Hana Makhmalbaf
Hana Makhmalbaf (persisch حنا مخملباف Hanā Machmalbāf; ; geboren am 3. September 1988 in Teheran) ist eine iranische Filmregisseurin, Drehbuchautorin, Filmeditorin und Cinematografin. Ihre Filme sind häufig mit Werken von anderen Mitgliedern ihrer Familie verknüpft, etwa von ihrer Schwester Samira Makhmalbaf und ihrem Vater Mohsen Makhmalbaf. Hana Makhmalbaf bezieht seit ihrem Gang ins Exil zunehmend politisch Position in ihrem Schaffen.
Leben
Hana Makmalbaf wuchs in einer Familie von Filmschaffenden auf. Ihre Mutter ist die Filmemacherin Marzieh Meshkini, ihr Vater der international bekannte Regisseur Mohsen Makhmalbaf. Hana Makhmalbaf ist die Schwester der Filmregisseurin Samira Makhmalbaf, die 2003 bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes im Jahr 2003 den Preis der Jury für Fünf Uhr am Nachmittag erhielt. Ihr Bruder Meysam Makhmalbaf dreht ebenfalls Filme.
Hana Makhmalbaf ist mit Hani Washian verheiratet. Die beiden haben einen Sohn.
Beruflicher Werdegang
Da Mohsen Makhmalbaf die Ausbildung in Filmwissenschaften an den staatlichen Universitäten für unzulänglich hielt, gründete er dafür eine eigene Ausbildungsstätte. Ausgangspunkt war dabei sein Wunsch, seine Tochter Samira in Filmwissenschaft unterrichten zu können. Er plante das „Makhmalbaf Film House“ (MFH) dann zwar für etwa 100 Studierende, erhielt aber keine offizielle Genehmigung. So betrieb er die Einrichtung als Ausbildungsstätte für acht Familienmitglieder und Freunde. Ab 1996 war das „Makhmalbaf Film House“ die Bildungseinrichtung für die ganze Familie, auch für die damals erst achtjährige Hana. Die Geschwister drehten dort eigene Filme, übernahmen aber auch Aufgaben in den Filmen der übrigen Familienmitglieder und kümmerten sich auch um die Verbreitung der fertigen Werke.[1] So war Hana Makhmalbaf bereits als Standfotografin, Drehbuchbetreuerin und Regieassistentin tätig, bevor sie selbst Regie führte.[2] Nach achtjährigem Studium machte Hana Makhmalbaf 2004 ihren Abschluss am MFH und drehte in den folgenden Jahren weitere Filme.[2]
In den Jahren 2009 und 2010 saß sie in den Jurys mehrerer Filmfestivals, unter anderem 2009 bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin und 2010 in Georgien beim Tbilisi International Film Festival.[2]
Als Vorbild und Ratgeber nannte die Regisseurin 2008 in einem Interview ihren Vater.[3]
Werk (Auswahl)
Bereits 1997 drehte Hana Makhmalbaf ihren ersten Kurzfilm, Rouzi Keh Khalam Mariz Bood (auch: Bud) (deutsch: Am Tag, an dem meine Tante krank war). Obwohl sie damals erst 9 Jahre alt war, erregte der Film auf dem Locarno Film Festival 1997 bereits Aufsehen.[2]
„Lezate Divanegi“ (2003)
Als Nächstes schuf Hana Makhmalbaf 2003 den Dokumentarfilm Lezate Divanegi (englisch: Joy of Madness). Dieser Film hat das Making-Of des Dokumentarfilms Fünf Uhr am Nachmittag ihrer Schwester Samira als Thema. Die damals 14-jährige Hana filmte mit einer kleinen Digitalkamera während der Dreharbeiten. Für dieses Werk erhielt die Regisseurin drei Preise bei internationalen Filmfestivals, unter anderem bei den Internationalen Filmfestspiele von Venedig den Lina Mangiacapre Award (Special Mention) und den Preis The youngest filmmaker of the world. Zu den Filmfestspielen von Venedig wurde Hana Makhmalbaf allerdings wegen ihres jugendlichen Alters der Zugang verweigert.[4]
„Buddha zerfiel vor Scham“ (2007)
Großen Erfolg hatte der erste Spielfilm von Hana Makmalbaf, Buddha zerfiel vor Scham aus dem Filmjahr 2007. Er handelt von dem afghanischen Mädchen Rakhtay, das zur Schule gehen will, aber auf Gleichgültigkeit und Feindseligkeit trifft. Rakhtay lebt in der Nähe der Ruinen der Buddha-Statuen im Bamiyan-Tal. Hier standen vor der Zerstörung durch die Taliban die größten stehenden Buddha-Statuen der Welt, von der UNESCO als Weltkulturerbe gelistet. Das Mädchen kauft sich ein Heft, aber ihre Einschreibung an einer Jungenschule wird abgelehnt. Auf der Suche nach einer Mädchenschule trifft Rakhtay eine Gruppe Jungen, die Terroristen spielen. Sie nehmen das Mädchen als Geisel und drohen der „Abtrünnigen“ mit dem Tod. Als sich ihre Wege später wieder kreuzen, sind die Jungen bei ihrem brutalen Spiel geblieben, sind aber nun US-amerikanische Soldaten. In einem Interview äußerte Hana Makhmalbaf, dass die russischen Kommunisten, die Taliban und die USA sich zwar alle als vermeintliche Retter Afghanistans präsentiert hätten, dass aber ihr gemeinsames Merkmal die Gewalt gewesen sei.[4] Diese habe sich so tief in das Bewusstsein eingegraben, dass sie sogar ein Element kindlichen Spiels geworden sei. Während amerikanische Jungen, so Makhmalbaf, in Actionfilmen mit Gewalt konfrontiert würden, hätten afghanische Kinder diese ihrem Umfeld tatsächlich erlebt.[4] Grundlage des Filmtitels sei ein Satz ihres Vaters gewesen, sagte die Regisseurin: Vor Scham über die Grausamkeit, die Unschuldigen angetan werde und die eine Statue mit ansehen müsse, könne sich sogar ein Werk aus Stein schämen und deswegen zusammenbrechen.[4] Die Intensität des Films beruht unter anderem darauf, dass im Unklaren bleibt, wie groß die Gefahr für das Mädchen tatsächlich ist.
