Heinrich Nehracher
Hans Heinrich Nehracher (auch Neeracher; * 14. August 1764 in Stäfa; † 1797 in Beblenheim, Elsass) war ein Schweizer Ofenbauer und Schriftsteller der Aufklärung. Als Hauptverfasser des Stäfner Memorials wurde er 1795 des Landes verwiesen und starb zwei Jahre darauf im Exil.
Leben
Kindheit und Jugend
Heinrich Nehracher wurde 1764 als jüngstes von fünf Kindern in Stäfa am Zürichsee geboren. Sein Vater, der Stäfner Mathias Nehracher, war ein über die Grenzen der Republik Zürich hinaus bekannter und geschätzter Ofenbauer («Hafner»). Seine Mutter Anna Suter stammte ebenfalls aus Stäfa.
Den ersten Unterricht erhielt Nehracher bei seiner Schwester Emerentia, die aber nur über rudimentäre Kenntnisse verfügte. Bis zu seinem zehnten Lebensjahr besuchte er keine Schule, danach lediglich einmal wöchentlich die Repetierschule, wo ihm kaum mehr beigebracht wurde, als ein wenig zu rechnen und zu buchstabieren. Er ging seinem Vater schon früh zur Hand und erlernte den Hafnerberuf, in dem er sich durch Fleiss und Geschick hervortat und der es ihm erlaubte, in andere Orte der Alten Eidgenossenschaft zu reisen. Neben seinem Tagwerk bildete er sich autodidaktisch weiter. Bei wohlhabenden und gebildeten Leuten erbat er sich Bücher, die er ganze Nächte hindurch und an Sonn- und Feiertagen las. Sein Vater liess ihn gewähren und beklagte sich nur ab und an über den hohen Ölverbrauch der Nachtlampe. Nehracher taten es vor allem die Werke von Johann Gottfried Herder, Ewald Christian von Kleist, Albrecht von Haller, Christian Fürchtegott Gellert und Salomon Gessner an, durch deren Nachahmung er zu einer eleganten, höheren Sprache fand. Mit seinem engsten Freund Heinrich Ryffel, dem Sohn des Schullehrers, baute er ein eigentliches «Lesekabinett» im Dachboden seines Vaterhauses auf, für dessen Bibliothek die beiden all ihr erspartes Geld aufbrachten und selbst den Landvogt von Wädenswil um Bücher angingen. Nehracher war unverheiratet, soll sich aber verlobt haben. Zu seinen Freunden zählte auch der vier Jahre ältere Landarzt Johann Kaspar Pfenninger.[1]
Stäfner Memorial
Bei Ausbruch der Französischen Revolution 1789 war Nehracher 24 Jahre alt und schrieb, von deren Idealen entflammt, ab da bis 1791 den Grossteil seiner erhaltenen Aufsätze.
1793 gehörte er zu den Initianten der «Lesegesellschaft zum See», die unter Vorsitz Pfenningers an wechselnden Orten beiderseits des Zürichsees tagte und zur Keimzelle einer Bewegung wurde, welche die Gleichberechtigung der Zürcher Landschaft mit der Stadt forderte. Angeblich wies ihn Alois von Reding auf frühneuzeitliche Zürcher Urkunden hin, welche die Rechte der Landbevölkerung garantierten, vor allem auf die «Spruchbriefe», die nach Hans Waldmanns Sturz 1489 erlassen worden waren, und den «Kappeler Brief» von 1532. Nehracher berichtete seinen Freunden davon und suchte sie mit ihrer Hilfe in umständlicher Recherche auf.
