Hermann Lehmann (Mediziner)
Hermann Lehmann (* 8. Juli 1910 in Halle an der Saale; † 13. Juli 1985 in Cambridge, England) war ein deutsch-britischer Mediziner, Biochemiker und Hochschullehrer. Er wirkte bis 1977 als Professor für Klinische Biochemie an der Universität Cambridge.
Leben und Wirken
Hermann Lehmann wurde als jüdischer Sohn von Bella Lehmann, geborener Apelt, und Paul Lehmann, einem Verlagsbuchhändler, geboren. Nach dem Schulbesuch an einem Gymnasium in Halle und von 1923 bis 1928 an der Kreuzschule in Dresden, wo er 1928 sein Abitur machte, begann er 1928 ein Medizinstudium an der Universität Freiburg, das er in Frankfurt am Main, Berlin und Heidelberg fortsetzte und 1933 abschloss. Aufgrund der zunehmenden Diskriminierung von Juden an deutschen Universitäten Anfang der 1930er Jahre wurde er nicht in Heidelberg promoviert, sondern 1934 an der Basel mit einer Dissertation über die Salzsäureproduktion im Säuglingsmagen nach Histaminreiz, die er bei Ernst Moro in Heidelberg angefertigt hatte. Da er in der Schweiz als Arzt nicht praktizieren durfte, ging er zurück nach Heidelberg, wo er bei Otto Meyerhof am Kaiser-Wilhelm-Institut für medizinische Forschung als unbezahlter Assistent arbeitete.
Auf Vermittlung von Meyerhof weilte er 1935 zu einem kurzen Gastaufenthalt bei Frederick Gowland Hopkins im englischen Cambridge, wo er über den Stoffwechsel in Muskeln forschte. Im April 1936 emigrierte er auf Drängen von Joseph Needham und dessen Ehefrau nach Großbritannien und ließ sich in Cambridge nieder. 1938 erwarb er dort den Ph.D. (dem deutschen Dr. phil. entsprechend) mit der Arbeit Aspects of carbohydrate metabolism in the absence of molecular oxygen. Er war unter anderem Entdecker (1939) der Phosphorylierung der Kreatinphosphorsäure (Vgl. Kreatin#Leistungssteigerung durch Kreatinsupplementierung). Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und dem Beginn des Westfeldzugs wurde er im Mai 1940 in Huyton bei Liverpool interniert, wurde aber im Oktober auf Intervention von F. G. Hopkins freigelassen. Durch Fürsprache von Sir Charles Sherrington erhielt er eine Anstellung im medizinischen Dienst; zunächst war an einem Krankenhaus in Essex tätig, wo er seine Forschungen zum Energiestoffwechsel fortsetzen konnte. Im Jahr 1942 heiratete er Benigna Norman-Butler, mit der er die vier Kinder Susannah, Ruth, Paul und David (gestorben vor 1986) bekam. 1943 wechselte er dann mit einem militärischen Rang zum Royal Army Medical Corps (RAMC) in Indien, wo er in der Folgezeit vermehrt zur Hämatologie und speziell über Anämie forschte. Ende 1946 verließ er das RAMC, er war inzwischen britischer Staatsbürger, und ging für drei Jahre als Colonial Medical Research Fellow an ein College in Uganda. Dort arbeitete er bis 1949 speziell zu anomalen Hämoglobinen und zur Sichelzellenanämie und dem Einfluss der ethnischen Herkunft auf Hämoglobinopathien.
Nach der Rückkehr nach England erhielt Lehmann eine Anstellung als klinischer Pathologe an einem Krankenhaus in der Grafschaft Kent. 1951 wechselte er an das St Bartholomew’s Hospital und wurde Dozent für chemische Pathologie. An diesem Lehrkrankenhaus konnte er seine biochemischen Forschungen auf dem Gebiet der Hämatologie in einem eigenen Labor fortsetzen. 1954 weilte er mit einem Stipendium der Rockefeller-Stiftung in den USA. 1963 ging er als University Biochemist an das Addenbrooke’s Hospital in Cambridge. In der MRC Abnormal Haemoglobin Unit, das Referenzlabor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) war, widmete er sich der Frage des Nachweises und der Identifizierung genetischer Varianten des menschlichen Hämoglobins. 1963 erhielt er einen Lehrstuhl für Klinische Biochemie. Seit 1964 ist er Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie.[1] 1966 erschien in Amsterdam sein mit Richard Georg Huntsman verfasstes Werk Man’s haemoglobins. Including the haemoglobinopathies and their investigation, dessen zweite Auflage 1974 bei Lippincott veröffentlicht wurde. 1974 wurde er Leiter des neu gegründeten Department of Clinical Biochemistry der University of Cambridge. Bei der Aufklärung der Beziehung der molekularen Struktur des Hämoglobins und seiner normalen oder anomalen Funktion arbeitete Lehmann eng mit Max Perutz, der ebenfalls an dieser Universität wirkte, zusammen. Privat interessierte er sich auch für Anthropologie. 1977 wurde er emeritiert.
Lehmann erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. 1972 wurde er Fellow der Royal Society.[2] Außerdem war er Fellow der Royal Society of Chemistry und weiterer wissenschaftlicher Gesellschaften. Im Jahr 1980 wurde er Commander des Order of the British Empire. 1981 wurde er zum Mitglied der Leopoldina gewählt[3] und wurde er Officier l’Ordre National Côte Ivoire. Seit 1982 war er korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.[4] Er lebte in Cambridge und war Honorarprofessor der Universität Freiburg sowie Ehrendoktor (Dr. med. h. c.) der Universität Frankfurt am Main.
Literatur
- John Dacie: Hermann Lehmann, 8 July 1910 – 13 July 1995. In: Biographical Memoirs of Fellows of the Royal Society. Band 34, 1988, S. 406–449.
- Robin W. Carrell: Hermann Lehmann, 1910 – 1985. In: Trends in Biochemical Sciences. Band 10, Nr. 12, 1985, S. 468–469, doi:10.1016/0968-0004(85)90201-4.
- Lehmann, Hermann. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 748.
- T. H. J. Huisman, G. D. Efremov, R. N. Wrightstone: In Memoriam Professor Hermann Lehmann, CBE, FRS. In: Hemoglobin. Band 9, Nr. 5, 1985, S. iii-iv, doi:10.3109/03630268508997022.
- Reinhard Rürup (Mitwirkung: Michael Schüring): Schicksale und Karrieren. Gedenkbuch für die von den Nationalsozialisten aus der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft vertriebenen Forscherinnen und Forscher (= Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Band 14). Wallstein Verlag, Göttingen 2008, ISBN 978-3-89244-797-9, Ernst Lehmann, S. 253–256.
Einzelnachweise
- ↑ Übersicht der DGHO-Ehrenmitglieder. In: DGHO. Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e.V., abgerufen am 6. Oktober 2023.
- ↑ Eintrag zu Lehmann, Hermann (1910–1985) im Archiv der Royal Society, London
- ↑ Mitgliedseintrag von Hermann Lehmann bei der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, abgerufen am 13. Juli 2018.
- ↑ Mitgliedseintrag von Hermann Lehmann bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 13. Juli 2018.