Heinrich M. Königswerther

Heinrich M. Königswerther war eine Rauchwarenhandelsfirma (Pelzfell-Großhandlung) in Leipzig. Als jüdisches Unternehmen wurde es 1938, in der Zeit des Nationalsozialismus, von einem „arischen“ Mitgesellschafter übernommen und liquidiert.[1]

Firmengeschichte

Heinrich M. Königswerther stand an erster Stelle, wenn man von den Spitzenfirmen des Welt-Pelzhandelszentrums Leipziger Brühl sprach, „den Felsensteins, Heinrich Lomer, G. Gaudig & Blum“. Philipp Manes, ein von den Nationalsozialisten ermordeter Rauchwarenhändler und Chronist der Pelzbranche, erklärte, dass das Unternehmen sich in den Jahrzehnten seines Bestehens weltweite Verbindungen schuf und ein Warenlager mit nur besten Qualitäten aller Fellarten unterhielt, die der Markt hergab.[2][3.1]

Erste Jahre

Mit der Niederlassungsfreiheit für Juden – in Leipzig konnte noch 1868 kein Jude einen dauerhaften Wohnsitz haben – hatte der Pelzhandel um das kleine Zentrum des Brühl einen ungeahnten Aufschwung genommen, aus kleinen Firmen wurden große Handelshäuser. Die Kontinentalsperre (1806 bis 1813) beendete erst einmal den wichtigen Überseehandel. In den 1840/1850er Jahren ließen sich dann zahlreiche, später bedeutende Rauchwarenfirmen nieder, so auch Heinrich M. Königswerther.[4][3.2][5] Die Firma gehörte zu den Unternehmen des Brühl, deren Mitarbeiter oder Inhaber die weite und damals noch beschwerliche Reise nach Russland zum Einkauf auf der Irbit-Messe unternahmen. Auch zählten sie zu den zahlungskräftigen Betrieben, die Zweigstellen in Moskau und Petersburg unterhielten.[5.1] Das Adressbuch von 1879 führt Arthur Hermsdorf als Leipziger Bürger sowie Prokuristen der Firma Jules und Heinrich Königswerther, Ritterstraße und Brühl; dieser errichtete 1891 im Raum Leipzig eine Rauchwarenzurichterei, einen Veredlungsbetrieb für Pelzfelle.[6]

Jules Kaiserswerther, Firmensitz in Brüssel, stellte auf der Weltausstellung Paris 1889, an der sich viele bedeutende Pelzanbieter beteiligten, eine „gelungene Neuheit“ vor, „in Gestalt von rasirtem und gefärbten Kanin“.[7]

Samuel Königswerth (gest. 1850), später Königswerther genannt wohnte in Rödelheim, in seinen letzten Lebensjahren in Frankfurt am Main. Er gründete vor 1826 die Rödelheimer Rauchwarenfirma S. Königswerth, die im Jahr 1848 nach Frankfurt verlegt wurde. Ihm zur Seite standen seine Söhne Heinrich Königswerth (geb. 1808), Mayer Samuel Königswerth (1811–1883, seit 1851 Königswerther) und Herrmann (Hermann, Herz) Samuel Königswerth (geb. 1815). Herrmann Königswerther errichtete 1850 in Frankfurt die Rauchwarenfirma Herrmann Königswerth. Als Mayer Samuel Königswerther als Gesellschafter in das Unternehmen eintrat, wurde es in S. Königswerther Söhne umbenannt, 1870 wurde die Firma liquidiert.[8]

Mayer Samuel Königswerther und sein Sohn Heinrich Mayer Königswerther (1845–1913) gründeten stattdessen 1870 in Frankfurt die Rauchwarenfirma M. S. Königswerther & Sohn, aus der Mayer Samuel 1876 ausschied. Unter Beibehaltung seines Frankfurter Wohnsitzes errichtete Heinrich Mayer Königswerther in Leipzig die Rauchwarenfirma M. S. Königswerther & Sohn, die 1887 von Heinrich M. Königswerther übernommen wurde, wobei der Letztere das Geschäft von Leipzig aus betrieb. Die finanzielle Leitung wurde jedoch nach Frankfurt verlegt. Im Jahr 1911 trat Mayer Königswerthers Sohn Hugo Königswerther (1879–1948) als Gesellschafter ein. Weitere Gesellschafter wurden 1913 Ferdinand Schulhof (1861–1934), und 1921 Otto A. Neukirch (geb.1888; lebte in Frankfurt, später in Newkirk, seit 1923 in New York), dessen Bruder war der Schwiegersohn von Heinrich Mayer Königswerther.[9][8]

