Henry H. Goddard
Henry Herbert Goddard (* 14. August 1866 in Vassalboro; † 16. Juni 1957 in Santa Barbara) war ein US-amerikanischer Psychologe, Eugeniker und Professor der Ohio State University.[1]
Leben
Seine Eltern, Henry Clay Goddard und Sarah Winslow Goddard, waren Mitglieder der christlichen Konfession der Quäker. Er besuchte das private Haverford College und machte hier 1887 seinen Bachelor-Abschluss. Danach unterrichtete er Latein, Geschichte und Botanik an der University of Southern California in Los Angeles. Hier war er auch Trainer der Footballmannschaft. Nach einem Jahr in Los Angeles kehrte er an das Haverford College zurück und erwarb 1889 einen Master-Abschluss in Mathematik. Im selben Jahr begann er an der Damascus Academy in Damascus zu unterrichten. 1891 wurde er Lehrer am Oak Grove Seminary and Commercial College in Vassalboro und wurde bis 1896 Direktor dieser Institution.
Angeregt durch den Kontakt mit Granville Stanley Hall begann er, Psychologie zu studieren; dazu wechselte er an die Clark University in Worcester, wo er bei Hall studierte und er sich dem von Hall gegründeten Child Study Movement (dt. Kinderstudienbewegung, eine Bewegung, die Kinder untersuchte, um Gesetze zu ihrer Erziehung zu erforschen) anschloss. Er promovierte (Ph.D.) 1899 in Psychologie. Im selben Jahr wurde Goddard Mitglied der Fakultät für Psychologie an der State Normal School (Lehrerbildungsanstalt) in West Chester (heute West Chester University). 1901 lernte er Edward Ransome Johnstone, den Leiter der New Jersey Training School for Feeble-Minded Children in Vineland (Vineland Training School) kennen. Dieser stellte Goddard als Forschungsleiter in einem neuen Forschungslabor an der Vineland Training School ein und 1906 begann er mit seinen Studien über geistige Behinderung. Um von anderen Forschern zu lernen, reiste er 1908 durch Europa, wo er den Intelligenztest des französischen Psychologen Alfred Binet und des Arztes Théodore Simon kennenlernte. Er übersetzte den Intelligenztest ins Englische und schrieb 1908 einen Artikel darüber mit dem Titel „The Grading of Backward Children: The De Sanctis Tests[2], and the Binet and Simon Tests of Intellectual Capacity“ (dt. „Die Bewertung zurückgebliebener Kinder: Die De-Sanctis-Tests und die Binet- und Simon-Tests der intellektuellen Kapazität“).[3] Er begann, den Test bei den Schülern der Vineland-Trainingsschule anzuwenden und wurde zu einem Werber für den Test, der sich rasch in den USA verbreitete und zu einem beliebten Instrument zur Messung der Intelligenz wurde.
1918 wurde er zum Direktor des Ohio Bureau of Juvenile Research in Columbus ernannt. 1922 nahm er eine Professur am Department für Abnorme und Klinische Psychologie der Ohio State University in Columbus an. Hier blieb er bis zu seiner Pensionierung 1938 und lehrte über Jugendkriminalität, die Förderung hochbegabter Kinder und sogar über multiple Persönlichkeitsstörungen. Er war Mitglied des Ohio Committee on the Sterilization of the Feeble Minded.
