Gustave Roussy

Gustave Samuel Roussy (* 24. November 1874 in Vevey; † 30. September 1948 in Paris) war ein französischer Neurologe, Neuropathologe und Onkologe schweizerischer Herkunft. Er ist bzw. war ein Wegbereiter der Krebsforschung in Frankreich; dafür hatte er ein nationales Institut gegründet, das nach seinem Suizid und auf Veranlassung von Premierminister Georges Bidault in Institut Gustave Roussy umbenannt wurde. Er war Rektor der Sorbonne, Mitglied der Académie des sciences und als bisher einziger Arzt Rektor der Académie de Paris. Mit dem Roussy-Lévy-Syndrom ist eine Gangstörung nach ihm und dem Neurologen Gabrielle Lévy benannt.

Kindheit, Jugend und Familie

Gustave Roussy wurde in eine calvinistische Familie geboren, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes aus den Cevennen geflohen war. Er war der Enkel des Müllers Pierre-Samuel Roussy, der 1875 das Unternehmen Nestlé mitgegründet hatte. Gustaves Vater, Émile-Louis Roussy, wurde später Präsident von Nestlé. Nach seinem Tod folgte ihm sein älterer Bruder Auguste in dieser Position. Gustave Roussy absolvierte seine Grund- und Sekundarschulbildung in der Schweiz.

1907 erwarb Gustave Roussy die französische Staatsbürgerschaft und heiratete Marguerite Thomson, die Tochter des ehemaligen Handels- und Marineministers Gaston Thomson und Henriette Peigné-Crémieux, die selbst aus einer politisch einflussreichen Familie aus Marseille stammte. Dies verschaffte Roussy wichtige politische Verbindungen, die ihn in die höchsten Machtkreise führten. Aus dieser Ehe gingen keine Kinder hervor.[1]

Studium und frühe Karriere

Roussy begann sein Medizinstudium im Jahr 1895 an der Medizinischen Fakultät in Genf und schrieb sich anschließend an der Medizinischen Fakultät in Paris ein, wo er sich durch hervorragende Studienleistungen auszeichnete und 1901 als Assistenzarzt an den Pariser Krankenhäusern eingestellt wurde. Sein Doktorvater war Jules Dejerine, ebenfalls ein Schweizer Emigrant. Gemeinsam mit ihm beschrieb er 1906 ein thalamisches Syndrom, das heute als Dejerine-Roussy-Syndrom bekannt ist und durch intensive Schmerzen auf einer Körperseite gegenüber der Läsion gekennzeichnet ist.[2] Anschließend nahm er eine Stelle als Assistent in einem Labor an, das dem Lehrstuhl für Pathophysiologie am Collège de France angegliedert war, der damals von Charles-Émile François-Franck geleitet wurde. 1908 wurde er Assistent von Maurice Letulle, einem Professor an der Medizinischen Fakultät in Paris. 1914 veröffentlichte Roussy in Zusammenarbeit mit Jean Lhermitte eine kurze Abhandlung über die histopathologischen Techniken des zentralen Nervensystems – ein Werk, dessen didaktischer Wert als beispielhaft gilt.

Roussy und der „Poilus“ im Ersten Weltkrieg

Während des Ersten Weltkriegs leitete Gustave Roussy die Neurologieabteilung der 7. Militärregion in Besançon. Dort veröffentlichte er mehrere Artikel über die psychiatrischen Folgen des Krieges und die Spätfolgen von Rückenmarksverletzungen.

1915, als er mit Kriegsverletzungen und einem Granatschock konfrontiert war, äußerte er Bedenken hinsichtlich der Theorien Joseph Babinskis, der diese Traumata als Nervenkrankheiten betrachtete.[3] Er war der Ansicht, dass Ärzte bei ihren Diagnosen vorsichtig bleiben und die Militärjustiz nicht ersetzen sollten.[4]

1917 versuchte er vor der Neurologischen Gesellschaft zu beweisen, dass „Kontrakturen“ hysterische Störungen seien, die wie jede andere Krankheit, insbesondere mit Elektrotherapie, behandelt werden könnten. Im Gegensatz zu seiner früheren Haltung zur Militärjustiz ließ er später den medizinischen Aspekt außer Acht und argumentierte, dass die Poilus sehr schnell behandelt werden müssten, damit diese so bald wie möglich an die Front zurückkehren können.[5]

Im Dezember 1916 beauftragte Justin Godart ihn mit dem Aufbau eines neurologischen Zentrums zur Behandlung von Patienten mit „Hysterie“, zur Stabilisierung von Kriegszitterern und zur Wiederherstellung der Gehfähigkeit gelähmter Patienten.[6] Im Januar 1917 übernahm er als Chefarzt der neurologischen Station Salins das Amt des Hilfskrankenhauses Nr. 42 in Fort Salins im Jura-Gebirge. Dort führte er die sogenannte „abrupte Methode“, auch bekannt als „elektrische Torpedierung“, ein. Formal war seine Methode patientenschonender als die kurz zuvor in Tours von seinem Kollegen Clovis Vincent angewandte; in der Praxis sah die Realität jedoch ganz anders aus.[7] In Fort Salins richtete er gefängnisartige Zellen ein, in die er widerspenstige Patienten, die sich seinen „Schockbehandlungen“ widersetzten, in „strenge Isolation“ schickte.[8] Kranke, die sich erneut der elektrischen Folter verweigerten, wurden in der Festung denunziert: Sie mussten sich im Januar 1918 wegen Befehlsverweigerung vor einem Kriegsgericht verantworten.[9]

