Harriet Hubbard Ayer
Harriet Hubbard Ayer (* 27. Juni 1849 in Chicago; † 23. November 1903 in New York) war eine US-amerikanische Kosmetikunternehmerin und Journalistin. Die Kosmetikmarke Ayer trägt ihren Namen.
Leben
Hubbard war die zweite von drei Töchtern des Immobilienmaklers Henry George Hubbard († 1852), der aus Vermont stammte, und dessen Frau Juliet Elvira (geborene Smith). Sie hatte noch einen älteren Bruder. Sie wuchs in einem wohlhabenden Umfeld auf, besuchte die katholische Privatschule Convent of the Sacred Heart in Chicago und schloss diese Im Alter fünfzehn Jahren ab. Nach dem Tod ihres Vaters wurde ihre Mutter zunehmend pflegebedürftig. Nach ihrer Heirat widmete sich Frau Ayer in den Jahren 1866 bis 1882 dem sozialen und kulturellen Leben in der wohlhabenden Gesellschaft. Ihr Ehemann vertiefte sich in seine Arbeit und überließ ihr die Erziehung, die Haushaltsführung und die Dinge des gesellschaftlichen Lebens. Sie unternahm Reisen ins Ausland, besuchte London, Paris, Rom und Wien, wirkte in Amateurtheatergruppen mit, übersetzte einige französische Dramen, sprach mehrere Sprachen oder empfing in ihrem Haus Gastschauspieler. Ihre intellektuellen und künstlerischen Interessen sowie die immer schlechter laufenden Geschäfte ihres Mannes führten zu einer zunehmenden Entfremdung der Eheleute, so dass sie sich von ihrem Mann trennte und 1882 mit ihren beiden Töchtern nach New York zog. 1883 scheiterten die Geschäfte ihres Mannes endgültig und sie musste sich eine eigene Tätigkeit zur Sicherung des Lesebunterhalts suchen.
Zunächst arbeitete sie als Verkäuferin und stand acht, manchmal sogar vierzehn Stunden täglich, hinter dem Tresen. In ihrer keinen Wohnung schrieb sie bis spät in die Nacht Briefe, Skizzen, Essays und Leitartikel. Innerhalb eines Jahres hatte sie sich durch ihr Gehalt im Geschäft und Verkaufsprovisionen für ihre schriftstellerischen Leistungen und Immobiliengeschäft ein gutes Auskommen gesichert. Als die Belastung für ihre Gesundheit zu groß wurde beschloss sie auf Provisionsbasis Waren einzukaufen und Häuser für ihre Freunde einzurichten. 1886 gelang es ihr finanzielle Unterstützung für ein eigenes Unternehmen („Recamier Toilet Preparations, Inc.“ oder „Recamier Manufacturing Company“[1] am Union Square 25 in New York, 1886 gegründet) zu bekommen, in dem sie eine Gesichtscreme herstellen und vertreiben wollte, dessen Rezeptur sie angeblich exklusiv bei einer Reise nach Paris von einem französischen Apotheker erworben hatte. Sie pries ihr Produkt mit dem Hinweis an, dass bereits die hübsche Madame Julie Récamier diese Creme verwendet habe und ließ deren Namen sie neben ihrem eigenen auf das Etikett setzte. Diese Mischung aus Exklusivität und Marketingkampagnen, die sie mit Zeitungsinseraten forcierte machte sie zu einer Pionierin des modernen Werbepsychologie.
James Seymour, Geschäftspartner und Schwiegervater ihrer Tochter Harriet behauptete, sie sei geisteskrank und würde das Unternehmen herunterwirtschaften. Es folgte eine lange Zeit persönlicher und gerichtlicher Auseinandersetzungen. Tatsächlich litt Frau Ayer schweren Depressionen, da man versuchte sie von ihren Töchtern zu entzweien. Im Februar 1893 erreichten ihr geschiedener Ehemann und ihre Tochter Harriet tatsächlich vorübergehend ihre Einweisung in eine private Nervenheilanstalt außerhalb von New York. Sie verlor all ihre Geschäftsinvestitionen. Nach vierzehn Monaten wurde sie entlassen und begann Vorträge über ihre ungerechtfertigte Einweisung und die erbärmlichen Zustände in der Heilanstalt zu halten.
1896 wurde sie von Arthur Brisbane, dem Redakteur der New York World engagiert, um eine Kolumne mit Schönheitstipps für die neu eingeführte Frauenseite der Sonntagsausgabe zu schreiben. Sie schrieb bis zu ihrem Tod eine wöchentliche Kolumne mit Schönheitstipps, Ratschlägen zur Körperpflege, typgerechter Bekleidung, gesunder Ernährung und Gymnastik.
Dieser Erfolg bildete die Grundlage für Hubbard Ayers Buch A Complete and Authentic Treatise on the Laws of Health and Beauty, das 1899 veröffentlicht wurde. 1903 verstarb sie in New York an einer Lungenentzündung.[2]
Familie
Ende Juni 1865 verheiratete sich die sechzehnjährige Harriet Hubbard mit Herbert Copeland Ayer, dem Sohn eines wohlhabenden Chicagoer Eisenhändlers. Mit ihm hatte sie drei Kinder, von denen ein Mädchen 1871 im Säuglingsalter beim Großen Brand von Chicago starb:
- Harriet (Hattie) Hubbard Ayer (* 1867) ⚭ Allen Lewis Seymour
- Margaret Hubbard Ayer (* 1877/1879) wurde Journalistin[3]
Die Ehe wurde 1886 geschieden.
