Hermann Busse (Archäologe)
Hermann Busse (* 26. Februar 1846 in Treuenbrietzen; † 27. Februar 1920 in Woltersdorfer Schleuse) war ein deutscher Seifenfabrikant und Archäologe, der besonders in Brandenburg tätig war. Obwohl er keine akademische Ausbildung genossen hatte, entwickelte er sich zu einem angesehenen Ausgräber, insbesondere von Gräberfeldern, war Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Gesellschaften und hatte engen Kontakt mit führenden Altertumsforschern seiner Zeit.
Leben
Hermann Busse besuchte die Schule in seinem Geburtsort Treuenbrietzen und lernte dort von seinem Vater den Beruf des Seifensieders. Als solcher war er in Berlin, Köln, Andernach und Elberfeld tätig. Die letztem 31 Jahre seines Berufslebens verbrachte er in der Seifenfabrik Heinrich Keibes in Berlin, zuletzt (bis zur Auflösung des Betriebes im Jahr 1903) als technischer Leiter. Während seiner Zeit in Berlin gehörte er dem Aufsichtsrat der Bank Alt-Berlin an und engagierte sich im Vorstand des Vereins gegen Verarmung sowie im Waisenrat (einer Institution der Jugendfürsorge).[1][2]
Hermann Busse war mit Helene Kühn verheiratet. Seit 1903 wohnte das Ehepaar auf dem Schleusenberg an der Schleuse Woltersdorf, wo sich Busse im Vorstand des dortigen Verschönerungsvereins engagierte. Außerdem war er Schöffe am Amtsgericht Rüdersdorf (damals Amtsgericht Kalkberge-Rüdersdorf).[1] In seinem Landhaus in der Buchhorster Straße 4 hatte er eine große Sammlung von Ausgrabungsgegenständen angelegt, die einen Grundstock für das Heimatmuseum Woltersdorf wurden. Der Erste Weltkrieg hatte ihn durch Mangelernährung körperlich, aber auch psychisch mitgenommen, Ende 1919 wurde er bettlägrig und verstarb schließlich einen Tag nach seinem 74. Geburtstag.[2] Seine Witwe heiratete später den Ortschronisten Max Haselberger und setzte seine Forschungsarbeit teilweise fort.[3]
Wissenschaftliche Tätigkeit
Wie sich Busses Interesse an der Ur- und Frühgeschichte herausbildete ist nicht bekannt. Seit 1883 führte er Ausgrabungen in Brandenburg durch, üblicherweise in Kooperation mit dem Märkischen Museum, welchem er den Großteil seiner Funde stiftete (und für das er zeitweilig als Bezirkspfleger fungierte[4]). 1886 trat er der dem Verein für die Geschichte Berlins bei, bis zu seinem Lebensende gehörte er dessen „Achtzehner-Ausschuss“ an. Der Verein würdigte Busses Wirken durch Verleihung der Fidicin-Medaille in Bronze (1911) und Silber (1912). Letztere ist die de facto höchste Auszeichnung des Vereines, die Medaille in Gold erhielt nur der Namenspate Ernst Fidicin selbst.[5] 1894 wurde Busse Mitglied der Berliner Anthropologischen Gesellschaft, wo er seine Grabungsergebnisse in zahlreichen Vorträgen und Aufsätzen präsentierte, außerdem war er Mitglied und Vortragender bei der Niederlausitzer Gesellschaft für Anthropologie und Altertumskunde. Mitte der 1890er-Jahre kam Hermann Busse in Kontakt mit Gustaf Kossinna, dem er in weiterer Folge freundschaftlich verbunden war. 1909 gehörte Busse zu den Mitbegründern von Kossinas Deutscher Gesellschaft für Vorgeschichte (DGV), in deren Zeitschrift Mannus er einige seiner Forschungsergebnisse publizieren konnte. Außerdem war er in der DGV Mitglied des Vorstands sowie des Ausschusses für den Bezirk Brandenburg.[2] Ein lokaler Schwerpunkt von Busses Tätigkeit war das Umfeld seines Wohnortes in Woltersdorf, wo er mehrere Gräberfelder beforschte. Sein Privathaus entwickelte sich zu einem sehenswerten Museum, diese Sammlung war 1934 Anlass für die Gründung des Heimatmuseums Woltersdorf.[4] Um 1940 gab es Pläne, das Museum als riesiges „Haus der Heimat“ („Weiheraum germanischer Kultur“) auszubauen, die Umsetzung scheiterte kriegsbedingt.[6] Im Dezember 1943 wurden das Museumsgebäude und seine Sammlung durch eine Brandbombe schwer in Mitleidenschaft gezogen.[7]
