Hermann Fietz
Johann Hermann Fietz, auch Hermann Fietz der Ältere genannt (* 30. April 1869 in Männedorf; † 24. Januar 1931 in Affoltern am Albis), war ein Schweizer Architekt, Zeichner und Pionier des Heimatschutzes. Von 1896 bis zu seinem Tod 1931 war er Kantonsbaumeister im Kanton Zürich.
Leben
Johann Hermann Fietz wurde in der Mühle Männedorf an der Alten Landstrasse 209 geboren und wuchs als zweites von vier Kindern in Zollikon bei Zürich am Zürichsee auf.
Nach der Schule absolvierte Fietz eine Lehre als Bauzeichner beim Architekten Heinrich Ernst. Nach 1884 war er im Architekturbüro von Alfred Friedrich Bluntschli als Bauführer tätig und übernahm die Bauführung beim Bau der Kirche Enge. Bluntschli ermöglichte ihm, von 1887 bis 1890 als Gasthörer am Eidgenössischen Polytechnikum die theoretischen Fächer bei seinem Arbeitgeber und den Professoren Julius Stadler, Georg Lasius und Ernst Georg Gladbach zu belegen.
Bei zahlreichen Renovationen bedeutender Baudenkmäler im Kanton Zürich war Fietz federführend, so auch 1908 bei der Kirche seines Wohnortes Zollikon. Wichtige Impulse erhielt der junge Fietz von Johann Rudolf Rahn, den er ab 1889 bei der Erfassung der mittelalterlichen Baudenkmäler im Kanton Tessin begleitete.
Im Juni 1889 nahm Fietz mit den Professoren Bluntschli und Stadler an einer Exkursion nach Brescia teil, von der ein Gruppenbild erhalten ist. 1896 wurde der 26-jährige Fietz Zürcher Kantonsbaumeister, ein Amt, das er bis zu seinem Tod ausführte. Im selben Jahr heiratete er die gleichaltrige Luise Hottinger (1869–1951). Zwischen 1898 und 1908 bekam das Paar fünf Kinder: Hermann (1898–1977), Werner (1899–1957), Anna (1901–1975), Hans (1903–1952) und Walter (1908–1979). Hermann und Walter wurden ebenfalls Architekten.
1899 übersiedelte die Familie von Zürich-Riesbach nach Zollikon ins neue Mehrfamilienhaus «Annaburg» an der Seestrasse 73, wenige Jahre später hinauf ins Haus «Am Rain» aus dem späten 17. Jahrhundert an der Zolliker Strasse 79, heute das «Doktorhaus». 1909 baute Fietz an der Zolliker Strasse 94 ein Eigenheim, das heute als reformiertes Pfarrhaus dient.[1]
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Juni 1889: Exkursion nach Brescia mit dem Verein Architectura am eidgenössischen Polytechnikum. F. Fulpius, J. Baj, P.Pape, Prof. F. Bluntschli, Prof. J. Stadler, K. Böcklin, Ch. Chamoret, W. Brenner, TH. Lasius, Fietz, O. Oulevey, A. Schneegans
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Hermann Fietz 1896
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Die «Annaburg»,
Seestrasse 73, Zollikon -
Fietz' Eigenheim an der Zolliker Strasse 94, heute das reformierte Pfarrhaus
In Zollikon war Fietz sechs Jahre Präsident der Zolliker Sekundarschulpflege. Als 1911 die Zolliker Ferienkolonien ins Leben gerufen wurde, nahm er sich engagiert zusammen mit dem Primarlehrer Albert Heer dieser Lagern an. Bis zu seinem Tode gehörte er der Ferienkoloniekommission an. Ab 1912 leitete er die 1874 gegründete Lesegesellschaft und gehörte mehr als 25 Jahre dem Vorstand des seit 1895 bestehenden Verschönerungsvereins an. Als Albert Heer 1925 für die Schule das Buch «Heimatkunde Zollikon» herausgab, steuerte Fietz dafür zahlreiche Federzeichnungen bei.[2]
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Chirchhof
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Blick auf Zollikon
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Kleindorf
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Am Beginn eines Erholungsurlaubs im Erholungsheim «Sonnenbühl» bei Affoltern am Albis erlitt der 61-Jährige einen Schlaganfall und starb am 24. Januar 1931. Er wurde am 27. Januar 1931 unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit auf dem Friedhof in Zollikon beigesetzt.[3][4]
Werk
Im Alter von 22 Jahren erhielt Fietz 1892 von der im Jahr zuvor gegründeten gleichnamigen Baugenossenschaft den Auftrag zur Planung der Wohnsiedlung «Eigen-Heim» in Zürich-Riesbach. Nach seiner Wahl zum Kantonsbaumeister zählten die Polizeikaserne in Zürich und die Strafanstalt Regensdorf zu seinen ersten Bauten. Es folgten in Zürich unter anderem die neue Kantonsschule, das Hygiene-Institut der Universität, Angestellten-Wohnhäuser beim Burghölzli und die Blinden- und Taubstummenanstalt sowie in Uetikon das Gebäude der Wäckerlingstiftung und in Wülflingen die landwirtschaftliche Schule.
