Gyalo Thondup
Gyalo Thondup (tibetisch རྒྱལ་ལོ་དོན་འགྲུབ; ca. 1928 in Taktser, Provinz Amdo, Osttibet; † 8. Februar 2025 in Kalimpong, Westbengalen, Indien) war ein tibetischer Politiker im Exil. Als zweitältester Bruder des 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso war er dessen engster Berater. Ab 1952 lebte er in Indien. In den 1950er und 1960er Jahren arbeitete er mit der Central Intelligence Agency (CIA) der Vereinigten Staaten zusammen, als diese erfolglos versuchte, bewaffnete tibetische Rebellen gegen China einzusetzen.[1]
Thondup half dabei, die sichere Durchreise des Dalai Lama nach Indien zu verhandeln, nachdem dieser 1959 aus Lhasa geflohen war.[2] Nachdem die Unterstützung der USA für den tibetischen Widerstand in den 1970er Jahren geendet hatte, fungierte er oft als inoffizieller Gesandter des Dalai Lama in China und versuchte, dessen Rückkehr zu verhandeln.[1]
Seine Bestseller-Autobiografie The Noodle Maker of Kalimpong: The Untold Story of My Struggle for Tibet („Der Nudelhersteller von Kalimpong: Die unbekannte Geschichte meines Kampfes für Tibet“) wurde 2015 veröffentlicht. Nach seinem Tod im Jahr 2025 schrieb die Washington Post, Thondup sei „wohl die zweitwichtigste Persönlichkeit der modernen tibetischen Geschichte“ gewesen und wurde von vielen Regierungen weltweit als de facto politischer Führer Tibets anerkannt.[1]
Frühes Leben und Ausbildung
Um 1928[3], wurde Gyalo Thondup im Dorf Taktser[4] in der heutigen Provinz Qinghai geboren. Er war das dritte Kind von Choekyong Tsering und Diki Tsering. Als zweiter von fünf Söhnen war er ihr einziges männliches Kind, das nicht Mönch wurde; sein Vater hatte für ihn vorgesehen, dass er Landwirt werden und den Familienbesitz weiterführen sollte.[5]
1939 zog er mit seiner Familie nach Lhasa, nachdem sein jüngerer Bruder als 14. Dalai Lama anerkannt worden war. Als sich die Familie in ihrer neuen Position als erste Familie Tibets einlebte, erhielt Thondup eine Ausbildung, um der leitende Berater des Dalai Lama zu werden. Der Reting Rinpoche schickte Gyalo auf eine Privatschule, um ihm eine traditionelle tibetische Ausbildung zu ermöglichen, und beauftragte Ma Bao, einen chinesischen Muslim, ihn in chinesischer Sprache zu unterrichten.[5]
1942, im Alter von 14 Jahren, ging Thondup nach Nanjing, der Hauptstadt der Republik China, um Chinesisch und chinesische Geschichte zu studieren. Von April 1947 bis zum Sommer 1949 besuchte er oft Chiang Kai-shek in dessen Haus, aß mit seiner Familie zu Tisch und wurde von Lehrern unterrichtet, die Chiang selbst ausgewählt hatte.[6] 1948 heiratete er Zhu Dan, die Tochter eines Generals der Kuomintang.[5]
Politische Rolle
1949, vor der kommunistischen Machtübernahme in China, verließ Thondup Nanjing mit seiner Frau, die unter dem tibetischen Namen Diki Dolkar bekannt wurde, und begab sich nach Tibet. Nachdem chinesische Truppen die Kontrolle über Lhasa übernommen hatten, floh Thondup 1952 zu Pferd nach Indien.[1]
Fließend in Chinesisch, Tibetisch und Englisch,[7] reiste Thondup in den folgenden Jahrzehnten als inoffizieller Gesandter zwischen Neu-Delhi, Taipeh, Washington, Hongkong und Peking hin und her.[1][8]
Verbindungen zur Republik China
Laut seinen persönlichen Memoiren wurde Thondup von Chiang Kai-shek persönlich gefördert, um als Sonderstudent an einer der besten Universitäten Nanjings zu studieren. Nachdem er sie im Mai 1946 zum ersten Mal getroffen hatte, besuchte er das Haus der Chiangs häufig und beschrieb ihn und seine Frau Soong Meiling als „unermüdlich herzliche und liebenswürdige Gastgeber“, die alle seine Ausgaben bezahlten und ihn „wie einen Sohn“ behandelten.[9]
Nach dem Fall des Festlands an die Kommunisten schlossen sich Thondup und seine Frau für sechzehn Monate Chiang Kai-shek und seiner Exilregierung auf Taiwan an, und Chiang gab Thondup einen Scheck über 50.000 Dollar, damit er in den Vereinigten Staaten studieren konnte. Thondup und seine Frau kamen Ende Oktober 1951 in Washington D.C. an, aber Thondup beschloss kurz darauf, nach Lhasa zurückzukehren, um seinem Volk, das sich zu dieser Zeit inmitten sozialer und politischer Unruhen befand, besser helfen zu können.[9]
