Henri-Pierre Roché
Henri-Pierre Roché (* 28. Mai 1879 in Paris; † 9. April 1959 in Meudon) war ein französischer Schriftsteller und Kunstsammler.
Leben und Werk
Roché wurde von seiner Mutter allein erzogen, nachdem sein Vater jung gestorben war. Nach dem Abitur begann er Politologie zu studieren, gab dies jedoch auf, da er sich zur Malerei hingezogen fühlte. Er studierte in Paris Zeichnen, was er ebenfalls nicht abschloss. Danach ging er auf Reisen und begann Kunst zu sammeln. Außerdem übersetzte er chinesische Gedichte ins Französische. Sie wurden von Komponisten wie Georges Auric, Albert Roussel oder Fred Barlow vertont.
In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war Roché befreundet mit zahlreichen in Paris lebenden Künstlern. Er vermittelte die erste Begegnung von Gertrude Stein mit Pablo Picasso, den er später als Erster in die USA brachte und dort bekannt machte. Zu seinen Freunden zählten Francis Picabia, Constantin Brâncuși, Marcel Duchamp und Wols. Roché gilt als erster Sammler von Aquarellen von Wols. Sein engster Freund in dieser Zeit war jedoch der junge deutsche Schriftsteller Franz Hessel. Dieser Freundschaft setzte er mit seinem Roman Jules und Jim später ein Denkmal. Danach drehte im Jahr 1962 François Truffaut einen seiner berühmtesten Filme, Jules und Jim.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde Roché 1914 bei der Mobilmachung als für den Dienst an der Waffe untauglich ausgemustert, kam jedoch aufgrund einer Denunziation wegen der Briefe seines deutschen Freundes Hessel für zwei Wochen unter Spionageverdacht in Haft. 1916 verließ er Frankreich und lebte in New York, wo er zusammen mit Marcel Duchamp und Beatrice Wood 1917 das dadaistische Magazin The Blind Man herausgab.
In New York arbeitete Roché vor allem als Kunsthändler. Dennoch fand er auch Zeit zu schreiben. Erste Erzählbände erschienen 1916 und 1920. Am 11. Juli 1920 begab er sich mit Claire und Yvan Goll auf eine mehrmonatige Geschäftsreise nach Deutschland. Dabei traf er unter anderem Carl Sternheim, der eines seiner Werke übersetzte, den Verleger Hermann von Wedderkop, den Spartakisten Carl Einstein und die Maler Rudolf Levy und Otto von Wätjen.
Seinen ersten Roman, Jules und Jim, schrieb Roché erst im Alter von 73 Jahren. Berühmtheit erlangte er vor allem durch die Verfilmung dieses Romans und seines zweiten Werks, Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent, durch François Truffaut, den er kurz vor seinem Tod noch zu Vorgesprächen zu Jules und Jim kennenlernte. Die Premiere des Films erlebte er nicht mehr, und so blieb er selbst zu seinen Lebzeiten ein eher unbekannter Autor.
Im Jahr 1977 erschien postum das Fragment Victor aus einem Roman Rochés über Marcel Duchamp mit einem Vorwort von Jean Clair. Es wurde herausgegeben vom Centre national d’art et de culture Georges Pompidou, Paris.
Henri-Pierre Roché ist der Vater des Ornithologen Jean C. Roché, der aus seiner Beziehung mit der Kunstbuchhändlerin Denise Charlotte Henriette Renard stammte.
Bibliographie
- Deux Semaines à la Conciergerie pendant la bataille de la Marne. Attinger Frères, Paris, 1916.
- unter dem Pseudonym Jean Roc: Don Juan et …. Éditions de la Sirène, Paris 1921. Neuausgabe: Actes Sud, Arles 1993.
- Deutsch: Don Juan und …. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Dörte Lyssewski. Klever, Wien 2021, ISBN 978-3-903110-76-2.
- Jules et Jim. Gallimard, Paris 1953.
- Deutsch: Jules und Jim. Mit einem Vorwort von François Truffaut. Aus dem Französischen von Peter Ruhff. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1983. Neuausgabe: Gruner & Jahr, Hamburg 2010, ISBN 978-3-570-90728-3.
- Neuübersetzung: Jules und Jim. Übersetzt von Patricia Klobusiczky. Schöffling & Co., 2015, ISBN 978-3-7317-6092-4.
- Deux Anglaises et le Continent. Gallimard, Paris 1956.
- Deutsch: Die beiden Engländerinnen und der Kontinent. Aus dem Französischen von Wolfgang Sebastian Baur. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1983.
- Victor. Centre national d'art et de culture Georges Pompidou, Paris 1977.
- Deutsch: Victor. Ein Roman. Mit einem Vorwort von Jean Clair. Aus dem Französischen von Simon Werle, Schirmer–Mosel, München 1986, ISBN 3-888-14211-3.
- Carnets 1, 1920-1921, Les années „Jules et Jim“. André Dimanche, Marseille, 1990.
- Écrits sur l'art. André Dimanche, Marseille, 1998.
Literatur
- Manfred Flügge: Gesprungene Liebe. Die wahre Geschichte zu „Jules und Jim“. Aufbau, 1993, ISBN 3-351-02228-X.
- François Truffaut: Henri-Pierre Roché revisité. In: Henri-Pierre Roché: Carnets. Les Années Jules et Jim. André Dimanche, Marseille 1990.
- Deutsch: Erinnerungen an Henri-Pierre Roché. In: Die Lust am Sehen Aus dem Französischen von Robert Fischer. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-88661-215-5. Neuübersetzung von Patricia Klobusiczky: Wiederbegegnung mit Henri-Pierre Roché. In: Jules und Jim. Schöffling & Co., 2015.
- Marie-Françoise Peteuil: Helen Hessel, la femme qui aima Jules et Jim. 2011.
- Deutsch: Helen Hessel. Die Frau, die Jules und Jim liebte. Eine Biographie. Deutsch von Patricia Klobusiczky. Schöffling, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-89561-263-3.