Das Verwischen der Grenze zwischen Realität und Fiktion steht im Einklang mit der iranischen Filmtradition. Nur selten fand dies jedoch den Beifall der Behörden. Die Regisseurin beantragte zwei Jahre vor den Dreharbeiten zu dem Film eine Genehmigung und legte das Skript vor. Auch als der Film längst gedreht war und in zahlreichen Länden gezeigt worden war, stand die Erlaubnis immer noch aus.[4] Er lief gleichzeitig in 60 französischen, 40 spanischen und 20 japanischen Kinos, blieb jedoch im Iran verboten.[2] Buddha zerfiel vor Scham löste ein großes internationales Echo aus und gewann zahlreiche Preise, unter anderem bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin 2008 den Gläsernen Bären in der Reihe Generation Kplus.[2]
„Ruzhaye sabz“ (englisch: „Green Days“) (2009)
In Hana Makhmalbafs Dokufiktion Ruzhaye sabz (englisch: Green Days) aus dem Jahr 2009 erlebt eine iranische Dramatikerin während der Wahlunruhen von 2009 im Iran eine Schaffenskrise. Dabei wird die fiktionale Geschichte der jungen Frau, die sich den Protesten anschließt, filmisch mit Dokumentaraufnahmen von den tatsächlichen Protestaktionen vermischt.
Ruzhaye sabz lief 2009 bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig und erhielt den Bravery Award.[2]
„The List“ (2023)
Hana Makhmalbafs jüngster Dokumentarfilm The List (2023) schließt zeitlich an den Film Talking with Rivers von Mohsen Mahkmalbaf an. Im August 2021 verließen die US-amerikanischen Soldaten Afghanistan, und die Taliban übernahmen dort die Macht. Das Schicksal von oppositionellen Journalisten und Künstlern, die sich gegen die Taliban positionieren, ist Thema des Films.
Hana Makhmalbaf drehte außerdem 2008 den Dokumentarfilm Samira & Non-professional Actors und den Kurzfilm Doggy Life.[2]
Politisches Engagement
Mohsen Makhalbaf lebt seit 2005 im Exil und seit 2009 in Paris. Auch Hana Makhalbaf emigrierte dorthin. Beide setzten sich nach den Protesten nach der iranischen Präsidentschaftswahl 2009 in der Grünen Bewegung gegen die Wiederwahl von Ahmadinejad ein und drehten eine Reihe von Filmen, in denen sie politisch Partei ergriffen.[5]
Am Beispiel von Ruzhaye sabz lässt sich zeigen, wie Werke von Filmemacherinnen und Filmemachern im Exil politische Brisanz für die Politik des Herkunftslandes bekommen können. Es war nämlich geplant, Ruzhaye sabz beim Beirut International Film Festival (BIFF) zu zeigen. Doch da dies mit dem Besuch von Ahmadinejad in Beirut im Oktober 2010 zeitlich zusammengefallen wäre, drängte die libanesische Regierung die Festivalleitung, die Vorführung auf einen Zeitpunkt nach dem Besuch zu verschieben.[6] Daraufhin veröffentlichte die Regisseurin aus dem Exil auf ihrer Familienwebsite einen Brief in englischer Sprache, der sich an die Cineastinnen und Cineasten im Libanon richtete. Darin warnte sie vor Ahmadinejad und wies darauf hin, dass ihr Film einen realistischen Blick auf die Wahlen im Iran zeige.[5]
