Hamburger Spekulationskrise des Jahres 1799

Die Hamburger Spekulationskrise des Jahres 1799 war eine Wechsel- und Liquiditätskrise, ausgelöst durch das verspätete Eintreffen der aus London kommenden Schiffe mit Zucker, Kaffee und Tabak im Hamburger Hafen. Überangebot und schlechte Qualität ließen die Preise dieser Kolonialwaren einbrechen.

Im Hintergrund hatten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen durch den Beginn des Zweiten Koalitionskrieges stark verschlechtert. Hamburger Kaufleute verloren infolgedessen ihre Absatzmärkte in Süddeutschland, Südeuropa, den Niederlanden, Skandinavien und Russland.

Vorgeschichte

Die Finanzkrisen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren durch Fehlentwicklungen im Handel zwischen Europa und Amerika (Karibik, Vereinigte Staaten) mitverursacht.

1763

Die Krise von 1763 war ein Übergangsphänomen, da die Spekulation mit Kolonialwaren noch keine große Rolle spielte. Vielmehr bereitete die Umstellung von Kriegs- auf Friedenswirtschaft nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges Probleme. Die Münzreform Friedrichs II. entwertete das umlaufende Bargeld. Die folgende starke Nachfrage nach dem unzureichend vorhandenen Münzgeld entwertete das Papiergeld. Nun zerriss das nach bestimmten Regeln aufgebaute, weitgespannte „Wechselnetzwerkgebilde“, dessen Zentrum Amsterdam war. Ende 1763 musste das dortige Bankhaus de Neufville seine Zahlungen einstellen. Es hatte während der Kriegsjahre durch Fouragelieferungen an das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel und Edelmetallieferungen an die preußische Münze einen steilen Aufstieg genommen und in großem Umfang Kredite vergeben. Andere Amsterdamer Bankhäuser hatten de Neufvilles lockere Kreditvergabepraxis nachgeahmt.[1] Am 29. Juli 1763 brach das Bankhaus de Neufville zusammen; Rettungsversuche scheiterten am Widerstand alteingesessener Banken. De Neufville riss weitere Amsterdamer Geldhäuser mit sich, obwohl ihre Geschäftspartner in Hamburg alles versuchten, um sie zu stabilisieren. Die Amsterdamer Pleitewelle traf erst Amsterdam, dann Hamburg. Von den über 100 Banken, die 1763 zusammenbrachen, waren die meisten in Hamburg ansässig.[2]

1770 bis 1773

Die Krisenjahre von 1770 bis 1773 werden in der deutschsprachigen Forschung unter dem Einfluss der Studien Wilhelm Abels, Agrarkrisen und Agrarkonjunktur (1978) und Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Deutschland (1986), meist als letzte große Hunger- und Agrarkrise des Alten Reichs (HRR) interpretiert, während die angelsächsische Forschung sie vor allem als Finanz- und Kreditkrise sieht:[3]

