FLN schnell an Einfluss. Eine Versorgungsmission an der marokkanisch-algerischen Grenze 1955 war sein einziger Kriegseinsatz.[3] 1957 wurde er mit der militärischen Leitung der Wilaya 5, einer der fünf Verwaltungsregionen Algeriens, beauftragt, bei der er von Tunesien und Marokko aus Waffenlieferungen der Armée de libération nationale (ALN) über die Grenzen koordinierte. Er verstand es, sich aus internen Konflikten der Unabhängigkeitsbewegung herauszuhalten.[3]
Mit Unterstützung von Abdelhafid Boussouf wurde er 1958 Vorsitzender des Comité d’organisation militaire (COM) der Westfront.[3] 1960 wurde er Stabschef der Armée de libération nationale.[3] Nach dem Sieg der FLN und der Abspaltung von deren Politbüro wurde er 1962 Verteidigungsminister unter Ahmed Ben Bella. Am 10. September 1962[4] war er mit ihm von Tlemcen nach Algier gekommen, nachdem sich ihre Fraktion auch mit Gewalt gegen das Politbüro durchgesetzt hatte. Am 20. September 1962 stimmten 99 %[4] der Wählerinnen und Wähler für die Einheitsliste der FLN, und am 25. September 1962 wurde die Demokratische Volksrepublik Algerien proklamiert, nachdem das Land schon am 5. Juli seine Unabhängigkeit erklärt hatte. Die Volksvertretung wählte Ben Bella mit nur einer Gegenstimme zum Regierungschef. Die Mitglieder der Provisorischen Regierung der algerischen Republik (GPRA) um Benyoucef Benkhedda wurden politisch an den Rand gedrängt.[4] Boumedienne wurde als einer von fünf Offizieren Mitglied des Regierungskabinetts. Als Ben Bella jedoch bekanntgab, dass er beabsichtige, die Nationale Volksarmee durch eine Volksmiliz zu ersetzen, war dies nicht im Sinne Boumediennes. Ben Bella begann, Personen aus Boumediennes Oudja-Clan[4] zu entmachten. Als nur noch er und sein Clanangehöriger Außenminister Abd al-Aziz Bouteflika im Kabinett übrig waren, schien für Boumedienne die Grenze des Akzeptablen erreicht.
Am 19. Juni 1965 stürzte er mit Unterstützung der Algerischen Streitkräfte in einem Putsch Staatspräsident Ahmed Ben Bella,[5] den er verhaften ließ, und setzte sich an die Spitze des neuen 26-köpfigen Revolutionsrats.[4] Die Bevölkerung reagierte kaum auf das eigenmächtige Handeln der Armee. Boumedienne vereinigte danach in seiner Person das Amt des Regierungs- und des Staatschefs. Der Vorgang wurde mit dem Slogan Redressement révolutionnaire[1] als notwendige Korrektur des eingeschlagenen Weges und als Wiederbelebung des revolutionären Elans aus der Anfangszeit der Unabhängigkeit angepriesen. Politisch vertrat er den am Islam orientierten Arabischen Sozialismus und verstärkte die Industrialisierung Algeriens mit Hilfe der Erdöl- und Erdgas-Einnahmen. Im Dezember 1967 scheiterte ein Putsch[3] gegen Boumedienne, worauf er zunehmend gegen Gewerkschaften vorging. Ebenfalls 1967 gab er den ersten Dreijahresplan bekannt, dem 1970–1973 ein Vierjahresplan folgte, es gab mehrere Verstaatlichungen.[4]
