Hildegard Cahn-Loner

Hildegard „Hilde“ Cahn-Loner (geb. 26. Oktober 1909 in Rixdorf bei Berlin als Hildegard Regina Julie Cahn, gest. 2. Mai 1954 in Ost-Berlin) war eine jüdische deutsche Widerstandskämpferin, Spanienkämpferin, Mitglied der französischen Résistance und Überlebende des KZ Ravensbrück.

Leben in Berlin

Hilde Cahn kam in Rixdorf bei Berlin in einer jüdischen Familie zur Welt. Ihr Vater Robert Cahn war Kaufmann.[1] Ihre Mutter Elwine Auguste Meta Cahn (geb. Füllegrabe) starb 1915, als Robert Cahn als Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg diente.[2] Hilde und ihre Geschwister waren bis zur Rückkehr des kriegsversehrten Vaters auf sich gestellt.[3] Im Juni 1920 heiratete ihr Vater Elfriede Sawady.[4] Die Familie lebte in den 1920er-Jahren in großer Armut. Der Vater starb im Jahr 1932.[4] Hilde Cahns Stiefmutter Elfriede wurde 1941 ins litauische Ghetto Kauen bei Kowno deportiert und ermordet; ein Stolperstein (Krumme Straße 12) erinnert an sie.[4]

Hilde Cahn besuchte die Volksschule und erlernte den Beruf einer Zuschneiderin. Am 18. März 1930 heiratete sie in Charlottenburg den polnischen Juden Moschek (Max) Fri(e)dmann (geb. 6. Juli 1900 in Łódź).[5] 1932 kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung mit einem NSDAP-Mitglied, das Cahn antisemitisch beleidigt hatte.[6] Als daraufhin eine Hausdurchsuchung erfolgte, verließ das Paar auf Anraten der jüdischen Gemeinde im Jahr 1933 Berlin und emigrierte nach Spanien.[3]

Internationale Brigaden in Spanien

In Barcelona fand Hilde Cahn Arbeit als Näherin. Dort nahm sie regelmäßig an den Veranstaltungen des örtlichen Jüdischen Kulturbunds teil und kam in Kontakt mit der katalanischen Zweigstelle der Kommunistischen Partei Spaniens (PSUC).[7] Als das Ehepaar sich 1936 trennte, blieb sie in der Emigration zurück.[8][3]

Bei Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs meldete Hilde Cahn sich freiwillig bei den Internationalen Brigaden, um auf Seiten der Spanischen Republik gegen die faschistischen Kräfte um General Franco zu kämpfen.[9] Sie wurde als Dolmetscherin und Krankenschwester im Sanitätsdienst eingesetzt. 1937 trat sie der Kommunistischen Partei Deutschlands bei, die im Bürgerkrieg aktiv die republikanische Seite unterstützte.[3]

Als die republikanischen Kräfte 1939 von den Franco-Truppen besiegt wurden, floh Hilde Cahn als eine der letzten verbliebenen Antifaschisten nach Frankreich. Bei der Flucht lernte sie den österreichischen Spanienkämpfer Alfred Loner kennen und lieben; seinen Namen führte sie lebenslang als Zweitnamen.[10] Wie andere Mitglieder der Internationalen Brigaden wurde Hilde Cahn-Loner in das französische Internierungslager Camp de Gurs eingeliefert.[3]

Französische Résistance

Nach ihrer Freilassung nahm sie in der Umgebung von Marseille Kontakt zur Résistance auf und kämpfte unter verschiedenen Aliasnamen gegen die deutsche Besatzung.[3]

Von August 1940 bis August 1942 war sie im Auftrag der KPÖ-Widerstandsgruppe als Kurierin tätig, auch in den besetzten Gebieten Frankreichs. In Bordeaux und Paris war sie Teil der riskanten Aktion „Travail allemand“, die darauf abzielte, deutsche Soldaten zu agitieren. Getarnt als französische Krankenschwester mit Namen Anneliese Hamneard (oder Hammard) arbeitete sie unter anderem in einem Krankenhaus der deutschen Luftwaffe in Bordeaux, wo sie unter den deutschen Soldaten Aufklärungsarbeit leistete.[11]

