Gustav Alfred Jepsen
Gustav Alfred Jepsen (* 1. Oktober 1908 in Hadersleben; † 26. Juni 1947 im Gefängnis Hameln) war ein dänischer SS-Wachmann im KZ Neuengamme, Stellvertreter des Kommandeurs im KZ Wilhelmshaven (Alter Banter Weg) und verantwortlicher SS-Angehöriger beim Massaker am Lüneburger Bahnhof im April 1945. Er wurde 1947 wegen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Leben
Jugend und Karriere in der SS
Jepsen wurde als uneheliches Kind von Magdalene Jensen und Iver Jepsen geboren. Hadersleben gehörte damals zu Deutschland, nach der Volksabstimmung in Schleswig 1920 wurde er dänischer Staatsbürger, zählte sich aber zur deutschen Minderheit. Ab 1920 arbeitete er als Heizer bei der Dänischen Reichsbahn. Er war verheiratet, hatte einen Sohn und aus einer späteren Beziehung eine Tochter.[1]
Jepsen wurde am 10. März 1941 Mitglied der Waffen-SS, trat als Freiwilliger in die 13. Kompanie des SS-Infanterie-Geschütz-Ersatzbataillons „Germania“ in Hamburg ein und wurde nach Prag und München versetzt. Im April 1944 wurde er wieder nach Hamburg zurückversetzt und kam im September 1944 als Blockführer in das KZ Neuengamme und am 31. Oktober 1944 in das KZ Wilhelmshaven (Kriegsmarinewerft Alter Banter Weg). Nach der Ablösung von Otto Thümmel durch Rudolf Günther als Lagerleiter im November 1944 wurde Jepsen nach der Beförderung zum SS-Unterscharführer dessen Stellvertreter und hatte diese Stellung bis zur Räumung des Lagers im April 1945 inne.[2]
Kriegsverbrechen
Jepsen war unter den Inhaftierten berüchtigt für sein brutales und sadistisches Verhalten. Unter anderem verprügelte er den französischen Gefangenen Toussaint halb zu Tode und befahl ihm am nächsten Tag harte, körperliche Arbeit. Mitten im Winter warf er Gefangene in einen kleinen Teich im Lager. Beim Versuch herauszuklettern stieß er sie wieder zurück ins Wasser. Am 15. Dezember 1944 traf ein Transport ungarischer Juden im Lager ein. Jepsen ließ sie nachts mehrere Stunden im Freien stehen, bevor sie in den Baracken untergebracht wurden, wobei ein Gefangener an Kälte starb. Ein polnischer Jude, der sich in der Krankenbaracke aufgehalten hatte, schlich eines Nachts in die Küche, um etwas zu essen zu finden. Er wurde entdeckt und zu Jepsen ins Lazarett gebracht. Zeugen sagten aus, sie hätten schreckliche Schreie gehört. Am nächsten Morgen fanden sie ihn tot an einem Holzkreuz hängend.