Pfenninger ermunterte Nehracher, die an den Versammlungen der Lesegesellschaft erhobenen Forderungen in einem «Memorial» (einer Denk- oder Bittschrift) zu verdichten und niederzuschreiben. Die Schrift sollte «nach eingehender Prüfung» der Zürcher Regierung vorgelegt werden. Im Juni 1794 las Nehracher den ersten Entwurf unter dem Titel «Ein Wort zur Beherzigung an unsere theuersten Landesväter» in der Lesegesellschaft vor.[2] Er forderte darin eine Verfassung, Erwerbs- und Handelsfreiheit, Studierfreiheit, Gleichheit der Ehre und militärischen Beförderung, die Befreiung von Zehnten und Grundzinsen, die Aufhebung der Überreste der Leibeigenschaft und die Gewährung der alten Rechte und Freiheiten der Landgemeinden.[3]
Die Schrift wurde insbesondere vom Chirurgen Andreas Staub aus Pfäffikon verbreitet. Sie kursierte anonym und war nicht zur Gänze Nehrachers Werk. Der Säckelmeister Stapfer von Horgen hatte zum Beispiel im von der Gewerbefreiheit handelnden Teil wesentlich mitgearbeitet.[2] Gemäss Paul Wernle fungierte Nehracher eher als Redaktor: «seine Ideen schöpfte er aus der damals gerade am Zürichsee weit verbreiteten französischen Revolutionsliteratur; sie lagen in der Luft, und er brauchte sie nur in verständlichem Deutsch zu formulieren».[3]
Verbannung und Tod
Die Lesegesellschaft beschloss, das Memorial einstweilen noch nicht einzureichen. Am 19. November 1794 hielt sie im Gasthof «Löwen» in Meilen eine geheime Versammlung ab, welcher der Memorialentwurf vorgelegt wurde. Inzwischen wurde das Vorhaben aber ruchbar. Der Obervogt von Horgen Hans Heinrich Füssli nahm Untersuchungen auf und lud den Kanzleisubstituten Billeter vor. Auf dessen Aussage hin zitierte die Zürcher Regierung Heinrich Ryffel und Johann Kaspar Pfenninger ins Rathaus und liess sie hier einsperren. Es folgte eine Verhaftungswelle in den Seegemeinden.[2] Nehracher wurde ins Zuchthaus Oetenbach verschleppt und neun Wochen lang gefoltert. Aus dieser Zeit ist ein Gedicht von ihm erhalten, dessen erste Strophe lautet:
«Menschenglück und Menschenfreuden
Muss ich hier im Kerker meiden!
Alle Lust ist mir entrissen, – –
Doch die Ruhe im Gewissen
Heitert diese trüben Stunden,
Und giesst Balsam auf die Wunden.»[4]
Er bekannte sich als «der eigentliche Verfasser» des Memorials und gestand, «den unordentlichen Zusammenkünften in Stäfa und Meilen beigewohnt» zu haben. Am 12. Januar 1795 wurde er für sechs Jahre aus der Eidgenossenschaft verbannt. Pfenninger (als «Veranlasser» des Memorials und der Zusammenkünfte) und Staub (als Verbreiter des Memorials) wurden für vier Jahre des Landes verwiesen.[5] Die harschen Urteile führten in Stäfa und den umliegenden Seegemeinden zu grosser Solidarität mit den Unglücklichen und einem «Klima des zivilen Aufruhrs». In einer zweiten Phase des Stäfnerhandels marschierten Zürcher Truppen im Juli 1795 in Stäfa ein und besetzten die Gemeinde neun Wochen lang. Am 2. September wurden 267 Personen verurteilt, der Anführer Johann Jakob Bodmer zu lebenslanger Haft.[6]
Nehracher begab sich mit Pfenninger und Staub ins deutschsprachige Elsass im revolutionären Frankreich. Die Trennung von Familie, Verlobter und Freunden verkraftete er aber nicht, und nach wenig mehr als zwei Jahren in der Verbannung starb er 1797, mit 33 Jahren, in Beblenheim «in den Armen seiner Freunde». Ein Jahr darauf starb auch sein ältester Bruder «aus unbegrenzter Trauer».[7] Nach dem Einmarsch der Franzosen in der Eidgenossenschaft und der Ausrufung der Helvetischen Republik 1798 wurden die Verbannten und Verhafteten rehabilitiert.