  • Leinen: Ende der 1760er Jahre wurde Schottland zum Zentrum der Textilspekulation. Da Großbritannien Hauptabnehmer für Leinen war, förderte die britische Regierung die schottische und irische Leinenindustrie; zusätzlich wurde Leinen aus dem HRR über schottische Häfen eingeführt. Um 1769 war der Markt übersättigt, und die Preise begannen einzubrechen. Daraufhin wurde der amerikanische Markt mit europäischem Leinen überschwemmt, besaß aber nicht die erhoffte Aufnahmefähigkeit.[4]
  • Tabak: Der amerikanisch-schottische Tabakhandel war seit den 1730er Jahren sehr profitabel. Amerikanische Tabakpflanzer und schottische Tabakhändler waren durch Kreditbeziehungen eng aneinander gebunden. Rekordernten 1770 und 1771 ließen die Preise fallen – Europa wurde mit Tabak überschwemmt und Nordamerika mit europäischen Handelsgütern, für die sich hier wie dort zu wenig Kunden fanden.[5]
  • Kaffee: In den niederländischen Kolonien, besonders Surinam, ermöglichte ein neues Finanzierungssystem (negotiatie-system) Ende der 1760er Jahre den Betrieb einer Kaffeeplantage ohne Eigenkapital und Fachkenntnisse. Das funktionierte, solange der Kaffeepreis hoch blieb, aber die Gründung immer neuer Plantagen hatte eine Überproduktion zur Folge. Ab 1771/1772 fielen die Kaffeepreise, und die Kredite konnten nicht mehr bedient werden. Eine Sklavenrevolte in Surinam und ein Wirbelsturm in der Karibik (August 1772) bereitete der Vereinigten Ostindischen Compagnie zusätzlich Liquiditätsprobleme und belastete den Amsterdamer Geldmarkt. Letzterer musste das hohe Geldbedürfnis mehrerer europäischer Staaten bedienen.
  • Getreide: Besonders die Menschen im HRR litten unter Missernten, explodierenden Getreidepreisen und daraus folgender Hungersnot. Während das ebenfalls von Missernte betroffene Großbritannien aus Nordamerika Getreide und Reis importierte, entwickelte sich Russland zum wichtigsten europäischen Getreideexporteur. Verkompliziert wurde die Lage aber durch politische Konflikte um Polen und den Ausbruch der Pest in Russland, die Quarantänemaßnahmen und entsprechende Handelseinschränkungen in den Hafenstädten zur Folge hatte. Getreide war in den 1770er Jahren ein Spekulationsobjekt, mit dem hohe Gewinne gemacht werden konnten. Der auch dadurch steigende Getreidepreis verschärfte die Versorgungslage der hungernden Bevölkerung.[6]
  • Aktienspekulation: Zur Krise Anfang der 1770er Jahre trugen zusätzlich Fehlspekulationen mit Aktien der Britischen Ostindien-Kompanie (EIC) bei, deren Kurs seit 1765 angestiegen war, aber schon 1770 kriselte. Aktienmanipulationen und Falschinformationen über die wirtschaftliche Lage der Kompanie bereiteten den Absturz vor. Die Londoner Bank Neale, James, Fordyce & Downe hatte auf fallende EIC-Kurse spekuliert und dafür einen Großteil ihres Vermögens eingesetzt. Der Kursverfall kam auch, aber zu spät für Neale, James, Fordyce & Downe – die Bank musste ihre Zahlungen einstellen. Auf diese Nachricht hin setzte in Edinburgh ein Run auf die Banken ein, der zunächst die mit London eng verbundene Ayr Bank in die Pleite trieb. Der Sog der beiden Insolvenzen riss weitere Londoner Banken mit sich. In Amsterdam spekulierten die holländische Bank Clifford & Söhne und einige weitere Geldhäuser auf steigende EIC-Kurse. Im Versuch, den Kurs wieder in die Höhe zu treiben, kauften sie in großem Umfang EIC-Aktien und übernahmen sich dabei. Ende Dezember 1772 stellte Clifford & Söhne die Zahlungen ein, renommierte Amsterdamer Banken folgten. Im Jahr 1773 gingen 80 Amsterdamer Banken pleite. Die Bank Hope & Co. konnte sich halten, erlitt aber hohe Verluste. Europaweit waren weitere Bankenpleiten die Folge.[7][8]

1788 und 1792/93

Nach dem Frieden von Paris (1783) strukturierten sich internationale Handelsbeziehungen neu. Die nunmehr unabhängigen Vereinigten Staaten waren von dem für sie wichtigen Handel mit den britischen Kolonien der Karibik ausgeschlossen. Hamburger, Bremer und Lübecker Kaufleute setzten große Erwartungen in den Direkthandel mit den USA. Wie niederländische und schwedische Kaufleute erwarben sie insbesondere Textilien für den amerikanischen Markt. Die amerikanische Bevölkerung war aber durch den Krieg verarmt und hatte andere Bedürfnisse. Trotz Unabhängigkeit blieb Großbritannien der bevorzugte Handelspartner, der auf die amerikanische Kundschaft auch besser ausgerichtet war. Auch britische Kaufleute hatten allerdings die Aufnahmefähigkeit des amerikanischen Marktes überschätzt; einbrechende Preise waren die Folge.[9]