Werk
Er war der erste Psychologe, der 1908 den Intelligenztest des französischen Psychologen Alfred Binet und des Arztes Theodore Simon in die USA brachte und ihn nutzte, um an der Vineland Training School for Feeble-Minded Boys and Girls geistige Behinderungen bei Kindern zu untersuchen. Ab Anfang des 20. Jahrhunderts nutzte er seine Beobachtungen an der Training School in Vineland, um seine Ideen zu geistiger Behinderung und Vererbung zu entwickeln. Bei einer Tagung im Jahr 1909 präsentierte er der American Breeders Association (heute American Genetic Association), eine frühe Abhandlung über die Vererbung von Schwachsinn. Während dieser Zeit entwickelte er auch die Vorstellung, dass ein kleiner Prozentsatz von Kindern, die in der Schule keine Fortschritte machten – die sogenannten „rückständigen Kinder“, wie Goddard sie nannte – nicht auf Behandlungen oder pädagogischen Unterricht ansprechen würden, obwohl Pädagogen glaubten, dass solche Defizite mit der richtigen pädagogischen Methode behoben werden könnten. Er merkte hingegen an, dass diese Kinder geistig behindert sind und verwies auf seine Studien als Beweis dafür, dass diese Defizite dauerhaft seien. Zur gleichen Zeit erweiterte er Binets und Simons ursprüngliche Kategorien über die Abstufungen geistiger Behinderung, indem er diesen Kategorien den Begriff „Moron“ hinzufügte (Intelligenzalter zwischen sieben und zehn Jahren), der heute als Schimpfwort in die Alltagssprache eingegangen ist (etwa Trottel). Zu Binets und Simons ursprünglichen Kategorien gehörten „Idiot“ (geistiges Alter von zwei Jahren oder jünger) und „Imbezil“ (geistiges Alter von drei bis sieben Jahren). Den Begriff „Moron“ leitete er vom griechischen Wort für töricht oder „moronia“ (gr. μωρός) ab und beschrieb diese Gruppe als die gefährlichste für die Gesellschaft, da sie nicht in der Lage sei, sich über die frühe Adoleszenz hinaus zu entwickeln.
1912 reiste er mit zwei Assistenten nach Ellis Island in New York City, um mithilfe des Intelligenztests von Binet und Simon schwachsinnige Personen zu erkennen und die geistigen Fähigkeiten von Einwanderern zu bestimmen. Er behauptete, die Ergebnisse hätten gezeigt, dass fast 40 Prozent der jüdischen, ungarischen, italienischen und russischen Einwanderer dem Intelligenztest zufolge schwachsinnig waren und berücksichtige dabei nicht, dass mehrere der Testfragen kulturell geprägtes Wissen erfassten. Im darauf folgenden Jahr verdoppelte sich die Zahl der Deportationen wegen „Schwachsinnigkeit“.[4] 1917 kontaktierte ihn der Psychologe Robert Yerkes, um ihn bei der Entwicklung von Intelligenztests für Rekruten der US-Armee für den Ersten Weltkrieg zu unterstützen. Das Testteam führte diese Intelligenztests in zwei Formen (Army Alpha Test bzw. den Army Beta Test für Analphabeten) an fast zwei Millionen Rekruten der US-Armee durch. Das Testteam stellte fest, dass 45 Prozent der Getesteten imbezil waren und ein geistiges Alter von unter 13 Jahren hatten. Der Journalist Walter Lippmann stellte diese Ergebnisse infrage und wies darauf hin, dass die Tests keine genaue Messung der Intelligenz ermöglichten. Die Anhänger der Eugenik-Bewegung nutzten die Daten dennoch in der Einwanderungsdebatte und bei Vorschlägen zur Sterilisation und Ausgrenzung von Menschen, die sie für schwachsinnig hielten. Goddard selbst befürwortete Methoden zur Einschränkung der Fortpflanzung der seiner Meinung nach schwachsinnigen Menschen und vertrat die Idee, dass sich nur Menschen mit den von den Eugenikern als wünschenswertesten Eigenschaften bezeichneten Merkmalen fortpflanzen sollten; dies würde die menschliche Bevölkerung verbessern.
