Hanna Schüßler

Hanna Schüßler (* 23. Mai 1909 in Rüstern, Landkreis Liegnitz; † 26. Juni 1985 in Hamburg) war eine deutsche Frauensozialarbeiterin. Sie leitete das Evangelische Frauenwerk Hamburg, gründete eine der ersten Mütterschulen in Hamburg und die Familienbildungsstättenarbeit in Hamburg.

Leben

Jugend und Ausbildung

Hanna Schüßler wurde am 23. Mai 1909 in Rüstern, Landkreis Liegnitz Schlesien geboren und wuchs in Breslau auf. Ihr Vater war Pastor und leitete eine Diakonissenanstalt. Das Abitur legte sie in Frankenstein ab. Danach arbeitete sie in einer Kinderheilstätte im Riesengebirge. Eine spezielle kirchliche Ausbildung erhielt sie im Burckhardthaus in Berlin-Dahlem. Von dort wurde sie für praktische Aufgaben an unterschiedliche Orte geschickt, unter anderem in Berliner und Lübecker Kirchengemeinden. Sie arbeitete bis 1930 im Burckhardthaus und lernte im Seminar für kirchliche Frauenarbeit selbige kennen.

In einer Kirchengemeinde in Berlin-Tempelhof arbeitete sie von 1933 bis 1934 als Pfarrgehilfin und war in der Jugendarbeit tätig. Vor ihrer Einstellung wurde sie zu ihrer Ansicht über die Deutschen Christen befragt, sie begründete ihre Ablehnung dieser Strömung mit dem Evangelium und dies wurde wohlwollend akzeptiert und war die Voraussetzung für die Arbeit in dieser Berliner Gemeinde. Als sie jedoch ihre Arbeit aufnahm, hatte sich die Lage bereits geändert. Die Pastoren der Gemeinde waren bis auf einen den Deutschen Christen beigetreten und auch der neugewählte Kirchenvorstand war durch Deutsche Christen besetzt. Diese sorgten dafür, dass die Gemeinde auch äußerlich als DC-Gemeinde zu erkennen war. Die christlichen Symbole im obersten Abschnitt der Säulen wurden durch NS-Embleme ersetzt und die Trau- und Taufhalle wurde zu einer „Adolf-Hitler-Halle“. Bei einigen Konfirmationen mussten die Konfirmanden kniend vor dem Altar mit aufgehobener rechter Hand mit dem deutschen Gruß grüßen. Dennoch konnte sie zunächst ihre biblisch ausgerichtete Jugendarbeit in der Gemeinde bis zum November 1934 verrichten. Nachdem sie im November 1934 eine Veranstaltung der Bekennenden Kirche besucht hatte, war auf dem Rückweg eine Gruppe Mädchen aus ihrer Gemeinde ebenfalls in der Bahn und sie unterhielten sich. Nachdem der Kirchenvorstand davon Kenntnis hatte, kam es zu einer Sitzung, auf der sich Schüßler ebenfalls zu den Deutschen Christen bekennen sollte. Sie lehnte ab und verließ nach weiteren Vorfällen die Gemeinde. Die Leitung der Bekennenden Kirche hörte von dem Streit und motivierte Schüßler zu einer Klage, auch weil man wissen wollte, wie weit die Grundsätze der Rechtsprechung noch gültig wären. Im Prozess wurde Schüßler von Hermann Ehlers, dem späteren Bundestagspräsidenten, vertreten und sie gewann den Prozess. Danach verließ sie Berlin und ging 1935 nach Hamburg. Dort trat sie die Stelle der Leiterin der Landesstelle Hamburg des Burckhardthauses an. Sie leitete die Landesstelle bis 1958.[1]

Leben in Hamburg

Während der Zeit des Nationalsozialismus hatte Hanna Schüßler auch in Hamburg mit Repressalien zu kämpfen. Dennoch gelang es ihr, junge Mädchen zur Bibelarbeit zu versammeln. Seit 1943 war Schüßler hauptamtlich Mitarbeiterin des Landeskirchlichen Jugendpfarramtes. Aufgrund ihrer schriftlichen Ausarbeitungen, die von Hand zu Hand weitergereicht wurden, wurde sie mehrfach von der Gestapo verhört, auch wurde ihr Zimmer, welches sie nach der Bombardierung Hamburgs 1943 während der Operation Gomorrha bewohnte, durchsucht, und ihre Schreibmaschine beschlagnahmt. Das hielt sie von ihrer Arbeit nicht ab und auch während des Zweiten Weltkriegs organisierte sie Freizeiten für die Kinder und Jugendlichen der Gemeinde. Nach dem Ende des Krieges führte sie im Sommer wöchentlich stattfindende Treffen mit mehreren Hundert Kindern und Jugendlichen durch und leitete zwischen 1947 und 1956 den Aufbau des Evangelischen Mädchenpfadfinderbundes der Bundesrepublik Deutschland. Sie war von 1949 bis 1953 die erste Vorsitzende des Bundes und von 1951 bis 1959 Mitglied des „Executive-Comitee of the YWCA“. Schüßler wurde bereits 1947 nach Großbritannien eingeladen, als das Executiv-Komitee des Christlichen Weltbundes Weiblicher Jugend in London tagte. Dem Komitee gehörten nur 13 Frauen aus 64 Ländern an. Sie bereiste als Mitglied des Komitees Amerika, Kanada, Großbritannien, den Libanon und die nordischen Staaten.[1]

