Herbertstraße – Geschichte einer Domina

Film
Titel Herbertstraße – Geschichte einer Domina
Produktionsland Deutschland
Originalsprache Deutsch
Erscheinungsjahr 2025
Länge 3 × 45 Minuten
Altersfreigabe
Stab
Regie Peter Dörfler
Drehbuch Peter Dörfler
Manuela Freitag (Literarische Vorlage)
Produktion Nanni Erben
Gunnar Juncken
Henning Wagner
Musik Bernd Schultheis
Kamera Mathias Schöningh
Schnitt Martin Menzel
Besetzung

Herbertstraße – Geschichte einer Domina ist eine dreiteilige ZDF -Dokudramaserie aus dem Jahr 2025 über Manuela Freitag. Sie war zu diesem Zeitpunkt die dienstälteste Domina Deutschlands und hatte über drei Jahrzehnten dort als Domina gearbeitet.[1] 2021 erschien das zugrundeliegende autobiografische Buch von Manuela Freitag mit Olaf Köhne und Peter Käfferlein Herbertstraße: Kein Roman.[2]

Hintergrund

Vordergründig ist die Geschichte von Manuela Freitag eine Mischung aus True Crime und Coming of Age. Aufgewachsen ohne leibliche Eltern, von Pflegeeltern und in Heimen großgezogen, wird Manuela früh Opfer von Missbrauch und gierigen Zuhältern. Doch am Ende siegt ihr Wille nach Unabhängigkeit: Sie schafft es, einen Platz als Domina in der berühmt-berüchtigten Hamburger Herbertstraße zu erobern. Trotz Stigmatisierung ihres Berufsstandes gelingt es ihr, ihre Würde zu wahren. Dass es ihr nach Tiefschlägen immer wieder geglückt ist, auf die Füße zu kommen, schildert Manuela lebendig, oft witzig und voller Stolz, manchmal mit Wehmut.

Neben Manuelas Biografie verhandelt die Dokuserie auch ein Stück Zeitgeschichte. Sie gibt Einblicke in den Umgang der Gesellschaft mit Prostitution und Sexarbeit, und immer schwingt die Frage mit, ob das angeblich älteste Gewerbe der Welt mit einem humanistischen Menschenbild in Einklang zu bringen ist.

Aufwändige Spielszenen und Archivmaterial machen die dramatische Geschichte von Manuela Freitag und ihrer Weggefährtinnen und Weggefährten auf der Reeperbahn spannend und miterlebbar.

Handlung

Teil 1: „Rebellion“

Manuela Freitag verbringt ihre ersten Lebensjahre bei einer Pflegefamilie in Bremen und ahnt nicht, dass dies nicht ihre leiblichen Eltern sind. Oft seien sie überfordert gewesen: „Sie hatten wenig Zeit mir irgendwie das zu geben, was ich als Kind gebraucht hätte.“ Dennoch bricht für die kleine Manuela eine Welt zusammen, als sie eines Tages abgeholt und in einem Heim untergebracht wird. Warum sie damals aus ihrem Zuhause gerissen wurde, darauf hat Manuela bis heute keine Antwort. Das Gebäude, in dem sie damals untergebracht war, steht noch. Doch alle Unterlagen über ihren früheren Aufenthalt sind verschwunden. Manuela erinnert sich, wie sich damals der Schmerz in Wut verwandelte: „Ich war ein Teufel als kleines Kind, natürlich, aber das hat mich ja alles aggressiver gemacht“. Der Wunsch nach Liebe und Zugehörigkeit, versteckt in unkontrollierten Wutausbrüchen – damit sind Erzieher und Betreuer überfordert. Statt Manuelas Verhalten als Hilfeschrei zu verstehen, reagieren sie mit Strenge und Repression. Als Manuela eingeschult wird, erlebt sie auch bei Gleichaltrigen Zurückweisung. Um schließlich akzeptiert zu werden, nimmt sie Schmerzen in Kauf, lässt sich beim Indianerspiel fesseln und mit Pfeilen beschießen. „Mir war es egal, welchen Preis ich dafür zahle – Hauptsache, sie spielen mit mir“. Als Jugendliche glaubt sie, in ihrem Betreuer die große Liebe gefunden zu haben und erlebt eine bittere Enttäuschung. Er verführt Manuela, verliert aber schon bald das Interesse an ihr. Dass er sie als Schutzbefohlene schlicht missbraucht hat, wird Manuela erst viel später klar. Immer häufiger büxt sie aus und macht zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem Straßenstrich in Bremen, wo auch Minderjährige „anschaffen“. „Da hat niemand gefragt: Wer bist du, woher kommst du“, erinnert sich Manuela. Als sie selbst zu ihrem ersten Freier ins Auto steigt, denkt sie nur: „Danach kann ich eine Cola trinken, danach kann ich mir eine Hose kaufen …“ Die Furcht, erwischt zu werden, ist ihr ständiger Begleiter, denn sie ist ja noch minderjährig. Inzwischen wohnt Manuela nicht mehr im Heim, sondern in einer Wohngruppe, wo sie regelmäßig von ihrem gesetzlichen Vormund, Herrn Bernd, aufgesucht wird. Von ihm erfährt sie, dass sie von ihren vermeintlichen Eltern adoptiert wurde und ihre leibliche Mutter direkt nach der Geburt aus dem Krankenhaus verschwand. Prostituierte sei sie gewesen, auf St. Pauli: „Ich wollte wissen, woher ich komme. Ich musste meine Mutter irgendwie finden.“

