Harbour Front Literaturfestival
Das Harbour Front Literaturfestival ist ein jährlich stattfindendes Literaturfestival in Hamburg, das 2009 zum ersten Mal stattfand.
Geschichte
Das Harbour Front Literaturfestival wurde 2008 von den Verlegern Nikolaus Hansen und Peter Lohmann gegründet, die zusammen mit Heinz Lehmann bis Ende 2018 auch die Festivalleitung stellten. 2019 wechselte diese zu Petra Bamberger, Nikolaus Hansen und Heinz Lehmann. Nach der Absage des Festivals 2024 übernahm Joachim Lux für 2025 die künstlerische Leitung.[1] Seit 2025 ist MSK-Meistersinger mit Sitz in Berlin Veranstalter.[2]
Im ersten Jahr verzeichnete das Festival 16.000 Besucher, im zweiten bereits 20.000.[3] Von 2009 bis 2023 zählte das Literaturfestival insgesamt mehr als 280.000 Zuschauer.[2] 2024 setzte das Festival aus, um sich – laut Angaben der Verantwortlichen – organisatorisch, personell und finanziell neu aufzustellen. Im Vordergrund standen Probleme mit der Finanzierung des Publikumsfestivals, die (nach Rückzug der Kühne-Stiftung 2022[4]) 2023 mit Zuschüssen der Hamburger Kulturbehörde (Förderung:100.000 €), der Clouds Hill Group und der Hapag-Lloyd-Stiftung ermöglicht worden war.[5]
Beim umfassenden Neustart 2025 wurde schon vor Programmbeginn mit 30.000 verkauften Tickets ein neuer Besucherrekord aufgestellt,[6][7] am Ende waren 33.000 Zuschauer dabei.[8] Habour Front war damit nach der Lit. Cologne das zweitgrößte Literaturfestival Deutschlands.[8] Das Festival fand 2025 an 23 Spielstätten statt und umfasste über 60 Veranstaltungen.[9] Neben neuen Veranstaltungsorten und Themenbereichen wurde auch ein neuer Preis eingeführt, der Felix-Jud-Preis für Widerständiges Denken. Erste Preisträgerin war Chimamanda Ngozi Adichie, die ihn im Rahmen der Eröffnungsfeier des Festivals in der Elbphilharmonie verliehen bekam.[7] Die Laudatio wurde von der kenianischen Autorin Auma Obama gehalten.[10] Der mit 10.000 Euro dotierte Debütpreis wurde 2025 erstmals von einer Jury aus Buchhändlern live auf der Bühne verliehen. Preisträgerin war Annegret Liepold mit ihrem Roman Unter Grund. Zusätzlich wurde bei der Veranstaltung ein Publikumspreis vergeben. Hier gewann Lina Schwenk mit ihrem Roman Blinde Geister.[11]
Programm
Das Festival findet jedes Jahr im Herbst (September/Oktober) statt. Veranstaltungsorte sind u. a. die Elbphilharmonie, das Thalia Theater, die Laeiszhalle, die Speicherstadt sowie die Rathauspassage, die 2025 erstmals als Festivalzentrum dient.
Das Programm gliedert sich in mehrere thematische Sektionen:
- NOW: zeitgenössische Literatur und aktuelle Themen
- FUTURE: Zukunftsfragen
- SOUNDS: Literatur und Musik im Zusammenspiel (z. B. 2025 mit Heroes in der Elbphilharmonie)[12]
- FOREVER: Klassiker, Jubiläen, literarische Rückblicke
- NEXT.GEN: junge Stimmen, New-Adult-Literatur und Debütpreis
Zu den Gästen zählten in den vergangenen Jahren unter anderem internationale Autorinnen und Autoren wie Isabel Allende[13], John Grisham[5], Kazuo Ishiguro, Donna Leon[10], Ian McEwan[14], Swetlana Alexijewitsch, Stephen King[2], Salman Rushdie, T. C. Boyle, George R. R. Martin, Édouard Louis, Liao Yiwu[15], Dan Brown[16], Chimamanda Ngozi Adichie[17]; John Irving[2] und Mieko Kawakami[18], sowie aus dem deutschsprachigen Raum Günter Grass[15], Martin Suter[18], Juli Zeh, Ferdinand von Schirach, Cornelia Funke[2], Heinz Strunk, Dörte Hansen[5], Joachim Meyerhoff[5], Judith Hermann[5], Frank Schätzing[2], Daniel Kehlmann[2] und Caroline Wahl[19].
