Heinrich Siemer
Heinrich Siemer (* 16. Februar 1896 in Hannover; † 29. Dezember 1977 in Celle) war ein deutscher Volkswirt, Ministerialrat in der nationalsozialistischen Reichsstelle für Raumordnung (RfR) und Leiter des Generalreferats für Raumordnung im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete (RMfdbO).
Schulische Ausbildung, Kriegseinsatz und praktische Tätigkeiten in Industrie und Bergbau
Heinrich Siemer erlebte seine Schulzeit in Hannover (1902–1913) und kam noch vor Kriegsbeginn als Praktikant in Berührung mit der chemischen Industrie und dem Bergbau. In den Jahren 1913 bis 1914 in der Region Hannover (Alkaliwerke Ronnenberg) und im Ruhrgebiet (Harpener Bergbau AG, Dortmund).
Danach musste er als Soldat im Ersten Weltkrieg Kriegsdienst leisten (1914–1918).
Nach dem Kriegsende nahm Siemer seine Tätigkeit im Bergbau wieder auf, diesmal in der Harzer Bergbauregion. 1919 wurde er Bergpraktikant bei der Berginspektion Bad Grund, noch im selben Jahr (bis 1921) war er Bergschüler bei der Bergschule Clausthal. Von 1921 bis 1928 war Siemer als Grubensteiger bei den A. Riebeck’schen Montanwerken, Halle/Saale, tätig. Er trat in dieser Zeit (1921 bis 1923) dem Stahlhelm bei.
Die wegen des Kriegsausbruchs unterbrochene Schulausbildung konnte Siemer im Jahr 1925 mit dem Abitur an der Oberrealschule Halle/Saale erfolgreich abschließen.
Studium
Neben den Arbeiten im Bergbau begann Siemer als Dreißigjähriger (ab 1926) ein volkswirtschaftliches Studium an der Universität Halle/Saale, das er im Jahr 1930 als Diplom-Volkswirt bzw. mit dem der Promotion zum Dr. rer. pol. erfolgreich abschloss.
Frühe Hinwendung zum Nationalsozialismus und Aufstieg in der (NS-)Ministerialbürokratie
Von September 1930 bis Oktober 1934 wurde Siemer zunächst Sachbearbeiter, dann Abteilungsleiter und schließlich (kommissarischer) Leiter des Arbeitsamts Hildesheim.
In dieser Zeit begeisterte er sich für die bis dahin erstarkte NSDAP und trat 1932 in die Partei ein. Er stieg innerhalb der Ortsgruppe Hildesheim in kurzer Zeit zum NSDAP-Kreisamtsleiter im Kreis Hildesheim-Land auf. Er wurde in Hildesheim auch stellvertretender NSDAP-Kreisleiter und Kreiswirtschaftsleiter. In dieser Zeit (1933–1936) war der NS-Karrierist und Jurist Hermann Muhs zum Regierungspräsidenten in Hildesheim aufgestiegen. Er sollte ebenso wie Siemer später in der Reichsstelle für Raumordnung eine leitende Position innehaben.
In seiner ‚zivilen‘ Laufbahn wurde Siemer im Jahr 1934 zum Regierungsrat und Referent Angestelltenvermittlung bei der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversorgung ernannt. Ab Dezember 1936 wechselte er als Referent in die nationalsozialistische Reichsstelle für Raumordnung (RfR). In den folgenden Jahren durchlief Siemer dort die höheren Beamten-Hierarchiestufen: Vom Oberregierungs- (1937) bis hin zum Ministerialrat (1942).
In der RfR war Siemer in der Verwaltungsabteilung unter Ernst Jarmer für den Bereich Angelegenheiten des Arbeitseinsatzes und der Bevölkerungsverteilung zuständig. Sein früherer Hildesheimer Weggefährte Hermann Muhs (s. o.) war ab 1936 einer der leitenden Funktionäre der RfR geworden.
