Henry Torrès
Henry Torrès, auch Henri (* 17. Oktober 1891 in Les Andelys; † 4. Januar 1966[1] in Paris), war ein französischer Anwalt.
Leben
Torrès wurde in eine jüdische[2] Familie geboren, sein Großvater Isaiah Levaillant war Gründer einer Liga für Bürger- und Menschenrechte während der Dreyfus-Affäre. Torrès war in seiner Jugend zunächst Journalist bei mehreren sozialistischen Zeitschriften und aktiver Kommunist.
Im Ersten Weltkrieg war er Unteroffizier, wurde bei Verdun verwundet und erhielt das Croix de Guerre. Nach dem Krieg studierte er Jura und wurde in Paris als Anwalt zugelassen. Die drei brillanten jungen Anwälte Campinchi, Torrès und Vincent de Moro-Giafferi wurden damals als die „drei Musketiere“ unter den Pariser Anwälten bezeichnet. Torrès verteidigte Anarchisten wie Buenaventura Durruti und verteidigte auch in Moskau und Rumänien, wobei er bei seiner Rückkehr aus Bessarabien Proteste gegen die dortige Behandlung der Juden organisierte.
Als Anwalt ist er vor allem durch den Prozess gegen Scholom Schwartzbard (1886–1938) 1927 bekannt. Schwartzbard hatte seine jüdische Familie in den Pogromen in der Ukraine 1919 verloren und machte den damaligen ukrainischen Präsidenten Symon Petljura verantwortlich, der in Paris im Exil lebte. Im Mai 1926 erschoss er ihn auf offener Straße. Torrès schaffte Zeugen der Pogrome herbei und erreichte einen Freispruch für Schwartzbard, den die Anklage als Moskauer Agenten darzustellen versuchte. Auch im Fall Herschel Grünspan, in dem der Hauptanwalt de Moro-Giafferi war, konsultierte er den Angeklagten. Wegen der deutschen Besetzung kam es aber nicht mehr zum Prozess.
Bei der deutschen Besatzung Frankreichs floh er nach Südamerika. In Uruguay und Brasilien wurde er wegen seiner linksgerichteten Einstellung ausgewiesen und ging über Kanada in die USA, wo er als Herausgeber des Voix de France in New York gegen das Vichy-Regime agitierte. Er war danach Jura-Professor in Rio de Janeiro und São Paulo. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich war er wieder als Anwalt tätig. Unter anderem übernahm er 1949 die Verteidigung des Nazi-Kollaborateurs Joseph Joanovici.[3] Dieser wurde jedoch schuldig gesprochen. 1948 bis 1958 war Torrès ein gaullistischer Senator für das Departement Seine. Er war vorübergehend Vizepräsident des Obersten Gerichts und von 1948 bis 1959 Präsident der französischen Staatsholding für Rundfunk und Fernsehen.
Trotz seines Lispelns, das ihn in seiner Jugend davon abhielt, Schauspieler zu werden, war er später für seine mit vollem Ton vorgetragenen leidenschaftlichen Reden bekannt. Torrès schrieb auch Theaterstücke mit juristischem Hintergrund (er übersetzte unter anderem The Trial of Mary Dugan und Zeugin der Anklage).
Beschlagnahme und Restitution von Büchern aus dem Besitz von Henry Torrès
Als jüdischer Anwalt und als Verteidiger von Scholom Schwartzbard stand Torrès im Fokus der deutschen Besatzer. Seine private Bibliothek inklusive weiterer Kulturgüter wurden von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und anschließend nach Berlin verbracht. Von dort gelangten Teile der Bibliothek unter noch nicht vollständig geklärten Umständen über die Zentralstelle wissenschaftliche Altbestände an die Deutsche Staatsbibliothek und weitere Bibliotheken der ehemaligen DDR.[4] Als Ergebnis intensiver Provenienzforschungen wurden am 26. Juni 2025 in Paris insgesamt 221 Bücher aus der Staatsbibliothek zu Berlin, dem Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin, der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, der Universitätsbibliothek Rostock und der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz an die Nachfahren des Pariser Anwalts restituiert.[5]
Literatur
- Paul S. Friedman: Pogromchik – the assassination of Simon Petlura. Hart Pub., New York 1976.
- Henry Torrès: Accusés hors série. Gallimard, Paris 1957. (Hier beschreibt er u. a. die Fälle Grünspan und Schwartzbard.)
Weblinks
- Biografie bei der Assemblée nationale
- Biografie beim französischen Senat
- Nevins über Torrés ( vom 4. Februar 2008 im Internet Archive)
Einzelnachweise
- ↑ John F. Oppenheimer (Red.) u. a.: Lexikon des Judentums. 2. Auflage. Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh u. a. 1971, ISBN 3-570-05964-2, Sp. 811.
- ↑ JTA-Archiv: Henry Torres Dies in France; Was Defender in Historic Jewish Cases. In: Jewish Telegraphic Agency. 20. März 2015, abgerufen am 5. Juni 2024.
- ↑ Éric Branca: La République des imposteurs : Chronique indiscrète de la France d’après-guerre, 1944–1954. Éditions Perrin, Paris 2024, ISBN 978-2-262-09760-8, S. 108 f.
- ↑ Henry Torres – ProvenienzWiki. Abgerufen am 29. November 2025.
- ↑ Fünf deutsche Kultureinrichtungen restituieren 221 Bücher an die Nachfahren von Henry Torrès. Abgerufen am 29. November 2025.