Henri Ciriani
Henri-Edouard (Enrique) Ciriani (* 30. Dezember 1936 in Lima als Enrique Eduardo Ciriani; † 3. Oktober 2025[1]) war ein peruanisch-französischer Architekt und Hochschullehrer.
Leben
Henri Ciriani entstammte einer Auswandererfamilie aus Spilimbergo im Friaul[2], wurde in Lima in Peru geboren, studierte von 1955 bis 1960 Architektur an der Universidad Nacional de Ingeniería (UNI) in Lima. Zusätzlich absolvierte er Studien im Bereich Stadtplanung am Institut für Stadtplanung von Lima. 1956 begann er seine Tätigkeit im Ministerium für Förderung und öffentliche Arbeiten. Nach seinem Abschluss im Jahr 1960 an der UNI wurde er 1961 an das Nationale Wohnungsinstitut (Instituto Nacional de la Vivienda) versetzt und war an der Entwicklung von Einfamilienhäusern und Wohnsiedlungen beteiligt, die noch den Einfluss der klassischen Moderne zeigen. 1962 trat Ciriani als Assistenzprofessor für Entwurf im Atelier des Architekten Adolfo Córdova an der UNI ein, wo er bis zu seinem Weggang lehrte. 1964 kam Ciriani mit einem Staatsstipendium nach Paris und war zunächst in verschiedenen Büros, unter anderem bei André Gomis, tätig.[3][4]
1968 trat er in das Atelier d’urbanisme et d’architecture (AUA) von Michel Corajoud ein, ein Jahr später folgte Borja Huidobro. 1969 wurde er vom Architekten Gomis eingeladen, dem Lehrkörper der UP 7 beizutreten; acht Jahre später wurde er Teil der UP8 (heute École Nationale Supérieure d’Architecture de Paris-Belleville EAPB), wo er die Gruppe UNO gründete. 1976 wurde er französischer Staatsbürger.[5] Zudem war er Professor an der International Academy of Architecture (IAA) in Sofia.[3] 1982 gründete er das Büro Atelier Ciriani – Architecture.[3][4] Die UNI (Universidad Nacional de Ingeniería) ernannte ihn 1985 zum außerordentlichen Professor und 2009 zum Ehrendoktor; die Universidad Federico Villarreal verlieh ihm 1996 die Ehrenprofessur. Er hatte zahlreiche Gastprofessuren inne, unter anderem: Arthur Q. Davis Visiting Critic an der Tulane University, New Orleans; Visiting Professor Chair of Architecture am University College Dublin; Banister Fletcher Visiting Professor am University College London; Professeur invité an der École d’Architecture de Grenoble und am Institut Saint-Luc de Tournai, Belgien; Visiting Critic Design Week an der University of Pennsylvania, Philadelphia; Visiting Professor am Berlage Institute Amsterdam (1991 und 1994); Lehraufträge an der Architekturschule ISARK Reykjavik und an der Amsterdamer Hochschule der Künste.[6]
Zu seinen wichtigen realisierten Bauten gehören u. a. der Flughafen Luxemburg (1967), Rathaus Amsterdam (1967) sowie große Wohnsiedlungen in Noisy (1980 und 1981) und Saint-Denis (1982). Von 1983 bis 1994 plante Ciriani das Musée départemental Arles antique in Arles und 1989 einen Kindergarten in Torcy. Es folgten das in eine alte Schlossruine integrierte Museum Historial de la Grande Guerre (1992) in Péronne sowie das Justizgebäude in Pontoise (2006).[7] Weitere wichtige Bauten und Projekte waren[4][6]:
- Peru
- 1962: Rastelli-Häuser in Pueblo Libre, Lima
- 1962: 630 Wohnungen in der Wohnsiedlung Unidad Vecinal Matute, Lima
- 1963: Typenhäuser und Ausstattungen in der Satellitenstadt Ventanilla, Lima
- 1964: Suito-Haus in Villa, Lima
- 1964: 300 Wohnungen in der Wohnanlage San Felipe (Teamarbeit)
- 1964: 600 Wohnungen in der Wohnsiedlung Unidad Vecinal Mirones, Lima
- 1966: Markt von Lince, Lima – Projektentwicklung und Bauleitung durch Architekt Oswaldo Núñez
- 1999: Haus in Playa Escondida, südlich von Lima, Peru – ausgezeichnet mit dem Goldenen Hexagon
- 2013: Villa Madonna, in Punta Hermosa
- 2013: Sanierung der Plaza Manco Cápac, Lima (Entwurf)
- 2013: Einfamilienhaus „San Isidro“
- Frankreich
- 1980: 300 Wohneinheiten in Marne, Noisy-le-Grand
- 1981: Küche des Krankenhauses San Antonio, Paris
- 1982: 30 Wohneinheiten in Saint-Denis
- 1983: Archäologisches Museum von Arles, Arles
- 1986: Kinderzentrum in Marne, Torcy
- 1987: Museum des Ersten Weltkriegs, Péronne
- 1993: Anbau des Finanzministeriums, Paris
- 1994: 108 Wohneinheiten in Paris
- 1995: 90 Wohneinheiten in Colombes
- 2001: Konferenzzentrum des I.N.R.I.A., Rocquencourt
