Hania Rani
| Hania Rani auf dem INNtöne Jazzfestival 2021 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Hania Rani (eigentlich Hanna Raniszewska; * 5. September 1990 in Danzig) ist eine polnische Pianistin, Komponistin und Sängerin der Neoklassik.
Leben
Hania Rani studierte Klavier an der Fryderyk-Chopin-Universität für Musik in Warschau. 2015 spielte sie mit der Cellistin Dobrawa Czocher das Album Biała Flaga ein, das eine neoklassische Interpretation von Stücken der polnischen Rockband Republika darstellt.[2] 2017 gründete sie mit der Sängerin Joanna Longić das Duo Tęskno, mit dem sie 2018 das Album Mi veröffentlichte. 2019 erschien Hania Ranis Soloalbum Esja beim britischen Experimental-Label Gondwana Records. Mit den Soloalben Esja (2019) und Home (2020) etablierte sie sich über Streaming-Plattformen und ein internationales Tourneeprogramm als eine zentrale Vertreterin einer zwischen klassischer Minimal Music, Ambient und Filmmusik changierenden Klaviermusik, die häufig der Neoklassik zugerechnet wird.[3]
Für das POLIN-Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau erhielt Rani den Auftrag, ein neues Werk als musikalische Antwort auf eine Klavierkomposition der polnisch-jüdischen Pianistin Josima Feldschuh zu schreiben, die 1943 im Warschauer Ghetto an Tuberkulose starb; aus diesem Projekt entwickelte sie das etwa 40-minütige Klavierkonzert Non Fiction.[3] In dem viersätzigen Werk greift sie nur ein kurzes thematisches Fragment aus Feldschuhs erhaltenen Skizzen auf, das sie zu Beginn des zweiten Satzes mit einem markanten Paukensolo verbindet, während die übrige Partitur als eher flächig angelegte Klanglandschaft erscheint, in der das Klavier mit dem Orchester verschmilzt statt in traditioneller Konzertform dominierend hervorzutreten.[3]
Am 25. und 26. November 2025 wurden Shining und Non Fiction, zwei jeweils rund vierzigminütige neue Orchesterwerke Ranis, in der Barbican Hall in London vom Ensemble Manchester Collective uraufgeführt, wobei die Komponistin selbst als Solistin zwischen Flügel und Upright Piano wechselte.[4] Shining ist für ein zwölfköpfiges Ensemble im Geiste der Minimal Music komponiert und orientiert sich an einer Kurzgeschichte von Jon Fosse über einen Mann, der sich nachts im Wald verirrt; die sich stetig verschiebenden Motive und der Einsatz von Klangschichten, Licht und Nebel wurden in Rezensionen als assoziatives, „gespenstergeschichtenhaftes“ Erzählen beschrieben.[4] Non Fiction wurde dort in einer groß besetzten Fassung für ein 47-köpfiges Orchester mit Instrumenten wie Sopransaxophon, Harfe, Bass- und Altflöte, Celesta und elektronischem Zuspiel uraufgeführt; Kritiker hoben die häufig ätherische, stellenweise düstere Atmosphäre und aleatorische Passagen hervor, bemängelten aber zugleich, dass die dichte Orchestrierung zeitweise die klangliche Präsenz des Klaviers abschwäche.[4]
Videos auf YouTube mit Auftritten von ihr auf wurden millionenfach aufgerufen, so von einer Aufnahme im Studio S2 des polnischen Radios 2021[5] und von einem Konzert im Hof des Hôtel des Invalides in Paris 2022.[6] Ihr Album On Giacometti von 2023 ist dem Schweizer Künstler Alberto Giacometti gewidmet. Für YouTube spielte sie es im Atelier des bedeutenden Bildhauers in Stampa ein.[7] Mit ihrem Album Ghosts ist sie im Frühjahr 2025 zusammen mit einem Ensemble auf Tour, mit Stationen u. a. in Warschau, Berlin, Paris, London und Amsterdam. Hania Rani lebte in Warschau und Berlin, danach in London.[8]
Stil und Themen
Ranis Musik wird von der Kritik als post-minimalistisch und neoklassisch beschrieben; sie verbindet Elemente klassischer Klaviermusik mit Einflüssen aus Ambient, Filmmusik und elektronischen Klangwelten und spricht damit sowohl ein klassisches Publikum als auch Hörerinnen und Hörer aus Jazz- und Elektronik-Szenen an.[3][4] Mit Alben wie Esja und Home sowie ihren späteren Orchesterwerken wurde sie einer Generation von Pianistinnen und Pianisten zugerechnet, deren Arbeiten stilistisch zwischen Konzertsaal, Clubkultur und Soundtrack angesiedelt sind und über Streaming-Dienste und Online-Videos ein vor allem jüngeres Publikum erreichen.