Heike Walles

Heike Walles (geborene Schönke, ehemalige Mertsching; * 1. Oktober 1962 in Wiesbaden-Sonnenberg)[1] ist eine deutsche Biologin und Hochschullehrerin. Seit 2019 leitet sie den Forschungsbereich Core Facility Tissue Engineering an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Von 2009 bis 2019 war sie Inhaberin des Lehrstuhls für Tissue Engineering und Regenerative Medizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg. Davor war sie von 2004 bis 2013 Abteilungsleiterin des Fraunhofer-Instituts für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB) in Stuttgart.

Leben und Karriere

Nach dem Abitur am Schulzentrum Obere Aar in Taunusstein im Jahr 1982 studierte Heike Walles Biologie, zunächst in Freiburg und schließlich an der Justus-Liebig-Universität Gießen, was sie mit einem Diplom abschloss. Ihre Diplomarbeit führte sie an das Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried, wo sie bei Peter Hans Hofschneider zum Thema Generation of monoclonal antibodies against Coxsackie virus B3 Protein forschte. Von 1991 bis 1994 folgte die Promotion an der LMU Klinikum Großhadern mit einer Arbeit über viral bedingte Herzerkrankungen bei Gerhard Riecker unter dem Titel Establishment of a sandwich ELISA for the proof of enteroviral anti-body titers in human serums, using recombinant reagents.[1]

Ab 1995 unterrichtete sie als freie Dozentin in Hannover und kam 1998 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin zur Arbeitsgruppe „Cardiovascular Tissue Engineering“ an der Medizinischen Hochschule Hannover. In den Jahren 2003 und 2004 war Walles als Koordinatorin des interdisziplinären „Tissue Engineering Network“ der Medizinischen Hochschule Hannover tätig. Als Gruppenleiterin und später Juniorprofessorin entwickelte sie hier künstliches Gewebe für Herzklappen und Blutgefäße.[2]

Im Jahr 2004 wechselte sie an das Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik und war bis März 2013 dort Leiterin der Abteilung Zellsysteme. Im August 2009 wurde Heike Walles an den neu eingerichteten Lehrstuhl für Tissue Engineering und Regenerative Medizin der Universität Würzburg berufen.[3] Von 2010 bis 2012 war sie Mitglied des Deutschen Ethikrates.[4][5] 2016 wurde sie in die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften gewählt.[6]

Ab November 2018 baute sie als Honorarprofessorin an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg das Fach Core Facility Tissue Engineering (CF TE) auf.[7] Zellbiologische und medizinische Aspekte werden im Fach mit solchen aus der Verfahrenstechnik kombiniert, so dass es ab 2020 der Fakultät für Verfahrens- und Systemtechnik zugeordnet und in das Institut für Chemie integriert wurde. Seit 2020 lehrt sie zudem im interdisziplinären Studiengang Biosystemtechnik.[8]

Seit September 2009 ist Heike Walles mit dem Chirurgen Thorsten Walles verheiratet,[3] in erster Ehe war sie mit Jürgen Mertsching verheiratet, dem Leiter Biologische Sicherheit an der Medizinischen Hochschule Hannover. Mit ihm hat sie zwei gemeinsame Kinder, die 1990 und 1992 geboren wurden.[9][1]

Forschungsschwerpunkte

Heike Walles entwickelt Verfahren zur Züchtung verschiedener Gewebearten aus körpereigenen menschlichen Zellen, das in der Transplantationsmedizin ebenso eingesetzt werden kann wie für Medikamententests und in der Krebsforschung. Die Vermehrung zielt auf Knochengewebe ebenso wie Haut oder Leber und erfolgt in so genannten Bioreaktoren, in denen die Gewebezellen den gleichen physischen wie physiologischen Einflüssen ausgesetzt sind wie in natürlichen Wachstumsprozessen, beispielsweise wird auf Knochengewebe ein kontinuierlich wechselnder Druck ausgeübt, Zellen für Blutgefäße werden von pulsierenden Flüssigkeiten umströmt und Luftröhrengewebe wird einem stetig in der Richtung wechselnden Luftstrom ausgesetzt, um die mikrobiologische Umgebung im Labor zu simulieren.[2] Erste Anlagen zur volltechnisierten Herstellung menschlichen Hautgewebes existieren bereits.[10]

Gemeinsam mit ihrem Mann Thorsten gelang es Heike Walles bis 2009 für drei Patienten menschliches Luftröhrengewebe zur Therapie von Defekten der Trachea zu züchten.[11] Von 2010 bis 2015 leitete sie mit VascuBone ein EU-Forschungsprojekt zur Knochenregeneration. Im Ergebnis des Projekts wurde die „VascuBone-Toolbox“ vorgestellt, die als Baukastensystem für die Knochenregeneration dient. Bei schweren Verletzungen ermöglicht dieses die Herstellung individuell angepasster Knochenimplantate.[12] Das Ergebnis klinischer Studien, die nötig sind, um das Produkt am Menschen anzuwenden, steht noch aus. (Stand 2025)

