Hochschule für Theater Damaskus

Hochschule für Theater
Gründung 1977
Ort Damaskus
Staat Syrien
Koordinaten 33° 30′ 44″ N, 36° 16′ 44″ O
Träger Ministerium für Kultur
Schüler etwa 15 pro Jahr
BW

Die Hochschule für Theater in Damaskus (arabisch المعهد العالي للفنون المسرحية, DMG al-Maʿhad al-ʿālī li-l-funūn al-masraḥīya; englisch Higher Institute of Dramatic Arts (HIDA)) wurde 1977 in Damaskus, Syrien, von dem Dramatiker Saadallah Wannous, dem Theaterkritiker Ghassan al-Maleh und der Literaturwissenschaftlerin an der Universität Damaskus, Hannan Kassab Hassan, gegründet.[1]

Geschichte

Das Institut leitete eine Erneuerung des Theaters in Syrien ein, indem es eine neue Generation von Dramatikern, Theaterregisseuren und Schauspielern in Aspekten der modernen dramatischen Künste auf akademischer Basis ausbildet. Die Hochschule umfasste zunächst ein vierjähriges Studium für den Fachbereich Schauspiel und erweiterte dies ab 1984 mit den Bereichen Theaterwissenschaft, Szenografie und Bühnentechnik; später kam ein Fachbereich für zeitgenössischen Tanz hinzu.[2][3]

In den späten 1990er und zu Anfang der 2000er Jahre hatte sich die Hochschule mit Gastspielen seiner Absolventen in Kuwait, Ägypten, Jordanien, dem Libanon und anderen Ländern einen Namen in der Theaterzene des Nahen Ostens gemacht.[4] Zahlreiche Absolventen wie zum Beisiel Fares Al-Helou und Kinda Alloush traten wiederholt in syrischen und arabischen Fernsehserien und Spielfilmen auf.[5]

In seiner Studie über die Rolle von Intellektuellen und dem Einfluss des kommerziellen Markts für Filme am Beispiel des kommerziellen Fernsehens in Syrien beschrieb Ziad Adwan, ehemaliger Dozent an der Hochschule, „wie das Higher Institute of Dramatic Arts (HIDA) in Damaskus ein außergewöhnliches Ansehen im kulturellen Leben Syriens erlangte. Obwohl es unter einer Diktatur in einem konservativen Land arbeitete, genoss es dennoch ungewöhnliche Freiheiten in Bezug auf Lehrpläne und freie Meinungsäußerung in einem Land, das andere Kultur- und Bildungsbereiche unterdrückte.“[2]

Die Choreografin Noura Mourad wurde nach ihrem Studium Dozentin für modernen Tanz und Performance.[6] Mourad ist auch Leiterin der Leish Troupe, einem Ensemble für Bewegungstheater, das im Jahr 2000 den Preis für die beste Szenografie beim Cairo International Festival of Experimental Theater gewann. In ihrer Studie mit dem Titel „Syrian Radical Dabka“ beschrieb die Ethnomusikologin Shayna Silverstein die Veränderungen in der sozialen Interpretation und Aufführung des nahöstlichen Volkstanzes Dabke, wie er in Syrien getanzt wird. Darüber hinaus berichtete Silverstein über eine zeitgenössische Tanzshow von Mourad und ihrer Gruppe aus dem Jahr 2009 mit dem Titel „Congratulations!”. Diese Choreografie konzentrierte sich auf den Tanz bei syrischen Hochzeiten und behandelte Themen wie Geschlechterrollen und Machtverhältnisse in der Ehe sowie die allgemeinen Standards der doppelten Moral, denen Frauen in der syrischen Gesellschaft ausgesetzt sind.[7][8]

Nach Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs im Jahr 2011 erlebte die syrische Kunstszene einen deutlichen Standortwechsel. Für eine Reihe jüngerer Absolventen der Theaterhochschule, die ihr Studium Anfang der 2000er Jahre abgeschlossen hatten, wurde Beirut zum ersten wichtigen Ziel. Bis 2013 hatte sich die libanesische Hauptstadt zu einem wichtigen Zentrum für aufstrebende syrische Kunst entwickelt. Ab 2014 folgte eine weitere Phase der Vertreibung, in der viele Künstler in Länder Westeuropas und darüber hinaus weiterzogen; in diesem Zusammenhang wurde Berlin zu einem wichtigen Standort für Teile der syrischen Theatergemeinschaft.[9] So waren Anfang 2018 Absolventen der Damaszener Hochschule als Mitglieder des Open Border Ensembles für die Produktion Miunikh–Damaskus: Stories of One City an den Münchner Kammerspielen eingeladen.[10]

Zu den international bekannten Dramatikern und Dramaturgen der Hochschule zählen unter anderen Rania Mleihi, Liwaa Yazji und Mohammad Al Attar.[11] Weitere bekannte Absolventen sind Omar Abu Saada[12], Fares Al-Helou,[5] Reem Ali,[5] Kinda Alloush,[5] Giana Eid[13], Dima Kandalaft[14], Nanda Mohammad,[15] Noura Mourad, Amal Omran,[16] Hala Omran,[17] Mey Seifan[18], Fadi Skeiker[19], Jamal Suliman[20] und Fares Yaghi.[21] Neben den Gründungsmitgliedern Saadallah Wannous, Ghassan al-Maleh und Hannan Kassab Hassan unterrichtete später auch der Dramatiker und spätere Kulturminister Riad Ismat an der Hochschule.[11] Kassab Hassan veröffentlichte daneben ein dreisprachiges Lexikon (Französisch-Englisch-Arabisch) für Theaterwissenschaft und Darstellende Künste.[22] Der Übersetzer und Germanist Nabil Haffar, der an der Humboldt-Universität Berlin über die Rezeption Brechts in Syrien in den 1970er- und 1980er-Jahren promoviert hatte,[23] leitete die Abteilung für Theaterwissenschaft und war Vizepräsident der syrischen Sektion des Internationalen Theaterinstituts.[24]

Standort

Die Hochschule für Theater befindet sich in der Nähe des Umayyaden-Platzes im selben Gebäudekomplex mit der Hochschule für Musik und neben dem Damaszener Opernhaus.

