Hans Caspar Hirzel (Politiker, 1746)
Hans Caspar Hirzel, auch Hans Kaspar Hirzel (* 18. November 1746 in Zürich; † 30. Dezember 1827 ebenda), war ein Zürcher Politiker.
Leben
Familiäre Herkunft
Hans Caspar Hirzel stammte aus der Zürcher Patrizierfamilie Hirzel. Er war der Sohn des Zürcher Schultheissen Hans Caspar Hirzel (* 29. September 1710 in Zürich; † 6. März 1783 ebenda)[1] und dessen Ehefrau Susanna (* 31. Dezember 1710 in Zürich; † 1766 ebenda)[2], die Tochter von Hans Rudolf Spöndli (1670–1748), Amtmann in Töss; er hatte noch dreizehn Geschwister. Seine Schwester Kleophea Hirzel (* 19. Dezember 1738 in Zürich; † 27. Dezember 1810 ebenda) war mit dem Politiker David Ott (1729–1798)[3] verheiratet.
Sein Grossvater war der Zürcher Seckelmeister Hans Jakob Hirzel (* 12. September 1685 in Zürich; † 10. April 1754 ebenda)[4]. Auch seine weiteren Vorfahren Hans Caspar Hirzel, Salomon Hirzel, und Salomon Hirzel (* 13. September 1544 in Zürich; † 31. Mai 1601 ebenda)[5] waren in politischen Ämtern tätig. Sein Vorfahr Peter Hirzel (* 1511 in Pfäffikon; † 3. Oktober 1573 in Zürich)[6] zog 1541 nach Zürich und war als Kaufmann im Ferntuchhandel tätig.
Hans Caspar Hirzel war seit 1769 mit Anna Magdalena (* 1751 in Zürich; † 1789), der Tochter von Hans Kaspar Escher vom Glas (1717–1770) verheiratet; gemeinsam hatten sie sechs Kinder. Sein Sohn war der spätere Staatsrat Johann Jakob Hirzel (* 24. Mai 1770 in Zürich; † 9. November 1829 ebenda)[7] und seine Tochter Anna Hirzel (* 1773 in Zürich; † 1825) war mit dem Kaufmann Georg Leonhard Schläpfer verheiratet.
Frühe Jahre
Seine Erziehung genoss Hirzel unter der privaten Anleitung des Pfarrers Johann Konrad Fäsi, der die Lücken des damaligen öffentlichen Unterrichts ausglich. Zur Vervollständigung seiner Ausbildung absolvierte er, gemeinsam mit Hans Conrad Hirzel (1747–1824)[8], einen Aufenthalt an der Akademie Lausanne und unternahm eine Bildungsreise über Genf nach Paris, die ihn mit den aufklärerischen Ideen seiner Zeit vertraut machte. Auf dieser Reise lernte er unter anderem Salomon Landolt kennen, bevor er 1767 nach Zürich zurückkehrte.
Ursprünglich war Hirzel für eine Militärlaufbahn in Holland vorgesehen, doch der Tod seines älteren Bruders bewog seinen Vater, den jüngeren Sohn stattdessen für die politische Laufbahn vorzubereiten.
Eintritt in den öffentlichen Dienst (1768–1775)
Im Jahr 1768 trat Hirzel in den öffentlichen Dienst ein und begann mit untergeordneten Verwaltungsämtern. Als Landschreiber in Männedorf sammelte er erste Erfahrungen und kam dabei mit dem Zürcher Bürgermeister Konrad Heidegger (1710–1778)[9] in nähere Berührung. Seine Tätigkeit als Zollschreiber veranlasste ihn, sich eingehende Kenntnisse über den Fruchtverkehr zu verschaffen.
Ab 1770 widmete sich Hirzel richterlichen Funktionen, zunächst als sogenannter Mittelrichter beim Stadtgericht Zürich. Nach dieser halbjährigen Tätigkeit erstellte er 1773 eine systematische Zusammenstellung des Zürcher Stadt- und Landrechtes. Im Jahr 1775 wurde Hirzel Mitglied des Grossen Rates, gerade in jener Zeit, als ein Soldbündnis der Franzosen mit allen Kantonen, vornehmlich geplant durch Konrad Heidegger, die öffentliche Meinung in Zürich stark beschäftigte. Der Grosse Rat, auch als Rat der Zweihundert bekannt, war das oberste legislative Gremium Zürichs und setzte sich aus Vertretern der Zünfte, der Stadtadligen und der Kaufleute zusammen. Seine Mitglieder waren faktisch lebenslang gewählt und ergänzten sich selbst durch Kooptation – ein System, das die Beständigkeit der Zunftaristokratie garantierte, aber auch ihre Abschottung nach aussen wahrte.
