Heraion von Argos

Das Heraion von Argos (griechisch Ηραίον Άργους) war im Altertum eines der wichtigsten Heiligtümer der Hera in Griechenland. Die Ruinen liegen auf der Peloponnes zwischen den mykenischen Orten Mykene und Midea nordöstlich der Stadt Argos.

Lage

Das Heraion von Argos wurde auf dem 152 m hohen Ausläufer Akraia (altgriechisch Ἀκραία = auf der Höhe) am südlichen Fuß des Berges Aetovouno errichtet. Der etwas östlicher gelegene Berg Profitis Ilias wurde in der Antike Euböa (altgriechisch Εὔβοια = das rinderreiche) in Erinnerung an das heilige Tier der Göttin Hera genannt. Nördlich und westlich des Heiligtums verläuft das Bachbett des Revma tou Kastrou (griechisch Ρεύμα του Κάστρου = Burgbach), dem antiken Eleutherion (altgriechisch Ἐλευθέριων = Unabhängigkeit), und östlich des Glykia (griechisch Γλυκιά = Süße), dem antiken Asterion (altgriechisch Ἀστέριον = Stern).

Das Heraion lag in zentraler Lage zu den wichtigsten antiken Stätten in der Argolis, 4,5 km südlich von Mykene,[1] 6,5 km nordöstlich von Argos,[2] 10,5 km nördlich von Tiryns, 13 km nördlich von Nafplio und 7,5 km nordwestlich von Midea.

Beschreibung

Mit dem Heiligtum verbunden ist die Geschichte der beiden Brüder Kleobis und Biton, die sich wie Ochsen vor den Wagen ihrer Mutter spannten, um sie rechtzeitig zum Hera-Fest zu bringen, worauf sie nach getaner Arbeit einschliefen und nicht mehr aufwachten, weil ein Tod am Zenit des Lebens der größte Lohn für den Menschen sei.[3]

Das Heiligtum liegt nordöstlich der Stadt Argos, etwa zwei Kilometer nördlich des heutigen Dorfes Neo Ireo (Νέο Ηραίο, vormals Chonikas, Χώνικας). Die unterschiedlichen Bauten des Heiligtums erstrecken sich über insgesamt drei Terrassen, wobei sich die bauliche Entwicklung des Heiligtums sukzessive von oben nach unten vollzog.[4] Von den meisten Bauten haben sich nur die Fundamente erhalten, aufragende Baureste bilden vor allem die hangseitigen Rückwände bzw. die Terrassenmauern. Da im Verlauf der umfangreichen Ausgrabungen im ausgehenden 19. Jh. kein stratifiziertes Fundmaterial dokumentiert wurde, beruht die Chronologie der Bauwerke maßgeblich auf Beobachtungen an den erhaltenen Baubefunden selbst. Der ältere, archaische Tempel lag zum Zeitpunkt seiner Errichtung auf einer weithin sichtbaren Terrasse. Von diesem Bau sind nur geringe Reste des Stylobats erhalten, die erkennen lassen, dass er einer der ersten Tempel mit einer umlaufenden Säulenstellung war. Dieser Bau wurde 423 v. Chr. durch einen Brand zerstört.[5] Ebenfalls noch in archaischer Zeit, d. h. im 6. Jh. v. Chr. wurden unterhalb des älteren Tempels auf der mittleren Terrasse eine Säulenhalle sowie ein rechteckiger Saalbau mit innerer Säulenstellung errichtet. Noch vor Mitte des 5. Jhs. v. Chr. ist eine umfassende Neuplanung des Heiligtums nachweisbar, bei der die Bauten der mittleren Terrasse durch eine Stufenanlage zusammengeschlossen wurden. Der hier gelegenen Nordhalle wurden aus diesem Anlass zwei zusätzliche Stufen vorgelegt, nachdem das Laufniveau der mittleren Terrasse abgesenkt worden war.[6]

Nachdem der ältere Tempel durch den Brand zerstört worden war, errichtete man wohl in den Jahren 420–410 v. Chr. auf der mittleren Terrasse einen neuen Tempel. Der kaiserzeitliche Schriftsteller Pausanias überliefert, dass dieser Bau von dem Architekten Eupolemos geplant worden sei.[7] Der jüngere, klassische Tempel hatte eine umlaufende Säulenhalle (Peristase) von 12 × 6 dorischen Säulen, der Stylobat wies eine Kurvatur auf. Einzelne Fragmente lassen erkennen, dass in den Metopen eine Amazonomachie dargestellt war.[8] An der Ostfront des Tempels führte eine Rampe auf den hier gelegenen Altar zu, der die Form eines Triglyphenaltars hatte.

