Helmut-Ulrich Weiss

Helmut-Ulrich Weiss (* 2. Juli 1948 in Konstanz) ist ein deutscher Filmemacher, Künstler und Hochschullehrer. Er unterrichtete unter anderem an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und an der École Supérieure d’Audiovisuel in Toulouse.

Werdegang

Helmut-Ulrich Weiss wuchs in Konstanz auf, wo er ab seinem vierten Lebensjahr einen französischen Kindergarten, später eine französische Schule und schließlich das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium Konstanz besuchte. 1963 war er ein Jahr lang an der Princeton High School in Princeton (New Jersey). Das Abitur legte Weiss 1967 an der Hörnlibergschule in Kreuzlingen (Schweiz) ab. Parallel lernte er am Konservatorium Winterthur (Schweiz).

Als nicht anerkannter Wehrdienstverweigerer arbeitete Weiss bei München als Sanitäter bei der Luftwaffe. Danach ließ er sich beim Lette-Verein in Berlin zum Fotografen ausbilden. Dabei lernte er seine spätere Frau Beate Honsell kennen. Gemeinsam bereisten sie ab 1973 mit einem Citroen 2CV mehrere Monate pro Jahr den Nahen, Mittleren und Fernen Osten und lieferten unter dem Namen Honsell-Weiss fotoessayistische Arbeiten an Agenturen, Tageszeitungen und Zeitschriften, wie das Fotomagazin.[1] Arbeiten von Helmut-Ulrich Weiss wurden in Ausstellungen gezeigt und mit Preisen ausgezeichnet.[2][3][4][5]

Ab der zweiten Hälfte der 1970er Jahre war Weiss in kulturpädagogischen Projekten an Berliner Schulen und am Wannseeforum aktiv. Am Pädagogischen Zentrum (PZ) arbeitete er ab 1976 an der Projektgruppe mit, deren Aufgabe es war, situationsorientierte Lernangebote für Vorschulkinder zu entwickeln.[6] Auch an der Dokumentation des fünfjährigen Modellversuchs zur Künstlerweiterbildung, den die Hochschule der Künste gemeinsam mit dem Bundesverband Bildender Künstler von 1976 bis 1981 durchführte, war Weiss beteiligt.[7] Im Internationalen Jahr der Behinderten 1981 erarbeiteten Weiss und die Malerin und Grafikerin Paula Schmidt zusammen mit Berliner Grund- und Sonderschülern über kreative Arbeit einen Zugang zur ansonsten abstrakten Buchstaben- und Zeichenwelt.[8] 1982 organisierten Helmut Weiss und Beate Honsell-Weiss mit Ben Wagins Baumpaten e.V. die Mitmach-Ausstellung Rausch der Bäume – Sucht der Träume, wer denkt um – wer macht mit? in der Fabrik Osloer Straße. Als experimenteller Versuch zur Suchtprophylaxe wurde den Besuchern Gelegenheit geboten, „eigene süchtige Verhaltensweisen in Beziehung zu Zerstörungsmechanismen ihrer Umwelt, ihrer Kultur zu erkennen.“[9]

Filmemacher, Künstler und Dozent

1981 bestand Weiss mit dem Rohschnitt seines Dokumentarfilms Étude de Pluie die Aufnahmeprüfung an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB). Regenetüde (Étude de Pluie) (1983) ist der erste Teil einer Langzeitbeobachtung über zwei blinde Brüder in einem Bergdorf im Département Hérault. Der Film wurde international gezeigt und lief im Programm des SFB, des RB und des NDR.[10][11] 1984 wurde der Gemeinschaftsfilm Mikado aus dem Seminar von Elfi Mikesch im Forum der Berlinale uraufgeführt. Im Folgejahr war Weiss sogar mit zwei eigenen Filmen Bücher im Nacken und Die Vereinigten Staaten von Erinnerung im Programm des Forums vertreten.[12][13] Sein Kurzfilm Sensation (Titel nach dem Gedicht von Arthur Rimbeaud) kam auf die Longlist der Studentenoscars der Academy of Motion Picture Arts and Sciences 1986.[14]