Aufstieg zu höheren Ämtern (1778–1793)
Ab 1778 bekleidete Hirzel eine Reihe bedeutender Verwaltungsämter. Zunächst fungierte er als Zürcher Landvogt in der Gemeinen Herrschaft Grafschaft Baden. Die Landvogteien waren Herrschaftsgebiete, die von der Stadt Zürich kontrolliert wurden. Als Landvogt war Hirzel für die Verwaltung der Justiz, die Erhebung von Steuern, die Aufrechterhaltung der Ordnung und die Vertretung städtischer Interessen zuständig.
Nach seinem Eintritt in den Kleinen Rat 1781 folgte seine Ernennung zum Obervogt von Erlenbach, worauf ihm 1785 die weit grössere Landesabteilung der Obervogtei Horgen am linken Seeufer übertragen wurde. Seit 1784 wurde Hirzel zweimal zum Präsidenten des Syndikats der Gesandten der regierenden Orte (Tagsatzung der Alten Eidgenossenschaft) zur Prüfung der Verwaltung der vier eidgenössischen Landvogteien südlich der Alpen (der Südhälfte des heutigen Kantons Tessin) gewählt.
Trotz dieser Verpflichtungen fand Hirzel noch Zeit, seinem sich im Ausland ausbildenden Sohn ausführliche Briefe zu schreiben, in denen er eine umfassende Darstellung des damaligen Standes des Kantons Zürich nach allen Seiten hin entwarf.
Die Helvetische Gesellschaft
Hirzel gehörte zu dem Kreis aufklärerisch gesinnter Personen, die sich 1761 zur Gründung der überkonfessionellen Helvetischen Gesellschaft in Schinznach-Bad zusammenfanden. Diese Vereinigung, in der Aufklärer wie Isaak Iselin und Hans Caspar Hirzel zusammenwirkten, wurde zum Zentrum des reformerischen Gedankens in der Schweiz des 18. Jahrhunderts.
Die Französische Revolution und ihre Folgen (1792–1802)
Mit dem Aufstieg der Gefahren der Französischen Revolution verschärften sich Hirzels Aufgaben erheblich. 1792 wurde er zum eidgenössischen Repräsentanten in Basel berufen, um bei der Wahrung der schweizerischen Neutralität während der Grenzbesetzungskonferenz mitzuwirken.[10] Bei dieser Mission ging es um die Wahrung der schweizerischen Neutralität angesichts der französischen Expansion und der damit verbundenen ideologischen Bedrohung für die traditionelle Ordnung. Weitere diplomatische Missionen folgten in den nächsten Jahren.
1793 wurde Hirzel Mitglied des Geheimen Rates[11] und im folgenden Jahr zum Standesseckelmeister ernannt – einem äusserst wichtigen Amt, das bereits sein Grossvater und sein Vater innegehabt hatten. In dieser Position musste er sich mit der schwierigen Leitung der Finanzen in einer Zeit zunehmender politischer Erschütterung befassen. Hirzel wirkte nicht nur in der Verwaltung, sondern auch in zahlreichen Kommissionen mit, häufig als deren Präsident. Besonders präsidierte er eine ausserordentliche Kommission, die Vorarbeiten zu Gesetzesänderungen im Handel und Fabrikwesen treffen sollte – ein Versuch, die revolutionär gestimmten Missstimmungen zu beschwichtigen.
Er wohnte der letzten alteidgenössischen Tagsatzung in Aarau im Januar 1798 bei. Diese Tagsatzung war geprägt von intensiven Konflikten zwischen traditionalistischen Kräften, die das System der Zunftaristokratien und die föderalistische Struktur bewahren wollten, und revolutionären Strömungen, die auf ein zentralisiertes, demokratisches System drängten. Hirzel war als Vertreter der alten Ordnung präsent und trug zu den Debatten bei, die letztlich zum Zusammenbruch des alten Systems führen sollten.