In der Cella stand eine Statue der Göttin Hera aus Gold und Elfenbein, geschaffen von Polyklet.[9] Die aufwendige, chryselephantine Technik des Kultbildes lässt vermuten, dass die Statue der Hera in Konkurrenz zu vergleichbaren Götterbildern wie der Zeus-Statue in Olympia sowie der Athena Parthenos des Phidias in Athen entstand. Eine breite Freitreppe führte von Süden von der unteren auf das Niveau der mittleren Terrasse und damit zum Altar.

Wohl im Zusammenhang mit dem jüngeren Tempel wurde auf der unteren Terrasse eine weitere Säulenhalle errichtet, die sogenannte Südhalle. Weiter westlich errichtete man wohl gegen 400 v. Chr. mit dem sog. `West Building´ einen Hofbau aus wiederverwendeten Baugliedern eines unbekannten archaischen Baus.[4] Die einzigen drei Räume des `West Building´ dienten zur Aufstellung von Klinen.[10] Der Bau bildet damit ein frühes Beispiel für ein Bankettgebäude in einem griechischen Heiligtum.[11]

Nachklassische Bauten im Bereich des Heiligtums umfassen u. a. eine Badeanlage im Westen. Noch die Kaiser Nero[12] und Hadrian beehrten das Heraion mit Geschenken.

Der Geschichtsschreiber Hellanikos von Lesbos benutzte zur Datierung eine Liste der Priesterinnen des Heraion, die von mythischer Zeit bis in seine Gegenwart (Nikiasfrieden 421 v. Chr.) reichte.

Erforschung

Die Lage des Heraions war lange Zeit unbekannt. Erst 1831 entdeckte der britische Offizier und Philhellene Thomas Gordon bei einem Jagdausflug die kyklopische Mauer der oberen Tempelterrasse.[13] Deshalb führte er 1836 auf der mittleren Terrasse begrenzte Ausgrabungen durch und entdeckte hierbei die Grundmauern des klassischen Tempels. Unter den Funden befand sich auch der marmorne Schwanz eines Kuckucks.[14] Eine weitere Ausgrabung führte 1854 Alexandros Rhizos Rhankaves zusammen mit Conrad Bursian durch. Man bestätigte die Existenz des klassischen Tempels. Man legte auch ein paar Grabungsschnitte in der näheren Umgebung an, da Pausanias jedoch nur den Tempel und keine weiteren Gebäude beschrieben hatte, glaubte man es gäbe nichts mehr zu finden. So grub man nur etwa 1 m tief und brach dann ab.[15] 1878 legte der Archäologe Panagiotis Stamatakis etwa 550 m nordwestlich das Tholosgrab von Prosymna frei.[16] Im Juli 1868 besuchte Heinrich Schliemann erstmals das Heraion[17] und Ende Februar 1874 grub er dort mit zwei Arbeitern für einen Tag.[18]

Die umfangreichste Ausgrabung führte in 4 Kampagnen von 1892 bis 1895 die American School of Classical Studies at Athens mit Unterstützung des Archaeological Institute of America durch. Der englisch-amerikanische Archäologe Charles Waldstein leitete die Grabung. Zu seinem Team gehörten unter anderem Professor Joseph Clark Hoppin, Professor Richard Norton und der Geologe Dr. Henry S. Washington. Hierbei entdeckte man auch die Kammergräber W1 und W2 des Friedhofs von Prosymna westlich des Heraions. 1921 bis 1923 führte Alan Wace Nachgrabungen durch am Tholosgrab von Prosymna durch. Carl Blegen legte von 1925 bis 1928 weitere 50 Kammergräber und ein Schachtgrab des Friedhofs von Prosymna frei[19] und auf der Akropolis oberhalb der oberen Tempelterrasse fand er die Grundmauern von mykenischen Gebäuden.[20] John Langdon Caskey und Pierre Amandry legten 1949 östlich des Ostgebäudes mehrere Grabungsschnitte an.[21] Ein weiteres Kammergrab wurde 1957 von Nikolaos M. Verdelis 250 m nördlich des Heiligtums erforscht.[22][23] Aufgrund präziser Beobachtungen zur Abfolge der Baumaßnahmen auf der mittleren Terrasse gelang Hans Lauter der Nachweis, dass die Umbaumaßnahmen in diesem Bereich bereits in frühklassischer Zeit und damit noch vor dem Brand des älteren Tempels auf der oberen Terrasse erfolgten.[6] Ab den 1990er Jahren führte der amerikanische Architekt und Bauforscher Christopher Pfaff Nachuntersuchungen an mehreren Gebäuden im Heiligtumsareal durch.[24]

