Hilge Landweer

Hilge Landweer (* 1956) ist eine deutsche Philosophin, sie ist emeritierte Professorin an der Freien Universität Berlin (FU).

Werdegang

Landweer wuchs in Bremen in einer Lehrerfamilie auf und engagierte sich während der Schulzeit zeitweise als Schulsprecherin sowie politisch in K-Gruppen.[1] Nach dem Abitur studierte sie Philosophie, Literaturwissenschaft und Geschichte in Kiel; die dortige, konservativ geprägte Philosophielandschaft erlebte sie als stark von Männern dominiert.[1] Mit dem Wechsel an die Universität Bielefeld schloss sie sich feministischen Initiativen an und wirkte am Aufbau eines interdisziplinären Schwerpunkts Frauenforschung mit, den sie als erste entsprechende Einrichtung beschreibt.[1]

Nach ihrer Promotion an der Universität Bielefeld (1989) war Landweer von 1991 bis 1997 Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Philosophie der Freien Universität Berlin, wo sie sich 1998 habilitierte. Es folgten Gast- und Vertretungsprofessuren an deutschen und österreichischen Hochschulen, darunter auch die Vertretung von Axel Honneth am Institut für Philosophie der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Seit 2007 ist sie Professorin an der FU Berlin. 2023 ging Landweer in den Ruhestand.

Während der Promotionszeit wurde sie Mutter und zog ihr Kind zunächst allein groß; parallel begegnete sie Widerständen gegen ihr Dissertationsthema, die sie mit Unterstützung eines Frauennetzwerks überwand.[1] An die FU kam sie auch vor dem Hintergrund studentischer Streiks, die neue Stellen mit feministischem Profil ermöglichten; 1991 trat sie dort eine Assistentenstelle an.[1] In der Lehre legte sie Wert darauf, auch zurückhaltende Studierende einzubeziehen und eine wertschätzende Arbeitsatmosphäre zu fördern.[1] Nach mehreren Vertretungen wurde sie in den späten 2000er Jahren an die FU Berlin berufen; die Entfristung erfolgte nach ihren Angaben im Alter von 58 Jahren.[1] Mit Blick auf das Fach äußerte sie im Ruhestand die Sorge, rechtsextreme Entwicklungen könnten mühsam erreichte Fortschritte wieder infrage stellen.[1]

Arbeitsgebiete und Positionen

Ihre Arbeitsbereiche sind Phänomenologie, praktische Philosophie und interdisziplinäre Geschlechterforschung.[2] Sie wurde durch phänomenologisch informierte Arbeiten zur Verflechtung von Gefühlen und Machtverhältnissen bekannt und betont die geteilte, soziale Dimension von Emotionen.[1] In Absetzung von einer strikten Trennung von Rationalität und Emotionalität versteht sie beide als ineinander greifende Weisen der Welterschließung.[1]

Landweer verbindet phänomenologische Ansätze mit feministischer Theorie und untersucht Gefühle als soziale Phänomene, die wesentlich in Beziehungen entstehen und geteilt werden.[1] Ihre Arbeiten zur Scham heben die politische Dimension des Gefühls hervor und zeigen, wie Beschämung gesellschaftlich wirksam wird, ohne die normorientierende Funktion von Scham zu negieren.[1] Für die Gegenwart diagnostiziert sie eine verbreitete Haltung kultivierter Verachtung, die sie mit leistungsbezogenen Rankings und neoliberalen Verantwortungszuschreibungen verknüpft.[1] Dem setzt sie die Praxis aufmerksamer Wahrnehmung von Freude und Schönheit im Alltag entgegen, die sie als erfahrungsbezogene Weitung versteht.[1]

Privates

Landweer lebt im Südwesten Berlins, ihr Garten dient ihr als "Ort der Erdung und des Rückzugs" neben den Zumutungen der politischen Gegenwart.[1]

Schriften (Auswahl)

Monographien

  • Mit Christoph Demmerling: Philosophie der Gefühle. Von Achtung bis Zorn. Metzler, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-476-01767-3.
  • Scham und Macht. Phänomenologische Untersuchungen zur Sozialität eines Gefühls. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, ISBN 978-3-16-147129-2.
  • Das Märtyrerinnenmodell. Zur diskursen Erzeugung weiblicher Identität. Centaurus-Verlags-Gesellschaft, Pfaffenweiler 1990, ISBN 978-3-89085-443-4.

Herausgeberschaften

  • Wie männlich ist Autorität? Feministische Kritik und Aneignung. Campus, Frankfurt am Main 2018, ISBN 978-3-593-50993-8.
  • Handbuch Klassische Emotionstheorien. Von Platon bis Wittgenstein. De Gruyter, Berlin/Boston 2012, ISBN 978-3-11-028415-7.
  • Philosophie und die Potenziale der Gender Studies. Peripherie und Zentrum im Feld der Theorie. Transcript, Bielefeld 2012, ISBN 978-3-8376-2152-5.

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j k l m n o Lea De Gregorio: Der Hausbesuch – Denkerin der Gefühle. In: taz, 3. Oktober 2025, online, abgerufen am 4. Oktober 2025.
  2. Biographische Angaben beruhen, wenn nicht anders belegt, auf: Freie Universität Berlin, Institut für Philosophie: Hilge Landweer; das Geburtsjahr wird von der DNB genannt.