Unter seiner Leitung wurde 1897 das Geburtshaus des Reformators Huldrych Zwingli in Wildhaus, eines der ältesten erhaltenen Bauernhäuser in der Schweiz, umfassend renoviert. Im Bestand der Graphischen Sammlung der Zentralbibliothek Zürich befinden sich Silbergelatineabzüge von 17 Originalfotos, die Hermann Fietz zwischen 1896 und 1901 zur Dokumentation der Arbeiten selbst aufnahm.[5]
Das «Sammlungsgebäude» im Alten Botanischen Garten, das heute das Völkerkundemuseum der Universität Zürich beherbergt, wurde 1898 unter Fietz’ Leitung um einen Hörsaaltrakt erweitert und um ein Stockwerk erhöht.[6]
Nach seinen Plänen wurde in den Jahren 1914 bis 1917 Zentralbibliothek Zürich (ZB Zürich) errichtet. Gemeinsam mit deren erstem Direktor Hermann Escher veröffentlichte Fietz 1919 im «Art. Institut Orell Füssli» ein Buch mit dem Titel Entstehungsgeschichte und Baubeschreibung der Zentralbibliothek Zürich.
Fietz beriet auch Kirchengemeinden und leitete Renovationsarbeiten an und in Kirchengebäuden, so in der Reformierten Kirche Meilen.[7] Lange Jahre war er auch für Pflege und Erhaltung der Gebäude der ehemaligen Benediktinerabtei Kloster Rheinau zuständig. Er fertigte auch Entwürfe für Orgelprospekte für Neubauten der in seinem Heimatort Männedorf ansässigen Orgelbaufirma Kuhn, so für die Reformierte Kirche in Turbenthal[8] oder für die Orgel der Reformierten Kirche in Russikon.[9]
Wegen seiner grossen Verdienste um die Restauration von zahlreichen Kirchengebäuden im Kanton Zürich ehrte ihn die Universität Zürich anlässlich seines 60. Geburtstags am 30. April 1929 durch die Verleihung der Ehrendoktorwürde.
Hermann Fietz war ein begeisterter Fotograf. Die Neue Zürcher Zeitung würdigte dies 2008 in einem Artikel mit den Worten «Seiner Leidenschaft ist es zu verdanken, dass die fotografische Dokumentation des Kantons bereits 100 Jahre zurückreicht. Das Fotoarchiv der Denkmalpflege ist ein wahrer Bilderschatz und eine wichtige Quelle.»[10]
Fietz war mehr als 30 Jahre lang Mitglied und zuletzt Präsident der Aufsichtskommission der Schweizerischen Frauenfachschule Zürich.[11]
Gemeinsam mit Friedrich Hegi-Naef war Fietz ursprünglicher Anreger und tatkräftiger Förderer des Bestrebens, «alle Denkmäler der Baukunst im Kanton systematisch in Bild und Wort festzuhalten». Sein Sohn Hermann führte dieses von seinem Vater begonnene Projekt fort und gab 1938 und 1943 zwei Bände der Reihe «Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich» heraus.
Andenken
Fietz’ ältester, gleichnamiger Sohn (1898–1977, «Hermann Fietz der Jüngere»), war ebenfalls Architekt, zudem Kunst- und Architekturhistoriker. Auf Anregung seines Vaters schrieb er eine Monographie zum Thema Der Bau der Klosterkirche von Rheinau. Eine Darstellung zur Geschichte der Bau Wirtschaft und Bautechnik zu Anfang des 18. Jahrhunderts und reichte diese 1932 als Promotionsarbeit bei der ETH Zürich ein.[12] Diese Arbeit widmete er dem Andenken an seinen Vater.
Ausstellungen
Die Graphische Sammlung der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich zeigte 1931 die Ausstellung «Architektur- und Landschaftsskizzen von Kantonsbaumeister Dr. h. c. Hermann Fietz (1869–1931)».[13]
Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums ihrer Eröffnung zeigte die Zentralbibliothek Zürich vom 13. Dezember 2016 bis zum 2. September 2017 im Themenraum «Turicensia» die Ausstellung «100 Jahre im Zentrum». Neben Entwurfszeichnungen, Ansichten und Schnitten aus den Bauplänen, die Hermann Fietz der Baudirektion im Frühjahr 1914 vorgelegt hatte, wurden auch der Öffentlichkeit weitgehend unbekannte Fotografien zu den Bauarbeiten aus den Jahren 1914 bis 1917 ausgestellt.[14]
Auszeichnungen und Ehrungen
- 1929: Ehrendoktorwürde der Universität Zürich
Werke
Bekannte Bauwerke (Auswahl)
- Wohnsiedlung «Eigen-Heim»
- Polizeikaserne
- Strafanstalt Regensdorf
- Hörsaaltrakt des Sammlungsgebäudes (heute Völkerkundemuseum der Universität Zürich) beim Alten Botanischen Garten (1898)
- Zentralbibliothek Zürich (1914–1917)
- Zwinglis Geburtshaus, Wildhaus (1897)
Zeichnungen
- Schloss Thierstein bei Büsserach Ct Solothurn (Link zum Digitalisat bei der ZB Zürich)
- Birseck Laufgang (Link zum Digitalisat bei der ZB Zürich)
Veröffentlichungen (Auswahl)
- Schriften
- Die neue Polizeikaseren des Kantons Zürich. Zürich 1902.
