Haus Lindenfycht

Das Haus Lindenfycht ist eine Villa in Gmund am Tegernsee. Sie wird heute als Hotel genutzt, dessen Eventkonzept sich der „braunen Vergangenheit“ des Hauses entgegen stellen möchte.[1]

Beschreibung

Das ehemalige Landhaus Heinrich Himmlers am Tegernsee weist einen alpenländischen Gebirgsstil auf.

In den 1930er Jahren erfreuten sich Häuser dieses Stils großer Beliebtheit, sodass sie bis in Münchener Vororte und vereinzelt in nördlichere Gefilde vordrangen.[2]

Haus Lindenfycht weist dieselbe Formensprache auf wie der 1935 vom Architekten Alois Degano umgebaute Berghof auf dem Obersalzberg (wo weitere Politikerresidenzen in ähnlicher Gestaltung errichtet wurden)[2] und wie die Villa Riefenstahl, die zwar in Berlin steht, aber mit der Stilwahl möglicherweise eine Zugehörigkeit oder Nähe der Bauherrin zur politischen Führungselite des Dritten Reichs ausdrücken sollte.[2]

Der Nationalsozialist Baldur von Schirach bezeichnete in seiner Autobiografie Himmlers Haus Lindenfycht als altmodisch und stillos, "unter düsteren Fichten versteckt".[3] Die Einrichtung des Hauses wirkte auf Schirach "bayerisch-herzig, nicht echt, nachempfunden; Andenkenstil: Kissen mit Herzchen, gestickt von treuen Verehrerinnen, gar nicht bayerisch, sondern so, wie sich ein unkundiger Norddeutscher das Bayerische vorstellt."[3]

Bei der Renovierung 2023 sind in einigen Zimmern die alten Holzdecke freigelegt worden (einzelne „schöne Deckengemälde“ kamen zum Vorschein) und der 130 Jahre alte Holzboden wurde restauriert.[4] Der Kamin, den Himmler einst im großen Foyer hatte bauen lassen, ist heute mit der Wand verspachtelt, um ihm seine Wucht und Bedeutung zu nehmen.[4]

Auf dem Gelände gibt es einen Luftschutzbunker aus der Himmler-Ära im Tegernseer Tal. Er wird nicht genutzt, da die „richtige Idee“ dafür noch nicht kam.[4]

Geschichte

Die Villa wurde 1892 erbaut. 1897 erwarben die Opersängerin Marie Schröder-Hanfstaengl und ihr Mann, der Fotograf Erwin Hanfstaengl das Haus. Ab 1904 lebten darin Kaufleute aus München und eine Privatperson aus Wiesbaden. 1914 erwarb der Kammersänger Alois Burgstaller die Villa.[5]

Himmler erwarb das Haus 1933[6] oder 1934.[7][8] Sein privates Familienleben in Lindenfycht war völlig getrennt vom Prunk seines offiziellen Lebens in Wewelsburg.[9] Wewelsburg war die einzige Belastung, die Himmler dem Staat jemals aufbürdete: Sein Haus in Gmund erwarb er vom Erlös des Verkaufs des Bauernhofs in Waltrudering, wobei er den geringen Restkaufpreis durch eine Hypothek aufbrachte, für die er bereitwillig die damals horrende Zinsen zahlte.[10] Er lagerte einen Großteil seiner Gemälde sowie eine Sammlung von Rüstungen in seinem Bauernhaus in Gmund ein.[11]

Himmlers Privathaus Lindenfycht war eine kleine Kommandostelle angeschlossen, obwohl hier vor allem seine Frau Margarete und die Kinder Gudrun und Gebhard Ludwig Himmler wohnten,[12] nachdem die Ehe gescheitert war und sie sich getrennt hatten. Er beauftragte den Architekten Degano mit dem Umbau und der Erweiterung des Hauses.[6]

1938 ließ Himmler auf dem Grundstück das Gästehaus umbauen, Belege zeugen insbesondere von einer Zuteilung von "Eisenkontingenten" und der Übernahme der Mehrkosten für den Umbau vom Reichsleiter Martin Bormann, sowie 1944 "Beschaffung von Sträuchern für Himmlers Garten.[13] Ins Gästehaus Erika zogen 1943 Ehefrau von Gebhard und ihre drei Kinder ein.[14]

Heinrich Himmlers Ehefrau überwachte im letzten Kriegsjahr die 15 bis 20 Häftlinge des KZ Dachau bei Arbeiten an der Privatvilla und 1944 beim Bau eines Luftschutzstollens.[15][6] Ein Zwangsarbeiter kam dabei ums Leben.[5] Göring und Speer hatten im Oktober 1944 eine neue Regelung für Luftschutzbauten erlassen, von der die Nazi-Prominenz vorrangig profitierte: Der Architekt Hermann Giesler telegrafierte stolz, dass der Himmlersche Bunker in Gmund am Tegernsee „fertig betoniert, Außenwände isoliert, Drainage-Leitungen fertig verlegt und verfüllt, Zugang vom Wohnhaus einschließlich Decke fertigbetoniert, Hinterfüllung teilweise ausgeführt, Zement für weitere Fertigstellung an Baustelle vorhanden.“[16]

