Harry Buckwitz

Harry Herbert Buckwitz (* 31. März 1904 in München; † 27. Dezember 1987 in Zürich) war ein deutscher Schauspieler, Theaterregisseur und Theaterintendant. Er wurde vor allem durch seine Brecht-Inszenierungen weltweit bekannt.

Leben

Harry Buckwitz war der Sohn des Kaufmanns Alfred Buckwitz und dessen Ehefrau Helene Döri.[1] Sein Vater wurde 1870 in Breslau geboren, betrieb ein Herrenbekleidungsgeschäft bis 1901 in Frankfurt am Main und anschließend in München. Bei der landesweiten Volkszählung 1939 wurde er in Ebersberg in Oberbayern als Mischling 1. Grades eingestuft.[2] Buckwitz' Mutter wurde 1878 in Budapest geboren und war evangelisch.[3] Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor.

Buckwitz studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften, absolvierte anschließend eine Schauspielausbildung und bekam sein erstes Engagement bei den Münchner Kammerspielen. Seit 1925 arbeitete er an verschiedenen deutschen Bühnen in Recklinghausen, Bochum, Mainz, Freiburg und Augsburg.

1937 erfolgte Buckwitz Ausschluss aus der Reichstheaterkammer, was faktisch einem Auftrittsverbot gleichkam. Nach einigen Quellen[4][5] sei dies aufgrund seiner Einstufung als „Halbjude“ geschehen. Buckwitz selber äußerte sich anders dazu: „[der Ausschluss erfolgte] nicht deshalb, weil die wußten, daß ich Halbjude war, das wußten die gar nicht, [... sondern weil er] mit jugendlichem Impetus [gegen eine allzu völkische Peer-Gynt-Bearbeitung protestiert hatte].“[6] Zufällig erhielt er kurz danach eine Stellung als Hotelier im ostafrikanischen Tanganjika. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, stand das Land unter britischem Mandat, weshalb Buckwitz Ende 1939 in ein Lager bei Daressalam interniert und Anfang 1940 zwangsweise zurück nach Deutschland geschickt wurde.[7][8] Bei der zwischenzeitlich im Deutschen Reich stattgefundenen Volkszählung, einschließlich der Erfassung der jüdische Bevölkerung, war er also nicht anwesend. Seine Schwester Lilly hingegen wurde 1939 als Mischling 2. Grades eingestuft.[9] Weil seine jüdische Abstammung demnach unentdeckt blieb, wurde er am 1. Mai 1940 kommissarischer Leiter des Hotels Savoy im deutsch besetzten Lodz, nun Litzmannstadt. 1943 erhielt er dort durch Gauleiter Arthur Greiser die Ernennung zum NS-Kreisfachgruppenleiter für das Beherbergungsgewerbe.[10] 1944/45 leistete er seine Militärzeit als Kraftfahrer in der Wehrmacht ab.[11]

Frankfurter Generalintendanz

Nach dem Krieg wurde Buckwitz ab 1946 zunächst Verwaltungsdirektor bei den Münchner Kammerspielen, bevor er 1951 als Generalintendant an die Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main wechselte, denen er in der Folgezeit zu großem Publikumszuspruch verhalf. 1952 holte er Georg Solti als Generalmusikdirektor an die Frankfurter Oper. Der im Dezember 1963 eingeweihte Doppelbau des Frankfurter Opern- und Schauspielhauses am heutigen Willy-Brandt-Platz beruhte konzeptionell maßgeblich auf seinen Anregungen. 1962 wurde Buckwitz Vizepräsident der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste; auf seine Anregung hin nahm die zuvor in Hamburg beheimatete Akademie fortan ihren Sitz in Frankfurt (bis 2004). 1966 wurde Buckwitz zu ihrem Präsidenten gewählt.