Nachdem Thondup die ersten Angebote der Volksrepublik China, die tibetische Jugenddelegation nach Peking zu führen, abgelehnt hatte, wurde er von Maos Regierung als Verräter gebrandmarkt und seiner Staatsbürgerschaft beraubt. Daraufhin floh er mit seiner Familie nach Indien. Von dort aus kontaktierte er Chiang Kai-shek, der als Erster auf ihn reagierte und ihm mitteilte, dass die Republik China „bereit sei, Waffen und Geld zur Verfügung zu stellen, um die tibetische Sache zu unterstützen“. Obwohl Gyalo sagte, er habe „die Hilfe der Nationalisten nie rundweg abgelehnt“, kam er schließlich zu dem Schluss, dass die direkte Annahme ihrer Hilfe die Bestrebungen Tibets nach einem freien und unabhängigen Staat erschweren und auch die beharrlichen Behauptungen der VR China stärken würde, die Tibeter würden von der Republik China benutzt, um ihre Souveränität zu untergraben.[9]
Nach dem Grenzkrieg zwischen China und Indien im Jahr 1962 bat ihn der indische Geheimdienstchef Bhola Nath Mullik, Kontakt zur Regierung der Republik China auf Taiwan aufzunehmen. Thondup kehrte heimlich nach Taiwan zurück, um die Chiangs ein letztes Mal zu besuchen. Die Chiangs sollen sich „sehr gefreut“ haben, ihn zu sehen, und Indiens Annäherungsversuch begrüßt haben. Nach seinem Treffen mit Chiang Ching-kuo reiste Thondup mit dem stellvertretenden Direktor von Taiwans nationaler Sicherheitsbehörde nach Neu-Delhi und stellte ihn Mullik vor. Damit begann angeblich eine enge, aber streng geheime Beziehung zwischen den indischen und taiwanesischen Geheimdiensten, die bis heute andauern soll.[9][10]
Verbindungen zur CIA
1951 reiste er nach Amerika und wurde zur wichtigsten Informationsquelle über Tibet für das Außenministerium der Vereinigten Staaten.[11] Die Central Intelligence Agency versprach, Tibet von China unabhängig zu machen, im Gegenzug für Thondups Unterstützung bei der Organisation von Guerilla-Einheiten zum Kampf gegen die Volksbefreiungsarmee – ein Angebot, das Thondup annahm.[6][12]
Thondup half dabei, etwa 300 Kämpfer zu rekrutieren, die im Camp Hale in Colorado ausgebildet wurden und ihrerseits Tausende andere im tibetischen Widerstand ausbildeten. In den späten 1950er und frühen 1960er Jahren versorgte die CIA den Widerstand mit schätzungsweise ca. 318 Tonnen an Gewehren, Munition, Granaten und Funkgeräten und warf diese aus der Luft über Tibet ab, doch ihre Missionen blieben erfolglos.[1]
1959 half Thondup dabei, die sichere Flucht des Dalai Lama nach Indien zu organisieren, nachdem dieser aus Tibet fliehen musste.[2] Thondup behauptete, er habe den 14. Dalai Lama aus Respekt vor dessen pazifistischer Haltung nicht über die Aktionen der CIA informiert.[1][13] Zu seiner Enttäuschung endete die Unterstützung der USA nach Richard Nixons Besuch in China 1972.[1]
Spätere Laufbahn
Mit der Erlaubnis des Dalai Lama traf Thondup 1979 den chinesischen Staatschef Deng Xiaoping zu friedlichen politischen Gesprächen, um die Bedingungen für die Rückkehr seines Bruders nach Tibet auszuhandeln.[6][1] Er übermittelte dem Dalai Lama Dengs Botschaft, dass „außer der Unabhängigkeit alle anderen Fragen durch Gespräche gelöst werden können“. Danach kam es zu regelmäßigen Gesprächen zwischen der Volksrepublik und der tibetischen Exilregierung.[14] Thondup beendete die Gespräche jedoch 1993, da er sie für nutzlos hielt.[6] Während der 1990er Jahre unternahm Thondup mehrere weitere offizielle Besuche in China und fungierte dabei als inoffizieller Gesandter des Dalai Lama.[15]
In den letzten Jahren forderte Thondup die Tibeter auf, sich weiterhin politisch zu engagieren, und erklärte wiederholt, dass der Dialog der einzige Weg sei, um Fortschritte mit China zu erzielen.[2] 1998 kritisierte die tibetische Exilregierung Thondup dafür, dass er den Dalai Lama nicht über die Beteiligung der CIA in Tibet informiert hatte.[13] Über ein Jahrzehnt später beschuldigte Thondup den Vater seiner Schwägerin, Geld aus der tibetischen Zentralverwaltung veruntreut zu haben.[16]
Persönliches und Tod
Thundap und seine Frau Diki Dolkar hatten eine Tochter (die Anfang der 1980er Jahre starb) sowie zwei Söhne. Seine Frau Dolkar starb 1986. Im Jahr 2002 besuchte Thondup auf Einladung der chinesischen Regierung kurzzeitig Lhasa.[1] Seine Frau half bei der Gründung eines Hilfszentrums für tibetische Flüchtlinge in Darjeeling, das zu jeder Zeit mindestens etwa fünfhundert tibetischen Flüchtlingen Unterstützung bot und in dem sie bis zu ihrem Tod arbeitete.[9][17]
Im Ruhestand gründete Thondup eine Nudelfabrik in Westbengalen. 2015 veröffentlichte er seine Memoiren The Noodle Maker of Kalimpong: The Untold Story of My Struggle for Tibet, die zu einem Bestseller wurden.[1]
Thondup starb am 8. Februar 2025 in seinem Wohnsitz in Kalimpong, Westbengalen.[18][1]
Literatur
- Anne F. Thurston, Gyalo Thondup: The Noodle Maker of Kalimpong: My Untold Story of My Struggle for Tibet. Ebury Publishing, 2016, ISBN 978-1-84604-383-3 (englisch, Google Books [abgerufen am 12. Dezember 2025]).