Räumung des Lagers und Massaker im April 1945
Am 2. oder 3. April 1945 wurde Jepsen bei der Räumung des Lagers beauftragt, einen Krankentransportzug von etwa 360 Häftlingen von Wilhelmshaven nach Hamburg zu begleiten, die Bewachung übernahmen 17 ältere Marinesoldaten unter dem Obermaat Rudolf Engelmann. Bereits auf dem Transport starben etwa 70 Häftlinge. Am 7. April wurde der Zug bei einem Luftangriff auf den Güterbahnhof Lüneburg getroffen, da er für die Alliierten nicht als Häftlingstransport erkennbar war. Ein Waggon erhielt einen Volltreffer, andere brannten. Einige leichtverletzten Häftlinge flüchteten auf umliegende Felder, andere konnten die Lüneburger Innenstadt erreichen. Fast alle wurden wieder gefasst und wurden von den Wachleuten mit den anderen Überlebenden auf einem Feld am Güterbahnhof zusammengetrieben, die Wachmänner machten dabei von der Schusswaffe Gebrauch und verhinderten Hilfeleistungen von Außenstehenden. Zwei Tage mussten die Häftlinge dort ohne jede Versorgung ausharren, nur 25 Personen wurden ins Gerichtsgefängnis gebracht und erhielten dort medizinische Hilfe. Am 9. und 10. April wurden etwa 140 Überlebende mit LKWs in das KZ Bergen-Belsen geschafft, die schwächsten Häftlinge wurden auf dem Gelände zurückgelassen.[3] Zwischen dem 7. und 11. April wurden mindestens sechs von ihnen von Jepsen erschossen, die Marinesoldaten gaben die weiteren tödlichen Schüsse auf Jepsens Anweisung ab.[2][4] Die Leichen wurden in einem Massengrab im Lüneburger Tiergarten begraben. Laut Jepsens späterer Prozessaussage geschah die Hinrichtung, weil sich die britischen Truppen näherten und sie den schwachen Zustand der Gefangenen nicht erkennen durften. Das Massengrab wurde von Ärzten unter der Leitung eines französischen Offiziers später geöffnet und untersucht. Die Ermittlungen der Ärzte bestätigten die Aussagen der Zeugen.
Nachkriegszeit und Prozess
Nach Kriegsende floh Jepsen nach Dänemark und wurde im Lager Fårhus, dem ehemaligen Internierungslager Frøslev, inhaftiert. Vor Gericht sagte er aus, gefoltert und von den Wärtern sechs Wochen lang zweimal täglich geschlagen worden zu sein. Im Januar 1946 forderte das britische Kriegsverbrechertribunal von Dänemark die Auslieferung Jepsens, dem die dänischen Behörden zunächst nicht nachkamen, da in Dänemark eine Anklage wegen seiner SS-Mitgliedschaft erhoben wurde. Nachdem die britischen Ermittlungen das Ausmaß seiner Kriegsverbrechen mitteilten, stimmten die dänischen Behörden zu, Jepsen zur Strafverfolgung vor einem Kriegsverbrechertribunal in Deutschland auszuliefern, wenn er anschließend zur weiteren Strafverfolgung nach Dänemark zurückgebracht würde.
Am 16. Januar 1946 wurde Jepsen vor einem Gericht in Lüneburg wegen seiner Rolle bei der Hinrichtung von Häftlingen zu lebenslanger Haft verurteilt, wobei ihm Befehlsnotstand als mildernder Umstand zugebilligt wurde. Am 4. Februar 1947 verurteilte ihn ein britisches Militärgericht bei einem der Curiohaus-Prozesse wegen seiner Verbrechen als stellvertretender Kommandeur im KZ Wilhelmshaven zum Tode. Nach den Urteilen zog Dänemark den Auslieferungsantrag für weitere Verfahren zurück und verzichtete auch auf seine Zeugenvernahme gegen andere dänische SS-Mitglieder.
Jepsen wurde am 26. Juni 1947 im Gefängnis von Hameln hingerichtet. Die Akten der Anklage gegen Gustav Alfred Jepsen sind im Archiv des dänischen Justizministeriums nicht mehr auffindbar.
Einzelnachweise
- ↑ Gustav Jepsen – Lernwerkstatt Neuengamme. Abgerufen am 15. Dezember 2025.
- ↑ a b Gustav Jepsen | Biografien-Datenbank: NS‑Dabeigewesene. Abgerufen am 15. Dezember 2025.
- ↑ Güterbahnhof, Ort des Gedenkens an die Ermordung von KZ-Häftlingen. In: Friedenspfad Lüneburg. Abgerufen am 15. Dezember 2025.
- ↑ Lars Gröning: 11. April 1945 markiert brutales Ende eines KZ-Häftlingstransports. In: ndr.de. 11. April 2025, abgerufen am 15. Dezember 2025.