In seiner Frankfurter Zeit widmete sich Buckwitz vor allem der Inszenierung von Stücken Bertolt Brechts und war besonders mit dessen Der kaukasische Kreidekreis (1955) und Mutter Courage (1958) erfolgreich; daneben kamen vor allem zeitgenössische Autoren wie Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Rolf Hochhuth, Eugene Ionesco, Arthur Miller, Jean-Paul Sartre und Tennessee Williams teils erstmals in Deutschland zur Aufführung. Mit seinen Programmen versuchte er dabei gezielt, neue Bevölkerungsschichten für das Theater zu interessieren, und erreichte mit seinen Programmen eine Sitzplatzauslastung von bis zu 90 Prozent; Kritiker des Spielplans warfen ihm indessen vor, „kommunistische Propaganda“ zu verbreiten.[12] Nebenher führte Buckwitz auch bei einigen Fernsehverfilmungen von Theaterstücken Brechts Regie. So inszenierte er in seinen letzten aktiven Jahren am Hamburger Ernst Deutsch Theater, den Kaukasischen Kreidekreis und Der gute Mensch von Sezuan. In beiden Inszenierungen besetzte er Angélique Duvier für die weibliche Hauptrolle.

Nach gesundheitlichen Problemen und aufgrund von Haushaltsstreitigkeiten mit der Stadt Frankfurt trat Buckwitz im Januar 1967 von seinem Amt als Generalintendant zurück und schied mit Vertragsende im August 1968 aus.

Schauspieldirektor in Zürich

Von 1970 bis 1977 war Buckwitz Direktor des Schauspielhauses Zürich. Seine dortige Ernennung führte im Frühjahr 1970 zu einer heftigen Kontroverse mit dem Journalisten Hans Habe, der ihm in einem Artikel für die Wochenzeitung Welt am Sonntag vorwarf, einst Gefolgsmann Hitlers gewesen zu sein. Habe stützte sich dabei auf Zitate aus der Schrift Heimkehr: Vertrieben aus deutschem Land in Afrika, die 1940 vom Reichskolonialbund unter Buckwitz’ Namen veröffentlicht worden war.[13] Buckwitz selbst entgegnete, Teile seines 1940 bei der Rückkehr aus der Internierung in Tanganjika in einem Lager bei Berchtesgaden verfassten Manuskripts seien vor der Veröffentlichung ohne sein Wissen verändert worden,[14] während im Gefolge unter anderem Friedrich Dürrenmatt und Rolf Hochhuth Partei für Buckwitz ergriffen.[15] Mit einem Vertrauensvotum des Verwaltungsrats des Zürcher Schauspielhauses wurde Buckwitz im Amt bestätigt, das er bis 1977 ausfüllte.

Späte Jahre

Im Dezember 1977 war Buckwitz als Schauspieler in der Rolle des Kardinals Concha in dem deutschen Fernsehfilm Der Tod des Camilo Torres oder: Die Wirklichkeit hält viel aus (Regie: Eberhard Itzenplitz) zu sehen. Danach arbeitete Buckwitz bis zu seinem Tod als freier Regisseur. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin wurde Buckwitz nicht in seinem letzten Wohnort Zürich, sondern in Frankfurt am Main bestattet. Sein umfangreicher schriftlicher Nachlass befindet sich heute im Archiv der Akademie der Künste in Berlin.[16]

Mord an Betsy Buckwitz

In der Nacht vom 10. zum 11. Juni 1989 wurde Harry Buckwitz’ geschiedene Ehefrau Margarethe „Betsy“ Buckwitz (geb. Sajowitz) in ihrem Haus in Königstein im Taunus Opfer eines Raubmordes; der Fall erregte überregionales Aufsehen und wurde im Februar 1990 auch im Rahmen der ZDF-Fernsehfahndungssendung Aktenzeichen XY... ungelöst als Filmfall behandelt. Der zwischenzeitlich anderweitig straffällig gewordene und deshalb 2007 verurteilte Täter wurde im August 2008 aufgrund einer routinemäßigen DNA-Analyse überführt[17][18] und nach einem fünf Verhandlungstage dauernden Indizienprozess am 30. April 2009 wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.[19][20]