Teil 2: „Rotlichtmilieu“

„Jede Prostituierte in der Herbertstraße hat eine Geschichte, die sie dahin gebracht hat“, so das Resümee von Manuela Freitag heute. Ein Teil ihrer Geschichte ist die Suche nach ihrer Mutter. Immer wieder trampt sie damals von Bremen nach Hamburg, durchstreift den Kiez, fragt nach bei Prostituierten – vergeblich. Sie schläft bei Fremden und in Hauseingängen, wird mehrmals von der Polizei aufgegriffen und zurückgeschickt. Erst als sie das Telefonbuch nach ihrem Nachnamen durchforstet und tagelang alle „Freitags“ abtelefoniert, wird sie fündig. Es gibt einen Großvater und endlich ein Foto ihrer Mutter. Doch die ist mittlerweile tot. Bremen, Ende der 1970er Jahre. Manuela, noch minderjährig, geht anschaffen und glaubt sich bei einem Zuhälter sicher vor dem Zugriff von Polizei und Jugendamt. Ein fataler Fehler – der Mann sperrt sie ein, ist ein Schläger und Vergewaltiger und einer, der gestrandete Mädchen wie sie ausbeutet. Erst der 18. Geburtstag bringt Manuela scheinbar „Freiheit“. Ihr Ziel: Hamburg, die Reeperbahn. „Club Sheila“ und „Club 88“ sind die angesagten Diskos, hier verkehren viele Zuhälter. „Sie sahen gut aus, trugen lange Haare, waren schick angezogen, eben Hingucker“, erinnert sich Esther Lindemann, damals Revierpolizistin auf St. Pauli. Die Schönlinge waren Meister im Anbaggern und Vortäuschen von Liebe. Doch wer in die Honigfalle tappte, entkam den Zuhältern kaum: „Man darf seinen Luden nicht verraten“, so das Gesetz im Milieu, wer dagegen verstieß, bekam eine brutale Seite der Machos zu spüren. Nicht selten retteten sich verprügelte Frauen aufs Revier von Esther Lindemann. Manuela dagegen konnte sich mit ihrem Zuhälter einigen. 10.000 Mark „Abstecke“ war der Preis für ihre Unabhängigkeit, sie arbeitet fortan in die eigene Tasche. Bis sie einen Entschluss fasst. Ein normales Leben führen, aussteigen, nicht mehr anschaffen gehen. Sie bewirbt sich auf einen Aushang: „Putzhilfe gesucht“.