Seine Forschungen und Ideen zum Thema Intelligenz diskutierte er in seinem 1912 veröffentlichten Buch „The Kallikak Family: A Study in the Heredity of Feeble-Mindedness“. Den Namen Kallikak leitete er aus den griechischen Wörtern für gut (gr. kallos, καλός) und schlecht (gr. kakos, κακός) ab. In dem Werk verfolgte er die Abstammung eines jungen Mädchens namens Emma Wolverton, das ab 1897 die Ausbildungsschule in Vineland besuchte. Er zeigte auf, dass Emma, die er mit dem fiktiven Namen Deborah Kallikak bezeichnete, von einem Soldaten des Unabhängigkeitskrieges abstammte, den er als Martin Kallikak bezeichnete. Er fand zudem heraus, dass der Soldat auch eine Beziehung mit einer Bardame hatte, die er in seinem Buch als schwachsinnig klassifizierte, und mit ihr einen Sohn gezeugt hatte. Er verfolgte diese Familien über mehrere Generationen und entdeckte, dass die Kallos-Seite von Emmas Familie keine Merkmale von Schwachsinn aufwies, die Kakos-Seite jedoch mit Armut, kriminellem und ehebrecherischem Verhalten sowie Alkoholismus und Prostitution verbunden war; daraus schloss er, dass die Merkmale der Kakos-Seite der Kallikaks sowie geistige Behinderung vererbbar seien. Er glaubte damit, Vererbung und nicht soziale Faktoren als Ursache für Armut sowie kriminelles und ehebrecherisches Verhalten nachgewiesen zu haben. Die von ihm geforderten Konsequenzen waren, die Gesellschaft solle die Ehe einschränken, Ungeeignete sterilisieren oder anderwärtig die Fortpflanzung verhindern und diejenigen Menschen ausgrenzen, die sie für schwachsinnig hielt. Er war jedoch der Ansicht, dass Sterilisation zu umstritten und nicht vollständig wirksam sein könnte. Stattdessen empfahl er, Schwachsinnige in Anstalten zu isolieren – getrennte Einrichtungen für Männer und Frauen –, wo sie von der Gesellschaft ferngehalten werden könnten. Dies würde diese Menschen davon abhalten, sich fortzupflanzen und kriminelles und ehebrecherisches Verhalten an den zu Tag zu legen, und so die Zahl der Schwachsinnigen verringern. Eine im Jahr 2001 von David MacDonald und Nancy McAdams veröffentlichte Studie über die Wolverton-Familie ergab hingegen,[5] dass Goddards Darstellung der Aufteilung der Familie Kallikak in eine „gute“ Linie – Nachkommen von Martin Kallikak Sr. und seiner Frau – und eine „schlechte“ Linie – Nachkommen von Martin Kallikak Sr. und einer namenlosen, schwachsinnigen Bardame – frei erfunden war. Der Paläontologe, Geologe und Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould hat zudem herausgearbeitet, dass Goddard – oder jemand, der mit ihm zusammenarbeitete – die in seinem Buch verwendeten Fotos retuschiert habe, um die „bösen“ Kallikaks bedrohlicher erscheinen zu lassen.
In den späteren Jahren seines Lebens widmete er sich nicht mehr der Forschung über Schwachsinnige und seine früheren Arbeiten gerieten zunehmend in die Kritik. Etwa zeigte die Arbeit des Biologen Thomas Hunt Morgan, dass die Vererbung selbst einfacher Merkmale wie Augenfarbe und Blutgruppe komplex ist. Morgan erklärte, diese einfachen Merkmale seien eindeutig feststellbar, Merkmale wie Intelligenz jedoch schwer messbar und vermutlich nicht linear vererbbar. Darüber hinaus stellte der Psychiater Abraham Myerson die Genauigkeit von seinen Ergebnissen und Interpretationen der Intelligenztests in Frage. Trotz dieser Opposition zitierte die Eugenikbewegung in den USA weiterhin Goddards Arbeit. Joseph DeJarnette, der damalige Direktor des Western State Hospital in Staunton berief sich in seiner Aussage vor dem Amherst County Courthouse sogar auf die Familie Kallikak. Diese Aussage mündete schließlich im Fall Buck v. Bell vor dem Obersten Gerichtshof der USA im Jahr 1927.[6] Das Gericht befand, dass ein Gesetz Virginias, das die Zwangssterilisation schwachsinniger Frauen erlaubte, verfassungsmäßig sei.[7]
Ende der 1920er Jahre begann Goddard, einige seiner eigenen Arbeiten zu hinterfragen, so hätten die Ergebnisse der Binet-Intelligenztests der US-Armee zwar gezeigt, dass manche Menschen, deren geistiges Alter unter zwölf Jahren lag, „imbezil“ seien, aber viele dieser Menschen wiesen keine geistige Behinderung auf. Er überdachte auch seine Vorstellungen von der Gefährlichkeit Schwachsinniger und stellte fest, dass diese offenbar in der Lage seien, in der Gesellschaft zu funktionieren und nicht die Bedrohung darstellten, die er einst behauptet hatte. Außerdem schlug er vor, Menschen mit geistigen Behinderungen für ihren Fähigkeiten entsprechende Berufe auszubilden und ihnen die Fortpflanzung zu ermöglichen.
Privates
In Damascus, Ohio, lernte er seine Frau Emma Florence Robbins († 1936) kennen, die er 1889 heiratete. Das Ehepaar bekam keine Kinder.
Publikationen (Auswahl)
- Monografien
- Heredity of Feeble-Mindedness. Forgotten Books, 2018, ISBN 978-1-332-73429-0.
