Hildegarde (Sängerin)
Hildegarde, bürgerlich Hildegarde Loretta Sell (* 1. Februar 1906 in Adell, Wisconsin; † 29. Juli 2005 in New York City), war eine US-amerikanische Unterhaltungskünstlerin und Sängerin. Sie war von den 1920er und bis in die 1990er Jahre durch ihre Songs und Auftritte im Radio, Fernsehen und Shows vor allem in den USA bekannt.
Hildegarde erzielte ihre größten Erfolge in amerikanischen Unterhaltungsshows, wo ihr modisches Aussehen, ihre theatralischen Gesten und die sorgfältig gestaltete Beleuchtung eine unverwechselbare Bühnenpräsenz schufen. Ihr Gesang wurde als gefühlvoll bezeichnet, wobei ihre warme Stimme auf vielen Aufnahmen erhalten geblieben ist. Elemente ihres künstlerischen Nachlasses, darunter Notenblätter und charakteristische Accessoires, werden in der Smithsonian Institution und anderen Archiven aufbewahrt.
Hildegarde gilt als die erste Entertainerin, die lediglich ihren Vornamen verwendete. Ende der 1940er Jahre galt sie als die bestbezahlte Kabarettsängerin der Welt und verdiente angeblich 150.000 Dollar pro Jahr. Während der Präsidentschaften von Truman und Eisenhower wurde sie zu Auftritten im Weißen Haus eingeladen, und 1960 wurde sie als Radio Star auf dem Hollywood Walk of Fame geehrt.
Hildegarde wurde in den 1930er Jahren zunächst für ihren Song „Darling, Je Vous Aime Beaucoup“ bekannt. Nach einer fast 70-jährigen Karriere, die von den 1920er bis in die 1990er Jahre dauerte, starb sie im Alter von 99 Jahren in Manhattan.
Leben und Wirken
Kindheit und Ausbildung
Hildegarde Sell wurde in Adell, Wisconsin, geboren und wuchs in New Holstein als Katholikin in einer musikalischen Familie mit deutschen Vorfahren auf. Zusammen mit ihren beiden Schwestern sang Hildegarde im Schulchor und spielte im Schulorchester. Anfang der 1920er Jahre studierte sie am College of Music der Marquette University in Milwaukee und strebte zunächst eine Karriere als Konzertpianistin an. Mit 16 Jahren begann Hildegarde in einem außer ihr nur mit Männern besetzten Orchester zu spielen, das Stummfilme im Merril Theater in Milwaukee begleitete. Danach spielte sie zunächst in Varieté-Shows.[1][2]
Internationale Karriere
Während sie 1932 in einer Pension in New Jersey lebte, freundete sich Hildegarde mit Anna Sosenko, der Tochter ihrer Vermieterin, an, die ihre Managerin wurde. Hildegarde trat in der Revue „Stars on Parade“ des Impresarios Gus Edwards in New York City auf und folgte seinem Rat, im Showbusiness nur ihren Vornamen zu verwenden.[3] Nach weiteren Engagements reisten Hildegarde und Sosenko nach London, wo Hildegarde 1933 einen Monat lang im Café de Paris, einem bekannten Nachtclub, auftrat.
