Hans Joachim Tholuck

Hans Joachim Tholuck (* 22. Oktober 1888 auf Adlig Stendsitz, Kreis Karthaus, heute Stężyca Szlachecka; † 20. Januar 1972) war ein Frankfurter Schulzahnarzt, Initiator des Frankfurter Modells der Schulzahnpflege, Gründer des DAJ („Deutscher Ausschuss für Jugendzahnpflege“) und der „Deutschen Fluorkommission“ innerhalb des DAJ.

Leben und Werk

Tholuck war ein Sohn des Landwirts Hans Tholuck und dessen Frau Asta geb. von Kameke.[1] Nach der Reifeprüfung am humanistischen Gymnasium in Spandau studierte Tholuck in Berlin, München und Frankfurt/M. Medizin und später Zahnmedizin. Das zahnärztliche Staatsexamen legte er 1913 in Kiel ab, und 1923 wurde er am Frankfurter Carolinum unter Otto Loos zum Dr. med. dent. promoviert. Im gleichen Jahr wurde er zum Direktor der städtischen Schulzahnklinik in Frankfurt gewählt, dem damals umfangreichsten Institut dieser Art in Europa. Dort schuf er das sogenannte „Frankfurter System“, bei dem Untersuchungen durch haupt- oder nebenamtliche Schulzahnärzte durchgeführt wurden, die Behandlung aber in der freien Praxis erfolgte. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentralkomitee für Zahnpflege organisierte er 1925 in Frankfurt die erste deutsche Schulzahnpflegewoche. Zusammen mit Fritz Linnert und Alfred Kantorowicz wurde er 1925 in die FDI aufgenommen und wurde Generalsekretär der Hygienekommission dieser Organisation. Von Linnert im Jahr 1949 aufgefordert, das deutsche Zentralkomitee für Zahnpflege wieder ins Leben zu rufen, gründete Tholuck den „Deutschen Ausschuss für Jugendzahnpflege“ (DAJ) und wurde dessen Geschäftsführer.[2] Der neue Ausschuss wurde von den Spitzenverbänden der Kommunen (Städtetag, Landkreistag), der Heilberufe, der Sozial- und Privatversicherungen getragen. Als Mittel zur Bewältigung der Aufgaben „dienen Belehrung, Aufklärung und Propaganda in Wort, Schrift und Bild mit Presse, Merkblatt, Rundfunk und Film.“[3]

Gesprächen beim ersten Deutschen Krankenkassentag in München[4] entnahm Tholuck die Anregung zur Gründung einer „Deutschen Fluorkommission“ (DFK) zur Erforschung und Förderung der Zahnkaries-Prophylaxe durch „Fluor(id)ierung“. Die DFK wurde am 15. November 1950 innerhalb des DAJ auf Antrag Tholucks gegründet und ein Arbeitsausschuss gebildet, dem neben Tholuck die Zahnärzte Hans Joachim Schmidt und Wilhelm Kessler, ein früherer Aachener SS-Obersturmbannführer,[5][6] angehörten.[7] Als korrespondierende Mitglieder sind zu diesem Zeitpunkt 32 Personen beigetreten, darunter Hertha Hesse, Maria Daelen, Walter Drum, Oskar Eichler, Hans Heuser, Heinrich Hornung, Alfred Kantorowicz, Eugen Wannenmacher, u. a.[8][9] Kurt Maretzky, der Schriftleiter der Zahnärztlichen Mitteilungen stellte dem Ausschuss und der Kommission regelmäßig Seiten für Fortschrittsberichte zur Verfügung. Schnell wuchs die Zahl sogenannter „außerordentlicher Mitglieder“ (Hersteller von Fluorid-Präparaten), die die Arbeit der Kommission mit Sachmitteln wie Zahnpflegesets, Tabletten, Zahnpasten, fluoridhaltigem Kaugummi (patentiert für Kauvit durch Adolf Knappwost)[10][11] und auch finanziell unterstützten.[12][13][14]

Die erste Tagung der Deutschen Fluorkommission am 25. August 1951, während des 11. Deutschen Zahnärztetags in Hamburg, fand in der Presse und Fachpresse ein lebhaftes Echo.[15] Hier stellte der Kasseler Obermedizinalrat Heinrich Hornung erstmals seinen Plan für einen Versuch zur Trinkwasserfluoridierung (TWF) im Kasseler Ortsteil Wahlershausen vor. Weil sich Hornung gegen die Einführung einer Fluoridtabletten-Aktion in „seinem“ Regierungsbezirk wandte, machte Tholuck in einem Schreiben an die hessische Landesregierung seine Machtposition deutlich: „Nun sind durch die Ablehnung jeder peroralen Fluorination durch Herrn Oberregierungs- und Obermedizinalrat Dr. Hornung in seinem Regierungsbezirk, die ja ganz offenkundig nur aus Sorge um die von ihm mit Inbrunst erstrebte Trinkwasserfluoridierung in Wilhelmshöhe zu erklären ist, Schwierigkeiten eingetreten. Wenn ich auch die Grenzen des Weisungsrechts des Herrn Kollegen Hornung genau übersehe und auch leicht seinen Einfluss bei Gewerkschaften und Sozialversicherungsträgern neutralisieren könnte, so ist es doch in einer an sich so heiklen Frage, wie wir sie vor uns haben, ein misslich Ding, mit einem Handikap anzufangen.“[16] Es gelang ihm dann zwar doch, das TWF-Projekt als Teil der „Hessischen Fluoraktion“ zu sehen, in einem Schreiben vom 12. Juli 1965 ließ er aber das Bundesgesundheitsministerium von seiner reservierten Haltung gegenüber der TWF wissen. Seine Gründe seien in einem für Oktober geplanten Symposium des DAJ in Zusammenarbeit mit der Deutschen Zentrale für Volksgesundheitspflege zu prüfen.[17]