Medizinische Fakultät

1926, im Alter von 52 Jahren, wurde Roussy Lehrstuhlinhaber für Pathologische Anatomie an der medizinischen Fakultät der Universität von Paris; eine Position, die er viele Jahre innehatte. 1933 veröffentlichte er zusammen mit Roger Leroux und Charles Oberling den „Précis d’anatomie pathologique“ (Kurze Abhandlung über Pathologische Anatomie), ein Werk, das bei den Studierenden großen Anklang fand, ebenso wie die praktischen Übungen in diesem Fachgebiet, die auf der diagnostischen Praxis basierten und von Roussy gemeinsam mit R. Leroux, P. Gauthiers-Villars, P. Busser und J. Mignot neu geordnet worden waren. Seine akademische Karriere führte im Jahr 1933 zu seiner Wahl zum Dekan der medizinischen Fakultät; später, 1937, wurde er zum Rektor der Académie de Paris ernannt[10] – ein Privileg, das bis heute einzigartig für einen Arzt ist.

Institut zur Krebsbekämpfung

Während seiner Besuche in verschiedenen deutschen Pathologieinstituten entwickelte Roussy die Idee, spezialisierte Krebszentren in Frankreich zu gründen. Da die 1920er und 1930er Jahre noch von Infektionskrankheiten dominiert wurden, war es Roussys Verdienst, Krebs als eigenständiges medizinisches Fachgebiet zu etablieren, die Ärzteschaft von der Einzigartigkeit und Tücke dieser Krankheit zu überzeugen und vor allem spezifische medizinische und administrative Strukturen für ihre Behandlung zu schaffen.

Als renommierter Neuroendokrinologe erhielt Roussy problemlos eine Stelle als Abteilungsleiter am Hôpital Paul-Brousse Ap-Hp in Villejuif, wo er in den 1920er Jahren das erste Krebszentrum gründete, das er „Krebszentrum Pariser Vororte“ nannte und dessen Leitung Charles Oberling anvertraute.

1925, kurz nach seiner Berufung auf den Lehrstuhl für Pathologische Anatomie, bewilligte ihm der Generalrat der Seine die notwendigen Mittel für den Bau eines adäquaten Krebszentrums (Institut Gustave Roussy). Dank dieser Entwicklung wurde das Krebszentrum in der Pariser Vorstadt innerhalb weniger Jahre zum Nationalen Krebsinstitut, das 1934 von Staatspräsident Albert Lebrun offiziell eingeweiht wurde.

Roussy erkannte früh die wachsende Bedeutung ionisierender Strahlung in der Tumortherapie und gründete daraufhin ein Labor für experimentelle Onkologie, in dem er mit der Radiobiologin Simone Laborde, der Ehefrau von Albert Laborde, einem engen Mitarbeiter von Pierre und Marie Curie, zusammenarbeitete.

Roussy, der seit 1937 Rektor der Universität, seit 1925 Inhaber des Lehrstuhls für Pathologische Anatomie und seit 1934 Gründer und Direktor des Krebsinstituts Villejuif war, wurde in die Académie des sciences gewählt.

Obwohl keiner politischen Partei angehörig, kandidierte Roussy im Jahr 1936 in Villejuif für das Amt des Abgeordneten gegen den Kommunisten Paul Vaillant-Couturier. Roussy war jedoch ein enger Freund von Léon Blum und Aristide Briand, deren Ideen er befürwortete.

Leben während der deutschen Besatzung

Während der Deutschen Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg empfing Roussy als Einziger die deutschen Invasoren an einer von Professoren und Studenten verlassenen Universität. Wenige Monate später, nach Zwischenfällen bei der Gedenkfeier zum Waffenstillstand vom 11. November 1918 am Pariser Grabmal des unbekannten Soldaten, wurde die Universität geschlossen. Doch Roussy setzte sich angeblich unermüdlich für seine Studenten ein: die deutschen Besatzer, die die Universität als Hort der Unruhen ansahen, veranlassten das Vichy-Regime, ihn als Rektor der Sorbonne zu entlassen – ein Amt, das er 1944 nach der Befreiung von Paris wiedererlangte. Seine angebliche Standhaftigkeit und Würde während der deutschen Besatzung brachten ihm höchste Auszeichnungen und weitreichende Verantwortung ein; u. a. wurde er im Jahr 1946 mit der Mitgliedschaft in der Ehrenlegion, der ranghöchsten Auszeichnung Frankreichs, gewürdigt.[11][12]

Leben und Freitod nach dem Zweiten Weltkrieg

Roussy war 1946 bis 1947 Präsident des 1887 gegründeten Vereins Französische Union für Kinderrettung.