Anders als sein Vorgänger ging er dabei auch große Unternehmen an. Die Priorität der Jahre 1967 und 1968 lag bei britischen und US-amerikanischen Unternehmen; 1971 waren dann auch die französischen Erdöl- und Erdgasgesellschaften Compagnie française des pétroles und Elf mit den von ihnen ausgebeuteten Vorkommen in Hassi Messaoud und Hassi R’Mel an der Reihe.[6] Mit der Nationalisierung von 14[4] Erdölgesellschaften war die staatliche Sonatrach ab 1969 der größte Produzent in Algerien. Der Vertrag von Ifrane[3] verbesserte 1969 die Beziehungen zu Marokko. Innenpolitisch agierte Boumedienne zentralistisch. Alte Kampfgenossen und politische Gegner wechselte er aus, ließ er ausschalten oder ins Exil treiben, wie dies zuvor schon Ben Bella getan hatte. Prominente Leidtragende waren Mohamed Khider oder Belkacem Krim.[4] Unter Boumedienne wurde auch der regionale bewaffnete Widerstand von Hocine Aït Ahmed und seiner Front des Forces Socialistes gegen die Zentralregierung seit Ben Bella endgültig gebrochen.[4]
Boumedienne hatte nicht das Charisma seines extrovertierten Vorgängers, doch seine wirtschaftlichen Erfolge und sein Festhalten am antiimperialistischen Programm Ben Bellas führten zu einem hohen Ansehen in den arabischen Ländern und in der Staatengemeinschaft der damals so bezeichneten „Dritten Welt“. Mit der Volksrepublik China schloss er 1971 einen Kooperationsvertrag.[7] Drei Jahre später besuchte er Peking, wobei mit China zu Fragen des Nahen Ostens, der Sahara und Angola Differenzen fortbestanden.[7] Vom 5. bis 9. September 1973 war er Vorsitzender der Vierten Gipfelkonferenz der Blockfreien Staaten.[8] 1974 wurde auf seinen Vorschlag hin die 6. Sondersitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen abgehalten, bei der die Handelsbeziehungen zwischen den Entwicklungs- und Industrieländern thematisiert und das ökonomische Ungleichgewicht kritisiert wurden.[9] Im eigenen Land konnten die entwicklungspolitischen Ziele nur teilweise erreicht werden. Die Agrarreform – eine „Agrarrevolution“[4] – erwies sich als wenig zielführend, vielmehr nahm die Landflucht weiter zu. Frankreich stoppte ab 1971 den Import algerischer Weine.[6]
Widerstand erfuhr Boumedienne von den Gewerkschaften, die Ben Bella unterstützten, es kam zu vermehrten Streiks.[4] Boumedienne hatte Ben Bellas Verfassung aufgehoben.[4] Nach einer Neuauflage der Verfassung – einer sogenannten Nationalcharta[4] – 1975, der die Bevölkerung 1976 in einem Referendum zustimmte, wurde Boumedienne 1976 mit offiziell 99 %[3] Zustimmung zum Präsidenten gewählt. Im selben Jahr wurde auch die erste Nationalversammlung gewählt. 1973 bis 1976 war er Generalsekretär der Bewegung der Blockfreien Staaten. Er starb ein Jahr später nach 39-tägigem Koma am Morbus Waldenström, einer malignen Lymphomerkrankung, gegen die er zuvor in Moskau vergeblich behandelt worden war.
