Heinrich Neu (Theologe)
Karl Heinrich Neu (* 21. Februar 1864 in Heidelberg-Kirchheim; † 5. November 1963 in Heidelberg)[1][2.1] war ein evangelischer Theologe, Kirchenrat, Ehrendoktor, Autor und Pfarrer in Schmieheim sowie Pfleger in Lahr.[3]
Biographie
Karl Heinrich Neu wurde am Sonntag Mittag, den 21. Februar 1864 als ältestes von sieben Kindern des Lehrers und Ehrenbürger zu Eppelheim[1] Jakob Neu (* 1836; † 1921) aus Hoffenheim und Karoline, geborener Welker aus Meckesheim, geboren. Beide Elternteile stammten aus alten Kraichgauer Bauerngeschlechtern. Am 6. März wurde er getauft.
Von September 1875 an ging Neu auf die Schule in Tairnbach bei Wiesloch, wo sein Vater seit dem Jahr 1868 als Hauptlehrer unterrichtete.[4]
„Vielleicht findet mancher Leser auch für ihn viel Uninteressantes; da ist zu bemerken: was dem einen unwesentlich erscheint, erfährt der andere gerne. Auch ich hielt es gut, das Gefundene festzuhalten, nachdem ich einmal die immerhin nicht leicht erreichbaren Akten durchgearbeitet hatte.“
Er lernte in dieser Zeit einen Juden im höheren Alter kennen, der Bienenstöcke im Garten hatte, und bei dem Neu oft im Garten saß. Die Erinnerung an diese „emsigen Bienlein“,[4] wie Neu sie in seinen Lebenserinnerungen nannte, prägten ihn ein Leben lang und trugen möglicherweise zu seiner eigenen Arbeitsweise bei.[4] Ungefähr bis ins Jahr 1950 war er selbst Imker.[5]
Im Alter von 11 Jahren (1875) wohnte er bei einem Verwandten in Kirchheim und ging von dort aus auf das Gymnasium in Heidelberg. Die Trennung zu seinem Elternhaus fiel ihm schwer. Im Jahr 1878 wurde sein Vater aber nach Eppelheim versetzt, wovon aus Heinrich Neu täglich nach Heidelberg den weiten Weg zu Fuß zur Schule ging und wieder bei seinem Vater wohnen konnte.[5]
„Ein Leben, es sei so gut, wie es wolle, währt eine kurze Zeit, aber ein guter Name bleibt ewig.“
Ostern 1879 wurde er vom Heidelberger Stadtpfarrer Wilhelm August Hönig konfirmiert. Im Anschluss erhielt er Konfirmationsunterricht von Wilhelm Frommel. Dabei entwickelte er eine gewisse Skepsis gegenüber der Theologie, sodass er sich bereits während seines begonnenen Theoloiestudiums entschloss, bald zur Philologie zu wechseln, um den Wahrheitsgehalt der christlichen Religion ergründen zu versuchen. Im Jahr 1883 zog der außerordentliche Professor der Theologie und Pfarrer Johann Jakob Kneucker nach Eppelheim. Er freundete sich mit der Familie Neu an und unterrichtete Heinrich Neu, der viel Zeit mit Kneuckers Töchtern verbrachte, im Hebräischen. Eine der Töchter würde Neu später in zweiter Ehe heiraten.[5]
Er absolvierte das Abitur im Jahr 1885 und begann aus eigenem Willen und dem seiner Eltern, Theologie. Er studierte in Heidelberg, das Wintersemester 1886/87 aber in Berlin, wo er bei Ferdinand Piper er die Fächer Monumentale Dogmatik und Kunstgeschichte hörte. Piper ermöglichte Neu den freien Zugang in die Abteilung Christliche Kunst im Museum.[5]
In seinem Tagebuch hielt Neu sein Erleben Ottos von Bismarck im Reichstag, Adolf Stoeckers bei einer Wahlveranstaltung und Helmuth von Moltkes bei einem Kommers, fest. Bei Heinrich von Treitschke hörte er Politische Theorien, fand Freunde und unternahm vieles (Wandern, Schlittschuhlaufen, Lesen, Museumsbesuche etc.).[6]
Im Frühjahr 1888 bestand er die theologische Vorprüfung und im Frühjahr 1889 die Hauptprüfung. Im März des Folgejahres wurden ihm in seinem Seminarzeugnis „tadellose sittliche Führung, großer Berufseifer und lobenswerter Fleiß“[6] bescheinigt. Außerdem habe er ein „gewisses natürliches Geschick zum unterrichtlichen Umgang mit Kindern.“[6]