In Paris entwickelte sie ihre Bühnenshow weiter, lernte auf Französisch und anderen europäische Sprachen zu singen und legte sich das Image kosmopolitischer Raffinesse zu. Dies führte dazu, dass Kritiker bezweifelten, „ob sie eine Amerikanerin mit französischem Akzent oder eine Französin mit amerikanischem Akzent war“.[4] Hildegarde erhielt später prominente Engagements in London und trat bei Veranstaltungen wie den Jubiläumsfeierlichkeiten des britischen Königs George V. und der Krönung von George VI. in Erscheinung. Sie war auch häufig in der BBC zu hören und damit die erste amerikanische Sängerin, die einen entsprechenden Vertrag erhielt.[2]
In den 1930er und 1940er Jahren trat Hildegarde bis zu 45 Wochen im Jahr in amerikanischen Clubs auf.[5] Ihre Platten verkauften sich hunderttausendfach, und zu ihren Bewunderern zählten Soldaten während des Zweiten Weltkriegs ebenso wie König Gustaf VI. Adolf von Schweden und der Herzog von Windsor. Auf einigen ihrer Aufnahmen wurde sie vom Bandleader Carroll Gibbons begleitet. In den 1940er Jahren moderierte sie die NBC-Radiosendung „Raleigh Room“. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte Hildegarde zu den ersten Entertainern, die im amerikanischen Fernsehen auftraten.[4]
In den späten 1940er Jahren tourte Hildegarde durch Europa. Als praktizierende Katholikin wurde sie von Papst Pius XII. in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo empfangen.[2] Sie trat auch häufig bei Wohltätigkeitsveranstaltungen zugunsten von Krankenhäusern, Schulen und Kirchen auf. Bei ihren Auftritten trug sie elegante Kleider und lange Handschuhe, sogar beim Klavierspielen: „Miss Piggy hat die Idee mit den Handschuhen von mir geklaut.“ sagte sie einmal. Als versierte Entertainerin erzählte Hildegarde manchmal auch anzügliche Anekdoten, während sie Männern im Publikum langstielige Rosen schenkte.[4]
Ihr auf Englisch und Französisch gesungenes Lied „Darling, Je Vous Aime Beaucoup“ erschien 1937 im Film Love and Hisses. Die französischen Worte im Titel, die „Liebling, ich liebe dich sehr“ bedeuten, wurden als Refrain verwendet. Der Song erreichte 1943 Platz 21 der amerikanischen Charts und wurde zu ihrem Markenzeichen.[6] Zu ihren weiteren bekannten Titeln gehörte das deutsche Soldatenlied „Lili Marleen“, das sie auf Englisch und völlig anders als die berühmtere Version von Marlene Dietrich sang. Zu ihren beliebten Songs zählten weiterhin „The Last Time I Saw Paris“ von Jerome Kern und Oscar Hammerstein sowie „I'll See You Again“ von Noël Coward. Nach ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten unterzeichnete sie einen Plattenvertrag bei Decca, wo sie mehrere kommerziell erfolgreiche Veröffentlichungen hervorbrachte, darunter auch ein Album mit sechs Songs von Vernon Duke.[3]
Während der Präsidentschaften von Truman und Eisenhower trat sie im Weißen Haus auf. Ende der 1940er Jahre war Hildegarde die bestbezahlte Kabarettsängerin der Welt und verdiente angeblich 150.000 Dollar pro Jahr. Auch im folgenden Jahrzehnt erhielt sie weiterhin Engagements in New Yorker Nachtclubs. Investitionen und Auftritte für Werbekampagnen sicherten ihr auch nach dem Wandel des Musikgeschmacks durch den Aufstieg von Rock- und Popmusik ein komfortables Einkommen.[7]
Von den 1950er bis in die 1970er Jahre trat Hildegarde neben ihrer Arbeit in Nachtclubs auch als Sängerin im Fernsehen auf und tourte als Mitglied in Stephen Sondheims Musical Follies. 1964 sang sie einen Song für die erfolglose Präsidentschaftskandidatur von Margaret Chase Smith; der Song hieß „Leave It to the Girls“ und wurde von Gladys Shelley geschrieben.[8]
Persönliches Leben und Tod
Hildegarde war nie verheiratet, wobei sie einmal sagte: „Ich bin mein ganzes Leben lang gereist, habe viele Männer kennengelernt, hatte viele Romanzen, aber es hat nie geklappt. Es war immer nur ‚Hallo und Auf Wiedersehen‘.“ Dreiundzwanzig Jahre lang war sie jedoch die Geschäftspartnerin, enge Freundin und Geliebte von Anna Sosenko. Die beiden lebten lange in demselben Appartement in New York zusammen und sammelten Kunst, darunter Werke französischer Impressionisten. Diese Sammlung wurde verkauft, als sie sich 1955 aufgrund persönlicher und finanzieller Differenzen trennten. Später versöhnten sie sich wieder und traten sogar erneut gemeinsam auf.[9]