Rezeption
1930 kaufte die US-Niederlassung der britischen Firma Lever Brothers die Harriet Hubbard Ayer Inc aus New York. Der Geschäftsmann und Architekt Charles Luckman (1909–1999) tätigte die Transaktion im Auftrag von Lever Brothers. 1935 wurde der Sitz der Firma Harriet Hubbard Ayer unter der Führung des britisch-holländischen Konzerns Unilever nach Paris verlegt.
In den 1950er, 1960er und 1970er Jahren wurden viele bahnbrechende Kosmetikinnovationen entwickelt, sowohl im Pflege- als auch im Duft- und dekorativen Bereich. Ferner hat Ayer in der Werbung Geschichte geschrieben und wird in Born in 1842. A History of Advertising von Publicis (2006) erwähnt. Der internationale Slogan war „The finest of beauty products for those who demand the best“. Der Star-Visagist Olivier Echaudemaison (ab 1968 bei Harriet Hubbard Ayer Paris) schminkte mit Ayer-Produkten die gekrönten Häupter dieser Welt anlässlich ihrer Hochzeiten, so 1973 die britische Prinzessin Anne, 1980 Gloria von Thurn und Taxis und 1981 Lady Diana.
Die Vermarktung der Marke Ayer in Deutschland begann 1952 durch das Parfumhaus Gottschalk. Die Alleinvertriebsrechte für Deutschland gingen 1966 an die Firma Imperial Kosmetik München über. 1985 verkaufte Unilever die Marke Ayer an die Firma Imperial Kosmetik, die damals der umsatzstärkste Importeur der Marke weltweit war. So gründeten 1985 die Inhaber der Imperial Kosmetik die Firma Harriet Hubbard Ayer GmbH. Seitdem fungiert Imperial Kosmetik als Hersteller und Vertriebsfirma der Marke Ayer für Deutschland. Die Firma Harriet Hubbard Ayer steuert von München aus den Weltvertrieb. Bis heute stellt die Marke eine Kosmetik für höchste Ansprüche dar und zeichnet sich durch Kontinuität und Tradition aus, gekoppelt mit ständigen Produktinnovationen gemäß den neuesten Entdeckungen der Kosmetologie.
Schriften (Auswahl)
- Harriet Hubbard Ayer’s book; a complete and authentic treatise on the laws of health and beauty. Arno Press, New York 1974, ISBN 0-405-06074-2 (Textarchiv – Internet Archive – Erstausgabe: 1899, Nachdruck, Leseprobe).
- Bath & beauty splash! Main Street, New York, NY 2005, ISBN 1-4027-2935-9 (englisch, archive.org – Leseprobe, Auszüge auch ihrem Buch).
Übersetzungen
- Baronne Staffe: My lady’s dressing-room. Cassell, New York 1892 (englisch, archive.org).
Literatur
- Ayer, Mrs. Harriet Hubbard. In: Frances E. Willard, Mary A. Livermore (Hrsg.): Woman of the Century. 1893, S. 39–40 (englisch, Volltext [Wikisource]).
- Margaret Hubbard Ayer, Isabella Taves: The Three Lives of Harriet Hubbard Ayer. W. H. Allen, London 1957.
- Carol Krismann: Ayer, Harriet Hubbard (1849–1903), Cosmetics Manufacturer. In: Encyclopedia of American women in business : from colonial times to the present. Greenwood Press, Westport, Conn. 2005, ISBN 0-313-32757-2, S. 43–44 (englisch, Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
- Suzann Ledbetter: Shady Ladies, Nineteen Surprising and Rebellious American Women. Forge Book, New York: 2006, ISBN 0-7653-0827-4.
- Melanie Gustafson: The Family and Business Life of Harriet Hubbard Ayer, Culminating in Fights over Her Person and Property. In: The Journal of the Gilded Age and Progressive Era. Band 11, Nr. 3, Juli 2012, ISSN 1537-7814, S. 345–404, JSTOR:23249162.
- S. M. Yohn: Harriet Hubbard Ayer. In: Women and their money 1700–1950 : essays on women and finance. Routledge, London 2012, ISBN 978-0-415-54255-5, S. 227–232, 235, 237 (englisch, Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Recamier Manufacturing Company cosmeticsandskin.com (englisch).
- ↑ Bernard A. Weisberger: A Note about the Author. In: Harriet Hubbard Ayer’s book; a complete and authentic treatise on the laws of health and beauty. Arno Press, New York 1974, ISBN 0-405-06074-2 (Textarchiv – Internet Archive – Nachdruck, Leseprobe).
- ↑ John William Leonard: Woman’s who’s who of America; a biographical dictionary of contemporary women of the United States and Canada. The American Commonwealth Company, New York 1914, S. 61 (englisch, Textarchiv – Internet Archive).