Für die Hauptkirche Sankt Katharinen war Hanna Schüßler ab 1948 für 30 Jahre die Kirchenvorsteherin. Für das „Haus der Offenen Tür“ beteiligte sie sich 1952 federführend. Es sollte ein Klubheim für Jugendliche sein, in dem sie im zerbombten Hamburg Raum finden konnten für Freizeitgestaltung, aber auch praktische Dinge erledigen konnten, wie das Waschen der persönlichen Wäsche. Das Haus war überkonfessionell und stand allen Jugendlichen offen. Sie übernahm 1952 auch die Leitung des „Evangelischen Frauenwerkes der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate“ und behielt die Funktion, bis sie 1974 in den Ruhestand ging. Bis 1958 war Hanna Schüßler in gleichzeitig Leiterin des Evangelischen Jugendwerkes und sie war von 1952 bis 1976 Synodale der Synode der Hamburgischen Landeskirche und ab 1953 Deputierte der Jugendbehörde Hamburgs.[1]

Nachkriegszeit

Schüßler war von 1953 bis 1958 Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendgildearbeit. Diese kümmerte sich um Jugendliche, die aus der sowjetisch besetzten Zone nach Hamburg kamen. Es wurden etwa 7.000 weibliche Jugendliche betreut, die über das Lager Westertimke bei Bremen einreisten, aber auch illegal einwanderten. Ihren Schwerpunkt sah sie in der geistig-seelischen Betreuung der Jugendlichen. Sie unterstützte auch bei der Kontaktaufnahme bei Behörden und Ämtern und es wurden Freizeitaktivitäten angeboten. Aus der Arbeit heraus wurde 1956 in Hamburg-Eilbek ein Mädchenwohnheim mit 60 Plätzen neu erbaut. Dies sollte den Mädchen ein neues Zuhause bieten. Schüßler übernahm 1953 auch den Vorsitz des Frauenausschusses beim Hamburger Kirchentag. Es war das erste Mal, dass auf einem Kirchentag ein Frauenausschuss eingerichtet wurde.[1]

Durch Kontakte zur Elly-Heuss-Knapp-Stiftung koordinierte Schüßler in Hamburg die jährlich zum Muttertag stattfindenden Sammlungen des Müttergenesungswerks und sie war an der Errichtung der Kurheime in Dahmenshöved an der Ostsee und Bispingen in der Lüneburger Heide, in denen Kuren für Mütter angeboten wurden, beteiligt.[1]

Schüßlers Fokus lag nicht nur auf den „Müttern“, sondern auf der „Frau“ an sich, so war sie sehr am Referat für die berufstätige Frau des Frauenwerks interessiert und arbeitete mit Charlotte Radek, die es nach der Gründung 1955 leitete, zusammen. Als Delegierte des Evangelischen Frauenwerkes Hamburg bei der Arbeitsgemeinschaft Hamburger Frauenorganisationen, dem heutigen Landesfrauenrat Hamburg, war Schüßler zwischen 1958 und 1974 tätig und sie setzte sich sehr für einen Ort ein, an dem Frauenarbeit koordiniert werden konnte. Dies wurde mit der Eröffnung im Mai 1959 das „Haus der Frau“, welches auch auf ihre Initiative zurückging. In dem von der Evangelischen Kirche erworbenen Haus in Hamburg-Eppendorf wurden die Aktivitäten, Funktionen, Tätigkeiten und Ämter zentralisiert.[1]

Hanna Schüßler trat 1974 in den Ruhestand. In seinem Rückblick würdigte Pastor Hans-Georg Schmidt, damaliger Direktor der Alsterdorfer Anstalten und Referent des Kirchenrates für das Frauenwerk, das Lebenswerk von Hanna Schüßler. Das Bundesverdienstkreuz erhielt sie ein Jahr später.

Hanna Schüßler starb am 26. Juni 1985. Der Spruch, den ihr Vater ihr zur Konfirmation mit auf den Weg gegeben hatte: „Die den Herrn lieb haben, sollen sein, wie die Sonne aufgeht in ihrer Macht.“, stand auch in ihrer Traueranzeige und wurde auf ihren Grabstein übertragen. Hauptpastor Peter Stolt hielt die Ansprache im Gottesdienst in der Hauptkirche St. Katharinen auf Hanna Schüßler und er betonte, dass sie eine der leitenden Persönlichkeiten der Hamburgischen Kirche gewesen sei und zu den wichtigen Frauen in der Frauenarbeit der Stadt gehört habe, die sich immer um das Wohl der Kinder und Jugendlichen gekümmert habe. Ihr historischer Grabstein wurde in den Garten der Frauen verlegt[2] und sie wurde in Hamburg mit einem Frauenort geehrt.

Einzelnachweise

  1. a b c d e f Hanna Schüßler – Biografien-Datenbank: Frauen aus Hamburg. In: hamburg-frauenbiografien.de. Abgerufen am 8. November 2025.
  2. Hanna Schüẞler. In: garten-der-frauen.de. 2024, abgerufen am 8. November 2025.