Im Lauf seines Lebens soll Busse rund 2000 Urnen ausgegraben haben.[4] Einer seiner Funde erhielt im 20. und 21. Jahrhundert wiederholte Aufmerksamkeit auch abseits der archäologischen Forschung: Im August 1896 fand er im Gräberfeld von Wilmersdorf einen verschlossenen Topf, der nur zur Hälfte mit feinem Sand gefüllt war, wo also über die Jahrhunderte kaum Material eingedrungen war. Nach dem Trocknen entdeckte er im Sand dunklere Teilchen, er flotierte die Masse (d. h. separierte durch Wasser die schwimmfähigen Bestandteile) und bestätigte so, dass es sich dabei um Pflanzenreste handeln müsse. Diese legte er dem Botaniker Ludewig Wittmack zur Bestimmung vor, welcher feststellte, dass es sich um Frucht- und Samenschalen von Hanf sowie Fragmente nicht genau bestimmbarer Blätter handelte.[8] Dieser Fund, der auf das 5. Jahrhundert vor Christus datiert wird, wurde vor allem seit den 1960er-Jahren als ältester Beleg für die Nutzung von Hanf in Nordeuropa rezipiert.[9][10][11]
Hermann Busses Grabungen konzentrierten sich auf die damaligen Kreise Niederbarnim, Beeskow-Storkow und Lebus und behandelten vor allem Gräberfelder, aber auch Siedlungsstellen wie den Burgwall Körzin. In einer Würdigung anlässlich seines 70. Geburtstages werden seine Forschungen an folgenden Gräberfeldern betont:[12]
- Gräberfeld von Wilmersdorf (heute Gemeinde Rietz-Neuendorf)
- Gräberfeld von Woltersdorf[13]
- Gräberfeld vom Großen Reiherwerder
- Gräberfeld von Gielsdorf
- Gräberfeld von Schmetzdorf (Funde im Provinzialmuseum Halle a. d. Saale)
- Gräberfeld von Wilhelmsau (heute Gemeinde Rüdersdorf bei Berlin)
- Gräbefeld von Diensdorf (heute Gemeinde Diensdorf-Radlow; „von dessen 1000 Gefäßen 460 wiederhergestellt werden konnten“; umfassende Publikation 1916 noch ausständig).
- Gräberfeld von Radlow (heute Gemeinde Diensdorf-Radlow; „wo 515 Gefäße festgestellt und 260 bis jetzt wiederhergestellt werden konnten“; umfassende Publikation 1916 noch ausständig)
- Gräberfeld von Rüdersdorf (heute Gemeinde Rüdersdorf bei Berlin; umfassende Publikation 1916 noch ausständig)
In seinem Nachruf auf Hermann Busse würdigt Gustaf Kossina seinen Freund als einen Ausgräber, „der nicht wie manche andere das Ausgraben als Raubbau trieb, aus Sammelwut oder gar aus Händlergeist, sondern in streng wissenschaftlichem Geiste, nur um der Forschung zu dienen. Er störte nicht mutwillig die Grabesruhe unserer Ahnen, sondern suchte das Wenige, was von ihnen heute noch übrig ist, zu retten, ehe der fortschreitende Straßenbau oder der immer tiefer und weiter greifende Pflug diese Reste der Vernichtung preisgab.“[2]
Veröffentlichungen
Ein geordnetes Verzeichnis von Hermann Busses zahlreichen Veröffentlichungen scheint nicht zu existieren. Die im Folgenden gelisteten Texte sind eine kleine Auswahl mit Fokus auf die im vorherigen Abschnitt genannten Forschungen.
- Märkische Fundstellen von Alterthümern. In: Zeitschrift für Ethnologie. Band. 27, 1895, S. 454–456 (Digitalisat).
- Das frühgermanische Gräberfeld von Wilmersdorf, Kreis Beeskow-Storkow. In: Mittheilungen des Vereins für die Geschichte Berlins. 13. Jahrgang, 1896, S.. 57 (Digitalisat)
- Pflanzenreste in vorgeschichtlichen Gefässen. In: Zeitschrift für Ethnologie. Band. 29, 1897, S. 223–225 (Digitalisat).
