Hessenwand
Die Hessenwand ist eine gut 200 Meter lange, nach Süden gekrümmte Mauer, die 1880 bis 1883 zum Schutz der Insel Spiekeroog im Westen angelegt wurde. Ihren Namen hat sie von den Maurern, die überwiegend aus Hessen kamen. Die Hessenwand ist als Baudenkmal geschützt.
Geschichte
„Erst mit dem Bau von Küstenschutzanlagen ab dem Jahr 1873/74 konnte der Westteil der Insel stabilisiert werden“, informiert der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in einer Broschüre.[1] Im Zuge dieser Vorhaben kam es auch zum Bau der Hessenwand. Sie ist im Profil eine S-förmige Mauer aus Sandsteinquadern. Den oberen Abschluss bilden Klinker und den unteren Bruchsteine.[2] Die Mauer ist 238 Meter lang.[3] Die Höhe wird auf etwa drei Meter zu schätzen sein; sie ist abhängig von der Auflage an Sand, die wird vom jahreszeitlichen Verlauf bestimmt. Auf welches Fundament sie gesetzt ist, ist unklar. Eine Broschüre der Spiekerooger Kurverwaltung beschreibt die Entstehung: Sie wurde „nach schweren Dünenabbrüchen aus großen Sandsteinblöcken errichtet. Gewählt wurde nach Borkumer Vorbild ein steiles S-Profil, bei dem Wellen beim Branden umgelenkt werden und gegenlaufende Wellen erzeugt werden. Damit wird Brandungs-Energie z. T. unschädlich gemacht. Die Blöcke stammen aus hessischen Steinbrüchen und auch Einbau und endgültiger Zuschnitt erfolgten von hessischen Fachleuten (Steinmetzen) vor Ort.“[4] Nach anderen Informationen soll das Sandsteinmaterial nicht aus Hessen stammen, sondern Obernkirchener Sandstein sein.[5] Vieles spricht dafür, dass in den 1880er Jahren der mehr als doppelt so lange Transportweg aus Hessen vermieden wurde.
Die Hessenwand ist die älteste heute noch erhaltene Anlage zum Inselschutz auf Spiekeroog.[5]
Bedeutung für den Inselschutz
Vor der Hessenwand liegen zwar nur zwei Buhnen, die sich mit weiteren zwölf[6] in Richtung Norden vor der Schuhmacherwand und Dünenbereichen fortsetzen. Aber im westlichen Teil bedeuten die Süderdünen, die Hessenwand, die Schuhmacherwand und die vorgelagerten Buhnen „einen wesentlichen Teil des Küstenschutzsystems. [Der] Dünenzug sichert den Bestand der Insel und schirmt in Sturmfluten des Süddeich vor hohen Wellen ab.“[1] Der Generalplan Küstenschutz - Ostfriesische Inseln von 2010 sah auch eine „Grundinstandsetzung der Uferschutzanlagen im Bereich der Hessenwand“ vor.[6] Diese ist inzwischen ausgeführt.
Flechten auf der Hessenwand
Die bisher in Niedersachsen nur an der Hessenwand auf Spiekeroog nachgewiesene Flechte Caloplaca albolutescens lebt in den Mörtelfugen.[7] In einer Fachpublikation von 2005 ist ihr Vorkommen auf der Hessenwand allerdings nicht erwähnt, so in einer Untersuchung der Flechtenflora auf Spiekeroog seit 1900.[8] Die „Rote Liste und Gesamtartenliste der Flechten in Niedersachsen und Bremen“, die im Jahr 2010 vom NLWKN herausgegeben wurde, erwähnt zwar die Flechte Caloplaca albolutescens als im Gesamtgebiet von Niedersachsen und Bremen nur an der Küste vorkommend, aber „extrem selten“ bzw. „sehr selten“, und nennt als Lebensraum „verbaute Steine (z. B. in Natursteinmauern)“.[9] Aber 2010 war von Uwe de Bruyn das Vorkommen als neu für Niedersachsen beschrieben worden: East Frisean islands, Spiekeroog, sea dyke on the westside of the island ‚Hessenwand‘. Wörtlich heißt es weiter: New to northern Germany. On mortar between sandstone rocks in the upper sea spray zone with abundant apothecia.[10] Auch die vom Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer im Jahr 2012 herausgegebene Untersuchung Bestandsaufnahme der Flechtenbestände der Ostfriesischen Inseln als wichtige Bioindikatoren behandelt zwar in einem Abschnitt die Bestandsentwicklung der Gesteinsflechten, erwähnt aber die Caloplaca albolutescens lediglich in einer Tabelle als in der Roten Liste in Niedersachsen als „sehr selten“ und nur auf Spiekeroog vorkommend.[11]
Mit Stand Ende 2025 trägt die Art den Namen Kuettlingeria albolutescens.[12] Dies hatten Fachautoren schon 2020 vorgeschlagen.[13]
Galerie
- Hessenwand in historischer Karte und zu Beginn des 21. Jahrhunderts
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Landkarte von 1892: Hessenwand an der südlichen Westseite der Insel
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Bei auflaufendem Wasser (2018)
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Schuhmacherwand und Hessenwand (letztere an der Krümmung)
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Brutröhren der Uferschwalben (links die Kante der Hessenwand)
Brutvögel an südlichen Dünen
Im Jahr 2023 brüteten Steinschmätzer in den Hohlräumen der großen Steine am südlichen Fuß der Hessenwand.