Die deutsche Fluorkommission des DAJ erstattete im März 1965 ihren letzten Bericht in den Zahnärztlichen Mitteilungen[18] und ging dann in eine Fluorkommission innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) über, die bei „aktuellen Fragen der Fluorforschung gutachtlich Stellung nehmen wird.“[19][20][21] Den Vorsitz dieser Kommission übernahm Rudolf Naujoks, der in dieser Funktion (zugleich auch Vizepräsident der ORCA) 1966 eine allgemeine Empfehlung der TWF im Namen der DGZMK aussprach.[22] Legitimiert wurde diese Befürwortung im Oktober 1967 auf der 94. Jahrestagung der DGZMK im Rahmen einer, sonst bei diesen Tagungen unüblichen, gelenkten Diskussion unter Diskussionsleiter Adolf Kröncke.[23] So wurde „vollständige Einigkeit unter den Fachleuten“ signalisiert.[24] Bei der Wasserfachlichen Aussprachetagung des DVGW 1968 in Berlin beanstandete Ewald Harndt, dass die Zahnärzte keinen objektiven Standpunkt einnehmen und es werde „von zahnärztlicher Seite bzw. von zahnärztlicher Vereinsseite her hier - wie es heute so schön heißt - 'manipuliert'.“ Die Berichte bei der DGZMK-Tagung seien doch sehr einseitig ausgerichtet gewesen und konträre Wortmeldungen seien abgetan worden, „als wären sie kurzerhand von Leuten herausgegeben, die vollkommen unkompetent für diese Fragen sind.“[25]

Tholuck lebte in Heiligkreuzsteinach und starb 1972 nach längerer Krankheit. Als neuer Geschäftsführer des DAJ wurde Peter Hippchen berufen.[26] Im April 1972 wurde vom Verein für Zahnhygiene eine Tholuck-Plakette gestiftet, die an Persönlichkeiten verliehen wird, die sich Verdienste um die zahngesundheitliche Aufklärung und Erziehung erworben haben. Die erste Plakette, mit einem Geldpreis von 3 000 DM ausgestattet, erhielt Karl Michael Hartlmaier, Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und Presse des Bundesverbands der deutschen Zahnärzte und der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, sowie Chefredakteur der „Zahnärztlichen Mitteilungen.“[27]

Auszeichnungen

  • EK I des Ersten Weltkriegs.[28]
  • 1953 Ehrenmitglied der ARPA (Arbeitsgemeinschaft für Paradentoseforschung).[28]
  • Fritz Linnert Ehrenzeichen des Bundesverbands der deutschen Zahnärzte (BDZ).[29]
  • 1958 Ehrenmitgliedschaft im Deutschen Ausschuss für Jugendzahnpflege.[30]
  • 1960 wurde ihm die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt am Main verliehen.
  • 1963 Großer Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.[28]
  • 1972 wurde nach ihm die Tholuck-Plakette benannt und 1973 erstmals vergeben.

Schriften

  • Die Härte der Zahnfüllung. Thieme, Leipzig 1924
  • Die Behandlung der Milchzähne. Meusser, Berlin 1929, 2. Auflage 1931

Literatur

  • Barbara Kanther: Schulzahnarzt Hans Joachim Tholuck (1888–1972) und das Frankfurter System der Schulzahnpflege. Matthiesen, Husum 1998, ISBN 3-7868-4083-0 (zugleich Dissertation, Universität Mainz 1995 unter dem Titel Der Schulzahnarzt Dr. Hans Joachim Tholuck).

