Hans Hugo von Kleist-Retzow
Hans Hugo von Kleist-Retzow (* 25. November 1814 in Kieckow bei Belgard, Pommern; † 20. Mai 1892 ebenda) war ein preußischer Verwaltungsjurist, hoher Beamter, konservativer Politiker und evangelischer Kirchenfunktionär. Er war von 1851 bis 1858 Oberpräsident der Rheinprovinz, ab 1861 Sprecher der konservativen Fraktion im preußischen Herrenhaus und von 1866 bis 1876 Anführer der (Alt-)Konservativen Partei Preußens.
Kleist-Retzow war ein enger Freund und politischer Verbündeter Otto von Bismarcks, geriet aber während dessen Amtszeit als Ministerpräsident und späterer Reichskanzler zunehmend in Gegensatz zu diesem. Von 1877 bis zu seinem Tod war er Reichstagsabgeordneter der Deutschkonservativen Partei und 1891/92 Präses der Generalsynode der Evangelischen Landeskirche der älteren Provinzen Preußens.
Leben
Hans Hugo von Kleist wurde als Sohn des pommerschen Gutsbesitzers Hans Jürgen von Kleist (1771–1844), langjähriger Landrat des Kreises Belgard, und seiner Ehefrau Auguste von Borcke verw. von Glasenapp geboren. Der Vater erhielt 1839 die königliche Genehmigung, seinen Familiennamen mit dem der verwandten ausgestorbenen Adelsfamilie von Retzow zu vereinigen. Der Sohn wurde zunächst von einem Pfarrer unterrichtet, anschließend besuchte er die Landesschule Schulpforta, die er 1834 als Jahrgangsbester (Primus Portensis) abschloss. Er studierte in Göttingen und Berlin Rechtswissenschaften und trat 1841 als Referendar in den preußischen Staatsdienst ein.
Nach dem Assessorexamen und dem Tod seines Vaters war er von 1844 bis 1851 Landrat des Kreises Belgard. Durch sein rhetorischen Talent und seine Verbindungen zu konservativen Führungspersönlichkeiten wie den Brüdern Leopold und Ernst Ludwig von Gerlach, Friedrich Julius Stahl, Hermann Wagener sowie Otto von Bismarck stieg Kleist-Retzow in der Zeit der Märzrevolution 1848 zu einem der Wortführer der Reaktion auf. Im August 1848 übernahm er den Vorsitz er im streng konservativen „Junkerparlament“ und war ein Mitbegründer der Kreuzzeitung.
Seine politischen Vorstellungen waren unter anderem vom Pietismus der pommerschen Erweckungsbewegung geprägt. Seine strenge Religiosität wurde auch von Parteifreunden zuweilen als politisches Hemmnis gesehen.[1][2]
Durch die Ehe seiner Nichte Johanna von Puttkamer mit Otto von Bismarck war Kleist-Retzow seit 1847 mit diesem verschwägert. Die beiden wurden außerdem enge Freunde und politische Mitstreiter. Von 1849 bis 1851 lebten sie sogar in einer gemeinsamen Wohnung in der Berliner Jägerstraße in einer (wie Bismarck schrieb) „friedfertige[n] Ehe“.
Kleist-Retzow gehörte von 1849 bis 1852 der Konservativen Partei im Abgeordnetenhaus an, war 1850 auch Mitglied des Staatenhauses des Erfurter Unionsparlaments. Nach dem Sieg der Reaktion wurde er 1851 – dank der Protektion seines Schwiegervaters Graf Anton zu Stolberg-Wernigerode – zum Oberpräsidenten der Rheinprovinz ernannt. Dort ging er so heftig gegen den Liberalismus vor, dass er in Gegensatz zum Hof des Prinzen Wilhelm von Preußen geriet, der als Militärgouverneur der Rheinprovinz ebenfalls in Koblenz residierte. Nach der Einsetzung Wilhelms in die Regentschaft wurde Kleist-Retzow 1858 als Oberpräsident entlassen.
Er zog sich auf sein Rittergut Kieckow zurück und beteiligte sich, obwohl 1858 als Vertreter der Familie von Kleist ins Herrenhaus berufen, wenig an den öffentlichen Ereignissen zur Zeit der neuen Ära. Er war auch Mitglied des Provinziallandtags der Provinz Pommern. Erst in der Zeit des preußischen Verfassungskonflikts trat er wieder hervor. Nach dem Tod Friedrich Julius Stahls 1861 übernahm er die Rolle des Sprechers der konservativen Fraktion im Herrenhaus und unterstützte zunächst die Regierung seines 1862 zum preußischen Ministerpräsidenten ernannten Freundes Bismarck.
Nach dem Umschwung in dessen innerer Politik und seinem Versöhnungsangebot an die Liberalen durch die Indemnitätsvorlage 1866 entfernte sich Kleist-Retzow politisch von Bismarck. Die Konservative Partei Preußens spaltete sich im selben Jahr in die Bismarck unterstützende Freikonservative Partei und die „Altkonservativen“, deren Führung Kleist-Retzow übernahm. Besonders die Kulturkampfpolitik der Regierung seit 1871 bekämpfte er im Herrenhaus energisch. Während er selbst strenggläubliger Protestant war, erschien ihm Bismarcks Kampf gegen den Katholizismus unchristlich.
Nach der Reorganisation der konservativen Partei 1876 stellte er sich an die Spitze des äußersten rechten Flügels der Deutschkonservativen im Reichstag, dem er seit 1877 als Abgeordneter der Christlich-Konservativen Partei Minden-Ravensbergs für den Wahlkreis Herford-Halle angehörte.[3] Er unterschied sich von den Positionen des Zentrums, die er zum Teil unterstützte, stets durch seinen nie verleugneten preußischen Patriotismus.