Ferdinand Schulhoff

Ferdinand Schulhoff (geb. 1861 in Friedberg (Hessen); gest. 3. August 1934) war im Alter von 16 Jahren als Lehrling in die Firma Heinrich M. Königswerther eingetreten, damals noch im Haus Brühl 45. Im Jahr 1913 wurde er persönlich haftender Gesellschafter. Er blieb sein ganzes Leben in dem Unternehmen und „prägte ihm den Stempel seiner Persönlichkeit auf“.[2]

Der ehemalige Leipziger Rauchwarenhändler Leopold J. Cohn, 89 Jahre alt, inzwischen in New York, erinnerte sich 1960: „Ich will noch eine weitere Firma von Bedeutung nennen: Heinrich M. Königswerther: Er lebte in Frankfurt am Main. Sein Prokurist ist Ferdinand Schulhoff und dieser telefonierte jeden Morgen von Leipzig aus mit ihm und erhielt seine Instruktionen. Die Firma H.M.K. kaufte ihre Waren in Ursprungsländern. Sie ließ sie zurichten, sortieren, für jedes Land passend. Zobel, Silberfüchse, Feh, Nutria, Persianer, etc. Sein Umsatz wurde auf viele Millionen geschätzt.“[10]

Philipp Manes widmete Ferdinand Schulhoff 1941 in seinem „Versuch einer Geschichte der deutschen Pelzindustrie und Ihre Verbände, 1900 – 1941“ gleich mehrere Seiten: Schulhoff setzte die Tradition fort und führte weiterhin nur beste Ware. Im Anfang seiner Laufbahn ging er noch selbst auf der Straße und beteiligte sich an dem allgemein üblichen „auf dem Brühl stehen“ der Rauchwarenhändler, die nach Kunden Ausschau hielten und untereinander Neuigkeiten austauschten.[5.2] Manes befand, dass Schulhoff zu der Zeit noch gesellig und zugänglich gewesen war. Das hätte sich jedoch mit den Jahren gegeben und er wäre ein ruhiger, stiller Mann, geworden, der sich nur selten in ein längeres Gespräch einließ. Immer wieder überraschte er durch seine phänomenale Warenkenntnis, „es gab keinen Rauchwarenhändler, der ihm das Wasser reichen konnte“. Im zweiten Welthandelszentrum, Garlick Hill in London, war er deshalb direkt gefürchtet, „ihm konnte man nichts vormachen, denn mit ein paar Worten widerlegte er den tüchtigsten Verkäufer, wenn dieser ihm »etwas erzählen« wollte. Er war eben der geborene Fellkaufmann“.[2]

Umgezogen in das neu errichtete Eckhaus Wagnerstraße 4 mit drei lichterfüllten Etagen, befand sich dort weiterhin nur die beste und schönste Ware. Die Firma beschäftigte nie viele Mitarbeiter, die wenigen Verkäufer blieben jahrzehntelang, jeder hatte seinen Kundenkreis, mit dem er freundschaftlich und beratend verbunden war. Sehr bekannt waren vor dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) die Brüder Neukirch und Alfred Wittner, 1906 kam Helmut Fochtmann dazu, der 1921 persönlich mithaftender Gesellschafter wurde und 1939, nach der Neuordnung im Nationalsozialismus, alleiniger Inhaber. Seine „Adjutanten“ waren K. Siegl, Hesse und Dr. Albers(?), die jeweils gerufen wurden, „ihren“ Kunden zu bedienen.[2] An der Ausrichtung der wohl bis heute spektakulärsten Veranstaltung der Pelzbranche, der Internationalen Pelzfach-Ausstellung, war, wie Vertreter der meisten Leipziger Pelzfirmen, auch Fochtmann beteiligt. Fritz D. Goldschmidt von Heinrich M. Königswerther war Mitglied des Vereins des gleichzeitig stattgefundenen Welt-Pelz-Kongress.[11] Gerhard Ems verbrachte seine Lehrzeit bei Arthur Wolf und bei Königswerther. Im Jahr 2025 gründete er mit seinem Bruder Richard Meisl, ebenfalls Rauchwarenkaufmann und nebenbei ein hervorragender Ruderer, in Berlin eine eigene Vertreterfirma, die sich besonders erfolgreich in der Stoffkonfektion betätigte. Im Jahr 1938 gingen sie ins Ausland.[12]