In den 1780er Jahren erzeugte die Mechanisierung des Textilgewerbes (Spinnereien, Webereien, Kattundruck) und die dadurch mögliche Produktionssteigerung in Großbritannien eine euphorische Stimmung. Große Unternehmen wie Livesey & Co. und Peel & Co. vereinten den gesamten Herstellungsprozess unter einem Dach und waren zusätzlich im Bankgeschäft tätig. Erste Krisensymptome zeigten sich Mitte 1787: Auf dem nordamerikanischen und dem französischen Markt ließ die Nachfrage nach englischen Textilien nach. Eine Pleitewelle rollte an und nahm nach dem Zusammenbruch von Livesey & Co. im April 1788 an Fahrt auf. Das Epizentrum der Krise war Lancashire. Ein neues Phänomen war, dass die Krise der Textilindustrie auf andere Wirtschaftszweige übergriff: Öl- und Eisenfabrikanten, Zulieferer, Brauereien, Schnapsbrennereien. Erstmals berichtete die Presse ausführlich von den sozialen Folgen für die Arbeiter, die nun wertloses Papiergeld in den Händen hielten. Der an sich schon länger übliche Wechselbetrug wurde 1788 in bisher unbekanntem Ausmaß erkennbar und sorgte für öffentliche Empörung. Eine Mitschuld gaben die Zeitgenossen der Britischen Ostindien-Kompanie, die den Markt mit billigen indischen Textilien überschwemmt habe (was diese von sich wies), und der Bank of England, die sich weigerte, taumelnde Großunternehmen und Banken zu unterstützen.[10]

Nach kurzer Krise folgte in Großbritannien Anfang der 1790er Jahre ein neues, stark kreditfinanziertes Wirtschaftswachstum, das 1792/93 in die nächste Krise mündete, die aber überlagert war durch politische Ereignisse: die Französische Revolution 1789, der Sklavenaufstand von Saint-Domingue 1791 und Großbritanniens Eintritt in den Ersten Koalitionskrieg gegen das revolutionäre Frankreich 1793. Die Nachrichten aus Saint-Domingue ließen zunächst die Zucker- und Kaffeepreise explodieren, doch stabilisierte sich der Markt, da es neben der aufständischen Insel weitere Produzenten dieser Kolonialwaren gab und die Händler in Hamburg und andernorts sich umorientierten (siehe unten). Spekulanten, die auf hohe Preise gesetzt hatten, gerieten dadurch in Schwierigkeiten und flüchteten sich in Wechselreiterei, die Anfang 1792 zu einer Wechselkurskrise führte; angefangen mit den Häusern Simon Lenormand und Monneron wurden einige Pariser Banken insolvent. Die Zahlungsunfähigkeit von Tourton et Ravel Mitte Mai sorgte international für Unruhen – diese führende Bank hatte sich an Wechselreiterei beteiligt und war in die Spekulation mit Kolonialwaren eingestiegen, als die Preise bereits hoch waren. Geschäftspartner in Amsterdam und Hamburg waren in Panik, aber die Caisse d’escompte du commerce entschied sich in einer einmaligen Aktion, Tourton et Ravel zu retten. Sie forderte als Garantie drei Millionen Livre Tournois. Banken und führende Handelshäuser in Amsterdam, Hamburg, Bordeaux sowie (mit kleineren Beträgen) Nantes, Dünkirchen und anderen Städten übernahmen die dafür nötigen Subskriptionen. Tourton et Ravel konnte seine gelagerten Waren bei steigenden Preisen verkaufen sowie Kredite zurückzahlen. Die Märkte beruhigten sich.[11]