1983 wurde Weiss Studentensprecher an der DFFB und brachte sich in Fragen der Ausbildung ein. Mit seiner Studienkollegin Wilma Pradetto entstand Esplanade über das titelgebende Berliner Grand-Hotel.[15] Daraus ergab sich die Auftragsproduktion Über den Dächern von Berlin für den SFB.[16] Ein Stipendium des Luftbrücken-Gedenkfonds für das Studienjahr 1984/85 ermöglichte Weiss einen Aufenthalt im Haute-Languedoc und in Toulouse. Ab 1986 arbeitete er an der DFFB als Fachberater für Kamera, Schnitt und Mischung, von 1988 bis 2000 war er dort Lehrbeauftragter und Dozent.[17][18]

1987 lud das Goethe-Institut Weiss zu einer Werkschau nach Toulouse ein. Bereits seit 1989 hatte Weiss regelmäßig Gastseminare an der Toulouser Filmschule ESAV gegeben. Von 1991 bis 2016 konnte er dort ein eigenes Atelier für freie Filmarbeit und Experimentalfilm führen. Seit 1991 pendelt das Ehepaar Weiss zwischen Frankreich und Berlin. Ab 2000 haben sie ihren festen Wohnsitz in Bouillac (Tarne-et-Garonne).

Seinem Selbstverständnis als Lehrer gab er in einer Festschrift anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der DFFB Ausdruck, indem er seinen eigenen Lehrern dankte, „die es verstehen, Ausbildung ebenso als eine KUNST zu nehmen!“[17] Das Spielerische, Undogmatische seiner Herangehensweise an Film zeigt ein Text in Les Cahiers du Scénario, in dem er die Entstehung eines eigenen Films erklärte: „Ich filme Kinderaugen und schneide sie endlos hintereinander: deutsche, italienische, französische, amerikanische, puerto-ricanische Augen. Es entsteht der Eindruck, dem Thema dadurch eine Wichtigkeit zu verleihen.“[19] Die Nichtachtung von Genrekonventionen, wiederholtes Umschneiden eigener Filme und deren Neuauswertung, sowie der bewusst gewählte Schwerpunkt auf der Lehre demonstriert Weiss' Freude am Prozesshaften der Filmherstellung, mehr als am fertigen Produkt. Insbesondere wenn er den Sinn neuer Filme in Frage stellte: „Eine Woche habe ich nicht gefilmt und keine Tonaufnahme gemacht. Das Thema ist mir aus den Händen geglitten und ich weiß wieder, wie schön es ist, einfach zu leben. Die Welt ist überfüllt mit Bildern und Tönen und ich würde mich am liebsten dieser ganzen Kunstfabrikation entziehen.“[19]

Neben seiner Arbeit mit Studenten realisierte Weiss gelegentlich weiter eigene Filme, wie Traction Avant, une histoire d'amour 1997[20] oder die sehr persönliche Langzeitbeobachtung über seinen Vater Ich habe eigentlich immer Glück gehabt – Eine Reise ins Alzheimerland 2010.[21][22]

Filmografie (Auswahl)

  • 1982: Palmsonntag
  • 1983: Étude de Pluie
  • 1984: Mikado
  • 1984: Bücher im Nacken
  • 1984: Bardou – Ein Leben wie Gott in Frankreich
  • 1984: Kauf-Haus-Traum
  • 1985: Die vereinigten Staaten von Erinnerung
  • 1985: Esplanade
  • 1985: Sensation
  • 1987: Über den Dächern (2. Teil von Berlin – Gesichter einer Großstadt)
  • 1987: Tag für Nacht
  • 1989: Fallen
  • 1997: La Traction Avant, une histoire d'amour
  • 2001: Rhapsodie de nuit
  • 2009: L'aventure du Trésor de Saissac
  • 2010: Ich habe eigentlich immer Glück gehabt – Eine Reise ins Alzheimerland