- The Research Department: What It Is Doing, What It Hopes to Do. Forgotten Books, 2017, ISBN 978-0-332-44000-2.
- Criminal Imbecile: An Analysis of Three Remarkable Murder Cases. Wentworth Press, 2016, ISBN 978-1-361-64796-7.
- School Efficiency Series. School Training of Defective Children. Leopold Classic Library, 2016.
- Mit Meta L. Anderson: School efficiency monographs. Education of defectives in the public schools. Leopold Classic Library, 2015.
- Psychology of the Normal and Subnormal. Ulan Press, 2012.
- Mit Hilda A. Wrightson: Games for Children's Development (1918). Kessinger Publishing, Whitefish 2010, ISBN 978-1-166-03943-1.
- Mit Meta Louise Anderson: Education of Defectives in the Public Schools (1917). Kessinger Publishing, Whitefish 2010, ISBN 978-1-164-62858-3.
- Human efficiency and levels of intelligence. Princeton University Press, Princeton 1919.
- Two souls in one body? A case of dual personality: Its significance for education and for the mental hygiene of childhood. Rider, London 1927.
- The Kallikak Family: A Study in the Heredity of Feeble-Mindedness. Macmillan, New York 1912 (Nachdruck Sothis Press, 2023, ISBN 978-1-03-653059-4).
- Deutsche Ausgabe: Die Familie Kallikak: Eine Studie über die Vererbung des Schwachsinns. 2. Auflage, Beyer, Langensalza 1934 (Erstauflage 1914).
- Sterilization and Segregation. Department of Child Helping of the Russel Sage Foundation, New York City 1913.
- The Binet and Simon Tests of Intellectual Capacity. 1908.
- Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
- Responsibility of Children in the Juvenile Court. In: Journal of Criminal Law and Criminology. 1912, 3 (3), 365–375.
- Eugenics Record Office, Bulletin No. 1; Heredity of Feeble-Mindedness. In: Breeders Magazine. 1910, I (3), S. 165–178.
Weblinks
- Literatur von und über Henry H. Goddard im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Video: Henry Goddard Study.com, abgerufen am 25. September 2025.
- Henry Herbert Goddard ScholarGPS, abgerufen am 25. September 2025.
Literatur
- Ludy T. Benjamin Jr.: The birth of American intelligence testing. This psychologist provided a valuable assessment tool, but also gave fodder to eugenics proponents, who led a dark chapter in American history. In: American Psychological Association. 2009, 40 (1) (apa.org).
- L. Zenderland: Measuring Minds: Henry Herbert Goddard and the origins of American intelligence testing. Cambridge University Press, New York 1998, ISBN 978-0-521-00363-6.
- Steven A. Gelb: Henry H. Goddard and the immigrants, 1910–1917: The studies and their social context. In: Journal of The History of the Behavioral Science. 1986, 22 (4), S. 324–332.
- H. E. Burtt; S. L. Pressey: Henry Herbert Goddard (1866–1957): A Biographical Sketch. In: American Journal of Psychology. 1957, 70, 5, (3), S. 656–657.
Einzelnachweise
- ↑ James Walter Dennert: Henry Herbert Goddard (1866–1957) Embryo Project Encyclopedia, abgerufen am 23. September 2025.
- ↑ A. Leila Martin: A contribution to the standardization of the De Sanctis tests, 1916. In: The New Jersey Training School, Department of Psychological Research. (us.archive.org PDF). Abgerufen am 24. September 2025.
- ↑ Henry H. Goddard: The grading of backward children : The De Sanctis tests, and the Binet and Simon tests of intellectual capacity. In: The New Jersey Training School, Department of Psychological Research. 1909 (nli.org.il). Abgerufen am 24. September 2025.
- ↑ JoElla Straley: It Took A Eugenicist To Come Up With ‘Moron’, abgerufen am 25. September 2025.
- ↑ David MacDonald; Nancy N. McAdams: The Woolverton Family: 1693 - 1850 and Beyond. Lulu.com, Morrisville, North Carolina 2015, ISBN 978-1-4834-1353-2.
- ↑ Buck v. Bell, 274 U.S. 200 (1927), U.S. Supreme Court, abgerufen am 25. September 2025.
- ↑ Buck v. Bell Legal Dictionary, abgerufen am 25. September 2025.