Nach Ingo Sommer war Heinrich Siemer 1936 u. a. für Planungen der RfR hinsichtlich des Wohnsiedlungsgebiets Wilhelmshaven-Jeverland zuständig.[1]
Zweiter Weltkrieg und folgende Jahre
In den Monaten nach dem Kriegsbeginn wurde Siemer von der RfR als Leiter Raumordnung und Planung zum Chef des Distrikts Krakau abgeordnet (bis April 1940). Auch seine RfR-Kollegen Erwin Muermann und Hansjulius Schepers waren nun in Krakau tätig.[2][3] Nach Götz Aly und Susanne Heim wurde Heinrich Siemer ab Mitte Dezember 1939 zum „Verbindungsreferenten der Reichsstelle für Raumordnung zum RKF bestimmt“.[4] Ab Juni 1940 war Siemer Oberkriegsverwaltungsrat und Abteilungsleiter Arbeitseinsatz und Sozialfragen im Militärverwaltungsbezirk B bei der Militärverwaltung Frankreich, Angers. Siemer blieb offenbar weiter der RfR verbunden:
Von 1942 bis September 1944 war Siemer Leiter des Generalreferats für Raumordnung im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete und Verbindungsreferent zwischen RMfdbO und der RfR.
Erst danach wurde er ins Reichsarbeitsministerium versetzt.
Siemer wurde nach Kriegsende interniert (bis September 1946). Am 9. Oktober 1947 wurde er durch die britische Militärregierung (Standort: Lüneburg) in die Kategorie III (Minderbelasteter) eingestuft. Ein weiteres Spruchkammerverfahren in Celle ergab am 14. September 1948 die Einstufung in die Kategorie IV (Mitläufer).
Siemer lebte nach 1945 zunächst in seiner Heimatstadt Hannover. Er blieb im Umfeld der im NS-Staat etablierten Raumforschung tätig.
Veröffentlichungen (Auswahl)
- Mechanisierung, Förderanteil und Lohn im mitteldeutschen Braunkohlebergbau der Nachkriegszeit. Knapp, Halle 1930 (= Rechts- und staatswissenschaftliche Dissertation vom 5. Dezember 1930).
- Der Arbeitsmarkt im Bereich des Arbeitsamtes Emden. In: Informationen. Institut für Raumforschung. ISSN 0340-0689, Bad Godesberg, Band 9 (1959), 18, S. 389–404.
- Anteil der Arbeitnehmer, der Arbeitslosen und der Flüchtlinge an der ortsanwesenden Bevölkerung in Beziehung zu den sozialen Gemeindetypen. In: Institut für Raumforschung (verantwortlich für den Inhalt: Arnold Hillen Ziegfeld) (Hg.): Das deutsche Flüchtlingsproblem. Sonderheft der Zeitschrift für Raumforschung, Bad Godesberg. Eilers, Bielefeld 1950, S. 129–134.
Siehe auch
Weblinks
- Literatur von und über Heinrich Siemer im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Heinrich Siemer im Portal Beamte nationalsozialistischer Reichsministerien
Einzelnachweise
- ↑ Vgl. Ingo Sommer: Die Stadt der 500 000. NS-Stadtplanung und Architektur in Wilhelmshaven. Vieweg & Sohn Verlagsgesellschaft / (Springer VS), Braunschweig (Wiesbaden) 1993, S. 32 ff.
- ↑ Vgl. auch Mechtild Rössler: „Wissenschaft und Lebensraum“. Geographische Ostforschung im Nationalsozialismus. Ein Beitrag zur Disziplingeschichte der Geographie. Dietrich Reimer Verlag, Berlin/Marburg 1990 (=Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte. 8), ISBN 3-496-00394-4, S. 87.
- ↑ In der Rhode-Biographie von Eicke Eckert ist irrtümlich von Josef Siemer die Rede: vgl. Eicke Eckert: Zwischen Ostforschung und Osteuropahistorie: Zur Biographie des Historikers Gotthold Rhode (1916–1990). 1st ed., vol. 27, Duncker & Humblot GmbH, 2012, S. 132. JSTOR:jj.31732212. Abgerufen am 10. November 2025.
- ↑ Götz Aly, Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung. Hoffmann und Campe, 1. Auflage, Hamburg 1991, S. 158.