Guido Bigarelli
Guido Bigarelli, eigentlich Guido di Bonagiunta Bigarelli, auch Guido da Como oder Guido Bigarelli da Como (* um 1220 in Arogno; † um 1257) war ein aus dem Lombardischen stammender Bildhauer, von dem signierte Werke in romanischem Stil in der Toskana erhalten sind.
Leben und Werk
Guido Bigarelli entstammte einer Familie von Bildhauern und Architekten aus Arogno, zwischen Luganer und Comer See (im heutigen Kanton Tessin), die vor allem in der Toskana und im Trentino tätig waren. Sein Vater Bonagiunta Bigarelli war der Bruder eines Lanfranco, die beide seit den 1220er Jahren in Pistoia dokumentiert sind. Der Onkel Guidos ist wahrscheinlich identisch mit Lanfranco da Como, der dort 1226 mit dem Taufbecken des Baptisteriums San Giovanni in Corte das früheste bekannte Werk der Familie schuf.[1]
Lanfrancos Originalität liegt in der bis ins Detail reichenden Beherrschung der geometrischen Anlage von Blattornamenten und Intarsien. Auf quadratischem Grundriss hat das Taufbecken an jeder Seite drei Dekorpanele mit plastischen Rosetten. Ihre Berührungspunkte mit der Rahmung sind mit Köpfen von Männern und Tieren betont;[2] innen für Ganzkörpertaufen ein ovales Becken mit zwei Sitzbänken und an allen vier Ecken kleine runde Becken. Die gesamte Deckfläche wie auch ein Profil der Basis sind aus rotem Marmor. Es weist schon wesentliche Merkmale des Pisaner Taufbeckens Guidos auf und bildet so chronologisch wie stilistisch eine Verbindung zwischen den „eleganten“ Lesepulten (Plutei) der Traditionen in Pisa und Lucca, sowie zu dem Florentiner Taufbecken von 1202 (Museo dell’Opera del Duomo, Florenz).[3]
Lucca
Guido hat wohl von einem anonymen Schüler der stilistisch einflussreichen lombardischen Bildhauerfamilie der Antelami gelernt, mit dem er wahrscheinlich an der Kathedrale San Martino in Lucca zusammen arbeitete und erstmals greifbar wird.[4] So schreibt man Guido einen Teil der Fassadenskulpturen des Doms zu, die zwischen 1233 und 1257 entstand, insbesondere den Architrav des großen Mittelportals mit Maria und den zwölf Aposteln und die beiden Symbole der Evangelisten Matthäus und Johannes, ein Engel und ein Adler, zwischen den Portalbögen.
Ein weiteres Architravrelief mit der Übergabe der Schlüssel an Petrus (Traditio clavium) in der Kirche San Pietro Somaldi wird ihm ebenso zugeschrieben.
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Architravrelief des Mittelportals der Kathedrale San Martino in Lucca (um 1233–1257)
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Adler des Evangelisten Johannes rechts über dem Hauptportal
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Portal von San Pietro Somaldi, Lucca (1238)
Pisa
Das Taufbecken des Baptisteriums von Pisa, ist 1246 signiert und datiert, am inneren Rand des Beckens steht die (im 19. Jahrhundert restaurierte) Inschrift:
- A. D. MCCXLVI SVB IACOBO RECTORE LOCI GVIDO BIGARELLI DE CVMO FECIT OPUS HOC
- „Im Jahr 1246 n. Chr., unter Jakob, dem Rektor des Ortes, führte Guido Bigarelli aus Cumo diese Arbeit aus.“[5]
Das große, oktogonale Steinbecken, das über drei Treppenstufen etwas erhöht (wie die Altarempore) im Zentrum des Raums steht, wurde noch für Taufen gebaut, bei der der ganze Körper in Wasser getaucht wurde (so wie das Taufbecken Lanfrancos in Pistoia). Doch auch in Pisa gibt es vier kleinere Becken.