Parallel zu ihrem Medizinischen Lehrstuhl wurde ab 2009 ein ebenfalls am Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB) in Würzburg angesiedeltes Forschungsprojekt „Regenerative Technologien für die Onkologie“ aufgebaut,[13] für das im Rahmen eines Forschungsförderprogramms der bayerischen Landesregierung eine Förderung von fünf Mio. Euro zur Verfügung gestellt wurden.[2] In der Folge entstand dort das Translationszentrum „Regenerative Therapien für Krebs- und Muskuloskelettale Erkrankungen“ mit einer Förderung seitens des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft und Technologie über einen Zeitraum von fünf Jahren mit zehn Millionen Euro.[14] Dort wurde ein dreidimensionales Lungenmodell im Miniaturformat auf Basis einer Rattenlunge entwickelt, in deren Inneren menschliche Tumorzellen gezüchtet werden,[15] um im Abgleich mit theoretischen Simulationen präzisere Voraussagen zum Potenzial neuer Substanzen bei Lungenkrebs treffen zu können.[16] 2017 wurde das Translationszentrum in das Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC integriert.[17]

Seit ihrem Wechsel an die Universität Magdeburg liegt ihr Schwerpunkt auf der Verfahrensentwicklung, damit dreidimensionale menschliche Gewebemodelle für die Zulassung von Medizinprodukten verwendet werden können.[8] Bis 2027 arbeitet sie mit einer Forschungsgruppe an der Entwicklung eines Biophantoms, das das Gefäßsystem des menschlichen Körpers simulieren soll.[18] Es kann als Trainingsmodell für medizinisches Personal eingesetzt werden.

Mitgliedschaften

Einzelnachweise

  1. a b c Prof. Dr. Heike Mertsching: Curriculum vitae (Memento vom 21. Januar 2015 im Internet Archive) (PDF; 577 kB), Website der Technischen Universität Eindhoven, abgerufen am 3. März 2013.
  2. a b c Neue Professorin – Gewebsersatz aus dem Bioreaktor. In: ukw.de. Universitätsklinikum Würzburg, 2. März 2010, abgerufen am 21. November 2025.
  3. a b Alice Natter: Ein Mediziner-Paar und die rettende Luftröhre. In: mainpost.de. 6. November 2013, abgerufen am 20. November 2025.
  4. Ulrike Florian: Einleitung. In: Deutscher Ethikrat (Hrsg.): Jahresbericht 2010. Berlin 2011, S. 6 (ethikrat.org [PDF; 995 kB; abgerufen am 20. November 2025]).
  5. Ulrike Florian: Einleitung. In: Deutscher Ethikrat (Hrsg.): Jahresbericht 2012. Berlin 2013, S. 5 (ethikrat.org [PDF; 1,2 MB; abgerufen am 20. November 2025]).
  6. Claudia Vorbeck: Pressemitteilung: Heike Walles ist neues Mitglied bei acatech. In: igb.fraunhofer.de. Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB, 2. November 2016, abgerufen am 20. November 2025.
  7. Core Facility Tissue Engineering. In: ich.ovgu.de. Institut für Chemie Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, abgerufen am 20. November 2025.
  8. a b Aufbau der Core Facility Tissue Engineering an der Universität Magdeburg. In: ich.ovgu.de. Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Institut für Chemie, 17. Mai 2022, abgerufen am 21. November 2025.
  9. rs: Von West nach Ost: In Magdeburg mehr Wohlfühlstatus als in Bayern. In: volksstimme.de. 13. Juli 2025, abgerufen am 20. November 2025.
  10. Johann Grolle: (S+) Wunder der Fleischwerdung. In: Der Spiegel. 10. April 2011, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 21. November 2025]).
  11. Preis-Walles – Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik. In: igb.fraunhofer.de. 1. Mai 2010, abgerufen am 21. November 2025.
  12. Vaskularisierte Knochenimplantate aus dem „Baukasten“. In: zwp-online.info. Oemus Media, 19. Juni 2015, abgerufen am 21. November 2025.
  13. Berufung von Frau Prof. Dr. Heike Walles auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Regenerative Medizin an der Universität Würzburg. In: mcw.medizin.uni-wuerzburg.de. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 20. Januar 2015; abgerufen am 21. November 2025.
  14. Matthias Wallenfels: Würzburg: Neues Translationszentrum soll Krebsforschung forantreiben. In: aerztezeitung.de. Springer Medizin, 27. November 2014, abgerufen am 20. November 2025.
  15. Michael Lange: Krebsforschung: Mini-Lunge für die Tumortherapie. In: deutschlandfunk.de. 23. Juni 2014, abgerufen am 20. November 2025.
  16. Martin Roos: Künstliches Mini-Organ: Lungenkrebs. In: Im Focus Onkologie. Band 17, Nr. 9, September 2014, ISSN 1435-7402, S. 8–8, doi:10.1007/s15015-014-1251-6 (springermedizin.de [abgerufen am 20. November 2025]).
  17. Heiko Zimmermann: Zusammenarbeit von Fraunhofer und Universität in Würzburg bringt Medizinforschung voran. In: spt.fraunhofer.de. Fraunhofer-Projektzentrum für Stammzellprozesstechnik, 15. Dezember 2017, abgerufen am 21. November 2025.
  18. Etablierung eines Biophantoms zur Verifizierung und Validierung von Medizinprodukten. In: forschung-sachsen-anhalt.de. 1. September 2024, abgerufen am 21. November 2025.
  19. Ulrike Schwemmer: Neuer Wissenschaftlicher Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Regenerative Medizin e. V. (Pressemitteilung). In: bioregio-stern.de. 13. November 2009, abgerufen am 21. November 2025.
  20. Heike Walles. In: acatech. Abgerufen am 21. November 2025.