Hamburgs Aufschwung in den 1790er Jahren

Die Kaufleute in den norddeutschen Hansestädten zogen Nutzen aus den politischen Veränderungen der 1790er Jahre. Die Importe aus Frankreich fielen weitgehend aus; dagegen importierte Frankreich Getreide auf dem Landweg, um eine Grundversorgung der Pariser Bevölkerung sicherzustellen. Davon profitierte auch Hamburg. Die Niederlande wurden 1794/95 von französischen Revolutionstruppen besetzt; die Ausrufung der Batavischen Republik folgte. Damit fiel der Handelsplatz Amsterdam aus. Niederländische Kaufleute hatten bereits seit 1792 ihr Vermögen und ihre Besitztümer nach Emden, Bremen und Hamburg in Sicherheit gebracht.[12]

Hamburger Kaufleute intensivierten nun ihre Handels- und Finanzbeziehungen mit London. Zum zweitwichtigsten Handelspartner stiegen die Vereinigten Staaten auf. Im Hamburger Hafen trafen immer mehr aus den USA kommende Schiffe ein: 35 im Jahr 1791, aber 153 im Krisenjahr 1799. Hinzu kamen Schiffe aus anderen Nationen, die unter der der Flagge der neutralen Vereinigten Staaten fuhren. Der Jay-Vertrag zwischen den USA und Großbritannien (1794) erleichterte den amerikanischen Handel mit den Hansestädten. Davon profitierten vor allem Bremen und Hamburg, zumal die britische Marine die französischen und niederländischen Häfen blockierte. Die amerikanischen Importe aus den Hansestädten nahmen von 219.312 Dollar 1790/91 auf über sechs Millionen Dollar 1798/99 zu; trotzdem hatten Bremen und Hamburg in den 1790er Jahren stets eine negative Handelsbilanz. Pioniere des Hamburger Amerikahandels waren das Handelshaus Voght & Sieveking, außerdem John Parish und Berenberg & Gossler. Hamburger Jungkaufkeute ließen sich als Kommissionäre in den Hafenstädten der amerikanischen Ostküste nieder. Diese Niederlassungen verbesserten die Kenntnis des amerikanischen Marktes. Um Direkthandel mit den spanischen Kolonien treiben zu können, mussten Hansekaufleute teure Lizenzen erwerben. Dies ließ sich umgehen, da der US-amerikanische Handel mit den spanischen Besitzungen in Mittel- und Südamerika vom Mutterland nicht effektiv kontrolliert werden konnte. In den Koalitionskriegen wurden die Hafenstädte an der amerikanischen Ostküste außerdem zu Warenumschlagplätzen des Asienhandels.[13]

Der Ausfall der Zucker- und Kaffeeproduktion auf Saint-Domingue hatte in den 1790er Jahren eine Produktionssteigerung der britischen Besitzungen in der Karibik zur Folge, mit getragen durch französische Plantagenbesitzer aus Saint-Domingue, die sich hier niederließen und modernere Anbaumethoden sowie die robuste Zuckerrohrsorte Bourbon cane mitbrachten. Jamaika stieg zwischenzeitlich zum größten Zucker- und Kaffeeproduzenten auf. Die meisten aus Saint-Domingue geflohenen Plantagenbesitzer ließen sich auf Kuba nieder. Die Insel, bis dahin als Zuckerproduzent unbedeutend, erlebte dank fruchtbarer Böden einen Aufschwung der Zuckerproduktion und zog auswärtige Investitionen an. Die dortige Entwicklung wurde zeitgenössisch als „Zuckerrausch“ und „Tanz der Millionen“ charakterisiert. Auch der Zuckeranbau Brasiliens nahm sprunghaft zu, nicht nur in der traditionellen Anbauregion Bahia, sondern auch im Gebiet von Rio de Janeiro und São Paulo. Für Zucker endete der Boom spätestens 1799, und ein Preisverfall bei weiter steigender Produktion folgte. Am Hamburger Preiscourant für Kaffee und Zucker lässt sich nachvollziehen, wie die Zahl der Anbauregionen zunahm und Saint-Domingue ersetzt wurde.[14]