Auch ihr Gefährte Alfred Loner arbeitete für die Résistance in Bordeaux.[3] Er wurde im Januar 1943 nahe Bordeaux verhaftet, als die Gruppe aufgedeckt wurde.[12]

Bei ihrer Festnahme am 3. Juli 1943 gab sie sich als Französin aus und konnte ihre jüdische Herkunft zunächst verbergen. Als ihre Tarnung entdeckt wurde, überstellte man sie im November 1943 in das französische Internierungslager Compiègne, ein Sammel- und Durchgangslager für französische Jüdinnen und Juden. Im Januar 1944 wurde sie in das deutsche Frauen-KZ Ravensbrück deportiert. Von dort aus wurde sie zur Zwangsarbeit in das Außenlager des KZ Flossenbürg in Zwodau im Sudetenland eingewiesen und 1945 von den Amerikanern befreit.[3]

Nach dem Krieg

Bei ihrer Befreiung war Hilde Cahn-Loner stark geschwächt. Sie kehrte im Juni 1945 nach Berlin zurück[3], wo sie die Nachricht erhielt, dass ihr Lebensgefährte Alfred Loner nicht mehr am Leben war. Zwar hatte er das KZ überlebt, war aber 1945 bei der Heimreise in die Steiermark gestorben.[10]

1946 besuchte Hilde Cahn-Loner die Parteischule der SED. In Berlin-Neukölln engagierte sie sich zunächst im Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD). Sie begann eine Laufbahn als Funktionärin bei der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), im Demokratischen Frauenbund Deutschlands sowie in der Sozialistischen Einheitspartei (SED).[3] Im Januar 1947 wurde sie während des Gründungstreffens des Ravensbrück-Komitees in die Leitungsgruppe berufen. In dieser Zeit wurde Paul Laufer, seit 1949 Mitglied der Zentralen Parteikontrollkommission der SED, ihr Lebensgefährte.[3]

Im Herbst 1949 erwartete Cahn-Loner ein Kind von Laufer und zog zu ihm nach Ost-Berlin. Am 28. März 1950 wurde ihr Sohn Helmut geboren. Am 25. April 1951 wurde ihre Ehe mit Moschek Fri(e)dmann rechtskräftig geschieden. Ende 1952 nahm sie ihren Mädchennamen Cahn wieder an,[13] den sie auch auf ihren Sohn übertrug.[14]

Mit einer Delegation des Internationalen Demokratischen Frauenföderation reiste sie unter anderem mit Lilly Wächter (DFD Westdeutschland) vom 9. Mai bis zum 9. Juli 1951 nach Nordkorea, worüber sie im Neuen Deutschland (ND) berichtete.[15]

Am 2. Mai 1954 verstarb Hilde Cahn-Loner im Alter von 44 Jahren in Ost-Berlin an einem metastasierten Brustkrebs.[16] Ihre Urne ist in der Gräberanlage Pergolenweg der Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde beerdigt.[3]

Ehrungen

Für ihren Résistance-Einsatz für „Dienende in den Reihen der französischen Fremdenlegion“ wurde Hilde Cahn-Loner bei ihrem Begräbnis die Médaille commémorative française de la guerre 1939–1945 („Gedenkmedaille für den Krieg 1939–1945“) in Bronze verliehen. Es handelt sich um eine militärische Auszeichnung der Französischen Republik für Militärangehörige, Résistance-Mitglieder und zivile Helfende bei der Befreiung Frankreichs.