Nachleben
Johann Jakob Leuthy gab 1839 Nehrachers hinterlassene Schriften heraus und versah den 124 Seiten starken Band mit einem Prolog und einer ausführlichen Biografie. Er war überzeugt, dass Nehracher ein Idyllendichter vom Range eines Salomon Gessner oder ein Naturphilosoph, «wie unser Vaterland noch wenige gebar», hätte werden können, wäre er nicht so früh gestorben. Ihm habe «nur der Standpunkt» gefehlt, «um unter den ersten und schönsten Geistern zu leuchten».[8]
Am 3. Juli 1898 wurde in Stäfa das von August Bösch geschaffene Patriotendenkmal eingeweiht. Auf der rechten Seite des Postaments ist ein Bronzemedaillon mit Nehrachers Profil eingelassen. Vor der Enthüllung wurde ein vom ehemaligen Sekundarlehrer Gottlieb Bodmer verfasstes Volksschauspiel aufgeführt, in dessen letztem Akt des vor der Amnestie verstorbenen Nehracher mit einem Trauermarsch gedacht wurde.[9]
1901 wurde an Nehrachers Wohnhaus an der Seestrasse in Stäfa eine Gedenktafel mit folgender Inschrift angebracht: «Hier wohnte der Patriot Heinrich Nehracher, Hafner, Schreiber des Memorials von 1794, geb. 14. August 1764, gest. 1797 in der Verbannung am Heimweh.»[10] Das Haus wurde 1955 mitsamt der Tafel abgerissen. Bis heute steht eine weitere Gedenktafel auf einer Wiese bei der Einfahrt der Felsenburgstrasse in die Seestrasse.[11]
Werke (Auswahl)
Nehrachers Hauptwerk ist das «Stäfner Memorial» Ein Wort zur Beherzigung an unsere theuersten Landesväter von 1794. Unter den 35 von Leuthy gesammelten Aufsätzen finden sich unter anderem (nach Länge geordnet):
- Allgemeine Bemerkung über die Erziehung (S. 32–51)
- Die Größe Gottes in der Natur (S. 94–107)
- Bemerkungen über Weesen, Sargans und das Pfäfferser-Bad (S. 18–26)
- Beschreibung des Muottathals im Kanton Schwyz (S. 26–32)
- Ist Alles, was geschieht, Gottes Wille? (S. 12–17)
- Etwas über Stolz und Menschenliebe (S. 68–73)
- Streplion und Aliest (S. 8–12)
- Die Lectüre (S. 76–80)
- Bemerkungen aus meiner Gefangenschaft (S. 4–7)
- Am Grabe des Malers Kölla von Stäfa (S. 112 f.)
Literatur
- Johann Jakob Leuthy: Lebensbeschreibung Heinrich Nehrachers, von Stäfa. In: Hinterlassene Schriften des Volks- und Vaterlandsfreundes Heinrich Nehracher von Stäfa. Leuthy, Zürich 1839 (Digitalisat), S. VII–XXIII.
- Gottlieb Bodmer: Der Memorialhandel (1791–1794). In: Chronik der Gemeinde Stäfa. E. Gull, Stäfa 1894 (Digitalisat), S. 138–146.
- Paul Wernle: Der schweizerische Protestantismus im XVIII. Jahrhundert. 3. Band. Mohr, Tübingen 1925 (Digitalisat), S. 542–544.
Einzelnachweise
- ↑ Johann Jakob Leuthy: Lebensbeschreibung Heinrich Nehrachers, von Stäfa. 1839, S. VII–XXIII.
- ↑ a b c Gottlieb Bodmer: Der Memorialhandel (1791–1794). 1894, S. 142–144.
- ↑ a b Paul Wernle: Der schweizerische Protestantismus im XVIII. Jahrhundert. 1925, S. 542.
- ↑ Johann Jakob Leuthy: Lebensbeschreibung Heinrich Nehrachers, von Stäfa. 1839, S. XIX.
- ↑ Strafurteil über die Theilnehmer am Memorial. Vor den Zweihundert der Stadt Zürich, d. d. 12. Januar 1795. In: Hinterlassene Schriften des Volks- und Vaterlandsfreundes Heinrich Nehracher von Stäfa. 1839, S. XX–XXII.
- ↑ Bruno Schmid: Stäfnerhandel. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 27. Februar 2012, abgerufen am 20. September 2025.
- ↑ Johann Jakob Leuthy: Lebensbeschreibung Heinrich Nehrachers, von Stäfa. 1839, S. XXII.
- ↑ Johann Jakob Leuthy: Lebensbeschreibung Heinrich Nehrachers, von Stäfa. 1839, S. XVI.
- ↑ Das Fest in Stäfa. In: Neue Zürcher Zeitung. Zweites Abendblatt. Nr. 183, 4. Juli 1898, S. 1 (online).
- ↑ Kleine Mitteilungen. In: Neue Zürcher Zeitung. Erstes Abendblatt. Nr. 254, 13. September 1901, S. 2 (online).
- ↑ Ueli Zoss: Im Gedenken an die Wegbereiter der Demokratie. In: Tages-Anzeiger. 8. Januar 2018, abgerufen am 18. September 2025.