Die Geldpolitik der Bank of England trug zur Spekulationskrise von 1799 bei. Nachdem die Bank 1797 in Zahlungsschwierigkeiten geraten war, verbot die britische Regierung den Export von Bargeld. Britische Kaufleute versuchten nun, sich in Hamburg mit Münzgeld und Silber einzudecken. Bargeldmangel und boomender Kolonialhandel in Kombination blähten das Wechselgeschäft mit seinen illegalen Begleiterscheinungen stark auf. Da der Finanzplatz Amsterdam ausfiel, stieg die Bedeutung der Hamburger Börse. Seit 1796 wurden hier die Wechselkurse italienischer Städte und Russlands notiert, die Subsidien der englischen Kriegsfinanzierung liefen über Hamburg. Für die Stadt Hamburg waren die späten 1790er Jahre eine Blütezeit, was seinen Ausdruck in reger Bautätigkeit fand, begleitet von hohen Mieten und Immobilienspekulationen. Vor den Stadttoren ließ die Hamburger Oberschicht Landhäuser im englischen Stil errichten. Breite Kreise der Bevölkerung änderten mit steigendem Wohlstand ihren Lebensstil; generell stiegen die Konsumausgaben. Angesagt war nun schlichte Kleidung, wobei sich die Statusunterschiede in der Stoffqualität ausdrückten. Hygiene erhielt einen größeren Stellenwert als in der älteren Generation üblich. In der Freizeit war man bereit, für Unterhaltung zu zahlen. Das zog Schauspieltruppen von weither in die Elbestadt. Das Theater- und Kulturangebot war vielfältig.[15]

Die boomende Konjunktur der späten 1790er Jahre erleichterte Jungkaufleuten mit wenig Eigenkapital den Einstieg ins Geschäftsleben. Lief es schlecht, hielten sie sich mit Wechselreiterei über Wasser. Die Zahl der Makler stieg an, sogar Hamburger Lehrjungen ohne Fachkenntnisse sollen als Makler ins profitable Kaffeegeschäft eingestiegen sein. Versicherungsgesellschaften wurden neu gegründet. Französische Revolutionsflüchtlinge, teilweise der deutschen Sprache nicht mächtig, ließen sich in Hamburg nieder und versuchten einen kreditfinanzierten Neuanfang. Die hohen Gewinnerwartungen motivierten auch Personen des öffentlichen Lebens, Anteile an Hamburger Firmen zu erwerben, beispielsweise Baron Gisbert von Romberg, ein westfälischer Bergwerksbesitzer, der sich am Handelshaus Dreves, Adamy & Co. beteiligte, oder der preußische Minister Carl August von Struensee, der Anteile an Popert & Co. erwarb. Ähnliche, teils krassere Symptome einer überhitzten Konjunktur waren zeitgleich in London und unter einigen europäischen Einwanderern in den Vereinigten Staaten zu beobachten; letztere gaben ihre Berufe auf, um als Spekulanten reich zu werden. Einige orderten große Warenmengen aus Hamburg und verloren die Übersicht über die eigene Lagerhaltung.[16]

Platzen der Spekulationsblase

Mit dem Zweiten Koalitionskrieg, der Ende 1798 begann, wurde Hamburgs Krise unausweichlich: Im September 1798 hatten nämlich die Preise für Zucker, Kaffee und Tabak Spitzenwerte erreicht. Hamburger Kaufleute hatten deshalb große Mengen dieser Kolonialwaren geordert, um sie nach Süddeutschland und in die Schweiz weiterzuverkaufen. Doch der Kriegsverlauf machte den Warentransport dorthin ganz oder teilweise unmöglich. Die Hamburger Kaufleute blieben daher auf den Waren sitzen und konnten bald die Wechsel, mit denen sie den Einkauf finanziert hatten, nicht mehr bedienen.[17]