[3] In Interviews betont Rani, sie fühle sich zu Kunstformen hingezogen, die sich rationaler Erklärung entziehen und das Publikum eher dazu ermutigen, einem Stimmungs- und Erzählbogen zu folgen, als ihn analytisch zu zergliedern; entsprechend versteht sie längere Werke wie Non Fiction als Einladung, sich über rund vierzig Minuten konzentriert und möglichst laut mit Musik auseinanderzusetzen.[3] Das Klavierkonzert beschreibt sie als eine „Klanglandschaft des Krieges“, in der historische Erfahrungen wie das Leben im Warschauer Ghetto mit der heutigen, vor allem über Bildschirme vermittelten Präsenz von Kriegen verschränkt werden.[3] Die Entstehungszeit des Stücks fiel mit dem Ende der COVID-19-Pandemie sowie dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und später dem Krieg im Gazastreifen zusammen, was nach ihren Aussagen ihr Nachdenken über Nähe und Distanz zu Gewalt und Flucht wesentlich geprägt hat.[3] Ausgehend von den Skizzen Josima Feldschuhs hebt Rani hervor, dass diese stilistisch eher an Mozart, Beethoven oder Chopin erinnern und damit zeigen, dass musikalische Einflüsse nicht eindeutig an eine bestimmte nationale oder religiöse Identität gebunden sind, selbst wenn politische Umstände – wie im Fall des Holocaust – Biografie und Lebensweg bestimmen.[3] Sie hat zudem Parallelen zwischen Non Fiction und Jonathan Glazers Film The Zone of Interest gezogen, in dem die Gewalt eines Konzentrationslagers vor allem akustisch präsent ist, und interpretiert die Möglichkeit, solche Geräuschkulissen auszublenden, als Metapher für den gegenwärtigen Umgang mit Schrecken, die scheinbar „hinter der Wand“ oder auf dem Smartphone-Bildschirm stattfinden.[3]
Preise und Auszeichnungen
Ranis Album Esja wurde 2020 in Polen mit insgesamt vier Fryderyks ausgezeichnet, darunter in den Kategorien „Bestes Debütalbum“, „Bestes Alternative-Album“ und „Bestes Neuarrangement“. Im selben Jahr erhielt sie die Sanki-Auszeichnung als „Neues Gesicht der polnischen Musik“.[9]
Am 12. November 2023 erhielt sie den „The Man with the Golden Ear“-Award des Soundedit-Festivals in Łódź.[10]
Diskografie
Alben
- 2015: Biała Flaga (mit Dobrawa Czocher)
- 2018: Mi (mit Tęskno)
- 2019: Esja (PL: Gold)[11]
- 2020: Tęskno (mit Tęskno)
- 2020: Home
- 2021: Music for Film and Theatre
- 2021: Inner Symphonies (mit Dobrawa Czocher)
- 2022: Venice – Infinitely Avantgarde (Original Motion Picture Soundtrack)
- 2023: On Giacometti
- 2023: Ghosts
- 2024: Nostalgia
Filmografie
- 2023: Wald
- 2025: Sentimental Value
Weblinks
- Offizielle Website von Hania Rani
- Hania Rani auf Bandcamp
- Hania Rani beim Piano Day, Aufzeichnung vom 1. März 2022 auf dem Campus der Pierre-et-Marie-Curie-Universität (Jussieu), Paris
- Hania Rani live at Invalides in Paris, France for Cercle
- Hania Rani bei Discogs
Einzelnachweise
- ↑ Chartquellen: DE UK
- ↑ Marcin Kozicki: Polsko-islandzka kooperacja pod postacią Projektu „Dowland” z koncertem w Reykjaviku. In: Stacja Islandia. 23. März 2016, abgerufen am 19. November 2023 (polnisch).
- ↑ a b c d e f g h i j Nadia Beard: 'It's the soundscape of war': pianist Hania Rani on reviving the music of a Warsaw Ghetto prodigy. In: Financial Times. 15. November 2025, abgerufen am 10. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ a b c d Clive Paget: Hania Rani: Non Fiction review – atmospheric and absorbing storytelling by Polish composer. In: The Guardian. 26. November 2025, abgerufen am 10. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Gondwana Records: Hania Rani – Live from Studio S2 auf YouTube, 28. März 2021.
- ↑ Cercle: Hania Rani live at Invalides, in Paris, France for Cercle auf YouTube, 21. Juli 2022.
- ↑ Gondwana Records: Hania Rani – On Giacometti: A live performance at Atelier in Stampa auf YouTube, 22. Februar 2023.
- ↑ Hania Rani | About. Abgerufen am 19. November 2023 (englisch).
- ↑ Hania Rani – Elbjazz English. Archiviert vom am 10. Januar 2023; abgerufen am 19. November 2023.
- ↑ Hania Rani – Soundedit. In: Soundedit. Fundacja Art Industry, abgerufen am 19. November 2023 (polnisch).
- ↑ Auszeichnungen für Musikverkäufe: PL