- Gruben mit Hockerbestattung und Flachgräber auf dem großen Reiherwerder im Tegeler See, Kr. Nieder-Barnim. In: Prähistorische Zeitschrift Nr. 2, 1910, S. 66–78.
- Neue und ältere Ausgrabungen von vorgeschichtlichen Einzelfunden, Gräberfeldern und Wohnplätzen bei Woltersdorf, Kreis Nieder-Barnim. In: Zeitschrift für Ethnologie. Band. 43, 1911, S. 436–501 (Digitalisat).
- Das Latène-Gräberfeld bei Schmetzdorf, Kreis Jerichow II, Provinz Sachsen In: Mannus. Band. 4, 1912, S. 233–270 (Digitalisat).
- Neue Ausgrabungen auf dem Brandgrubengräberfelde der spätrömischen Kaiserzeit bei Wilhelmsau in Kreise Nieder-Barnim, Prov. Brandenburg. In: Mannus. Band. 5, 1913, S. 59–74 (Digitalisat).
- Ein Gräberfeld der Bronzezeit bei der Gielsdorfer Mühle im Kreise Ober-Barnim, Provinz Brandenburg. In: Mannus. Band 5, 1913, S. 249–264 (Digitalisat).
- Über Ausgrabungen bei Radlow am Scharmützelsee im Kreise Beeskow-Storkow und ein Siebgerät von dort. In: Zeitschrift für Ethnologie. Band. 47, 1915, S. 60–64 (Digitalisat).
Literatur
- Gustav Kossina: Hermann Busse †. In: Mannus. Band 11/12. Curt Kabitzsch Verlag, Leipzig 1920, S. 429–431 (archive.org).
- Nachruf. In: Sächsische Staatszeitung, Beilage zu Nr. 53, Freitag, 5. März 1920. (Spalte 1 unten bis Spalte 2 oben).
Weblinks
- Hermann Busse in Woltersdorf querbeet (archiviert).
Einzelnachweise
- ↑ a b Max Haselberger: Woltersdorf. Die 700jährige Geschichte eines märkischen Dorfes. 1931, S. 97.
- ↑ a b c d Gustav Kossina: Hermann Busse †. In: Mannus. Band 11/12. Curt Kabitzsch Verlag, Leipzig 1920, S. 430.
- ↑ Helene Haselberger (verw. gew. Busse): Woltersdorf - Die 700jährige Geschichte eines märkischen Dorfes. Kapitel I. 1931, S. 7 ff.
- ↑ a b c Hermann Busse (1847 – 1921) ( vom 24. März 2016 im Internet Archive)
- ↑ Empfänger der Fidicin-Medaille. In: diegeschichteberlins.de. Verein für die Geschichte Berlins, abgerufen am 26. Dezember 2025.
- ↑ Woltersdorf (Kr. Niederbarnim): Haus der Heimat, Erweiterungsprojekt (Vorentwurf). In: berlin.museum-digital.de. Landesgeschichtliche Vereinigung für die Mark Brandenburg e.V., archiviert vom am 26. Februar 2025; abgerufen am 26. Dezember 2025.
- ↑ Historie des Museums. In: woltersdorferverschoenerungsverein.de. Abgerufen am 26. Dezember 2025.
- ↑ Pflanzenreste in vorgeschichtlichen Gefässen. In: Zeitschrift für Ethnologie. Band. 29, 1897, S. 223–225
- ↑ W. Reininger: Remnants from prehistoric times. In: George Andrews (Hrsg.): The Book of Grass. An Anthology of Indian Hemp. Grove Press, New York 1967, S. 15 (archive.org).
- ↑ Ernest L. Abel: Marihuana. The first Twelve Thousand Years. Springer, 1980, ISBN 978-0-306-40496-2, S. 61.
- ↑ Robert Clarke, Mark Merlin: Cannabis: Evolution and Ethnobotany. University of California Press, Berkeley, California 2016, ISBN 978-0-520-29248-2, S. 206.
- ↑ IV. Nachrichten. In: Mannus. Band 8. Curt Kabitzsch Verlag, Würzburg 1916, S. 363 (archive.org).
- ↑ Max Haselberger: Woltersdorf. Die 700jährige Geschichte eines märkischen Dorfes. 1931, S. 7ff.