Gegen Ende des Studiums entwickelte Neu ein großes Interesse zur Mission. Er plante dafür nach Japan zu gehen, seine Mutter war dagegen. Am 2. Juni 1889 wurde er in Eppelheim ordiniert und wurde Vikar in Walldorf. Dort lernte er Luise Lutz († 16. Februar 1921)[7] kennen, mit der er sich im Februar 1890 verlobte, und zwar unter der Bedingung, dass sie ihn nach Japan begleite.[6]
Er bat in Walldorf den Oberkirchenrat um Erlaubnis, sich für eine Versetzung nach Tokio bewerben zu dürfen. Seine bitte wurde am 6. Juni bewilligt und Neu nach Achern versetzt. Dort arbeitete er unter anderem in der Kreispflegeanstalt Hub. Bei seiner Ankunft begann er ein weiteres Tagebuch, und zwar mit den Worten „Θεῷ δόξα ὑπὲρ πάντων“[8] (deutsch: Gott sei Ehre über allem). Dieser Satz, der eine Art Leitmotiv für ihn gewesen zu sein scheint, findet sich am Anfang oder am Ende vieler Schriftstücke Neus.[8]
Am 12. Dezember bat er um die Erlaubnis zu heiraten und in seiner Vikariatsstelle in Achern bleiben zu dürfen. Die Trauung erfolgte am 17. März 1891 in der Heidelberger Heiliggeistkirche. Vom Missionsplan in Japan nahm er Abstand. Im Januar 1892 wurde ihm bei einer Kirchenvisitation wurden ihm „außergewöhnliche Leistungen im Religionsunterricht“[9] bescheinigt.[9]
Im März 1892 wurde Neu als Pfarrverweser nach Wenkheim im Kirchenbezirk Wertheim versetzt. Im Juli wurde er ebenda Pfarrer und über die Jahre Vater dreier Kinder. Um 1893 war er bereits Imker, im Folgejahr hatte er Verdienste um die Gründung einer Spa- und Darlehenskasse in Wenkheim.[9]
Im August 1896 bewarb sich Neu in der Pfarrei Sexau, wo auch „die Seelsorge der Irrenanstalt Emmendingen verbunden sei“,[10] wie er sein Gesuch auch begründete. Der Hauptgrund scheint aber gewesen zu sein, dass er aus Wenkheim weg wollte, möglicherweise auch wegen Widerständen in der Gemeinde, deren Bevölkerungscharakter er zuvor noch nicht gekannt habe. Neu bewarb sich ganze 38 mal erfolglos um eine badische Pfarrei.[10]
In Wenkheim fand er mit der Zeit Freude an der Erforschung mancher Traditionen, des Weiteren auch Freunde. Bereits im Jahr 1893 erschien seine Darstellung über die Geschichte dieses Ortes. 1897 und 1903 entstanden weitere umfangreiche Werke. Neu gewann auch das Interesse der Jugend für Heimatgeschichte,[10] bereits im Jahr 1899 aber hatte er, als er eine neue Pfarrei antreten hätte können, abgesagt. Neu war inzwischen ein geschätzter Mann und auch seine Frau hat ihre Krankheit überwunden.[11]
Am 28. März 1900 wurde Neu vom badischen Großherzog für sechs Jahre zum Pfarrer in Schmieheim ernannt. Diese bis ins Jahr 1912 andauernde Zeit sei nach seinen Angaben für ihn und seine Familie die schönste Zeit gewesen. Im ersten Jahr legte er den Grundstein für eine kleine Kirche in der Diaspora Ettenheim.[11] Er widmete sich insbesondere der Denkmalpflege in Schmieheim durch Arbeit in Archiven. Es folgte seine Geschichte des Dorfes Schmieheim und im Jahr 1907 ein durch seine Arbeit entschlüsselter Abdruck einer Meißenheimer Chronik aus dem 17. Jahrhundert.[12]
Er knüpfte gute Kontakte zum Dekan Friedrich Karl Bauer in Lahr und zu dessen Sohn, dem späteren Heidelberger Professor und Geheimrat Johannes Bauer.[12]
Auch von Schmieheim wollte Neu allerdings weg in Richtung seiner kurpfälzischen Heimat im Norden. Neu, von der Ettenheimer Zeitung ein „frommer, tüchtiger und eifriger Seelenhirt“[12] genannt, nahm allerdings die ihm stattdessen angebotene Stelle in Söllingen im Pfinztal an.[13]
Nach weniger als einem Jahr und fünf Bewerbungen in die Kurpfalz zog er mit seiner Familie zeitweise nach Durlach. Johannes Bauer empfahl Heinrich Neu als neuen Pfarrer in Wieblingen, wo er im Jahr 1916 begann. Im Jahr 1921 empfing Neu eine Ehrenpromotion.[12]