Hinzu kam das schlechte Wetter:[18] Der Schiffskonvoi aus der Karibik, der die von den Hamburgern georderten Plantagenprodukte beförderte, verspätete sich um Monate. Aus Sicherheitsgründen mussten die britischen Frachtschiffe auf der Route über den Atlantik immer im Konvoi fahren. Ihr Eintreffen in London war im Frühsommer 1798 erwartet worden. Als die Schiffe endlich im Londoner Hafen einliefen, brach bereits der Winter an, und der Schiffsverkehr wurde eingestellt. Der für Hamburg bestimmte Zucker, Kaffee und Tabak lagerte monatelang in London, und die Qualität nahm Schaden. Unterdessen stützten der Hamburger Senat, die Hamburgische Admiralität und die Hamburger Bank die örtlichen Kaufleute durch Anleihen, mit denen sie die Wintermonate überstanden. Das Handelshaus Lutterloh & Söhne wurde im Februar 1799 insolvent, ebenso einige kleinere Häuser. Unter den Hamburger Kaufleuten entstand Nervosität, doch meinte man, durch Kreditverlängerungen und Gefälligkeitswechseln mit Londoner Geschäftspartnern die Zeit bis zur Wiederaufnahme der Schifffahrt überbrücken zu können. Als dann die lange erwarteten Schiffe mit den Kolonialwaren in Hamburg eintrafen, ließ das plötzliche Überangebot die Preise einbrechen. Hinzu kam, dass der meiste Zucker und ein Teil des Kaffees wegen schlechter Qualität versteigert werden musste. Über den Sommer verschärfte sich die Krise, denn die Preise blieben niedrig, die Lagerhaltung war teuer, und die Versicherungen verzögerten die Zahlungen für beschädigte Waren. Nach ersten Konkursen im Juni folgten dreißig Handelshäuser im Juli. Der Höhepunkt wurde im Oktober erreicht, große Hamburger und Londoner Handelshäuser mussten aufgeben. Vergeblich versuchten Hamburger Kaufleute, das Londoner Handelshaus Persent & Bodecker zu retten. Es war vermutlich schon im Sommer insolvent, und die Situation verschlechterte sich weiter. Im September 1799 gab Persent & Bodecker auf. Das Haus hatte über 80 Geschäftspartner in Hamburg, darunter Henkel & Eimbcke, Eimbcke & Hereshoft, Luis & Jenquel, Cornelius Otto Schütt, De Dobbeler und Gaedechens. Einen Tag nach Persent & Bodecker gab Cox & Heisch auf, ein Londoner Haus, das ähnlich wie Persent & Bodecker ausgerichtet war und ebenfalls viele Hamburger Geschäftspartner hatte. Diese beiden Londoner Insolvenzen, zusammen mit der Zahlungsunfähigkeit der Hamburger Häuser Milow sowie Henckel & Eimbcke lösten Mitte September eine Pleitewelle aus, die in Hamburg sechs Wochen grassierte und große Geschäftshäuser zur Aufgabe zwang, darunter Cornelius Otto Schütt, Eimbcke & Hereshoft, Georg Lotz, Reimbold & Drachenbauer, De Dobbeler & Hesse, Dreves, Adamy & Co., H. D. Goverts, Johann Diedrich Rodde, Wolf Levin Popert & Co., Berend Roosen, Nootnagel, Schwarz & Rocques. Von Mitte September bis Anfang November wurden mehr als 50 Häuser insolvent mit einer Gesamtsumme von 36 Millionen Mark Banco; die drei größten Schuldner waren De Dobbeler & Hesse (3,1 Millionen), H. D. Goverts (3 Millionen) und Wolf Levin Popert & Co. (2,7 Millionen Mark Banco).[19]