Die abgebildete Mitschrift von Paul Laufer lautet: „Der unserer Hilde verliehene Orden für Teilnahme im Widerstandskampf des französischen Volkes während des 2. Weltkrieges. Am Tage der Urnenbeisetzung vom Genossen Ottomar Geschke überreicht.“

Literatur

  • Fäuste, Pässe und die bürgerliche Gesellschaftsordnung. Hilde Loner-Cahn. In: Karin Hartewig (Hrsg.): Zurückgekehrt: Die Geschichte der jüdischen Kommunisten in der DDR. Böhlau bei Köln 2000, ISBN 978-3-412028008, S. 112–118.
  • Henning Fischer: Von Berlin über Spanien nach Korea und zurück. Hilde Loner-Cahn (1909–1954). In: Wenn du ausgegrenzt wirst, gehst du zu anderen Ausgegrenzten.
  • Ingrid Schiborowski; Anita Kochnowski (Hrsg.): Frauen und der spanische Krieg 1936–1939: Eine biografische Dokumentation. Verlag am Park 2016, ISBN 978-3-945187-75-3.
  • Ulla Plener (Hrsg.): Frauen aus Deutschland in der französischen Résistance: Eine Dokumentation. Edition Bodoni, Berlin 2006, ISBN 3-929390-90-6.
Commons: Hildegard Cahn-Loner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Standesamt Rixdorf I, Geburtenregister-Eintrag Nr. 3916 vom 29. Oktober 1909; eingesehen auf ancestry.de am 25. Oktober 2025.
  2. Standesamt Buckow Ii, Sterberegister-Eintrag Nr. 422 vom 31. Mai 1915; eingesehen auf ancestry.de am 25. Oktober 2025.
  3. a b c d e f g h i j k l Henning Fischer: Von Berlin über Spanien nach Korea und zurück. Hilde Loner-Cahn (1909–1954) (PDF), S. 51–53. Rosa-Luxemburg-Stiftung, 2022, abgerufen am 12. Oktober 2025.
  4. a b c Helmut Lölhöffel: Stolperstein Krumme Str. 12. 28. September 2002, abgerufen am 3. Mai 2025.
  5. Standesamt Berlin Charlottenburg II, Heiratsregister-Eintrag Nr. 155/1930 vom 18. März 1930; eingesehen auf ancestry.de am 25. Oktober 2025.
  6. Schriftgut: Cahn (-Lohner), Hilde: Hilde Cahn-Lohner. In: Deutsche Digitale Bibliothek. Abgerufen am 20. Oktober 2025 (In ihrem Lebenslauf (beim Zentralen Parteiarchiv der SED – ehemalige KL Haus) schreibt Hilde Cahn: „Der Nazi verstellte mir den Hauseingang mit den Worten „Du alte Judensau kommst hier nicht rein“. Ich habe ihm die Judensau zurückgegeben, bis er abgeschleppt werden musste. Im April 1933 verließen wir Deutschland.“).
  7. Bettina Meier – Deutsche Frauen im spanischen Exil. In: anarchismus.at. Abgerufen am 23. Oktober 2025.
  8. CAHN-LONER, Hildegard – Dades del brigadista. In: Universitat de Barcelona. Abgerufen am 22. Oktober 2025 (spanisch).
  9. Hildegard Cahn-Loner | spanienkaempfer.de. 26. Januar 2017, abgerufen am 20. Oktober 2025.
  10. a b DÖW – Erinnern – Biographien – Spanienarchiv online – Spanienfreiwillige: L – Loner, Alfred. Abgerufen am 20. Oktober 2025.
  11. Cahn-Loner, Hildegard. In: Internationale Frauen im spanischen Krieg. Abgerufen am 22. Oktober 2025.
  12. Irene Filip: Elisabeth und Alfred Eidinger – Widerstand in Frankreich (PDF). In: Mitteilungen der Alfred-Klahr-Gesellschaft 1/19. Abgerufen am 19. Oktober 2025.
  13. Randbemerkungen im Eheregister-Eintrag.
  14. Anmerkung: Den Namen Friedmann hatte sie seit 1937 nie wieder benutzt. Auf der Geburtsurkunde ihres Sohnes steht der Nachname Cahn. Quelle: Nachruf auf Hilde Cahn (drei Seiten DIN A4) im Bundesvorstand des DFD (aus dem Privatbesitz Paul Laufer)
  15. ND-Archiv: 14.06.1951: Deutschland darf kein zweites Korea werden. Abgerufen am 19. Oktober 2025.
  16. Sterberegistereintrag 1052, Standesamt Mitte, 1954.