Die Hessenwand verhindert den sofortigen Abtrag von aufgespültem Sand bei stärkerem Wind südlich der Hessenwand. Dies ermöglicht seit einigen Jahren Uferschwalben, Niströhren in die sich anschließenden Dünen zu bauen. In den Jahren 2023, 2024 und 2025 konnten jeweils bis um 80 besetzte Niströhren festgestellt werden.[14]
Baudenkmal
Das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege hat die Hessenwand als Baudenkmal nach § 3 Absatz 2 des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes in das Verzeichnis der Kulturdenkmale eingetragen. Als „Denkmalbegründung“ steht im Denkmalatlas Niedersachsen:
- Die so genannte „Hessenwand“ wurde 1880–84 an der Westseite der Insel errichtet, um die Dünen und damit auch die ganze Insel vor Hochwasser zu schützen. Sie ist ein wichtiges Zeugnis für den Küstenschutz Ende des 19. Jahrhunderts und besitzt eine technikgeschichtliche Bedeutung. An der Erhaltung der Mauer besteht zudem aufgrund ihrer ortsgeschichtlichen Bedeutung und wegen ihrer beispielhaften Ausprägung eines Bautyps sowie ihres städtebaulichen Schau- und Zeugniswerts auf das Ortsbild ein öffentliches Interesse.[2]
Siehe auch
Weblinks
- Dünenschutzwerk Hessenwand im Denkmalatlas Niedersachsen
- 360-Grad-Foto der Hessenwand auf der Webseite 360cities.net
Fußnoten
- ↑ a b NLWKN: Küstenschutz für die Insel Spiekeroog. Strandaufspülung und Dünenverstärkung vor den Zeltplatzdünen. Norden ohne Jahr (2017), unpag. (S. 2)
- ↑ a b Beschreibung „Dünenschutzwerk Hessenwand“ im Denkmalatlas Niedersachsen, Abruf am 1. November 2025
- ↑ Beschreibung der Hessenwand bei der Website Kulturstiftung-Spiekeroog.de, Abruf am 1. November 2025
- ↑ Nordseebad Spiekeroog GmbH (Hrsg.): Historisches entdecken. Historischer Rundgang. Spiekeroog 2013, Nr. 40, Abruf am 1. November 2025
- ↑ a b Ingo Stock: 111 Orte auf Spiekeroog, die man gesehen haben muss, Emons, Bonn 2018, ISBN 978-3-7408-0339-1, S. 84
- ↑ a b Generalplan Küstenschutz - Ostfriesische Inseln von 2010, herunterladbar bei NLWKN, S. 37, Abruf am 14. November 2025
- ↑ Ingo Stock: 111 Orte auf Spiekeroog, die man gesehen haben muss, Emons, Bonn 2018, ISBN 978-3-7408-0339-1, S. 85
- ↑ Uwe de Bruyn: Veränderungen der Flechtenflora der Insel Spiekeroog seit 1900. In: DROSERA. Naturkundliche Mitteilungen aus Nordwestdeutschland, 2005 S. 75–88, Oldenburg 2005 (Link zum Digitalisat auf der Website oops.Uni-Oldenburg.de)
- ↑ Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (Hrsg.) Markus Hauck und Uwe de Bruyn (Autoren): Rote Liste und Gesamtartenliste der Flechten in Niedersachsen und Bremen. 2. Fassung, Stand 2010. In: Informationsdienst Naturschutz Niedersachsen 1/2010 (Online bei nlwkn.niedersachsen.de)
- ↑ Ulf Schiefelbein, Uwe de Bruyn, Christian Dolnik, Gregor Stolley und Patrick Neumann: New or interesting records of lichen-forming and lichenicolous fungi from northern Germany. In: Herzogia 23 (1), 2010 S. 85–91, S. 87 (Link zur digitalen Fassung), Abruf am 28. November 2025
- ↑ Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer (Hrsg.) Uwe de Bruyn (Autor): Bestandsaufnahme der Flechtenbestände der Ostfriesischen Inseln als wichtige Bioindikatoren – Analyse der Veränderungen der Flechtenbestände und deren Ursachen (2012). In: Schriftenreihe Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, Band 12, Wilhelmshaven 2012; Tabelle S. 25 (Link zum Herunterladen der Publikation)
- ↑ Beschreibung auf der Website speciesfungorum.org, Abruf am 30. November 2025
- ↑ Referierter Aufsatz in Speciesfungorum.org, Abruf am 30. November 2025
- ↑ S. auch Foto von 2025
Dokumentation der Situation von 2023 an
Koordinaten: 53° 45′ 37,2″ N, 7° 39′ 59,8″ O