Literatur

  • Charles Waldstein: The Argive Heraeum. 2 Bände. Boston 1902–1905.
  • Hans Lauter, Zur frühklassischen Neuplanung des Heraions von Argos, Athenische Mitteilungen 88, 1973, 175–187.
  • R. S. Mason: Argive Heraion, Argolid, Greece. In: Richard Stillwell u. a. (Hrsg.): The Princeton Encyclopedia of Classical Sites. Princeton University Press, Princeton NJ 1976, ISBN 0-691-03542-3 (englisch, perseus.tufts.edu).
  • Spyros Iakovidis: Mykene – Epidauros, Athen 1993, ISBN 960-213-036-9, S. 75–81
  • Christopher Mee, Antony Spawforth: Greece. An Oxford Archaeological Guide. Oxford University Press, Oxford 2001, S. 195–197.
  • Christopher A. Pfaff: The architecture of the classical temple of Hera. (= The Argive Heraion. Results of excavations conducted by the American School of Classical Studies at Athens 1) American School of Classical Studies at Athens, Princeton 2003, ISBN 0-87661-801-8
  • Burkhard Emme, Die Datierung des Bankettbaus im Heraion von Argos und die bauliche Entwicklung des Heiligtums, Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung 126, 2011, 111–135.
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Einzelnachweise

  1. Strabon 8,6,2 gibt die Entfernung mit zehn Stadien an, Pausanias 2,17,1 mit fünfzehn Stadien.
  2. Strabon 8,6,2 nennt vierzig Stadien.
  3. Herodot 1,31
  4. a b Burkhard Emme: Die Datierung des Bankettbaus im Heraion von Argos und die bauliche Entwicklung des Heiligtums. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung. Band 126, 2011, S. 111–135.
  5. Thukydides 4,133,2
  6. a b Hans Lauter: Zur frühklassischen Neuplanung des Heraions von Argos. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung. Band 88, 1973, S. 175–187.
  7. Pausanias 2,17,1
  8. Nikolaos Kaltsas: Sculpture in the National Archaeological Museum Athens. Los Angeles 2002.
  9. Pausanias 2,17,4
  10. Christina Leipold: Bankettgebäude in griechischen Heiligtümern. Wiesbaden 2008, S. 28–33.
  11. Burkhard Emme: Peristyl und Polis. Entwicklung und Funktionen öffentlicher griechischer Hofanlagen klassischer und hellenistischer Zeit. In: Urban Spaces. Band 1. de Gruyter, Berlin 2013, S. 72–77.
  12. Pausanias 2,17,6
  13. William Martin Leake: Peloponnesiaca: a Supplement to Travels in Morea with Maps, London 1846, S. 258–264 (Digitalisat)
  14. William Mure: Journal of a Tour in Greece and the Ionian Islands, Band 2, Edinburgh 1842, S. 177–183 (Digitalisat)
  15. Alexandros Rhizos Rhankaves: Ausgrabung beim Tempel der Hera unweit Argos. Ein Brief an Professor Ross. Halle 1855 (Digitalisat)
  16. Panagiotis Stamatakis: ΠΕΡΙ ΤΟΥ ΠΑΡΑ ΤΟ ΗΡΑΙΟΝ ΚΑΘΑΡΙΣΘΕΝΤΟΣ ΤΑΦΟΥ. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts. Athenische Abteilung. Band 3, 1878, S. 271 ff.
  17. Heinrich Schliemann: Ithaka, der Peloponnes und Troja, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1963, S. 102
  18. Heinrich Schliemann: Selbstbiographie, F. A. Brockhaus, Wiesbaden 1968, S. 70
  19. Carl Blegen: Prosymna. The Helladic Settlement Preceding the Argive Heraeum. Cambridge University Press, Cambridge 1937.
  20. Per Alin: Das Ende der mykenischen Fundstätten auf dem griechischen Festland Lund 1962, S. 37–38
  21. John Langdon Caskey, Pierre Amandry: Investigations at the Heraion of Argos, 1949 In Hesperia: The Journal of the American School of Classical Studies at Athens, Band. 21, Nr. 3, 1952, S. 165–221
  22. Nikolaos M. Verdelis: Αρχαιολογικά Χρονικά: Ανασκαφαί Δίολκου, Τίρυνθος και Γαλατάκι In Αρχαιολογική Εφημερίς 1956, Athen 1959, S. 10
  23. Georges Daux: Héraion d'Argos In Bulletin de Correspondance Hellénique, Band 82, 1958, S. 305–307 (Digitalisat)
  24. Christopher Pfaff: The Architecture of the Classical Temple of Hera. In: The Argive Heraion. Band 1. Princeton 2003.

Koordinaten: 37° 41′ 31″ N, 22° 46′ 29″ O