In London erfasste die Pleitewelle vor allem Häuser, die besonders enge Geschäftsbeziehungen nach Hamburg hatten. Auch Liverpool, der zweitwichtigste britische Hafen für Kolonialwaren, geriet in erhebliche Schwierigkeiten, denn für Hamburg bestimmte Ware lagerte dort immer noch, als neue Schiffe aus der Karibik eintrafen. Die Docks waren überfüllt, weitere Schiffe warteten im River Mersey. Zucker, Kaffee, Rum und Baumwolle im Wert von fünf Millionen Pfund Sterling konnten nicht entladen werden. In Europa mussten Handelshäuser unter anderem in Bremen, Lübeck, Frankfurt am Main aufgeben. Wegen des chronischen Bargeldmangels waren vor allem russische und polnische Besucher der Leipziger Herbstmesse 1799 mit Wiener sowie Londoner und Hamburger Wechselbriefen ausgestattet. Die Neuigkeiten aus Hamburg ließen den Handel mit Londoner und Hamburger Papieren zusammenbrechen, aber auch von den meist griechischen Messebesuchern, die mit Wiener Papieren versehen waren, wurde Barzahlung gefordert.[20]

Stabilisierungsversuche

Die Hamburgische Admiralität und die Hamburger Bank stellten ortsansässigen Handelshäusern zwar Kredite bereit, doch reichte diese Maßnahme im Herbst 1799 nicht aus, um die Situation zu beruhigen. Mit Erlaubnis der britischen Regierung stellten Londoner Kaufleute ihren Hamburger Partnern etwa eine Million Pfund Sterling in Münzgeld und Edelmetallen zur Verfügung. Am 9. Oktober verließ die Fregatte Lutine mit dieser kostbaren Fracht den Hafen von Great Yarmouth. Sie sank in der folgenden Nacht in einem schweren Sturm vor Terschelling.[21][22]

In Hamburg erfuhr man vom Schicksal der Fregatte erst nach dem 26. Oktober. Es gab aber vor und nach der Reise der Lutine noch weitere Bargeld- und Edelmetallsendungen aus London, die ihre Hamburger Empfänger erreichten. Insbesondere sandte Lloyd’s zeitnah ein Schiff mit 100 Fässern voller Goldbarren, das die in Hamburg aufkeimende Panik beruhigte.[23] Während die damaligen Zeitungen sehr zurückhaltend über die Welle der Hamburger Insolvenzen berichteten, gaben sie dem Eintreffen dieser Sendungen und der damit geschaffenen Liquidität breiten Raum. Diese teilweise „von Hamburg lanciert[en]“ Pressemeldungen sollten das Vertrauen in den Hamburger Markt wieder herstellen.[24]

John Parish, der sein Geschäftshaus 1797 an seine Söhne John und Richard übergeben hatte, zwang diese 1801, die Bücher offenzulegen. Dabei kam heraus, dass sie nach hohen Gewinnen 1797/1798 mit Kolonialwaren und Getreide waghalsig spekuliert und freizügig Kredite gewährt hatten. Es war den Brüdern aber in der Krise gelungen, ihre Zahlungsprobleme zu verschleiern und die Firma zu erhalten. Trotz eines Verlustes von einer Million Mark Banco, den sie 1799/1800 abschreiben mussten, behielt Parish & Co. seinen guten Namen; beispielsweise für den Frankfurter Bankier Simon Moritz Bethmann war Parish 1799 der Inbegriff eines vorsichtig agierenden, soliden und finanzkräftigen Hauses.[25]

Der Hamburger Senat hob die geltende Wechsel- und Falliten-Ordnung vorübergehend auf und stellte ausgewählte (aus heutiger Sicht: systemrelevante) insolvente Handelshäuser unter Administration, eine Art Insolvenzverwaltung. Die Inhaber galten nicht als Bankrotteure, behielten ihre bürgerliche Ehre und führten ihre Geschäfte vier Monate unter Aufsicht weiter, in denen sie ihre finanziellen Schwierigkeiten überwinden sollten. Die Namen der unter Administration gestellten Häuser wurden nur ausnahmsweise bekannt (Nootnagel, Schwarz & Rocques sowie Caspar Otto Müller und Sohn). Außerdem dehnte der Senat den Geltungsbereich der Falliten-Ordnung auf das Hamburger Umland aus, um Schuldnern die Möglichkeit zu nehmen, sich durch Umzug einem Konkursverfahren zu entziehen.[26]