Nach dem Tod seiner ersten Frau, mit der Neu fünf Kinder hatte, heiratete er am 12. Juni seine zweite Frau Luise, geborene Kneucker.[7]
Am 21. Oktober 1931 wurde Heinrich Neu zum Kirchenrat ernannt, aber schon zum 1. Dezember 1931 in den Ruhestand versetzt.[14]
Seinen Ruhestand verbrachte er in Wieblingen.[1] Er starb am 5. November 1963 im Alter von 99 Jahren und wurde auf dem Wieblinger Friedhof begraben.[15]
Werk
Neu erforschte an all seinen Stationen als Pfarrer die örtliche Geschichte und publizierte seine Forschungen. So berichtigte er im Jahr 1903 im 45. Band des Archivs des Historischen Vereines von Unterfranken und Aschaffenburg ausführlich die genealogische Darstellung über die Familie Hund von Wenkheim.[16] (Digitalisat)
Im Jahr 1906 wurde er Redakteur der Pfarrvereinsblätter des Evangelischen Pfarrvereins in Baden. Im Jahr 1908 trat er dem Vorstand bei, im Jahr 1919 wurde er Vorstandsvorsitzender. Er sah das deutsche Volk als „Söhne der Reformation“.[2.2] Vom 18. bis zum 21. September 1921 trafen sich die deutschen Pfarrverbände auf Einladung Heinrich Neus in Heidelberg.[2.3]
Die von ihm ausgearbeiteten zwei Bände des Pfarrerbuchs der evangelischen Kirche Badens von der Reformation bis zur Gegenwart gelten für die badische Kirchengeschichtsforschung als unverzichtbar.[2.1]
Schriften (Auswahl)
- Geschichte des Marktfleckens Wenkheim – eine Festgabe zum 100jährigen Gedenktag der Einweihung der evangelischen Kirche daselbst. Bechstein (Verlag), Wertheim 1893.
- Geschichte des Dorfes Schmieheim – einschliesslich einer kurzen Geschichte der evangelischen Kirche von Ettenheim, Kippenheim, Kippenheimweiler und Mahlberg. Leibold (Verlag), Ettenheim 1902.
- Geschichte der evangelischen Kirche in der Grafschaft Wertheim. Carl Winter (Verlag), Heidelberg 1903.
- Luther in Heidelberg. Fidelitas (Verlag), Karlsruhe 1918.
- Aus der Vergangenheit von Wieblingen. Eigenverlag, Heidelberg 1929.
- Pfarrerbuch der evangelischen Kirche Badens, Teil 1: das Verzeichnis der Geistlichen, geordnet nach Gemeinden. (= Veröffentlichungen des Vereins für Kirchengeschichte in der Evangelischen Landeskirche Badens, Band 13,1) Lahr 1938.
- Pfarrerbuch der evangelischen Kirche Badens, Teil 2: das alphabetische Verzeichnis der Geistlichen mit biographischen Angaben (= Veröffentlichungen des Vereins für Kirchengeschichte in der Evangelischen Landeskirche Badens, Band 13,2). Lahr 1939.
- Heimatchronik der Bundeshauptstadt Bonn. Archiv für deutsche Heimatpflege, Köln 1952. (Vorschau in Google-Books)
Literatur
- Martin Achtnich: Heinrich Neu (1864–1963). Pionier badischer Kirchen- und Ortsgeschichte und Stimme der badischen Pfarrherrschaft. In: Lebensbilder aus der Evangelischen Kirche in Baden im 19. und 20. Jahrhundert, Band 5 (2007) S. 423–455. (Vorschau in Google-Books)
- Biographisch Bibliographisches Kirchenlexikon XXXVII (37) – Ergänzungen XXIV (24). Nordhausen 2016. S. 767–771.
Weblinks
- Heinrich Neu auf der Website des Heidelberger Geschichtsvereins e. V.
Einzelnachweise
- ↑ a b c Heinrich Neu. In: Heidelberger Geschichtsverein e.V. Abgerufen am 9. Januar 2026.
- ↑ Johannes Ehmann: Geschichte der Evangelischen Kirche in Baden: Band 3: Die Kirche im Großherzogtum (1806–1918). Evangelische Verlagsanstalt, 2025, ISBN 978-3-374-07838-7 (google.de [abgerufen am 8. Januar 2026]).
- ↑ Badische Historische Kommission (Hrsg.): Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins. 27 bzw. 66. W. Kohlhammer, Heidelberg 1912, S. 200 (google.de [abgerufen am 9. Januar 2026]).