In ihrem 2018 erschienenen Buch The Incomparable Hildegarde: The Sexuality, Style and Image of an Entertainment Icon (Die unvergleichliche Hildegarde: Sexualität, Stil und Image einer Unterhaltungsikone) beschrieb die Autorin Monica S. Gallamore die Liebesbeziehung zwischen Hildegarde und Sosenko und bestätigte, dass sie in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebten. Darüber hinaus schrieb Gallamore, dass sie nach ihrem jeweiligen Tod „von der LGBT-Gemeinschaft als erstes offen lesbisches Paar gefeiert wurden.“[10]
Hildegarde starb im Alter von 99 Jahren in New York.[4]
Rezeption
Während des größten Teils ihrer Karriere war sie als „The Incomparable Hildegarde“ (Die unvergleichliche Hildegarde) bekannt, ein Titel, den ihr der Kolumnist Walter Winchell verlieh.[11] Eleanor Roosevelt soll sie als „Königin der Supper Clubs“ bezeichnet haben.[12] 1939 war sie auf der Titelseite der Zeitschrift Life zu sehen. Im selben Jahr bezeichnete sie das Time Magazine als „üppige, braunäugige Blondine aus Milwaukee, die so singt, wie Garbo aussieht“.[13]
1960 wurde Hildegarde als Radio-Star auf dem Hollywood Walk of Fame geehrt.[14] Ihre Autobiografie Over 50... so What! wurde 1963 von Doubleday veröffentlicht.[15] Zu ihrem 80. Geburtstag am 1. Februar 1986 wurde sie mit einem ausverkauften Konzert in der Carnegie Hall geehrt. 1997 fotografierte Annie Leibovitz die 91-jährige Hildegarde in ihrem Haus in Turtle Bay für das Magazin Vanity Fair. Im Begleittext bezeichnete der prominente Journalist Richard Merkin sie als „die Quintessenz der Kabarettistin seit der Erfindung des Klaviers“. Zusammen mit Julie Wilson, Lena Horne und Eartha Kitt wurde Hildegarde als eine von vier legendären Nachtclubstars bezeichnet, die „sich über Zeit und Alter hinweggesetzt haben, um die New Yorker Nacht zu erhellen“.[16]
2012 erschien eine Doktorarbeit über Hildegardes Leben, die später als Buch veröffentlicht wurde. Die Autorin Monica S. Gallamore fasste Hildegardes Karriere und ihren Platz im öffentlichen Gedächtnis zusammen, indem sie schrieb:[12]
„Ihre Karriere umfasste fast das gesamte 20. Jahrhundert. Sie war in irgendeiner Form an allen wichtigen Veränderungen in der amerikanischen Unterhaltungs- und Populärkultur beteiligt, darunter der Aufstieg des Radios und die Anfänge des Fernsehens. [...] Auf dem Höhepunkt ihrer Popularität war sie eine der angesehensten und beliebtesten Entertainerinnen in den Vereinigten Staaten, [...]. Dennoch geriet ihr Vermächtnis in der amerikanischen Erinnerung in Vergessenheit.“
Archive
Hildegardes Tagebücher, Korrespondenz, Fotos, Aufnahmen, Erinnerungsstücke, ein Autogrammbuch und 49 Sammelalben wurden von der Raynor Library der Marquette University gesammelt.[2] Die New York Public Library for the Performing Arts verfügt über allgemeine Korrespondenz, unter anderen mit namhaften Korrespondenzpartnern wie Tallulah Bankhead, Jerome Kern, Fannie Hurst, Errol Flynn und John Steinbeck, Zeitungsausschnitte, Werbematerialien und Sammelalben.[17]
Das National Museum of American History besitzt Noten für das Lied „Peace and Harmony“, das Teil von Hildegardes eigener Musiksammlung war. Es zeigt ihr Foto auf dem Cover und war zusammen mit einem ihrer weißen Taschentücher ein Geschenk von Hildegarde an das Museum. Die digitalen Sammlungen im Modearchiv der Mount Mary University enthalten von Hildegarde getragene Kleidungsstücke, darunter Kleider der Designer George Stavropoulos, Halston, Marie-Louise Bruyère und Sorelle Fontana, sowie detaillierte Katalogaufzeichnungen und Bilder.[18]
Einzelnachweise
- ↑ Handkerchief, used by Hildegarde. In: National Museum of American History. Abgerufen am 6. Januar 2026 (englisch).