Rezeption durch die extreme Rechte
In der Rezeption durch die extreme Rechte dient häufig ein apokryphes Zitat Boumediennes dazu, die demographischen Ängste der Erzählung vom „großen Austausch“ zu illustrieren, wonach das Fortpflanzungsverhalten nicht-weißer Immigranten eine Hauptwaffe in diesem Prozess sei. Boumedienne soll 1974 vor der UN-Vollversammlung gesagt haben, dass eines Tages Millionen von Männern aus der südlichen in die nördlichen Hemisphäre einbrechen würden, um sie durch ihren Kinderreichtum zu erobern.[10] Dieses Zitat ist erfunden. Denn zwar hielt Boumedienne 1974 eine Rede vor der UN-Vollversammlung, aber über die Entwicklung internationaler Rohstoffpreise. Zur Untermauerung der Verschwörungstheorie vom Bevölkerungsaustausch wird er gleichwohl von Autoren wie Renaud Camus oder Oriana Fallaci angeführt.[11] Der französische Autor Jean Raspail hatte seinem Roman Das Heerlager der Heiligen (1973) bereits als Epigraph einen angeblichen Ausspruch Boumediennes vorangestellt, wonach keine noch so große Anzahl von Atombomben die aus Tausenden von Menschen bestehende Flutwelle aufhalten könne, die eines Tages den südlichen armen Teil der Welt verlassen würden, um auf der Suche nach Überleben in die vergleichsweise offenen Weiten der reichen nördlichen Hemisphäre einzudringen. Laut Jean-Marc Moura drückt sich darin ein mathematisch anmutender Millenarismus aus, der Migrationen aus der Dritten Welt in den Westen zu einer die westliche Zivilisation auslöschenden Katastrophe erkläre und Immigration mit einem Exodus aufgrund übermäßig harter Lebensbedingungen gleichsetze.[12] Die englischsprachige Ausgabe des Romans wurde mit diesem Zitat auf dem Schutzumschlag beworben, um die Verkaufszahlen zu erhöhen.[13] Tatsächlich hatte Boumedienne in einem Interview mit dem Wirtschaftsteil der britischen Zeitung The Times im April 1974 gesagt:
“The consumer society is destroying its foundations by pollution and waste, crushing human beings into helpless cogs in a machine. But I feel that with Europe we could start to build up a new kind of world society, with more human and spiritual values, in which human beings can find true fulfillment, and where poverty and misery can be eliminated. Together we could seek a new life-style which will make possible the sustenance of the 8,000 million people expected on this planet by the year 2000. Otherwise, no number of atom bombs will stop the tidal waves of human beings who will one day break out of the poor south of the world into the relatively open spaces of the rich north in search of survival.”
„Die Konsumgesellschaft zerstört ihre Grundlagen durch Umweltverschmutzung und Verschwendung und zermalmt die Menschen zu hilflosen Rädchen in einer Maschine. Aber ich glaube, dass wir gemeinsam mit Europa anfangen könnten, eine neue Art von Weltgesellschaft aufzubauen, eine mit mehr menschlichen und geistigen Werten, in der die Menschen wahre Erfüllung finden und in der Armut und Elend beseitigt werden können. Gemeinsam könnten wir uns um einen neue Lebensweise bemühen, welche die Versorgung der 8 Milliarden Menschen ermöglicht, die bis zum Jahr 2000 auf diesem Planeten erwartet werden. Andernfalls wird keine noch so große Zahl von Atombomben die Flutwellen der Menschen aufhalten können, die eines Tages aus dem armen Süden der Welt in die relativ offenen Räume des reichen Nordens ausbrechen werden, um dort ihr Überleben zu suchen.“
Beziehung zu Frankreich
Boumedienne war vor seinem Staatsstreich gegen Ben Bella bereits Verteidigungsminister.[15] Nach seinem Staatsstreich verschlechterten sich die algerisch-französischen Beziehungen, weil Algerien die Wirtschaftsbeziehungen zu Frankreich reduzierte, zugunsten neuer Handelspartner wie etwa der Bundesrepublik Deutschland, Italiens und der USA. Die Verstaatlichung der Erdölindustrie von 1965 minderte den französischen Einfluss im Land und trug maßgeblich zur „Erdölschlacht“ von 1971 bei. Auch der Besuch des französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing 1975, der eine erneute Kooperation anstrebte, konnte an den Umständen nichts ändern.[16]
Siehe auch
Literatur
- Bernhard Schmid: Algerien – Frontstaat im globalen Krieg? Neoliberalismus, soziale Bewegungen und islamistische Ideologie in einem nordafrikanischen Land. Unrast Verlag, 2004, ISBN 978-3-89771-019-1.
Weblinks
- Houari Boumedienne in der Notable Names Database (englisch)
Einzelnachweise
- ↑ a b c d Karima Dirèche, Nessim Znaien, Aurélia Dusserre: Histoire du Maghreb depuis les indépendances: États, sociétés, cultures. Éditions Armand Colin, Malakoff 2023, ISBN 978-2-200-63179-6, S. 106–109 (französisch).