- ↑ a b c d Martin Achtnich: Heinrich Neu (1864–1963) – Pionier badischer Kirchen-und Ortsgeschichte und Stimme der badischen Pfarrschaft. In: Gerhard Schwinge (Hrsg.): Lebensbilder aus der evangelischen Kirche in Baden. V (Kultur und Bildung). Verlag Regionalkultur, 2007, S. 423.
- ↑ a b c d e Martin Achtnich: Heinrich Neu (1864–1963) – Pionier badischer Kirchen-und Ortsgeschichte und Stimme der badischen Pfarrschaft. In: Gerhard Schwinge (Hrsg.): Lebensbilder aus der evangelischen Kirche in Baden. V (Kultur und Bildung). Verlag Regionalkultur, 2007, S. 424.
- ↑ a b c d Martin Achtnich: Heinrich Neu (1864–1963) – Pionier badischer Kirchen-und Ortsgeschichte und Stimme der badischen Pfarrschaft. In: Gerhard Schwinge (Hrsg.): Lebensbilder aus der evangelischen Kirche in Baden. V (Kultur und Bildung). Verlag Regionalkultur, 2007, S. 425.
- ↑ a b Martin Achtnich: Heinrich Neu (1864–1963) – Pionier badischer Kirchen-und Ortsgeschichte und Stimme der badischen Pfarrschaft. In: Gerhard Schwinge (Hrsg.): Lebensbilder aus der evangelischen Kirche in Baden. V (Kultur und Bildung). Verlag Regionalkultur, 2007, S. 435.
- ↑ a b Martin Achtnich: Heinrich Neu (1864–1963) – Pionier badischer Kirchen-und Ortsgeschichte und Stimme der badischen Pfarrschaft. In: Gerhard Schwinge (Hrsg.): Lebensbilder aus der evangelischen Kirche in Baden. V (Kultur und Bildung). Verlag Regionalkultur, 2007, S. 426.
- ↑ a b c Martin Achtnich: Heinrich Neu (1864–1963) – Pionier badischer Kirchen-und Ortsgeschichte und Stimme der badischen Pfarrschaft. In: Gerhard Schwinge (Hrsg.): Lebensbilder aus der evangelischen Kirche in Baden. V (Kultur und Bildung). Verlag Regionalkultur, 2007, S. 427.
- ↑ a b c Martin Achtnich: Heinrich Neu (1864–1963) – Pionier badischer Kirchen-und Ortsgeschichte und Stimme der badischen Pfarrschaft. In: Gerhard Schwinge (Hrsg.): Lebensbilder aus der evangelischen Kirche in Baden. V (Kultur und Bildung). Verlag Regionalkultur, 2007, S. 427.
- ↑ a b Martin Achtnich: Heinrich Neu (1864–1963) – Pionier badischer Kirchen-und Ortsgeschichte und Stimme der badischen Pfarrschaft. In: Gerhard Schwinge (Hrsg.): Lebensbilder aus der evangelischen Kirche in Baden. V (Kultur und Bildung). Verlag Regionalkultur, 2007, S. 429.
- ↑ a b c d Martin Achtnich: Heinrich Neu (1864–1963) – Pionier badischer Kirchen-und Ortsgeschichte und Stimme der badischen Pfarrschaft. In: Gerhard Schwinge (Hrsg.): Lebensbilder aus der evangelischen Kirche in Baden. V (Kultur und Bildung). Verlag Regionalkultur, 2007, S. 430.
- ↑ Martin Achtnich: Heinrich Neu (1864–1963) – Pionier badischer Kirchen-und Ortsgeschichte und Stimme der badischen Pfarrschaft. In: Gerhard Schwinge (Hrsg.): Lebensbilder aus der evangelischen Kirche in Baden. V (Kultur und Bildung). Verlag Regionalkultur, 2007, S. 431.
- ↑ Martin Achtnich: Heinrich Neu (1864–1963) – Pionier badischer Kirchen-und Ortsgeschichte und Stimme der badischen Pfarrschaft. In: Gerhard Schwinge (Hrsg.): Lebensbilder aus der evangelischen Kirche in Baden. V (Kultur und Bildung). Verlag Regionalkultur, 2007, S. 430, 433.
- ↑ Martin Achtnich: Heinrich Neu (1864–1963) – Pionier badischer Kirchen-und Ortsgeschichte und Stimme der badischen Pfarrschaft. In: Gerhard Schwinge (Hrsg.): Lebensbilder aus der evangelischen Kirche in Baden. V (Kultur und Bildung). Verlag Regionalkultur, 2007, S. 453.
- ↑ Harald Drös: Die Inschriften des ehemaligen Landkreises Mergentheim. Reichert, 2002, ISBN 978-3-89500-253-3, S. 152 (google.de [abgerufen am 8. Januar 2026]).