Teil 3: „Reifeprüfung“

„Ich war pflastermüde, wollte mal was anderes machen“, doch Manuelas Vorsätze für ein normales Leben halten nicht lange. Den Putzjob schmeißt sie hin, landet wieder auf der Straße.Doch der Kiez hat sich verändert: „Es kam die furchtbare Krankheit Aids, die Freier hatten Angst, sich anzustecken“, erklärt die ehemalige Revierpolizistin Esther Lindemann. Das Geschäft mit dem Sexkauf bricht ein. Die Zuhälter suchen nach einem zusätzlichen Einkommen. Kokain, „die weiße Dame“, erobert die Straße. Mit den Drogen eskaliert die Gewalt auf dem Kiez. „Wenn es Schwierigkeiten gab, wurde das leider nicht mehr per Boxkampf geregelt“, erzählt Lindemann. Es kam zu Schießereien und Toten auf St. Pauli. Auch Manu greift damals zum weißen Pulver, „lässt im Kopf die Lampen angehen“, wie sie zurückblickend sagt. Ihre Arbeitssituation hat sich massiv verbessert: Ein eigenes Schaufenster in der Herbertstraße ist für sie ein „Sechser im Lotto“. Sie legt sich ein neues Image zu, wird Domina. „Prostitution ist für mich ein Beruf wie jeder andere“, sagt Manu heute, „ich arbeite freiwillig“. Doch wie freiwillig kann Prostitution sein? Das fragt Huschke Mau, Aktivistin und Befürworterin des „nordischen Modells“. In Schweden ist nicht die Prostitution verboten, sondern der Sexkauf. Dieser sei ein klarer Verstoß gegen die Menschenwürde, so die Argumentation. Bestraft werden in Schweden nur die Profiteure der Prostitution: Freier, Zuhälter, Bordellbetreiber. Die Sexarbeiterinnen dagegen bleiben straffrei. In Deutschland ist Prostitution grundsätzlich legal, solange sie freiwillig von volljährigen Personen ausgeübt wird. Seit 2017 regelt das Prostituiertenschutzgesetz die Rechte und Pflichten von Prostituierten und Bordellbetreibern. Damit, so die Kritik von Huschke Mau, werden „Bordellbesuche als normaler Teil männlicher Sexualität akzeptiert, was Frauen zu käuflichen Objekten degradiert“. Im Hamburg der 1990er-Jahre kann sich Manu einen sehnlichen Wunsch erfüllen. Sie findet einen Partner, wird Mutter eines Sohns. Die Beziehung scheitert. Als das Kind vier ist, setzt sie den Vater vor die Tür, zieht den Kleinen alleine groß. Ihr Sohn ist ihr ganzer Stolz. „Meine Kindheit war ein Kampf“, sagt Manu, „hätte ich Vertrauen gehabt zu jemand, der hätte mich an der Hand genommen – und ich wäre jetzt Ärztin oder Richterin oder was auch immer, dann wäre ich das! Aber ich bin nun mal eine Prostituierte.“

Ausstrahlung in Deutschland

Die Serie hatte am 3. November 2025 Premiere im Streaming-Portal des ZDF. Deutsche TV-Premiere aller drei Teile war am 9. November 2025 im ZDF.

Kritiken

„Für Manuela Freitag war es am Ende des Tages immer ein Beruf wie jeder andere auch. Die Dokureihe gibt ihr und allen Sex-Arbeiterinnen eine eindringliche Würde.“

Der Tagesspiegel[3]

Herbertstraße – Geschichte einer Domina ist keine klassische Milieustudie, sondern ein Stück Zeitgeschichte über Ausbeutung, Würde und Selbstbehauptung. In Zeiten, in denen erneut über ein Freierverbot diskutiert wird, zeigt diese Doku, wie vielschichtig und widersprüchlich das Leben in der Sexarbeit tatsächlich ist.“

Literatur

Der Film basiert auf der Autobiografie von Manuela Freitag.

  • Herbertstraße: Kein Roman.[5]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. t-online.de: Eine Doku über Würde im Rotlicht. Abgerufen am 11. November 2025 (deutsch).
  2. Manuela Freitag, Olaf Köhne und Peter Käfferlein: Herbertstraße: kein Roman. Edel Books, Hamburg 2021, ISBN 978-3-8419-0743-1
  3. Rotlichtmilieu: Domina in der Herbertstraße - Porträt einer Überlebenden. In: tagesspiegel.de. Abgerufen am 15. Januar 2025.
  4. t-online.de: Eine Doku über Würde im Rotlicht. Abgerufen am 11. November 2025 (deutsch).
  5. Manuela Freitag, Olaf Köhne und Peter Käfferlein: Herbertstraße: kein Roman. Edel Books, Hamburg 2021, ISBN 978-3-8419-0743-1