- Ideen-Konkurrenz zur Erlangung von Entwürfen für ein Bezirksgebäude in Zürich III. Hochbauamt des Kantons Zürich, Zürich 1910, OCLC 611250959.
- Neubau für die Kantonsschule und das Chemische Universitäts-Laboratorium Zürich. J. Frey, Zürich 1911, OCLC 80213462.
- Die Kirche in Maschwanden: Denkschrift zur Erneuerung des Innern a.d. 1918. Kirchenpflege, Zürich 1918, OCLC 696025911.
- mit Hermann Escher: Entstehungsgeschichte und Baubeschreibung der Zentralbibliothek. In: Neujahrsblatt, Nr. 3, herausgegeben von der Zentralbibliothek Zürich, Zürich 1918, 51 S.
- mit Hermann Escher: Entstehungsgeschichte und Baubeschreibung der Zentralbibliothek Zürich. Art. Institut Orell Füssli, Zürich 1919.
- Skizzenbuch-Blätter aus dem Tessin. Mit einem Vorwort von Giuseppe Motta. Polygraphisches Institut A.-G., Zürich 1919, 31 S.
- Postkarten
- Zürcher Heimatschutz-Postkarten. Serie 1, Bauernhäuser (6 Postkarten in Rastertiefdruck), Natur- und Heimatschutz-Kommission, Zürich 1918, OCLC 80582904.
Literatur
- Hermann Balsiger: Gedenkrede auf Herrn Dr. h.c. Hermann Fietz, zürcher. Kantonsbaumeister : geb. 30. April 1869, gest. 24. Januar 1931. Hrsg.: Verband zum Schutze des Landschaftsbildes am Zürichsee, Zürich 1931, OCLC 891253482 (Separatabdruck aus der Zürichsee-Zeitung).
- Thomas Müller: Hermann Fietz: Architekt, Zeichner, Heimatschutzpionier. In: Zolliker Jahrheft 2022, S. 66–85
Weblinks
- „Architektur- und Landschaftsskizzen von Kantonsbaumeister Dr. h. c. Hermann Fietz (1869–1931)“ Fotos und Zeichnungen von H. Fietz in der Graphischen Sammlung der ZB Zürich
- Nachruf in «Schweizer Heimatschutz», 1931
- Hermann Fietz: Die Wiederenteckung eines Kulturschatzes auf YouTube
Einzelnachweise
- ↑ Thomas Müller: Hermann Fietz, Architekt, Zeichner und Heimatschutzpionier. In: Zolliker Jahrheft 2022 S. 66–85
- ↑ Thomas Müller: Hermann Fietz, Architekt, Zeichner und Heimatschutzpionier. In: Zolliker Jahrheft 2022 S. 66–85
- ↑ Todesanzeige in der NZZ vom 25. Januar 1931, Ausgabe 2
- ↑ NZZ vom 28. Januar 1931, Nr. 3.
- ↑ Zwingli’s Hütte in Wildhaus / Aufnahmen von H. Fietz. Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung, 2017, abgerufen am 16. September 2022 (17 Originalfotos von Hermann Fietz).
- ↑ Zürcher Denkmalpflege. 9. Bericht. I. Teil. 1977, S. 294 (Digitalisat [PDF]).
- ↑ Zürcher Denkmalpflege. 9. Bericht. I. Teil. 1977, S. 157
- ↑ Zürcher Denkmalpflege. 16. Bericht. 2001 (Digitalisat [PDF]).
- ↑ Zürcher Denkmalpflege. 9. Bericht. I. Teil. 1977, S. 157 (Digitalisat [PDF]).
- ↑ Der Bilderschatz der Stadtbaumeister. In: nzz.ch. 20. Juli 2008, abgerufen am 16. September 2022.
- ↑ Todesanzeige in der NZZ vom 26. Januar 1931, Nr. 151.
- ↑ Hermann Fietz [d. J.]: Der Bau der Klosterkirche von Rheinau. Dissertation. In: ETH Zürich. 1932 doi:10.3929/ethz-a-000099281.
- ↑ Ausstellungen Archiv – Graphische Sammlung ETH Zürich. In: gs.ethz.ch. Abgerufen am 16. September 2022.
- ↑ Ausstellungen. In: zb.uzh.ch. 2017, abgerufen am 16. September 2022.