Ehrungen

Literatur

  • Gerhard Beier: Arbeiterbewegung in Hessen. Zur Geschichte der hessischen Arbeiterbewegung durch einhundertfünfzig Jahre (1834–1984). Insel, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-458-14213-4, S. 388.
  • Renate Rätz (Bearb.): Harry Buckwitz. Schauspieler, Regisseur, Intendant. 1904–1987. „Den lieb ich, der Unmögliches begehrt“. Berlin 1998, ISBN 3-932529-12-X.
  • Ute Kröger: Harry Buckwitz. In: Andreas Kotte (Hrsg.): Theaterlexikon der Schweiz. Band 1, Chronos, Zürich 2005, ISBN 3-0340-0715-9, S. 288 f.
  • Harry Buckwitz: Essay in Zeitschrift Zeit und Geist. Eine Zweimonatsschrift für Kunst, Literatur und Wissenschaft. Progress Verlag Johann Fladung, Darmstadt 1957, H. 4.

Einzelnachweise

  1. Archivgut: Zivilstandsregister München I. Bestand: Geburtenbuch, Jg. 1904. Dokument: Urkundennummer 1052. Stadtarchiv München. 31. März 1904. Signatur: DE-1992-STANM-07751.
  2. Archivgut: Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939. Bestand: Oberbayern, hier: u.a. Ebersberg. Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde. 17. Mai 1939. Signatur: R 1509 (Reichssippenamt).
  3. Archivgut: Evangelische Kirchenbücher Budapest, hier Deutsche Kirchengemeinde. Bestand: Taufbuch, Jg. 1868–1895. Dokument: Seite 218, Nummer 159. Nationalarchiv Budapest. 9. Juni 1878.
  4. Eva Zander: Im Rhythmus der verwirrten Welt. 2 (Musik im Metrum der Macht). Mainz 2005, ISBN 3-924522-20-0, S. 319.
  5. Robert Sedlaczek: Karl Klammer und der Plagiatsstreit mit Bertolt Brecht um die Dreigroschenoper. Hamburg 2025, ISBN 3-695-11661-7, S. 320.
  6. Fremde Hand. In: Der Spiegel. Nr. 25. Hamburg 14. Juni 1970, S. 320 (spiegel.de).
  7. Rätz, S. 45
  8. Vgl. Harry Buckwitz: Als deutscher Hotelier in Afrika. In: Gladbecker Volkszeitung. Band 52, Nr. 164. Gladbeck 14. Juni 1940, S. 5.
  9. Archivgut: Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939. Bestand: Stuttgart-Vaihingen, hier: Abraham, R. – Kurz, W.. Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde. 17. Mai 1939. Signatur: R 1509 (Reichssippenamt).
  10. Das Präsidium unserer Wirtschaftskammer. In: Litzmannstädter Zeitung. Band 26, Nr. 233. Litzmannstadt 21. August 1943, S. 3.
  11. Rätz, S. 45
  12. Die Ära Buckwitz bei den Städtischen Bühnen Frankfurt (Memento vom 14. Dezember 2013 im Internet Archive) Artikel zu Buckwitz’ Frankfurter Spielplänen.
  13. Hellmuth Karasek: Harry Buckwitz und die Welt am Sonntag. In: Die Zeit, Nr. 24/1970
  14. Fremde Hand. In: Der Spiegel. Nr. 25, 1970 (online).
  15. Vgl. dazu Werner Birkenmeier: Eichenlaub gegen Goethe-Medaille: Der Habe-Dürrenmatt-Prozeß in Zürich. In: Die Zeit, Nr. 14/1972, zu Buckwitz dort besonders S. 3
  16. Nachlass Harry Buckwitz Bestandsübersicht auf den Webseiten der Akademie der Künste in Berlin.
  17. Mord an Intendanten-Witwe offenbar aufgeklärt. In: FAZ, 15. August 2008.
  18. Der Mordfall Buckwitz. (Memento vom 27. August 2008 im Internet Archive) In: Frankfurter Rundschau, 20. August 2008.
  19. Frankfurter Rundschau online: https://www.fr.de/rhein-main/lebenslang-buckwitz-moerder-11551953.html , 30. April 2009 (abgerufen am 2. Mai 2009)
  20. Ad-Hoc-News: Angeklagter im Buckwitz-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt, 1. Mai 2009 (abgerufen am 2. Mai 2009) (Memento vom 16. Juli 2012 im Webarchiv archive.today)