Neben Lesungen gehören auch Musikdarbietungen zum Programm des Harbour Front Literaturfestival.[19]
Preise
- Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals (2010–2021: Klaus-Michael-Kühne-Preis; 2022 und 2023: Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals; ab 2025 (neu konzipiert): NEXT.GEN: new voices (10.000 € Preisgeld)[20]): für das beste deutschsprachige Romandebüt des Jahres
- Felix-Jud-Preis für Widerständiges Denken (seit 2025; 20.000 € Preisgeld[21]): Erste Preisträgerin: Chimamanda Ngozi Adichie[19]
Kontroversen
2020 weigerten sich zwei ungenannte Autoren zusammen mit Lisa Eckhart, der vorgeworfen wird, während ihrer Auftritte rassistische und antisemitische Vorurteile zu reproduzieren, beim Nachwuchswettbewerb des Harbour Front Literaturfestival auf St. Pauli aufzutreten. Zudem soll es Befürchtungen gegeben haben, dass ein Auftritt Eckharts gewalttätige Proteste provozieren könne. Daraufhin wurde Eckhart vom Festival ausgeladen.[22] Es gab heftige Kritik gegen diese Entscheidung, sodass sich die Festivalleitung entschied, Eckhart erneut einzuladen und den Veranstaltungsort aus Sicherheitsgründen zu verlegen. Eckhart, die zwischenzeitlich schon wieder in Hamburg gelesen hatte und weiter auf der Nominierungsliste des Festival-Preises für den besten Debütroman stand, lehnte die erneute Einladung, im Rahmen des Festivals zu lesen, allerdings ab.[23][24] Die Ausladung Eckharts und insbesondere auch die Weigerung der unbenannten Autoren mit Eckhart zusammen aufzutreten, kritisierte der Friedenspreisträger Navid Kermani in seiner Eröffnungsrede des Harbour Front Literaturfestival 2020 deutlich.[22]
2022 sagten die Autoren Sven Pfizenmaier und Franziska Gänsler die Teilnahme am Wettkampf um den Debütpreis des Festivals, der damals noch Klaus-Michael-Kühne-Preis hieß, aus Protest gegen eine mangelnde Aufarbeitung der Rolle des Logistik-Unternehmens Kühne + Nagel des Festivalsponsors Klaus-Michael Kühne im Nationalsozialismus ab.[25] Andere Autoren schlossen sich der Kritik der beiden an.[26] Die Festivalveranstalter benannten den Preis daraufhin noch während des laufenden Festivals in Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals um. Der Ort der Preisverleihung wurde vom Hotel The Fontenay, das Kühne gehört, in das Nachtasyl des Thalia Theaters verlegt.[27][28] Die Kühne-Stiftung zog sich aus dem Sponsoring des Festivals zurück.[4]
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Thomas Andre: Harbour Front Festival: Hamburg wird „Bühne der Weltliteratur“. In: abendblatt.de. 20. Juli 2025, abgerufen am 13. Oktober 2025.
- ↑ a b c d e f g Harbour Front Literaturfestival kehrt nach Pause zurück. In: zeit.de. 24. September 2024, abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ 20.000 Besucher beim zweiten Harbour Front Literaturfestival in Hamburg auf buchmarkt.de, 20. September 2010
- ↑ a b Kein Schlussstrich. In: untiefen.org. 4. September 2024, abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ a b c d e Thomas Andre: Harbour Front: Hamburgs großes Literaturfest fällt 2024 aus. In: abendblatt.de. 8. Februar 2024, abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ Abschnitt: Thema des Tages: Mehr Widerspenstigkeit wagen! In: zeit.de. 25. September 2025, abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ a b Oskar Piegsa: Harbour Front Literaturfestival - Mehr Widerspenstigkeit wagen! In: zeit.de. 21. September 2025, abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ a b Thomas Andre: Harbour Front: Das ist der größte Aufsteiger im Hamburger Kulturleben. In: abendblatt.de. 20. Oktober 2025, abgerufen am 20. Oktober 2025.