- ↑ Anna Bozzo: Boumedienne. In: Encyclopaedia of Islam. Kate Fleet, Gudrun Krämer, Denis Matringe, John Nawas, Everett Rowson, 2013, abgerufen am 8. April 2018 (englisch).
- ↑ a b c d e f g Bernard Lugan: Histoire des Algériens : Des origines à nos jours. Éditions Ellipses, Paris 2025, ISBN 978-2-340-09958-6, S. 191 ff.
- ↑ a b c d e f g h i j k l m Walter Schicho: Handbuch Afrika – Nord- und Ostafrika. Band 3/3. Brandes & Apsel Verlag / Südwind, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-86099-122-1, S. 93–97.
- ↑ Thomas Hasel: Machtkonflikt in Algerien. Verlag Hans Schiler, Berlin 2002, ISBN 3-89930-190-0, S. 54.
- ↑ a b Émilie Aubry, Frank Tétart: Die Welt der Gegenwart – Ein geopolitischer Atlas. Übersetzt von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube. Verlag C. H. Beck/Arte Éditions, München/Paris 2024, ISBN 978-3-406-81404-4, S. 169 f.
- ↑ a b Jean-Luc Domenach, Philippe Richer: La Chine. De 1971 à nos jours (= Collection Points Histoire. Band 2, H189). 2. Auflage. Éditions du Seuil, Paris 1995, ISBN 2-02-021826-7, S. 520.
- ↑ Akram Belkaïd: Als Allende nicht nach Algier kam: Rückblick auf die Konferenz der Blockfreien 1973. Übersetzt von Andreas Bredenfeld. In: Dorothee D’Aprile (Hrsg.): Le Monde diplomatique. Nr. 09/29. TAZ/WOZ, 7. September 2023, ISSN 1434-2561, S. 23 (monde-diplomatique.de).
- ↑ Beijing Rundschau vom 16. April 1974 (Nr. 15/1974), S. 3 ff.
- ↑ Michal Feola: The Rage of Replacement. Far Right Politics and Demographic Fear. The Univ. of Minnesota Press, Minneapolis 2024, S. 121.
- ↑ Sarah Bracke u. Luis Manuel Hernández Aguilar: „They love death as we love life“. The „Muslim Question“ and the biopolitics of replacement. In: The British Journal of Sociology 71 (2020), doi:10.1111/1468-4446.12742, S. 686; Nik Linders: Mainstreaming the Great Replacement. The Role of Centrist Discourses in the Mainstreaming of a Far-Right Conspiracy Theory. In: Sarah Bracke u. Luis Manuel Hernández Aguilar (Hrsg.): The Politics of Replacement. Demographic Fears, Conspiracy Theories, and Race Wars. Routledge, New York 2024, S. 166.
- ↑ Jean-Marc Moura: Littérature et idéologie de la migration. «Le camp des Saints» de Jean Raspail. In: Revue européenne des migrations internationales 4, Nr. 3 (1988), doi:10.3406/remi.1988.1182 S. 115–124, hier S. 115.
- ↑ David C. Gordon: Images of the West – Third World perspectives. Rowman & Littlefield, Totowa, NJ, 1989, S. 44.
- ↑ Vanya Walker-Leigh interviews President Boumedienne from Algeria. In: The Times, 9. April 1974, S. 19.
- ↑ Jeffrey James Byrne: Our Own Special Brand of Socialism: Algeria and the Contest of Modernities in the 1960s. Oxford University Press, 2009 (englisch) JSTOR:44214020
- ↑ Rudolf J. Lauff: Die Außenpolitik Algeriens 1962–1978. In: Hurst & Co. (Hrsg.): Afrika Studien. Nr. 107. Weltforum-Verlag, München 1981, ISBN 3-8039-0198-7, S. 201–204.