- ↑ a b c d Hildegarde (Loretta Sell) Papers. In: Marquette University Archives. Abgerufen am 5. Oktober 2017.
- ↑ a b Tom Vallance: Obituaries: Hildegarde. In: The Independent. 3. August 2005, abgerufen am 2. Januar 2026 (englisch).
- ↑ a b c d Adam Bernstein: Cabaret Performer Hildegarde Dies at 99 In: The Washington Post, 1. August 2005. Abgerufen am 3. November 2011 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Hildegarde. In: Los Angeles Times. 1. August 2005, abgerufen am 1. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Joel Whitburn: Joel Whitburn's Pop Memories 1890-1954. Record Research Inc, Wisconsin, USA 1986, ISBN 0-89820-083-0, S. 490 (archive.org).
- ↑ The "Incomparable" Hildegarde Record. In: Wisconsin Historical Society. 19. Oktober 2012, abgerufen am 2. Januar 2026 (englisch).
- ↑ November/December 2016 - Madam President: The Struggle to Break the Last Glass Ceiling by Cyndy Bittinger. Abgerufen am 6. Januar 2026.
- ↑ Christopher Hawtree: Obituary: Anna Sosenko. In: The Guardian. 25. Juli 2000, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 6. Januar 2026]).
- ↑ Monica Storme Gallamore: The Incomparable Hildegarde: The Sexuality, Style and Image of an Entertainment Icon. McFarland, 2018, ISBN 978-1-4766-6770-6, S. 161 (google.com [abgerufen am 6. Januar 2026]).
- ↑ Erika Janik: Remembering 'The Incomparable Hildegarde,' Born This Week In 1906. In: WPR. 30. Januar 2017, abgerufen am 1. Januar 2026 (amerikanisches Englisch).
- ↑ a b Monica Storme Gallamore: The Incomparable Hildegarde: The Sexuality, Style and Image of an Entertainment Icon. McFarland, 2018, ISBN 978-1-4766-6770-6, S. 324 (amerikanisches Englisch, google.com [abgerufen am 6. Januar 2026]).
- ↑ Radio: Art & Tires. Time magazine, 13. März 1939, abgerufen am 6. März 2019.
- ↑ Chad: Hildegarde. In: Hollywood Walk of Fame. 25. Oktober 2019, abgerufen am 6. Januar 2026 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Hildegarde, Hildegard Loretta Sell, Adele Whitely Fletcher: Over 50--so What! Doubleday, Garden City, N.Y. 1963 (englisch, google.com).
- ↑ Richard Merkin: Sophisticated Ladies. In: Vanity Fair. Abgerufen am 6. Januar 2026 (amerikanisches Englisch).
- ↑ archives.nypl.org -- Hildegarde papers. In: archives.nypl.org. Abgerufen am 2. Januar 2026.
- ↑ Hildegarde · The Mount Mary University Fashion Archive · Mount Mary University Digital Collections. In: digitalcollections.mtmary.edu. Abgerufen am 2. Januar 2026.
Weblinks
- Hildegarde bei IMDb
- Hildegarde bei Discogs
- The Incomparable Hildegarde ( vom 26. September 2010 im Internet Archive) (englisch)
- Eine Episode ihrer Radio show, "Hildegarde's Raleigh Room" (englisch)
- Interview mit Hildegarde in der Dick Cavett show 1981 auf YouTube
- Video von Hildegarde mit "Darling, Je Vous Aime Beaucoup", 1936, auf YouTube