Homosexualität im Judentum

Die Homosexualität im Judentum wird innerhalb der jüdischen Gemeinschaften (Kehillot) weltweit unterschiedlich betrachtet. Die Haltung gegenüber gleichgeschlechtlichen Beziehungen und homosexuellen Personen hängt stark von der jeweiligen historischen Epoche, dem kulturellen Kontext und der geografischen Region ab. Während orthodoxe Strömungen in der Regel sozialkonservative Positionen vertreten, gibt es in liberalen, reformorientierten oder progressiven Gemeinden zunehmend eine positive Haltung gegenüber Homosexualität.[1] Die Vielfalt der Sichtweisen zeigt, dass das Judentum keine einheitliche Auffassung zu diesem Thema hat, sondern dass soziale, kulturelle und religiöse Faktoren die Wahrnehmung und den Umgang mit Homosexualität innerhalb der jüdischen Tradition prägen.[2]

Organisationen des Judentums und der Homosexualität

In Israel existieren mehrere jüdische LGBT-Organisationen, die sich insbesondere an Menschen aus religiösen und orthodoxen Kontexten richten. Zu den bekanntesten zählen Bat Kol und Hod, die jeweils unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Bat Kol wurde 2005 von religiösen Frauen gegründet und unterstützt lesbische orthodoxe Jüdinnen dabei, ihre sexuelle Orientierung mit ihrer religiösen Identität zu vereinbaren.[3] Die Organisation bietet einen geschützten Raum für Austausch, Empowerment und öffentliche Sichtbarkeit. Hod, gegründet 2008 vom orthodoxen Rabbiner Ron Yosef, richtet sich an homosexuelle Männer aus dem orthodoxen Judentum. Ziel der Organisation ist es, den Dialog zwischen religiöser Tradition und homosexueller Identität zu fördern, Unterstützung innerhalb der Gemeinschaft zu bieten und das Bewusstsein für die Lebensrealitäten religiöser LGBT-Personen im Rahmen der Halacha zu stärken.[4]

In Europa wurde Yachad 1995 in Köln gegründet und hatte zum Ziel, lesbische, schwule und bisexuelle Juden zu unterstützen und für mehr Akzeptanz und Offenheit zu werben.[5] Die Organisation gilt als eine der ersten LGBT‑inklusiven Initiativen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Keshet Deutschland ist ein 2018 in Berlin gegründeter Verein queerer Juden, der sich für Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und die Förderung von LGBT-Rechten einsetzt.[6]

Für homosexuelle Jüdinnen und Juden offene Synagogen

In den Vereinigten Staaten bildeten sich seit den 1970er-Jahren liberale und LGBT-orientierte jüdische Gemeinden und Synagogen, die homosexuelle Jüdinnen und Juden ausdrücklich einbezogen. Zu den bekanntesten zählt die Congregation Beit Simchat Torah in New York, gegründet 1973, die als eine der ersten jüdischen Gemeinden mit expliziter Ausrichtung auf schwule, lesbische und andere queere Menschen gilt.[7] Ein weiteres Beispiel ist Sha’ar Zahav in San Francisco, eine 1977 gegründete jüdische Gemeinde, die sich ebenfalls früh für einen offenen Umgang mit Homosexualität innerhalb des jüdischen Gemeindelebens einsetzte. Diese Gemeinden werden in der Forschung häufig als Teil der Entwicklung einer stärkeren Sichtbarkeit homosexueller Menschen im amerikanischen Judentum genannt.[8]

Jüdische Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare

Die jüdische Eheschließung von gleichgeschlechtlichen Paaren wird innerhalb des Judentums unterschiedlich bewertet und praktiziert. In einigen Ländern, darunter bestimmte Bundesstaaten der Vereinigten Staaten, Kanada, Argentinien und die Niederlande, haben einzelne jüdische Gemeinden ihre Auffassung von der Ehe an die zivilrechtliche Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe angepasst.[9]

Europa

Die erste derartige Zeremonie wurde 2011 in Amsterdam vom Rat der Rabbiner der Niederländischen Union des Progressiven Judentums offiziell erlaubt und durchgeführt, wodurch ein historischer Meilenstein für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher jüdischer Paare in den Niederlanden gesetzt wurde.[10]

Im Vereinigten Königreich wurde die gleichgeschlechtliche Ehe im Jahr 2014 durch den Marriage Act legalisiert, der ab dem 29. März 2014 zivilrechtliche Eheschließungen für gleichgeschlechtliche Paare ermöglichte. In Brighton schlossen im März 2014 zwei Frauen – Nikki Pettit und Tania Ward – eine der ersten gleichgeschlechtlichen Ehen des Landes; beide heirateten zudem nach jüdischem Ritus und erhielten eine Kiddusch-Segnung.[11]