- ↑ Harbour Front: Neue Bestätigungen. In: kulturnews.de. 17. Juli 2025, abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ a b Harbour Front Literaturfestival mit zwei neuen Preisen. In: welt.de. Abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ Thomas Andre: Hamburger Buchhändler auf dem Harbour Front vergeben Preis live auf der Bühne. In: abendblatt.de. 20. Oktober 2025, abgerufen am 20. Oktober 2025.
- ↑ Heinrich Oehmsen: Harbour Front Festival Hamburg: Als wäre David Bowie vom Himmel gefallen. In: abendblatt.de. 21. September 2025, abgerufen am 13. Oktober 2025.
- ↑ Verena Fischer-Zernin: Isabel Allende liest in Hamburg aus ihrem neuen Roman: Mal Splatter, mal Märchen. In: abendblatt.de. 13. September 2025, abgerufen am 13. Oktober 2025.
- ↑ Heinrich Oehmsen: Harbour Front: Mit Lyrik gegen Klimakoller – dieses Buch muss man haben! In: abendblatt.de. 6. Oktober 2025, abgerufen am 13. Oktober 2025.
- ↑ a b Annette Stiekele: Wolf Biermann und Liao Yiwu: Ihr Wille, Widerstand zu leisten, ist unerschütterlich. In: abendblatt.de. 12. Oktober 2025, abgerufen am 13. Oktober 2025.
- ↑ Tino Lange: Riesenansturm auf Dan Brown in Hamburg: „Das Publikum kommt wie besoffen“. In: abendblatt.de. 25. September 2025, abgerufen am 13. Oktober 2025.
- ↑ Thomas Andre: Starautorin in Elbphilharmonie Hamburg: „In den USA geht es um das Verbreiten von Angst“. In: abendblatt.de. 20. September 2025, abgerufen am 13. Oktober 2025.
- ↑ a b Harbour Front Literaturfestival Hamburg. In: ndr.de. 6. August 2025, abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ a b c Danny Marques Marçalo: Literatur trifft Starpower: Neue Harbour Front Festival begeistert mit Weltstars und politischer Tiefe. In: ndr.de. 2025-09-21, abgerufen am 13. Oktober 2025.
- ↑ Debütpreis für literarische Erstlingswerke. In: boersenblatt.net. 24. Juli 2025, abgerufen am 13. Oktober 2025.
- ↑ Felix Jud Preis für Adichie: Literaturikone eröffnet das Harbour Front Literaturfestival 2025. In: ndr.de. 21. September 2025, abgerufen am 13. Oktober 2025.
- ↑ a b "Sie haben eine Kollegin zur Unperson erklärt". In: spiegel.de. 9. September 2020, abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ Lisa Eckhart wieder zu Literaturfestival eingeladen. In: zeit.de. 10. August 2020, abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ Ausgeladene liest doch. In: taz.de. 5. September 2020, abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ Harbour Front Literaturfestival: Zwei Debüt-Autoren springen ab. In: deutschlandfunkkultur.de. 9. September 2022, abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ Die nächste Absage: Streit um Klaus-Michael Kühne-Preis (Abschnitt "Thema des Tages"). In: zeit.de. 8. September 2022, abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ Nach Debatte um Kühne wird Literaturpreis umbenannt. In: sueddeutsche.de. 15. September 2022, abgerufen am 14. Oktober 2025.
- ↑ Christoph Twickel: Harbour Front Literaturfestival - Das ist feige! In: zeit.de. 14. September 2022, abgerufen am 14. Oktober 2025.