Kleist-Retzow engagierte sich zeitlebens in der evangelischen Kirche Preußens. Von Beginn an gehörte er der Provinzialsynode der Kirchenprovinz Pommern und der Generalsynode an, in der er ab 1875 einer der Führer der strengkonfessionellen Lutheraner war. 1891 wurde er zum Präses der Generalsynode gewählt.[4] In Abstimmung mit Wilhelm Joachim von Hammerstein brachte er 1886 einen Antrag auf größere Selbständigkeit der evangelischen Kirche in das Herrenhaus ein, der aber scheiterte.[5]
Familie
Er war mit Gräfin Charlotte zu Stolberg-Wernigerode (1821–1885) verheiratet, sie war die Tochter des Ministers Graf Anton zu Stolberg-Wernigerode. Das Paar hatte drei Söhne und eine Tochter:
- Friedrich Wilhelm Hans Anton (* 26. November 1852)
- Jürgen Christoph (* 21. August 1854; † 14. Dezember 1897) ⚭ Ruth von Zedlitz-Trützschler (1867–1945)
- Friedrich Wilhelm Martin (* 27. November 1856; † 27. Januar 1880)
- Charlotte Elisabeth (* 15. September 1863; † 20. Januar 1925).
Werke
- Der Adel und die Kirche. Berlin 1866.
Literatur
- Martin Gensichen: Hans von Kleist-Retzow, Lebensbild, Vortrag bei der Kösliner Pastoral-Konferenz 1892. Vaterl. Verlags-Anstalt, Berlin 1892.
- Simon Hyde: Hans Hugo von Kleist-Retzow and the administration of the Rhine province during the "Reaction" in Prussia. 1851–1858. Dissertation. Oxford University Press, 1994.
- W. Nitschke: Hans Hugo v. Kleist-Retzow. In: Hans-Christof Kraus (Hrsg.): Konservative Politiker in Deutschland. Eine Auswahl biographischer Porträts aus zwei Jahrhunderten. Duncker & Humblot, Berlin 1995, ISBN 3-428-08193-5.
- Herman von Petersdorff: Kleist-Retzow, ein Lebensbild. Cotta, Stuttgart u. a. 1907. (Digitalisat)
- Herman von Petersdorff: Kleist-Retzow, Hans von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 51, Duncker & Humblot, Leipzig 1906, S. 191–202.
- Herman von Petersdorff (Hrsg.): Bismarcks Briefwechsel mit Kleist-Retzow. (= Cotta’sche Handbibliothek. 211). Cotta, Stuttgart u. a. 1919.
- Günter Richter: Kleist-Retzow, Hans von. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 12. Duncker & Humblot, Berlin 1980, ISBN 3-428-00193-1, S. 28–29 (deutsche-biographie.de).
- Konrad Fuchs: KLEIST-RETZOW, Hans Hugo v.. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 4, Bautz, Herzberg 1992, ISBN 3-88309-038-7, Sp. 13–15.
- Eckhard Hansen, Florian Tennstedt (Hrsg.) u. a.: Biographisches Lexikon zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1871 bis 1945. Band 1: Sozialpolitiker im Deutschen Kaiserreich 1871 bis 1918. Kassel University Press, Kassel 2010, ISBN 978-3-86219-038-6, S. 85 f. (Online, PDF; 2,2 MB).
Weblinks
- Hans Hugo von Kleist-Retzow in der Datenbank der Reichstagsabgeordneten
- Biografie von Hans von Kleist-Retzow. In: Heinrich Best: Datenbank der Abgeordneten der Reichstage des Kaiserreichs 1867/71 bis 1918 (Biorab – Kaiserreich)
- Biographie von 1886
- Biographie Ergänzungen
- Digitalisat: v. Petersdorff, Biographie
Einzelnachweise
- ↑ Günter Richter: Kleist-Retzow, Hans von. In: Deutsche Biographie, abgerufen am 6. Januar 2026.
- ↑ Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen für Wissenschaft und Forschung: Kleist-Retzow, Hans Hugo von, abgerufen am 6. Januar 2026.
- ↑ Fritz Specht, Paul Schwabe: Die Reichstagswahlen von 1867 bis 1903. Eine Statistik der Reichstagswahlen nebst den Programmen der Parteien und einem Verzeichnis der gewählten Abgeordneten. 2. Auflage. Verlag Carl Heymann, Berlin 1904, S. 136; vgl. auch A. Phillips (Hrsg.): Die Reichstagswahlen von 1867 bis 1883. Statistik der Wahlen zum Konstituierenden und Norddeutschen Reichstage, zum Zollparlament, sowie zu den fünf ersten Legislatur-Perioden des Deutschen Reichstages. Verlag Louis Gerschel, Berlin 1883, S. 86; vergleiche Kurzbiographie in Georg Hirth (Hrsg.): Deutscher Parlaments-Almanach. 14. Ausgabe vom November 1881. Verlag Georg Hirth, Leipzig/München 1881, S. 167f.
- ↑ Herman von Petersdorff: Kleist-Retzow, ein Lebensbild. Cotta, Stuttgart 1907, S. 243.
- ↑ Gerhard Besier: Die Kleist-Hammersteinschen Anträge auf größere Selbständigkeit der evangelischen Kirche (1886/1887). In: Joachim Rogge, Gerhard Ruhbach (Hrsg.): Die Geschichte der Evangelischen Kirche der Union. Ein Handbuch, Bd. 2: Die Verselbständigung der Kirche unter dem königlichen Summepiskopat (1850–1918). Leipzig 1994, S. 284–296.