Gegenüber den Bewegungen am Zürichsee zählte Hirzel zu den milden gesinnten Gliedern der Regierung, sowohl aus innerem Gefühl als auch aus politischer Einsicht. Dennoch war er, als das Revolutionsjahr 1798 anbrach, unter den ersten Opfern der Umwälzung. Kurz zuvor hatte er noch als Mitglied der ausserordentlichen Landeskommission vergeblich versucht, einen Übergang in die neuen Verhältnisse ohne fremde Einwirkung zu finden. Die Unitarier, die die neue Helvetische Republik kontrollierten, betrachteten Männer wie Hirzel, die für die Bewahrung föderalistischer Strukturen und traditioneller Machtgefüge eintraten, als Feinde ihrer Ziele. Hirzel wurde schnell abgesetzt und aus der provisorischen Regierung entfernt.
Geiselschaft und Restauration (1799–1802)
Der Konflikt zwischen Frankreich und einer Koalition österreichischer, russischer und anderer Mächte – führten zu militärischen Operationen auf Schweizer Boden (siehe Zweiter Koalitionskrieg). Während dieser Invasion wurde Hirzel im April 1799 von der helvetischen Regierung als Geisel festgenommen und nach Basel gebracht. Diese Geiselnahme war nicht einfach eine willkürliche Festnahme – sie war ein symbolischer Akt, bei dem die neue Regierung die führenden Männer der alten Ordnung als Pfänder gegen externe Interventionen festhielt.[12] Der Theologe Johann Caspar Lavater war einer seiner Schicksalsgenossen. Erst gegen Ende der Besetzung Zürichs durch die Koalitionstruppen konnten die Deportierten über deutsches Gebiet in die Heimat zurückkehren.
Nach der zweiten Schlacht um Zürich wurde Hirzel mit der schwierigen Aufgabe der gegenseitigen Ausscheidung des Zürcher Staatsvermögens und des Stadtgutes betraut und fungierte als Präsident der Gemeindekammer. Als sich die föderalistischen Prinzipien 1801 neu geltend machten, liess sich Hirzel in den Helvetischen Senat[13] zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung wählen und wurde Justizminister unter dem Präsidium von Alois von Reding. In dieser Position war er für die Rechtsreform und die Justizadministration unter dem heterogenen Verfassungssystem verantwortlich, das die Helvetik charakterisierte.[14] Diese Aufgabe war ausserordentlich schwierig, da die Helvetische Republik mehrfach ihre Verfassungen wechselte und jede Änderung neue Rechtssysteme erforderte. Der unitaristische Staatsstreich von Ostern 1802 mit französischer Mitwirkung veranlasste ihn jedoch, freiwillig zurückzutreten.
Im Herbst 1802 erhob sich der Aufstand der Urschweizer Demokratien gegen die isolierte helvetische Regierung. Hirzel stand an der Spitze der Zürcher Munizipalität neben Hans von Reinhard und widerstand dem Bombardement der Stadt. Er wurde daraufhin in die Leitung der neuen Interimsregierung von Zürich berufen. In dieser Position hatte er die Autorität, die Geschäfte Zürichs und teilweise der helvetischen Verwaltung zu lenken.
Als Abgeordneter Zürichs beteiligte sich Hirzel an der ausserordentlichen Tagsatzung der altdemokratischen Kantone in Schwyz unter Reding's Führung. Er half bei den wichtigen Arbeiten mit, sowohl bei der Ausarbeitung einer neuen Zentralverfassung als auch bei der diplomatischen Verbindung mit den Mächten zur Verwirklichung des Friedensartikels von Amiens über die Schweizer Unabhängigkeit.
Jedoch griff der Napoleon Bonaparte mit starker Hand in die schweizerische Frage ein. Er berief eine ausserordentliche Consulta (siehe Helvetische Consulta) nach Paris, und aus deren Arbeit unter seiner Initiative ging die sogenannte „Vermittlung“ hervor. Als französische Truppen sich Schwyz näherten, löste sich die dort versammelte Tagsatzung unter feierlicher Protestation auf.
Nach dem Einmarsch französischer Truppen unter dem Kommando des Ersten Konsuls Napoleon Bonaparte wurde Hirzel im November 1802 zusammen mit Reding und weiteren Politikern, unter anderem Ludwig Auf der Maur, als Geisel zur Festung Aarburg verbracht. Die Festung war eine mittelalterliche Befestigungsanlage an strategisch wichtiger Position und wurde zur Zentrale dieser politischen Unterdrückung. Um ihre Kapazität und Sicherheit zu erhöhen, wurde die reguläre Besatzung durch eine Kompanie fränkischer Truppen verstärkt. Diese Soldaten sollten nicht nur die Festung gegen mögliche Befreiungsversuche sichern, sondern auch die Symbolik französischer Macht unterstreichen.