Mit dem Kunden ging man, das Preisbuch unter dem Arm, von Tisch zu Tisch, es gab „kein unbenutztes Fleckchen“, und von Etage zu Etage: „In der ersten hing die Decke voll mit Chapal Bisam [C. & E. Chapal Frères & Cie, französische Kaninfell- und Kanin-Konfektions-Händler] – in den mächtigen Kästen lagen die Feh – im hinteren Raum die Persianer und im kleinen Zimmer aufgestapelt Breitschwänze“. Ferdinand Schulhoff kam irgendwann hinzu, „den alten, breitkrempigen verschossenen Hut auf dem Kopf, eine Zigarre rauchend, in der ihm eigentümlichen, schiebenden Gangart durch die Etagen, begrüßte den Kunden, wechselte mit ihm ein paar Worte, griff auch bei einer prominenten Persönlichkeit in den Handel ein und sagte etwas über die vorteilhafte Ware – das war aber schon eine seltene Auszeichnung. Es war nicht einfach ihn zu verstehen, denn er sprach leise, und man musste sehr aufmerksam zuhören“.[2]

Jeweils in den Jahren 1898 und 1923,[13] dem 25. und 50. Jahrestag der Leipziger Firmengründung, schenkte das Unternehmen der Stadt einen größeren Geldbetrag. Im selben Jahr vermachte der Branchenkollege Chaim Eitingon der Stadt Leipzig die Ez-Chaim-Synagoge.[8.1]

In seinen letzten Lebensjahren zog sich Schulhoff nach und nach aus dem Geschäft zurück. Er kam noch in das schlichte Kontor mit den großen Stehpulten, um in die Bücher Einsicht zu nehmen, seine Entscheidung blieb immer maßgebend und geltend. Für mehrere Monate ging er zur Erholung nach Meran. Am 3. August 1934 starb er im Alter von 73 Jahren, „ein Mann, an dem kein Falsch und Tadel war und der den deutschen Namen in der gesamten Welt der Pelz zu hohem Ansehen gebracht hat“ – so Philipp Manes, der ihm im Alter oft über seine Berliner Kunden berichten musste, mit denen er zum Schluss keinen Kontakt mehr gehabt hatte.[2]

Fritz Goldschmidt

Fritz Goldschmidt, der Schwiegersohn von Ferdinand Schulhoff, übernahm die Repräsentation von Heinrich M. Königswerther, die vom Inhaber der alten Firma zum Schluss ziemlich vernachlässigt worden war und führte sie jetzt „weltmännisch“ durch.[2.1]

Betriebsschließung

Im Fachverzeichnis von 1937 ist Heinrich M. Königswerther, Richard-Wagner-Straße 10 noch eingetragen.[14]

Dreieinhalb Jahre vor Kriegsende, im September 1941, meldete die „Kürschner-Zeitung“, es wären nun auf dem Brühl fast drei Viertel der Betriebe von Ostjuden gesäubert worden und der Brühl sei „wieder Mittelpunkt der europäischen Rauchwarenwirtschaft“.[15] tatsächlich jedoch hatte die antisemitische Politik der Nationalsozialisten den Pelzhandel am Brühl für immer um seinen Weltruhm gebracht. Heinrich M. Königswerther war von dem Gesellschafter Helmut Fochtmann unter dessen Namen übernommen worden, bevor dieser aus den alten Räumen in sein eigenes Haus umzog.[3.1] Manes schrieb, das letzte Firmenschild, das herabgeholt wurde, war das von Heinrich M. Königswerther, „es trägt nun auch einen neuen Namen“.[3.3]