Literatur

  • Ghassan Maleh: The Birth of Modern Arab Theatre. In: UNESCO (Hrsg.): UNESCO Courier. November 1997, S. 28–31 (englisch, unesco.org [PDF]).

Einzelnachweise

  1. Hanan Kassab-Hassan. In: Goethe-Institut Belgien. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 18. Oktober 2021; abgerufen am 10. Januar 2026 (englisch).
  2. a b Ziad Adwan: ’The place of intellectuals': The Higher Institute of Dramatic Arts in Damascus between dictatorship and the market. In: Journal of Global Theatre History. Band 4, Nr. 1, 9. Juli 2020, ISSN 2509-6990, S. 37–54, doi:10.5282/gthj/5124 (englisch, uni-muenchen.de [abgerufen am 10. Januar 2026]).
  3. شروط ومواعيد مسابقة قبول المعهد العالي للفنون المسرحية‎. [Conditions and dates of the competition for the admission of the Higher Institute of Performing Arts]. In: moc.gov.sy. Ministry of Culture, 28. August 2018, archiviert vom Original am 16. Dezember 2018; abgerufen am 15. Januar 2026 (arabisch).
  4. How to Tell a Story with Hassan al-Geretly. In: arabculturefund.org. AFAC, 2023, abgerufen am 10. Januar 2026 (englisch).
  5. a b c d Politics and production... Two obstacles facing the Syrian drama. In: english.enabbaladi.net. 25. Mai 2018, abgerufen am 11. Januar 2026 (amerikanisches Englisch).
  6. Familiar Studio: Noura Murad. In: Movement Research. 13. März 2022, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 14. März 2022; abgerufen am 10. Januar 2026 (amerikanisches Englisch).
  7. Shayna Silverstein: Syria's Radical Dabke. In: Middle East Report. 263, Summer 2012, 2012 (englisch, academia.edu).
  8. Shayna Silverstein: The “Barbaric” Dabke. In: Duke University Press (Hrsg.): Journal of Middle East Women's Studies. Band 17, Nr. 2, 1. Juli 2021, ISSN 1552-5864, S. 197–219, doi:10.1215/15525864-8949443 (dukeupress.edu [abgerufen am 10. Januar 2026]).
  9. Simon Dubois: The Global Politics of Artistic Engagement: Beyond the Arab Uprisings. Hrsg.: Pénélope Larzillière. Brill, Leiden 2023, ISBN 978-90-04-51845-2, Chapter 6: Young Documentary Theatre on Syrian Stages: An Aesthetic of Circulation, Exile, and Engagement, S. 181–209, doi:10.1163/9789004518452_008 (englisch, brill.com).
  10. Totah, Ruba, Khoury, Krystel: Theater against Borders: ‘Miunikh–Damaskus’—A Case Study in Solidarity. In: Arts. Band 7, Nr. 4, Dezember 2018, ISSN 2076-0752, doi:10.3390/art (englisch, mdpi.com [abgerufen am 10. Januar 2026]).
  11. a b وفاة وزير الثقافة السوري الأسبق رياض عصمت بفيروس "كورونا" In: عنب بلدي 14. Mai 2020, abgerufen am 11. Januar 2026 (arabisch).
  12. Ashkal Alwan – Intimacy: Theater Performance by Omar Abu Saada and Mohammad Al Attar. In: ashkalalwan.org. Abgerufen am 10. Januar 2026.
  13. Giana Eid – Actor Filmography، photos، Video. Abgerufen am 10. Januar 2026 (englisch).
  14. Dima Kandalaft – Actor Filmography، photos، Video. In: elCinema.com. Abgerufen am 18. August 2024 (englisch).
  15. Nanda Mohammad. AFAC, abgerufen am 11. Januar 2026 (englisch).
  16. Amal Omran – Actor Filmography، photos، Video. Abgerufen am 10. Januar 2026 (englisch).
  17. Hala Omran. AFAC, 2018, abgerufen am 11. Januar 2026 (englisch).
  18. Mey Seifan. In: newyorkarabfestival.com. Abgerufen am 10. Januar 2026 (amerikanisches Englisch).
  19. Fadi Skeiker. In: Theatre at Fordham. Fordham University, abgerufen am 10. Januar 2026.
  20. Jamal Soliman – Actor Filmography، photos، Video. In: elcinema.com. Abgerufen am 10. Januar 2026 (englisch).
  21. Biography – Fares Yaghi. In: faresyaghi.com. 7. Oktober 2020, abgerufen am 10. Januar 2026 (amerikanisches Englisch).
  22. Hanane Kassab, Syria. In: arabculturefund.org. AFAC, 2019, abgerufen am 11. Januar 2026 (englisch).
  23. Nabil Haffar: Die Rezeption Brechts in Syrien in den siebziger und achtziger Jahren unseres Jahrhunderts. Berlin, Humboldt-Univ., Diss. A, 1987, DNB 881121614.
  24. International Theatre Institute ITI – Syria. In: iti-worldwide.org. International Theatre Institute ITI, abgerufen am 15. Januar 2026 (englisch).