Einzelnachweise

  1. Mit Schirm, Charme und Kamera. In: Fotomagazin. Band 27, Nr. 6/75. München 1. Juni 1975, S. 24 f.
  2. Kazuo Nakamura, Yusaku Kamekura: Sahara-Spiele. In: Nippon Kogaku K.K. (Hrsg.): Nikon Photo Contest International 1976/77. 1976 (englisch).
  3. WEISS, Helmut-Ulrich FEDERAL REPUBLIK OF GERMANY, 70 x 50 cm Photographic Print. In: The Iraqi Cultural Centre (Hrsg.): Baghdad International Poster Exhibition '79. London 1979, ISBN 0-905206-30-4, S. 55 (englisch).
  4. n.b.k. – Helmut-Ulrich Weiss. Abgerufen am 4. Februar 2023.
  5. Helmut-Ulrich Weiss. In: 10. Freie Berliner Kunstausstellung – Katalog. Berlin 1980.
  6. Sabine Dübbers, Evelin Lubig, Wolfgang Podlesch, Sybille Zumpe: Aktionsanlässe. Situationsorientierte Lernangebote für Fünfjährige. Anregungen für die Arbeit in Vorschulgruppen, Vorschulklassen und Eingangsstufen. Hrsg.: Pädagogisches Zentrum. Berlin 1978.
  7. H. K. Bast, Volker Hoffmann, Katharina Jedermann, Jutta Kunde, Klaus Mantze, Robert Wimmer, Christiane Zieseke: Künstler und Kulturarbeit. Modellversuch Künstlerweiterbildung 1976–1981. Hrsg.: Hochschule der Künste Berlin und Bundesverband Bildender Künstler. Berlin 1981.
  8. Helmut-Ulrich Weiss, Paula Schmidt: 4. Berlin – Grundschule und Sonderschule. In: Der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.): Künstler und Behinderte (= BMBW-Werkstattberichte. Band 39). Bonn September 1982.
  9. Beate Honsell-Weiss, Helmut-Ulrich Weiss: Sucht denkt um macht mit. Mit einer Vorbemerkung von Hanna-Renate Laurien. Hrsg.: Senator für Schulwesen, Jugend und Sport. Referat für Drogenfragen. Berlin Dezember 1980.
  10. Brigitte Hammer: Kunststück im Grünen oder Wie die Farbe in den Tiergarten kam. In: Neue Gesellschaft für bildende Kunst (Hrsg.): Kunststück Farbe. 1988, ISBN 978-3-926796-08-0, S. 45 f.
  11. 22 Helmut-Ulrich Weiss. In: Neue Gesellschaft für bildende Kunst (Hrsg.): Kunststück Farbe. 1988, ISBN 978-3-926796-08-0.
  12. Manfred Delling: Bücher im Nacken. Hrsg.: Internationales Forum des jungen Films / Freunde der Kinemathek. Berlin 1985, S. 22.
  13. Gertrud Koch: Die Vereinigten Staaten von Erinnerung. Hrsg.: Internationales Forum des jungen Films / Freunde der Kinemathek. Berlin 1985, S. 21.
  14. Sensation (1985) - IMDb. Abgerufen am 5. Februar 2023.
  15. Stefan Woll: Berliner Grand-Hotel mit Vergangenheit – Filmstudenten drehten Film über das „Esplanade“. In: Volksblatt Berlin. 1. September 1986.
  16. Hörfunk und Fernsehen. Montag, 10. August, 20:15 Uhr, III. Fernsehprogramm (NDR, RB, SFB): Berlin – Gesichter einer Großstadt. In: Das Ostpreußenblatt. Nr. 32, 8. August 1987, S. 12 (preussische-allgemeine.de [PDF]).
  17. a b Helmut-Ulrich Weiss: Wer keinen Mut zu träumen hat. In: Reinhard Hauff (Hrsg.): Momente des Lernens. 1996, S. 166–167.
  18. Studienplan 1. Studienjahr. In: dffb intern 1999/2000. Berlin 1999, S. 25.
  19. a b Helmut-Ulrich Weiss: Experimentalfilme, die scheinbar kein Thema haben. In: Jacqueline van Nypelseer (Hrsg.): Les Cahiers du Scénario. 4–5 Hiver 1988–1989. Institut de Sociologie, Bruxelles, S. 129 ff.
  20. Gérard Santier: Helmut est attiré par les tractions d'avant. In: Dépêche du Midi. Toulouse 11. Mai 1997, S. 4 (französisch).
  21. Klaus D. Treude: Beeindruckender Film über die Pflege des demenzkranken Vaters. In: Allgäuer Zeitung. 21. September 2011, archiviert vom Original am 1. September 2023; abgerufen am 1. Oktober 2025.
  22. Pierre Mathieu: Toulouse : la vie caméra de'Helmut Weiss. In: La Dépêche du Midi. 31. März 2010, abgerufen am 6. Februar 2023 (französisch).