Roussy wurde unter anderem zum Sekretär der Académie nationale de médecine gewählt und 1947 von Staatspräsident Paul Ramadier zum Staatssekretär im Conseil des ministres ernannt.

Wenige Monate später wurde Roussy vom Finanzministerium beschuldigt, illegal Gelder transportiert zu haben. Es entbrannte eine Verleumdungskampagne über die Herkunft seines Vermögens. Der Chirurg René Leriche schrieb über Roussy: „Man kann nicht so hoch aufsteigen oder ein so großes Vermögen anhäufen, ohne Feinde zu haben“, während ein Minister gegenüber Gustave Roussys Nachfolger als Rektor von Paris bemerkte: „Endlich ein Rektor, der kein Milliardär ist!“[13]; Gustave Roussys Notar, Maître Decloux, wurde wegen Betrugsverdachts inhaftiert. Unfähig, diese Demütigung zu ertragen, versuchte Gustave Roussy, sich durch Vergiftung das Leben zu nehmen, überlebte aber nach mehreren Tagen im Koma. Er widmete fortan all seine Energie der Aufgabe, seine Unkenntnis solcher betrügerischen Machenschaften zu beweisen und seine Aufrichtigkeit zu demonstrieren. Das Verfahren wurde im Mai 1948 eingestellt, doch Gustave Roussy blieb tief gekränkt; am 30. September 1948 beging er in seiner Wohnung im 16. Pariser Arrondissement Suizid.[14]

Christian Nezelof, Professor an der Medizinischen Fakultät der Université Paris Cité, hielt den Nachruf auf Gustave Roussy.[1]

Justizminister André Marie weigerte sich, einen angeblichen Fehler der Regierung einzugestehen und die Einstellung des Verfahrens anzuerkennen. Gustave Roussys Rehabilitierung wurde zwei Jahre später per Dekret vom 1. April 1950 verkündet, unterzeichnet von Premierminister Georges Bidault. Dieser bekräftigte sie, indem er das Krebsinstitut Villejuif in Institut Gustave Roussy umbenannte, um an die Verdienste von Roussy im Kampf gegen Krebs zu erinnern.

Werke

  • 1907: Seine Doktorarbeit befasste sich mit dem Thalamussyndrom, das heute noch oft als „Dejerine-Roussy-Syndrom“ bezeichnet wird und durch starke Schmerzen und verminderte Empfindlichkeit in einer Körperhälfte gekennzeichnet ist.
  • 1909: Seine Beobachtungen zum Thema Krebs wurden mit dem Lallemand-Preis der Académie des sciences ausgezeichnet.
  • 1914: Zusammen mit Jean Lhermitte veröffentlichte er eine Abhandlung mit einem Vorwort von Pierre Marie unter dem Titel Techniques anatomopathologiques du système nerveux (übersetzt: „Anatomopathologische Techniken des Nervensystems“, Makroskopische Anatomie und Histologie).
  • 1926: Er und der Neurologe Gabrielle Lévy beschrieben eine als areflektorische Dystasie bezeichnete Gangstörung, später bekannt als Roussy-Lévy-Syndrom. Heute weiß man, dass sie eine von vielen Formen der erblich bedingten peripheren Neuropathie (Morbus Charcot-Marie-Tooth) ist.
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Einzelnachweise

  1. a b Christian Nezelof & Geneviève Contesso: Éditorial. In: Bulletin du cancer. Band 86, Nr. 3, März 1999, S. 241–243.
  2. Jules Dejerine & Gustave Roussy: Le syndrome thalamique. Hrsg.: Revue neurologique. Band 14, 1906, S. 521–532.
  3. Jean-Yves Le Naour: Les soldats de la honte. Hrsg.: Éditions Perrin. 2011, S. 65.
  4. Jean-Yves Le Naour: Les soldats de la honte. Hrsg.: Éditions Perrin. 2011, S. 68.
  5. Jean-Yves Le Naour: Les soldats de la honte. Hrsg.: Éditions Perrin. 2011, S. 100.
  6. Jean-Yves Le Naour: Les soldats de la honte. Hrsg.: Éditions Perrin. 2011, S. 211.
  7. Jean-Yves Le Naour: Les soldats de la honte. Hrsg.: Éditions Perrin. 2011, S. 212.
  8. Jean-Yves Le Naour: Les soldats de la honte. Hrsg.: Éditions Perrin. 2011, S. 218 – 220.
  9. Jean-Yves Le Naour: Les soldats de la honte. Hrsg.: Éditions Perrin. 2011, S. 221.
  10. CTHS - ROUSSY Gustave Samuel. Abgerufen am 19. November 2025.
  11. L'ex-recteur Roussy s'est donné la mort. 2. Oktober 1948 (lemonde.fr [abgerufen am 20. November 2025]).
  12. ROUSSY Gustave – Maitron. In: maitron.fr. Abgerufen am 20. November 2025 (französisch).
  13. Brief von Herrn Mosinger an Robert Courrier, 2. Januar 1969, 19 S., mit Briefkopf des Instituts für Rechtsmedizin und des Instituts für Arbeitshygiene und Arbeitsmedizin, Marseille.
  14. Archives de Paris 16e, acte de décès no 1762, année 1948