Nordamerika

In Kanada beispielsweise haben reform‑ und konservativ‑orientierte Gemeinden begonnen,[12] gleichgeschlechtliche jüdische Trauungen oder Segnungszeremonien für gleichgeschlechtliche Paare durchzuführen, wobei traditionelle Elemente wie Chuppa und der Austausch von Ringen beibehalten werden können und in einigen Fällen Rabbiner offiziell diese Zeremonien leiten.[13] In den Niederlanden, wo gleichgeschlechtliche Ehen seit 2001 gesetzlich anerkannt sind, haben liberale und reformjüdische Gemeinden Modelle für religiöse Eheschließungen oder Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare entwickelt, die häufig an bestehende liturgische Traditionen angelehnt sind.

Lateinamerika

In Lateinamerika gilt eine Zeremonie in Buenos Aires im April 2016 als historischer Meilenstein: Dort wurden Victoria Escobar und Romina Charur in der Synagoge der Gemeinschaft NCI‑Emanu El unter einer Chuppa verheiratet, was als erste gleichgeschlechtliche jüdische Trauung in einer Synagoge Lateinamerikas beschrieben wurde.[14] Im März 2018 verbreitete sich in den sozialen Medien die Nachricht über die erste unter jüdischem Ritus durchgeführte Chuppa zwischen zwei Frauen in Brasilien, die in Rio de Janeiro gefeiert wurde.[15]

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Einzelnachweise

  1. Gerald Beyrodt: Akzeptanz und wütende Ablehnung. In: Deutschlandfunk Kultur. 21. Juni 2013, abgerufen am 6. Januar 2026.
  2. Gibt es schwule Juden? In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 6. Januar 2026.
  3. Michael Horovitz: In first, Tel Aviv religious council offers funds to Orthodox LGBTQ women’s group. In: The Times of Israel. 18. Mai 2023, ISSN 0040-7909 (timesofisrael.com [abgerufen am 6. Januar 2026]).
  4. Religious gays battle for acceptance. 26. Mai 2011, abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
  5. Kris Wagenseil, Religionswissenschaftlicher Medien-und Informationsdienst Herausgebendes Organ Marburg: Homosexualität in den Religionsgemeinschaften Deutschlands. 2014, doi:10.15496/publikation-111072 (uni-tuebingen.de [abgerufen am 7. Januar 2026]).
  6. Die neue queer-jüdische Bewegung aus Berlin. In: Heinrich-Böll-Stiftung. Abgerufen am 7. Januar 2026.
  7. Jan Wilkens: “Jewish, Gay and Proud”: The Founding of Beth Chayim Chadashim as a Milestone of Jewish Homosexual Integration. In: Universitätsverlag Potsdam. 2020, abgerufen am 6. Januar 2026.
  8. Iconic San Francisco Synagogue No Longer ‘Just’ For LGBT Jews. In: The Forward. 25. August 2017, abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
  9. Union for Reform Judaism: Gay and Lesbian Jews. In: www.urj.org. Abgerufen am 7. Januar 2025 (englisch).
  10. Same-sex Jewish couple united in Amsterdam shul. In: Jewish Journal. 18. Januar 2011, abgerufen am 7. Januar 2026 (englisch).
  11. Sarah Morrison: A big day for Tania and Nic as fathers walk them down aisle. In: The Independent. 29. März 2014, abgerufen am 10. Januar 2026 (englisch).
  12. Canadian Conservative Shul Hosts Gay Wedding. In: The Forward. 13. Januar 2012, abgerufen am 7. Januar 2026 (englisch).
  13. Ute Husken, Frank Neubert: Negotiating Rites. Oxford University Press, 2011, ISBN 978-0-19-981229-5, doi:10.1093/acprof:oso/9780199812295.003.0008 (oxfordscholarship.com [abgerufen am 7. Januar 2026]).
  14. Diego Melamed: First Jewish gay marriage in Latin America held at Argentine synagogue. In: Jewish Telegraphic Agency. 11. April 2016, abgerufen am 7. Januar 2026 (amerikanisches Englisch).
  15. Marcus M. Gilban: Jewish woman’s same-sex wedding takes the spotlight in Brazil. In: The Times of Israel. 12. März 2018, ISSN 0040-7909 (timesofisrael.com [abgerufen am 10. Januar 2026]).