Die meisten Hamburger Konkursverfahren wurden nach der Spekulationskrise von 1799 in wenigen Jahren abgeschlossen, aber einige zogen sich hin: Goverts & Co. bis 1825, Milow bis 1827, Cornelius Otto Schütt bis 1830.[27]

Besonders für die Mittel- und Unterschichten Hamburgs war die Folge der Konkurswelle von 1799 Wohlstandsverlust und Konsumeinschränkung. Erfolgreich ging die Hamburger Bank aus der Spekulationskrise hervor. Sie „hatte der Admiralität drei Millionen Mark für den Unterstützungsfonds geliehen und verzeichnete aus den Zinseinnahmen für 1799 einen außergewöhnlich hohen Gewinn“.[28]

Literatur

  • Johann Georg Büsch: Geschichtliche Beurtheilung der in der Handlung Hamburgs im Nachjahr 1799 entstandenen großen Verwirrung. Nestler, Hamburg 1799 (Digitalisat)
  • Werner Plumpe: Wirtschaftskrisen. Geschichte und Gegenwart. 5., durchgesehene und aktualisierte Auflage. Beck, München 2017, ISBN 978-3-406-60681-6.
  • Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne. Spekulation und Finanzkrisen im 18. Jahrhundert. De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2023 (Open Access).
  • Margrit Schulte Beerbühl: Bubbles, Bust and the Lutine’s sunken treasure. In: Jörg Vögele et al. (Hrsg.): The Cruel Sea. Der Tod und das Meer – historische und kunsthistorische Betrachtungen. Böhlau, Köln 2022, S. 39–49.
  • Max Wirth: Geschichte der Handelskrisen. 3. Auflage. Sauerländer, Frankfurt am Main 1883 (Digitalisat).

Anmerkungen

  1. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 83–92.
  2. Gerald Braunberger: Die Finanzkrise des Jahres 1763. In: Fazit - das Wirtschaftsblog. 12. März 2014, abgerufen am 31. Dezember 2025 (deutsch).
  3. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 136 f.
  4. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 138–143.
  5. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 143–145.
  6. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 152–163.
  7. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 163–168.
  8. Die Finanzkrise in England, Schottland und den Niederlanden (1772/1773). Abgerufen am 1. Januar 2026.
  9. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 205–211.
  10. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 211–222.
  11. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 239–242.
  12. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 306–308.
  13. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 276–281.
  14. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 283–306.
  15. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 317–321.
  16. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 321–329.
  17. Werner Plumpe: Wirtschaftskrisen. Geschichte und Gegenwart, München 2017, S. 40.
  18. James Narron, David R. Skeie, and Donald P. Morgan: Crisis Chronicles: The Hamburg Crisis of 1799 and How Extreme Winter Weather Still Disrupts the Economy. newyorkfed.org, 8. August 2014.
  19. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 329–337 und 367.
  20. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 342–344.
  21. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 356–359.
  22. Crisis Chronicles: The Hamburg Crisis of 1799 and How Extreme Winter Weather Still Disrupts the Economy. In: Liberty Street Economics. 8. August 2014 (newyorkfed.org [abgerufen am 1. Januar 2026]).
  23. Margrit Schulte Beerbühl: Bubbles, Bust and the Lutine’s sunken treasure, Köln 2022, S. 51.
  24. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 359 f.
  25. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 384 f.
  26. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 367–369 und 398.
  27. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 382.
  28. Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne, Berlin u. a. 2023, S. 387.