Henschel/SSW Typ Göthewitz

Industrielokomotive für Tagebaue
Henschel/SSW Typ Göthewitz
Werkfoto SSW
Nummerierung: Riebeck: bekannt 11–15, 18
und andere
Anzahl: 10
Hersteller: Henschel
Fabriknummern 22414–22421, 23821–23822
Siemens-Schuckertwerke
Fabriknummern 3000–3007, 3327–3328
Baujahr(e): 1935–1938
Ausmusterung: Ende der 1960er Jahre
Achsformel: Bo’Bo’
Spurweite: 1435 mm (Normalspur)
Höhe: 3.700 mm (bis Dachoberkante)
Fester Radstand: 2700 mm
Gesamtradstand: 9700 mm
Kleinster bef. Halbmesser: 85 m
Dienstmasse: 90 t
Reibungsmasse: 90 t
Radsatzfahrmasse: 22,5 t
Höchstgeschwindigkeit: 40 km/h
Stundenleistung: 1060 kW
Anfahrzugkraft: 228 kN
Treibraddurchmesser: 1200 mm
Stromsystem: 1100 V =/ später 1200 V =
Stromübertragung: Oberleitung und Seitenfahrleitung
Anzahl der Fahrmotoren: 4
Bremse: Druck­luft­brem­se, el. Bremse, Handbremse

Die elektrischen Tagebaulokomotiven Henschel/SSW Typ Göthewitz wurden bei Henschel und den Siemens-Schuckertwerken (SSW) zwischen 1935 bis 1938 in zehn Exemplaren gefertigt.

Die Lokomotiven waren eine Spezifikation der A. Riebeck’schen Montanwerke, abgeleitet von der Grundform Henschel/SSW Typ Riebeck mit höherer Leistung und Dienstmasse und wurden speziell für die Grube Carl Bosch bei Hohenmölsen gebaut. Die Lokomotiven wurden auch in der Grube Otto-Scharf eingesetzt.

Einige Lokomotiven wurden nach dem Zweiten Weltkrieg für den Tagebau Pirkau und für die Kohleverbindungsbahnen in Normalspur erwähnt. Die Lokomotiven wurden bis in die 1960er Jahre eingesetzt und danach ausgemustert sowie verschrottet.

Geschichte

Vorgeschichte

Als größere Tagebaulokomotiv-Version der Baureihe Henschel/SSW Typ Theodor wurde für die A. Riebeck’schen Montanwerke 1935 die Bauart Riebeck mit einer Dienstmasse von 80 t und einer Leistung von 960 kW entwickelt.[1] Größenmäßig ähnliche Lokomotiven wurden von den Montanwerken auch für die Grube Carl Bosch bestellt.

Zuerst wurde der Abraum in einem alten Tagebau verkippt. Als dieser gefüllt war, musste der Abraum auf eine Hochhalde gefahren werden, die Rampen von 15 ‰ und Kurvenradien von 200 m aufwiesen.[2.1] Die dafür entwickelte Variante der Bauart Riebeck hatte eine Dienstmasse von 90 t,[2.1] eine Leistung von 1060 kW und wurde mit 10 t Ballast als Bauart Göthewitz bezeichnet.[1]

Später übernahmen die Lokomotiven den Kohlefahrbetrieb bei Carl Bosch einschließlich der Kohletransporte zu den Verarbeitsbetrieben nach Deuben sowie Theißen. Mit Inbetriebnahme der Zahnradstrecke bei der Grube Otto-Scharf führten sie auch den Kohlefahrbetrieb dort aus, wobei im Regelfall eine Zahnradlokomotive (Maschinenfabrik Esslingen 4420 und 4421) den Zug mitsamt der 90-t-Lokomotive die Rampe hochdrückte. Das neben dem Zahnradgleis liegende Gleis ohne Zahnstange wurde für Fahrten zur Überführung in und von der Grube genutzt.[3] Eine nochmalige Weiterentwicklung der Konstruktion erfolgte 1939 mit den Lokomotiven Henschel/SSW EL 2, die mit einer Dienstmasse von 100 t sowie einer Leistung von 1140 kW erstmals an den Tagebau Espenhain geliefert wurden.[2.2]

Nachkriegsgeschichte

Die Grube Carl Bosch hatte wie viele andere Betriebe des Zeitz-Weißenfelser Braunkohlereviers nur geringfügige Beschädigungen, sodass die Produktion nach Kriegsende sofort wieder beginnen konnte. Anfangs war die Grube bis Mitte 1945 von den Amerikanern besetzt, ab 1946 wurden die Werke Sowjetische Aktiengesellschaft.[2.3] Dadurch gab es dort nur geringfügige Reparationsleistungen oder gar einen Gesamtabbau wie bei der Grube Otto-Scharf. 1949 wurde die Grube Otto-Scharf wieder angefahren,[2.3] im Jahr 1952 war die Grube Carl Bosch und bis 1955 die Grube Otto-Scharf ausgekohlt. Danach wurden die Lokomotiven nur noch im Tagebau Pirkau eingesetzt, wo die Lokomotiven mit den Betriebsnummern 11, 14 und 15 eingesetzt wurden und im Kohleverkehr Züge mit je sechs Talbot-Wagen beförderten.[2.4]

Bergbaubezeichnungen der DDR von den Lokomotiven und deren Einsatzzeiten sind nicht bekannt.

Technik

Der mechanische Teil wurde von Henschel und der elektrische Teil von SSW gebaut. Die Lokomotiven wurden in Nietkonstruktion erstellt und waren so konstruiert, dass das gesamte Oberteil von den Drehgestellen über Hebebalken, die in die quadratischen Ausklinkungen der Seitenwände eingeführt wurden, abgehoben werden konnte. Die Bauart Göthewitz war mit Stromabnehmern mit doppelten Schleifstücken ausgestattet. In der Ursprungsform hatten die Fahrzeuge Zug- und Stoßeinrichtung nach der Regelbauart.

Die Lokomotiven wurden für 1200 V ausgelegt. Sie erhielten eine Widerstandssteuerung, womit der von den Stromabnehmern über den zentral gelegenen Fahrschalter gelangte Strom mit dem großen Handrad die elektrischen Fahrmotoren steuerte, die in den Drehgestellen als Reihenschlussmotoren ausgeführt waren. Damit konnten Fahr- und Bremsbefehle für die elektrische Bremse gegeben werden. Im Führerstand befand sich die Bedieneinrichtung für die Druckluftbremse. Über ein Gestänge waren die Bremshebel der beiden Führerstandsseiten miteinander verbunden. Das ermöglichte raschen Seitenwechsel des Lokführers während der Fahrt.

Literatur

  • Karl R. Repetzki: Bau-, Feldbahn-, Kleinbahn- und Industrielokomotiven von Henschel, Steiger-Verlag, Moers 1982/83, ISBN 3-921564-52-2, Seite 100
  • Roland Schumann: Kohlebahnen im Zeitz-Meuselwitzer Raum, Verlag Barteld, 2009, ISBN 978-3-935961-13-4

Einzelnachweise

  1. a b Auflistung der von SSW gefertigten Lokomotiven auf www.werkbahn.de (kann als CD kostenpflichtig erworben werden)
  2. Roland Schumann: Kohlebahnen im Zeitz-Meuselwitzer Raum, Verlag Barteld, 2009, ISBN 978-3-935961-13-4
    1. a b S. 42
    2. S. 122
    3. a b S. 16
    4. S. 58
  3. Foto der Lokomotive des Typs Göthewitz mit der Nummer 12 in der Grube Otto Scharf auf www.werkbahn.de