Das dazugehörige Grundstück war weitläufig genug, um Ponys, Schafe, Schweine und Rehe zu halten, daneben gab es noch einen Fischweiher, eine Weide, einen privaten Bootssteg und ein Gewächshaus.[17]

Gegen Kriegsende erreichten Soldaten der Third United States Army in der ersten Woche des Mai 1945 Gmund. Himmlers Ehefrau Margarete und seine Tochter Gudrun waren bereits geflohen. Das Gebäude wurde zu einem Hauptquartier. Zwei Soldaten erbeuteten Papiere aus dem Haus als Souvenir. Darunter befanden sich Tagebücher Heinrich Himmlers aus den Jahren 1914 bis 1924 sowie persönliche Briefe. Die Tagebücher wurden vermutlich von Otto Wirth sichergestellt. Die Briefe liegen inzwischen ebenfalls wieder vor.[18] Das Anwesen in der Kurstraße 2–8 blieb während des Krieges von Zerstörung verschont und unverändert erhalten.[6]

Himmler wurde 1945 von der Spruchkammer Miesbach (Bayern) als Hauptschuldiger eingestuft, daher sein gesamter Nachlass eingezogen. Die Verfahrenskosten wurden aus dem Nachlass bestritten, seine geflohene Witwe und ihre beiden minderjährigen Kinder behielten zunächst das Besitzrecht an dem Gut Lindenfycht.[19] Dann aber 1953 wurden sie als Nazi-Belastete enteignet.

Der Freistaat Bayern wurde nach dem Abzug der Eigentümer bis heute. Von 1945 bis 1957 wurde das Haus von Walter Thiele als Sanatorium und Diätkurhaus betrieben. Es folgte die Nutzung als Schönheitsfarm, ab 1982 als Tagungszentrum für ein Konsultingunternehmen.[5]

Eine Gruppe junger Einheimischer aus Gmund hat beginnend ab 2022 im Lindenfycht ein neues Hotel- und Gastrokonzept realisiert. Nach einer Renovierung wird das Haus seit 2023 als Hotel Blyb mit öffentlicher Gaststätte geführt. Rein äußerlich soll es an dem geschichtsträchtigen Anwesen wenig Änderungen geben (nur Fenster sollen bodentief verlängert werden), wofür der Gmunder Bauausschuss im Dezember 2022 seine Zustimmung gab.[20][21][22] Der Luftschutzbunker auf dem 20.000 m² großen Gelände verbleibt ungenutzt.[23]

Kritik

Sacha Stawski, ein Vertreter der jüdischen Gemeinde kritisierte die Entwicklung und war der Meinung, das Gebäude hätte in eine Gedenkstätte oder ein Museum umgewandelt werden sollen, das die Öffentlichkeit über Himmlers Gräueltaten aufklärt. Stawsk verurteilte die neue Nutzung scharf: „Wollten Sie schon immer mal wissen, wie es sich anfühlt, Hummus in Himmlers Esszimmer zu essen? Nun, jetzt haben Sie die Gelegenheit dazu.“[24] Der neue Pächter Florian Zibert wies darauf hin, dass der Pachtvertrag ihnen vom Freistaat Bayern angeboten wurde. Da sie aus der Gegend stammen, haben sie als Teil der lokalen Gemeinschaft die Pflicht, die Verantwortung für diesen Ort zu übernehmen und möchten, dass er ein Zentrum des Friedens, der Toleranz und der Inklusion wird.[24]

Die Betreiber versuchen sich dieser Verantwortung zu stellen: gleich in der Eingangshalle thematisiert eine Tafel die Nazi-Zeit des Hauses und bei der Renovierung wurde ein von Himmler eingebauter Kamin mit der Wand verschmolzen, um ihm die „Monumentalität“ zu nehmen.[25] Seiner NS-Vergangenheit will man ein kulturell vielfältiges, naturverbundenes und nachhaltiges Konzept entgegensetzen, sodass der Ort keine Anziehung auf rechte Kreise ausübt, sondern im Gegenteil offene, integrative Kulturveranstaltungen für Hotelgäste und Tegernseer Öffentlichkeit der braunen Vergangenheit entgegensetzt.[26] In Himmlers Wohnzimmer hängen heute Bilder von südafrikanischen Transfrauen, ein absoluter Kontrast zum Vorbesitzer der Villa, der einst über die Verfolgung und Tötung von Millionen von Menschen entschieden hatte, und regelmäßig finden Workshops mit Schulen der Region statt.[27]