Einzelnachweise

  1. CDU Gemeindeverband Heiligkreuzsteinach, Gespräch mit Hans Joachim Tholuck. In: Amtsblatt des Gemeindeverwaltungsverbandes Schönau für die Gemeinden Heddesbach, Heiligkreuzsteinach, die Stadt Schönau und die Gemeinde Wilhelmsfeld. Jahrgang 18, Nr. 47, Verlag Schlecht, Mühlacker 19. November 2025, S. 25–26; einer von Tholucks Enkeln war der Pädagoge Ulrich Tholuck.
  2. E. Düringer: Nachrichten und Berichte. Frankfurt/Main. In: Zahnärztliche Welt / Zahnärztliche Reform (ZWR). Band 59, 1958, S. 592.
  3. Staatssekretär Dr. Krohn-Detmold: Derzeitige Probleme der Jugendzahnpflege. In: Deutsche Zahnärztliche Zeitschrift. Band 4, 1949, S. 1570
  4. Vereinigung der Ortskrankenkassenverbände Frankfurt a. M.: Bericht über den Deutschen Krankenkassentag 1950. Vom 9. bis 11. Oktober 1950 in München. Verlag der Ortskrankenkassen, Lübeck 1951.
  5. Beförderungen. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 32, 1941, S. 393.
  6. Wilhelm Kessler, SS-Obersturmbannführer: Die kommende Jugendzahnpflege. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 33, Nr. 39/40, 1942, S. 378.
  7. H. J. Tholuck: Jugendzahnpflege zwischen Wiesbaden und München. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Nr. 16, 1956, S. 586.
  8. DAJ: Aus der Arbeit der Jugendzahnpflege seit 1949, Düsseldorf 1975
  9. Fluorkommission. In: Zahnärztliche Rundschau. Band 60, 1951, S. 74.
  10. Deutsche Fluorkommission. In: Zahnärztl. Mitteilungen. Band 42, 1954, S. 235.
  11. Kauvit Chemische Fabrik GmbH, Sulzbach-Rosenberg: Verfahren zur Herstellung von Zahnpflegemitteln. Deutsches Patent 1014290, angemeldet am 9. Dezember 1952.
  12. Zahnpflege. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 42, 1954, S. 465.
  13. Deutsche Fluorkommission. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 42, 1954, S. 675; Band 43, 1955, S. 95; Band 45, 1957, S. 300; Band 48–50, Nr. 9, 1960, S. 392; Band 59, Nr. 3, 1969, S. 138
  14. Hans Joachim Tholuck: Die Hessische Fluoraktion. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Nr. 22, 1952, S. 561.
  15. W. Kessler: Sammelreferat über das deutschsprachige zahnärztliche Schrifttum des Jahres 1951 – Fluor. In: Deutsche Zahnärztliche Zeitschrift. Band 8, 1953, S. 388.
  16. H. J. Tholuck an Ministerialrat von Behring, 12. Mai 1951. Stadtarchiv Kassel A5.53 13602.
  17. Hans Joachim Tholuck: Schreiben vom 12. Juli 1965 an das Bundesministerium für Gesundheitswesen (mit Anlage). Bundesarchiv Koblenz B142-3530.
  18. Deutsche Fluorkommission. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 55, Nr. 5, 1965, S. 230.
  19. Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 55, Nr. 7, 1965, S. 340
  20. Hans Joachim Schmidt: Zahnkariesprophylaxe durch Fluoride, Hüthig Verlag 1967, Kap. 9 Die Fluorkommissionen, S. 274.
  21. Tagungsbericht. Hauptversammlung der Arbeitsgemeinschaft für Zahnerhaltungskunde am 17.10.1965 in Stuttgart. In: Deutsche Zahnärztliche Zeitschrift. Band 21, Nr. 9, 1966, S. 1051.
  22. Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde befürwortet die Kariesprophylaxe mit Fluoriden. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 56, 1966, S. 1008.
  23. Adolf Kröncke: Diskussion zum 1. Hauptthema: Kariesprophylaxe durch Fluoride. In: Deutsche Zahnärztliche Zeitschrift. Band 23, Nr. 2, 1968, S. 157.
  24. Forschung. Karies: Heil aus dem Hahn. In: Der Spiegel, 13. November 1967, S. 208.
  25. Deutscher Verein von Gas- und Wasserfachmännern: Güteprobleme der Wasserversorgung in der Industriegesellschaft. Wasserfachliche Aussprachetagung des DVGW am 4. bis 6. April 1968 in Berlin. DVGW, Frankfurt 1968, S. 44, Diskussionsbeitrag E. Harndt
  26. Spectator berichtet. Medizinaldirektor Dr. Peter Hippchen neuer Geschäftsführer des DAJ. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 62, Nr. 8, 1972, S. 394.
  27. Erste Tholuck-Plakette für Dr. Dr. K. M. Hartlmaier. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 63, 1973, S. 474.
  28. a b c Barbara Kanther: Schulzahnarzt Hans Joachim Tholuck (1888–1972) und das Frankfurter System der Schulzahnpflege. S. 225.
  29. Veigel: Der Pionier der deutschen Jugendzahnpflege schied von uns. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 62, Nr. 4, 1972, S. 204.
  30. DAJ: Aus der Arbeit der Jugendzahnpflege seit 1949. Eine Dokumentation. Düsseldorf 1975, S. 39