- 2005: Justizpalast von Pontoise
- Niederlande
- Verschiedene Wohngebäude
- Schule für Krankenpfleger und Sozialarbeiter in Groningen
Ciriani zeichnet sich durch eine Architektur der Plastizität, geometrischen Räumlichkeit, die sich von den Dogmen der klassischen Moderne befreit und diese in bester Tradition weiterentwickelt hat.[3] Er beschäftigte sich als Hochschullehrer intensiv mit seiner spezifischen Form des Modernismus, einer Art abstrakter, skulpturaler Architektur, die zwischen Land Art und Malerei angesiedelt war. Seine farbenfrohen Skizzen und Entwürfe erfuhren immer wieder eine öffentliche Auseinandersetzung.[8] Seine Werke wurden weltweit in zahlreichen Gruppenausstellungen gezeigt (Venedig, London, Madrid, Barcelona, Bogotá, Caracas, Buenos Aires, New York, Montreal, Kairo, Los Angeles, Rotterdam, Helsinki, Groningen, Tokio, Graz, Wien, Frankfurt). Eine Retrospektive seines Werkes wurde erstmals 1984 in Paris eröffnet und reiste danach nach Lissabon, Figueira da Foz, Porto, New York und Tokio. Zudem stellte er zwei Einzelausstellungen aus: eine Zeichnungsausstellung mit dem Titel „Analogías y coincidencias“ im Kulturzentrum der Päpstlichen Katholischen Universität von Peru (PUCP) im Jahr 1996 und eine weitere mit Zeichnungen und Modellen im Institut für Architektur der Universität Venedig (Henri Ciriani: Prima del progetto) im Jahr 1999. Er war Vizepräsident der Organisation Les Amis de Le Corbusier und Verwalter der Académie de France à Rome sowie der Fondation Le Corbusier.[6]
2009 kehrte er nach Lima zurück, wo er weiterhin als Architekt und Professor tätig war.[5] Er leitete den ersten Workshop für fortgeschrittenes Design (TDA) im Masterstudiengang an der Universidad Peruana de Ciencias Aplicadas (UPC). Später führte er einen zweiten TDA-Workshop über das öffentliche Gebäude als Ursprung der Stadt durch.[4]
Ehrungen und Auszeichnungen
- Grand prix national de l’architecture (1982)
- Goldmedaille der Académie d’architecture (1983)
- Arnold-Brunner-Preis (Arnold W. Brunner Memorial Prize) der American Academy of Arts and Letters (1997)
- Ritter der Ehrenlegion (1997)[9]
- Premio Hexágono de Oro der IX. Architekturbiennale von Peru (2000)
- Ehrendoktorwürde in Architektur der Universidad Nacional de Ingeniería (2009)
- Zwei Nominierungen durch die Mies-van-der-Rohe-Stiftung (Fundación Mies van der Rohe)
- Silbermedaille des Colegio de Arquitectos in Peru
Schriften
- Henri Ciriani (Autor), Lucas H. Guerra (Autor), Oscar Riera Ojeda (Autor, Mitwirkende), Francois Chaslin (Einleitung): Henri Ciriani (Contemporary World Architects), Rockport Publishers Inc. 1997, ISBN 978-1-56496-234-8
Literatur
- Mauro Galantino: Henri Ciriani, Skira Editore 2000, ISBN 978-888118702-7
- Sophie Riestelhueber: Modern Space & Historic Space: Henri Ciriani , Pidgeon Digital 2020 auf Modern Architecture Insights (SCRIBD)
Weblinks
- Literatur von und über Henri Ciriani im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Henri Ciriani. In: archINFORM.
Einzelnachweise
- ↑ Jacques-Franck Degioanni: Disparition : Henri Ciriani, architecte charismatique et clivant. In: lemoniteur.fr. 3. Oktober 2025, abgerufen am 4. Oktober 2025 (französisch).
- ↑ Henri Ciriani. In: archweb.com. 4. Oktober 2025, abgerufen am 4. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ a b c d Henri Ciriani. In: iaa-ngo.com. 4. Oktober 2025, abgerufen am 4. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ a b c d Enrique Ciriani Suito. 17. Juni 2017, abgerufen am 5. Oktober 2025 (spanisch).
- ↑ a b Henri Ciriani (1936-2025). In: arquitecturaviva.com. 4. Oktober 2025, abgerufen am 4. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ a b c Enrique Ciriani: Legado Arquitectónico. 16. November 2016, abgerufen am 5. Oktober 2025 (spanisch).
- ↑ Raymund Ryan: Henri Ciriani's Antiquities Musem, Arles, France. In: Architectural Review. 27. Februar 1994, abgerufen am 24. März 2022 (englisch).
- ↑ “Painting in Space”. Henri Ciriani and the Metaverse. In: Contemporary Heritage Lexicon. 16. Juni 2024, abgerufen am 24. März 2022 (englisch).
- ↑ Ordre national de la légion d'honneur. 25. Juli 1997 (lemoniteur.fr [abgerufen am 30. November 2021]).