Er wurde auf der Festung bis Ende Februar 1803 inhaftiert, bis nach der Publikation der Mediationsakte, dem Dokument, das die neue Verfassungsordnung für die Schweiz festlegte.
Späteres Leben und Pensionierung (1803–1827)
Hirzel wäre gerne in die neuen Behörden der Mediation eingetreten, doch die mit zunehmendem Alter empfindlich abnehmende Hörfähigkeit hielt ihn davon ab. Ab 1803 blieb er ein aufmerksamer Beobachter der staatlichen Angelegenheiten, ohne aktiv daran teilzunehmen. Bei den Umstürzen in Folge der Ereignisse von 1813 trug sein nachhaltiger Einfluss wesentlich dazu bei, dass Zürich nicht in eine gefährliche rückwärtsgewandte Entwicklung wie die bernische Reaktion hineingezogen wurde.
Literatur
- Hans Caspar Hirzel. In: Neue Zürcher Zeitung vom 2. Januar 1828. S. 1 (Digitalisat).
- Nekrolog von Herrn H(an)s Caspar Hirzel, gewesenem Standesseckelmeister. Zürich, 1828 (Digitalisat).
- Gerold Meyer von Knonau: Hirzel, Hans Kaspar. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 12, Duncker & Humblot, Leipzig 1880, S. 490–493.
- Seckelmeister Hans Caspar Hirzels Deportation nach Basel im Jahr 1799. In: Zürcher Taschenbuch, Band 23. 1900. S. 48–70 (Digitalisat).
- Pestalozzi und Hans Caspar Hirzel zum Rech. In: Pestalozzianum, Band 27, Heft 6. 1930. S. 21–22 (Digitalisat).
- Hans Caspar Hirzel. In: Prominente Gefangene auf der Festung Aarburg. In: Aarburger Haushalt-Schreibmappe. 1970. S. 14 (Digitalisat).
- Silvia Kramer: Hans Caspar Hirzel: Ein Zürcher Staatsmann an der Wende zwischen Ancien Régime und Helvetik, 1746–1827. Zürich: Schulthess Polygraphischer Verlag, 1974.
- Franz Mauelshagen: Hans Caspar Hirzel. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
Weblinks
- Hans Caspar Hirzel. In: Schweizerische Eliten im 20. Jahrhundert.
Einzelnachweise
- ↑ Martin Lassner: Hans Caspar Hirzel. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 13. November 2006, abgerufen am 7. November 2025.
- ↑ Historisches Familienlexikon der Schweiz - Familienübersicht. Abgerufen am 7. November 2025.
- ↑ Martin Lassner: David Ott. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 20. August 2009, abgerufen am 7. November 2025.
- ↑ Martin Lassner: Hans Caspar Hirzel. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 16. Mai 2006, abgerufen am 7. November 2025.
- ↑ Martin Lassner: Salomon Hirzel. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 13. November 2006, abgerufen am 7. November 2025.
- ↑ Martin Lassner: Peter Hirzel. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 12. Februar 2008, abgerufen am 7. November 2025.
- ↑ Katja Hürlimann: Johann Jakob Hirzel. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 30. November 2006, abgerufen am 7. November 2025.
- ↑ Franz Mauelshagen: Hans Conrad Hirzel. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 18. Dezember 2007, abgerufen am 8. November 2025.
- ↑ Historische Commission bei der königl. Akademie der Wissenschaften: Heidegger, Joh. Konrad. In: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 11 (= Allgemeine Deutsche Biographie). 1. Auflage. Duncker & Humblot, München/Leipzig 1880, S. 297 (wikisource.org [abgerufen am 7. November 2025]).
- ↑ Anton Largiadèr; Christoph Bodmer: Die zürcherische Grenzbesetzung in Genf 1792. In: Zürcher Taschenbuch, Band 44. 1924, abgerufen am 7. November 2025.
- ↑ André Holenstein: Geheimer Rat. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 5. Dezember 2014, abgerufen am 8. November 2025.
- ↑ Aloys “von” Orelli: Die Deportation zürcherischer Regierungsmitglieder nach Basel im Jahr 1799. Höhr, 1880 (google.de [abgerufen am 8. November 2025]).
- ↑ Andreas Fankhauser: Senat. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 22. November 2011, abgerufen am 8. November 2025.
- ↑ Andreas Fankhauser: Die Exekutive der Helvetischen Republik 1798–1803. (PDF) 1986, abgerufen am 8. November 2025.