Höhlenschriften
Als Höhlenschriften (chinesisch 三洞, Pinyin sān dòng, W.-G. san tung) werden die drei Teile des daoistischen Kanons Daozang (chinesisch 道藏, Pinyin dàozàng, W.-G. tao tsang) bezeichnet. Wörtlich übersetzt bedeutet sān dòng „Drei Höhlen“. Erst durch die Kompilation als dreiteiligen Kanon bildete sich eine daoistische Identität der verschiedenen Schulen. Zuvor hatten sich diese vornehmlich allein über ihre Gründergestalten definiert.[1][2][3]
Mit den daoistischen Höhlen sind zugleich die daoistischen Himmel gemeint. Das bezieht sich auf den Umstand, dass der daoistische Eremit in der Einsamkeit abgelegener Felshöhlen sich von der Anhaftung an die Sinne löst und in die inneren himmlischen Räume eintritt. Zugleich sind die drei Himmelsgrotten die Orte, an denen die drei höchsten Gottheiten des Daoismus residieren. Diese werden auch Grottenhimmel (洞天, dòngtiān) genannt. Das Konzept der Drei Höhlen kam jedoch bereits gegen Ende der Östlichen Jin-Dynastie (317–420) auf.[4] Die erste Neuklassifikation des daoistischen Kanons und die damit verbundene Einteilung in drei Kategorien stammt jedoch von Lu Xiujing aus dem 5. Jahrhundert.[5][6] Die Drei Höhlen stehen auch für Wahrheit, Geist und Mysterium.[7]
Bei seiner Kompilation nahm sich Lu Xiujing die Struktur des buddhistischen Textkanons zum Vorbild, der zu dieser Zeit in China bereits verbreitet war und der ebenfalls eine dreiteilige Struktur aufweist. Im Buddhismus heißen sie tripitaka („Dreikorbschriften“) und bestehen aus den Lehrreden des Buddha, den philosophischen Abhandlungen und den Ordensregeln. Die Aufteilung im Buddhismus erfolgte nach dem Typus der Schriften (Sutren, Ordensregeln und Abidhamma – den philosophischen Abhandlungen). Im Unterschied dazu ist der daoistische Kanon nach dem damaligen daoistischen Schulen aufgeteilt, die in dieser Form heute nicht mehr existieren.[8][9][10] (5). Die Höhlenschriften gliedern sich daher nach dem folgenden Schema[11]:
| Dong Zhen | Dong Xuan | Dong Shen |
| „Höhle der Verwirklichten“ | „Höhle der Mysterien“ | „Höhle des Göttlichen“ |
| Schriften der Shangqing-Tradition | Schriften der Lingbao-Tradition | Schriften der Sanhuang-Tradition |
Der in die Schriften der Drei Höhlen gegliederte Gesamtkanon wird noch weiter unterteilt in die vier Speichen (fú 辐) sowie die 36 Segmente (bù 部). Diese Ergänzungen wurden vermutlich erst im 6. Jahrhundert hinzugefügt.[12]
Literatur
- Liu Xiaogan: Der Daoismus. In: Stephan Schuhmacher (Hrsg.): Innenansichten der großen Religionen. Fischer, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-596-50250-0, S. 203–290.
- Ninji Ōfuchi: The Formation of the Taoist Canon. In: Holmes Welch, Anna Seidel: Facets of Taoism. Essays in Chinese Religion. Yale University Press, New Haven / London 1979, ISBN 0-300-02673-0, S. 253–267.
- Florian Reiter: Taoismus zur Einführung. Junius, Hamburg 2000, ISBN 3-88506-386-7.
- Isabelle Robinet: Geschichte des Taoismus (Aus dem Französischen von Stephan Stein). Diederichs, München 1995, ISBN 3-424-01298-X.
- 唐大潮 (Tang Dachao): 中国道教简史 (Die Geschichte des chinesischen Daoismus). 宗教文化出版社 (Zongjiao Wenhua Verlag), 北京 (Beijing) 2003, ISBN 7-80123-229-1.
- Hans van Ess: Der Daoismus. Von Laozi bis heute. C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-61218-3.
- Hans-Günter Wagner: Der Daoismus. Chinas indigene Religion und Philosophie. Origo Verlag, Bern 2025, ISBN 978-3-282-00214-6.
- 朱樾利 (Zhu Yueli): 道教答问 (Fragen und Antworten zum Daoismus). 华夏出版社 (Huaxia Verlag), 北京 (Beijing) 1993, ISBN 7-5080-0233-4.
Einzelnachweise
- ↑ Hans van Ess: Der Daoismus. Von Laozi bis heute. C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-61218-3, S. 106.
- ↑ Ninji Ōfuchi: The Formation of the Taoist Canon. In: Holmes Welch, Anna Seidel (Hrsg.): Facets of Taoism. Essays in Chinese Religion. Yale University Press, New Haven / London 1979, ISBN 0-300-02673-0, S. 253–267.
- ↑ Florian Reiter: Taoismus zur Einführung. Junius, Hamburg 2000, ISBN 3-88506-386-7, S. 53.
- ↑ 唐大潮 (Tang Dachao): 中国道教简史 (Die Geschichte des chinesischen Daoismus). 宗教文化出版社 (Zongjiao Wenhua Verlag), 北京 (Beijing) 2003, ISBN 7-80123-229-1, S. 97.
- ↑ Liu Xiaogan: Der Daoismus, in: Innenansichten der großen Religionen, hg. v. Stephan Schuhmacher. Fischer, Frankfurt/Main 1997, ISBN 3-596-50250-0, S. 203–290, hier S. 262.
- ↑ 朱樾利 (Zhu Yueli): 道教答问 (Fragen und Antworten zum Daoismus). 华夏出版社 (Huaxia Verlag), 北京 (Beijing) 1993, ISBN 7-5080-0233-4, S. 87.
- ↑ 朱樾利 (Zhu Yueli): 道教答问 (Fragen und Antworten zum Daoismus). 华夏出版社 (Huaxia Verlag), 北京 (Beijing) 1993, ISBN 7-5080-0233-4, S. 87.
- ↑ Hans-Günter Wagner: Der Daoismus. Chinas indigene Religion und Philosophie. Origo, Bern 2025, ISBN 978-3-282-00214-6, S. 140.
- ↑ Ninji Ōfuchi: The Formation of the Taoist Canon. In: Holmes Welch, Anna Seidel (Hrsg.): Facets of Taoism. Essays in Chinese Religion. Yale University Press, New Haven / London, ISBN 978-0-300-02673-3, S. 253–267, hier S. 260.
- ↑ Isabelle Robinet: Geschichte des Taoismus (Aus dem Französischen von Stephan Stein). Diederichs, München 1995, ISBN 3-424-01298-X, S. 218.
- ↑ Hans-Günter Wagner: Der Daoismus. Chinas indigene Religion und Philosophie. Origo, Bern 2025, ISBN 978-3-282-00214-6, S. 153.
- ↑ Ninji Ōfuchi: The Formation of the Taoist Canon, in: Holmes Welch, Anna Seidel: Facets of Taoism. Essays in Chinese Religion. Yale University Press, New Haven / London 1979, ISBN 0-300-02673-0, S. 266.