Bei iranischen Filmemachern und Filmemacherinnen im Exil ist es inzwischen üblich, dass sie internationale Preise Filmemachern im Iran widmen.[6] Hana Makhmalbaf erinnerte bei drei ihrer internationalen Filmpreise an Iraner, die ihren Einsatz für Demokratie und Menschenrechte mit schweren Strafen hatten bezahlen müssen: Den inhaftierten iranischen Filmemachern und Filmemacherinnen widmete sie 2011 den Best Film Award, der ihr auf dem Beirut International Film Festival für Zendegiye Sagi (englisch: A Doggy Life) verliehen worden war. 2009 erhielt die Regisseurin für Ruzhaye sabz (englisch: Green Days) auf dem Filmfestival „Frauenwelten“ in Tübingen von „Terre des Femmes“ den Human Rights Award für den mutigen Einsatz bei der Verteidigung von Menschenrechten für Frauen. Hana Makmalbaf erinnerte bei der Verleihung dieser Auszeichnung an Abbas Amir-Entezam, der für seinen Kampf für die Demokratie 30 Jahre im Gefängnis verbracht hatte. Den Best Director Award für denselben Film, den das Human Rights International Film Festival in Bishkek, Kirgisistan, ihr 2010 zuerkannte, widmete sie dem iranischen Filmemacher, Aktivisten und Journalisten Mohammad Nourizad. Dieser hatte an das politische und religiöse Oberhaupt des Iran, den Politiker Ali Chamenei ehrliche, mutige und sehr deutliche Briefe geschrieben. Darin hatte er Chamenei als „Oberhaupt der Unterdrückung des iranischen Volkes“ bezeichnet. Damit hatte, so Hana Makhmalbaf, Nourizad seine persönlichen Interessen und sein Wohlergehen unter den Einsatz für die Iranerinnen und Iraner gestellt und war dafür ins Gefängnis gegangen.[2]
Auszeichnungen
Hana Makmalbaf erhielt zahlreiche Auszeichnungen für ihr Werk. Allein Buddha zerfiel vor Scham erhielt 18 Preise, darunter auch einen Gläsernen Bären und den Friedensfilmpreis bei der Berlinale 2008. Lezate Divanegi (englisch: Joy of Madness) wurde 2003 bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig mit dem Lina Mangiacapre Award (Special Mention) und Preis The youngest filmmaker on the world und im selben Jahr beim Tokyo Filmex mit dem Special Jury Prize gewürdigt. Ruzhaye sabz (englisch: Green Days) erhielt ebenfalls drei internationale Preise.[7]
Filmografie
- 1995: A moment Of Innocence (Darstellerin; Regie: Mohsen Makhmalbaf)
- 1997: Rouzi Keh Khalam Mariz Bood (Kurzfilm, 24 Minuten) (Buch und Regie)
- 2003: Lezate Divanegi (Buch und Regie)
- 2007: Buddha zerfiel vor Scham (Originaltitel Buda as sharm foru rikht) (Spielfilm; Buch und Regie)
- 2008: Samira & Non-professional Actors (Dokumentarfilm; Regie, Kamera)
- 2009: Ruzhaye sabz (Buch und Regie)
- 2011: Zendegiye Sagi (englisch: A Doggy Life) (Kurzfilm; Regie)[8]
- 2014: The President (Editorin; Regie: Mohsen Makhmalbaf)
- 2023: The List (Dokumentarfilm; Regie)
Veröffentlichungen
2003: Gedichtband Visa for One Moment[2]
Weblinks
- Hana Makhmalbaf bei IMDb
Einzelnachweise
- ↑ Hamid Naficy: A social history of Iranian cinema. Band 4. Duke University Press, Durham 2012, ISBN 978-0-8223-4866-5, S. 230.
- ↑ a b c d e f g h i j Hana Makhmalbaf. In: https://www.makhmalbaf.com/. Abgerufen am 15. November 2025 (englisch).
- ↑ Artists tackle ten existential questions. Interview mit Hana Makhmalbaf. In: New Statesman. Band 137, Nr. 4907. New Statesman Ltd., 28. Juli 2008.
- ↑ a b c d e The shame game. In: Sight and Sound: the international film magazine. Band 18, Nr. 8. London August 2008, S. 13.
- ↑ a b Hamid Naficy: A social history of Iranian cinema. Band 4. Duke University Press, Durham 2012, ISBN 978-0-8223-4866-5, S. 337–338.
- ↑ a b Hamid Naficy: A social history of Iranian cinema. Band 4. Duke University Press, Durham 2012, ISBN 978-0-8223-4866-5, S. 337.
- ↑ Ruzhaye sabz. In: https://www.imdb.com/. 21. Oktober 2009, abgerufen am 15. November 2025.
- ↑ A Dog's Life - Beirut International Film Festival. In: beirutfilmfestival.org. 2011, abgerufen am 16. November 2025 (englisch).