Assoziierte Unternehmen

  • Société Anonyme de Fourrures & Pelleteries in Genf bestand von 1914 bis 1939
    • Moskau, von 1910 bis 1914
    • New York. von 1907 bis 1914[8]
  • H. M. Königswerther Inc., seit 1923
    • Paris, von 1898 bis 1914
  • Société Anonyme de Fourrures & Pelleteries, 1923 bis 1939.[8]
Commons: Heinrich M. Königswerther – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Helga E. Frester: Ohne Wiederkehr – Zur Erinnerung an jüdisches Leben und Leiden. In: Zeitschrift Brühl, November/Dezember 1988, VEB Fachbuchverlag Leipzig, S. 30.
  2. a b c d e f Philipp Manes: Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900-1940, Versuch einer Geschichte. Band 4, Berlin 1940, S. 164–168. Durchschrift des Originalmanuskripts, (→ Inhaltsverzeichnis).
    1. S. 342
  3. Philipp Manes: Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900-1940, Versuch einer Geschichte. Band 1, Berlin 1941. Durchschrift des Originalmanuskripts, (Kollektion G. & C. Franke). —— Philipp Manes: Die deutsche Pelzindustrie von 1900 bis 1940. In: Das Pelzgewerbe Nr. 6, Hermelin-Verlag Dr. Paul Schöps, Berlin u. a., S. 255–257.
    1. a b S. 156
    2. S. 166
    3. S. 2
  4. Emil Brass: Aus dem Reiche der Pelze. 2. verbesserte Auflage. Verlag der „Neuen Pelzwaren-Zeitung und Kürschner-Zeitung“, Berlin 1925, S. 278.
  5. Walter Fellmann: Der Leipziger Brühl. VEB Fachbuchverlag, Leipzig 1989, S. 67. ISBN 3-343-00506-1.
    1. S. 85, 88-89
    2. S. 70, 72
  6. Leipziger Adreß-Buch für 1879, S. 107.
  7. Paul Larisch, Josef Schmid: Das Kürschner-Handwerk. I. Teil, Nr. 3–4, Kapitel Die Kürschnerarbeiten der Weltausstellung Paris 1889 (entnommen aus den Nummern 20–24 der „Kürschner-Zeitung“, Leipzig, vom Jahre 1889). Verlag Larisch und Schmid, Paris 1902, S. 34.
  8. a b c d Wilhelm Harmelin: Juden in der Leipziger Rauchwarenwirtschaft. In: Tradition - Zeitschrift für Firmengeschichte und Unternehmerbiographie, 6. Heft, Dezember 1966, Verlag P. Bruckmann, München, S. 277–278.
    1. S. 269
  9. Verein Deutscher Kürschner – 34. Generalversammlung zur Ostermesse am 21. April 1914 im Terrassensaal des Restaurants Zoologischer Garten in Leipzig. In: Kürschner-Zeitung No. 9, Verlag Alexander Duncker, 26. April 1914, S. 458 (jährliches Gedenken der Verstorbenen), nur für Todesjahr Heinrich M. Königswerther, Frankfurt a. M.
  10. Pelzhandelsfirma Leopold J. Cohn. Erinnerungen (New York 1960). Original im Besitz des Leo Baeck Institute, New York, M. A. 104a.377, S. 3.
  11. IPA – Internationale Pelzfachausstellung, Internationale Jagdausstellung Leipzig 1930 – Amtlicher Katalog. S. 37, 38, 47, 50.
  12. Philipp Manes: Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900-1940, Versuch einer Geschichte. Band 3, Berlin 1941. Durchschrift des Originalmanuskripts, S. 199 (→ Inhaltsverzeichnis).
  13. [1] Verwaltungsbericht des Rates der Stadt Leipzig, 1887. Abgerufen am 5. Oktober 2025.
  14. Winckelmann Leipzig – Berlin, 55. Auflage, Verlag Louis Winckelmann, Berlin—Halensee, S. 43.
  15. R. H.: Der Brühl – Mittelpunkt der europäischen Rauchwarenwirtschaft. In: Kürschner-Zeitung. 58. Jg., Heft 25, 1. September 1941, S. 321.