  1. Fotografie des Hauses, 1933 - 1945
  2. Fotografie des Hauses mit Gemüsegarten, von 1941

Einzelnachweise

  1. Rob Hyde: Himmler’s Bavarian home transformed into hotel. The Times, 16. August 2023, abgerufen am 4. Januar 2026 (englisch, The luxurious former residence of the leader of the SS, Heinrich Himmler, has been converted into a hotel and restaurant which claims to promote tolerance and openness. The infamous architect of the Holocaust , in which six million Jews were murdered along with other “enemies of the Reich”, Himmler. Florian Zibert, 52, a hotel entrepreneur, and two friends, Moritz Meyn and Maximilian Rampf, have invested €1.5 million in revamping the 130-year old villa, and say they have transformed it into a place where people can enjoy fine dining, cocktails and a quaint overnight stay.).
  2. a b c Frank Schmitz: Landhäuser in Berlin 1933-1945. Gebr. Mann, 2007, ISBN 978-3-7861-2543-3, S. 194.
  3. a b Baldur von Schirach: Ich glaubte an Hitler. Mosaik Verlag, 1967, S. 213.
  4. a b c Katrin Woitsch: Drei Freunde machen Himmler-Villa am Tegernsee zum Hotel – „Spüren die Verantwortung“. Merkur, 9. August 2023, abgerufen am 4. Januar 2026.
  5. a b c Hotel Blyb: Geschichte
  6. a b c d Tony Le Tissier: The Third Reich: Then and Now. After the Battle, 2004, ISBN 978-1-399-07653-1, S. 83 (google.de [abgerufen am 1. Januar 2026]).
  7. Katrin Himmler: Der private Heinrich Himmler.
  8. Großnichte Heinrich Himmlers referiert im Blyb. und an Schulen im Tegernseer Tal., Gymnasium Tegernsee, 1. Juni 2025
  9. David H. Haney: Architecture and the Nazi Cultural Landscape: Blood, Soil, Building. Taylor & Francis, 2022, ISBN 978-1-00-064073-1 (google.de [abgerufen am 2. Januar 2026] Ebook).
  10. Alan Wykes: Himmler. Ballantine Books, 1972, S. 108.
  11. Jan Erik Schulte: Die SS, Himmler und die Wewelsburg. Schöningh, 2009, ISBN 978-3-506-76374-7, S. 243.
  12. Heinrich Himmler: Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1941/42. Christians, 1999, ISBN 978-3-7672-1329-6, S. 101.
  13. Josef Henke: Persönlicher Stab Reichsführer-SS: Bestand NS 19. Bundesarchiv, 1997, ISBN 978-3-89192-062-6 (google.de [abgerufen am 13. Januar 2026]).
  14. Katrin Himmler, Michael Wildt: Himmler privat: Briefe eines Massenmörders. Piper ebooks, 2014, ISBN 978-3-492-96639-9 (ebook).
  15. Gabriele Hammermann in: Wolfgang Benz, Der Ort des Terrors, Band 2, 2005, S. 12, 337 f.
  16. Franz Wilhelm Seidler: Die Organisation Todt: Bauen für Staat und Wehrmacht, 1938-1945. Bernard & Graefe, 1987, ISBN 978-3-7637-5842-5, S. 119.
  17. Katrina Himmler: The Private Heinrich Himmler: Letters of a Mass Murderer. Macmillan + ORM, 2016, ISBN 978-1-4668-7089-5 (Ebook).
  18. Sven-Felix Kellerhoff, Jacques Schuster, Simone Meyer: Himmler., Welt am Sonntag, 3. Februar 2014
  19. Heinrich Himmler. In: Der Spiegel. 3. Dezember 1948, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 4. Januar 2026]).
  20. Redaktion: Großer Flohmarkt: Möbel und Designer-Lampen zum Mini-Preis. In: Tegernseerstimme. 3. Januar 2023, abgerufen am 4. Januar 2026.
  21. Sabiene Hemkes: Vom Lederhosen-Siegfried bis Himmlers Hühner. In: Tegernseerstimme. 7. Dezember 2022, abgerufen am 4. Januar 2026.
  22. ComTeam verlässt Gmund: Für Hotel ist bereits eine Nachfolge gefunden. 1. Dezember 2022, abgerufen am 4. Januar 2026.
  23. Katrin Woitsch: Drei Freunde machen Himmler-Villa am Tegernsee zum Hotel – „Spüren die Verantwortung“., merkur.de, 9. August 2023
  24. a b Rob Hyde: Nazi SS chief Heinrich Himmler’s Bavarian lakeside villa transformed into hotel. In: The Jewish Chronicle. 1. September 2023, abgerufen am 4. Januar 2026 (englisch).
  25. Anja Schauberger: Wildkräuter-Wanderungen statt Champagner-Chichi. In: Süddeutsche. 19. Juni 2025, abgerufen am 4. Januar 2026.
  26. „Erst Himmler-Villa, jetzt Hotel“ – Exkursion an den Tegernsee., did.geschichte.uni-muenchen.de, 18. Juni 2024
  27. Rahel Ullmann: NS-Kulissen im Schatten der Geschichte. In: PAblish. Universität Passau, 25. Juli 2025, abgerufen am 6. Januar 2026.

Koordinaten: 47° 44′ 25,2″ N, 11° 44′ 18,2″ O