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g h i j k l Tim Johnson: Gyalo Thondup, Dalai Lama's brother and towering figure in Tibet, dies In: The Washington Post, 9. Februar 2025. Abgerufen am 11. Februar 2025 (englisch).
- ↑ a b c Ali Watkins: Gyalo Thondup, Political Operator and Brother of the Dalai Lama, Dies at 97 In: The New York Times, 10. Februar 2025. Abgerufen am 11. Februar 2025 (englisch).
- ↑ 本刊祝贺嘉乐顿珠93岁生日 – 東京自由民主人權之聲. Abgerufen am 12. Dezember 2025 (japanisch).
- ↑ Lha-sras Rgya-lo-don-grub: The noodle maker of Kalimpong : the untold story of my struggle for Tibet. London : Rider, an imprint of Ebury Publishing, 2015, ISBN 978-1-84604-458-8, S. 11 (englisch, Online [abgerufen am 12. Dezember 2025]).
- ↑ a b c Sandip C. Jain: Gyalo Thondup And His Place In Modern Tibetan History In: The Darjeeling Chronicle, 9. Februar 2025. Abgerufen am 11. Februar 2025 (englisch).
- ↑ a b c d Gyalo Thondup: Interview Excerpts In: The Wall Street Journal, 20. Februar 2009 (englisch).
- ↑ Brandon Dotson: Contemporary Visions in Tibetan Studies: Proceedings of the First International Seminar of Young Tibetologists. Serindia Publications, 2009, ISBN 978-1-932476-45-3, S. 288 (englisch, Google Books [abgerufen am 12. Dezember 2025]).
- ↑ Brandon Dotson: Contemporary Visions in Tibetan Studies: Proceedings of the First International Seminar of Young Tibetologists. Serindia Publications, 2009, ISBN 978-1-932476-45-3, S. 158 (englisch, Google Books [abgerufen am 12. Dezember 2025]).
- ↑ a b c d e Lha-sras Rgya-lo-don-grub: The noodle maker of Kalimpong : the untold story of my struggle for Tibet. London : Rider, an imprint of Ebury Publishing, 2015, ISBN 978-1-84604-458-8, S. 16 (englisch, Online [abgerufen am 12. Dezember 2025]).
- ↑ GyaloThondupAnd His Place In Modern Tibetan History. Abgerufen am 12. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Melvyn C. Goldstein: A History of Modern Tibet, Volume 2: The Calm Before the Storm: 1951-1955. University of California Press, 2009, ISBN 978-0-520-25995-9, S. 236–240 (englisch, Google Books [abgerufen am 12. Dezember 2025]).
- ↑ Sautman, Barry: Tibet's Putative Statehood and International Law. In: Chinese Journal of International Law. Band 9, Nr. 1, 1. März 2010, ISSN 1540-1650, doi:10.1093/chine (englisch, Online [abgerufen am 12. Dezember 2025]).
- ↑ a b Tibet rules out Lama links with CIA ( des vom 5. November 2013 im Internet Archive) In: The Indian Express, 3. Oktober 1998 (englisch).
- ↑ ICT: Nachruf auf Gyalo Thondup. In: savetibet.de. 10. Februar 2025, abgerufen am 12. Dezember 2025.
- ↑ Dalai Lama's Older Brother Visits China. Voice of America, 26. Oktober 2009 (englisch).
- ↑ The Last Dalai Lama? NY Times
- ↑ Tibetan Refugee Self-Help Centre | Darjeeling District, Government of West Bengal | India. Abgerufen am 12. Dezember 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Bruder des Dalai Lama mit 97 Jahren gestorben. 9. Februar 2025, abgerufen am 12. Dezember 2025.