Es hat auf seinen acht Seiten je zwei quadratische Dekorpanele, deren kreisrunde Reliefs mit „prachtvolle[n] Blattrosetten“ auf inkrustiertem Grund, geometrisch gemustert in rot, schwarz und weiss. Diese Anleihen antiker Modelle sind charakteristisch für die toskanische Bildhauerei der Zeit. Die Zuschreibung an Guido durch stilistische Übereinstimmung mit der signierten Kanzel in Pistoia ist allgemein anerkannt, obwohl in Thieme-Becker noch mindestens 1907 eine Identität der beiden Guido entschieden widersprochen wurde.[6]
Pistoia
Im Jahr 1250 schloss Guido Bigarelli in Pistoia die Arbeit an der Kanzel für die Kirche San Bartolomeo in Pantano ab, die ebenso datiert und signiert ist:
- SCVLPTOR LAVDATVR QVI DOCTVS IN ARTE PROBATVR / GVIDO DE COMO QVEM CVNCTIS CARMINE PROMO / AD 1250
- „Der gepriesene Bildhauer Guido von Como hat sich in seiner Kunst als gelehrt erwiesen und sein Name sollte besungen werden. 1250 AD.“
Im Folgenden wird erklärt, dass der Meister die Arbeit nicht beendete und dessen Abschluss von Torrigiani beaufsichtigt wurde.[7] Eine weitere Inschrift von 1591 klärt darüber auf, dass die ursprünglich mit der Chorschranke verbundene Kanzel vergrößert und umgestellt wurde. Der heute die hintere Säule links tragende Telamon (der zuweilen unbegründet als Selbstporträt des Bildhauers interpretiert wurde), bildete ursprünglich die Mittelsäule zwischen den zwei, von Löwen getragenen Säulen, die Rückseite lag auf (ähnlich noch in San Miniato al Monte).
Die Kanzel mit viereckiger Plattform weist zwei Lesepulte auf, eines wird von den vier Evangelistensymbolen getragen, wobei das (nach Westen) zur Gemeinde gerichtete Pult vom Adler des Johannes mit ausgebreiteten Schwingen getragen wird, wie schon bei der Kanzel von San Miniato al Monte (1207) oberhalb von Florenz und den späteren, doch stilgeschichtlich ungleich wichtigeren von Niccolò Pisano und seinem Sohn Giovanni in Pisa (1260 und 1311), Siena (1268) und Pistoia (1301). Unter dem Adler steht Matthäus’ Engel, der von auf ihren Hinterbeinen stehenden Markuslöwen und dem Stier für Lukas flankiert wird, die zusammen auf einer abstrakten Teufelsmaske stehen. Das schlichtere, zum Altar gerichtete Pult wird von drei Evangelistenfiguren ‚persönlich‘ gestützt. Auf der zum Schiff hin gerichteten Brüstung zwischen den beiden Pulten zeigen zwei Reliefs Szenen aus dem Leben Jesu. Die übrigen Brüstungswände sind, wie beim Pisaner Taufbecken, wieder mit je zwei Reliefmedaillons geschmückt.
An der Nordwand hinter der Kanzel hängen zwei Reliefpaare mit Szenen aus der Kindheit Christi, die Guido zugeschrieben werden: eine Geburt Christi mit einer dominanten, wie in einer, mit Stoff ausgeschlagenen Schale liegenden Maria, über ihr das gewickelte Kind in der Krippe, dazu Ochse und Esel, daneben schaut ein (Verkündigungs[?])Engel hinter dem gewellten Bildgrund heraus, Maria zur Rechten am Bildrand sitzt Joseph und schließlich im linken Drittel des Reliefs das Motiv zweier Ammen, die das Jesuskind über einem Basin waschen. Darunter, auf derselben Tafel, die Darbringung Jesu im Tempel, in der Simeon den Messias in dem Kind erkennt, den Maria ihm vor dem Altar überreicht und Joseph links hinter ihr zwei Opfertauben mitgebracht hat, während hinter Simeon der Hohepriester steht; die Architektur ist durch drei Rundbögen angedeutet, vor der sich die Szene abspielt.
Das obere Relief des zweiten Paares zeigt eine Verkündigung an Maria, dem Erzengel Gabriel und heiligen Geist als Taube über seiner zum Segenszeichen erhobenen Hand. Ungewöhnlich für eine Verkündigungszene ist die, vor einer romanischen Kirchenarchitektur im linken Bilddrittel sitzenden Frauengestalt, die wohl ein Wollknäuel in der einen und wie Maria eine Spindel in der Rechten zu halten scheint; beiden ist auch eine hinter ihnen sichtbar werdende Kissenrolle gemeinsam . Darunter ist die Reise und die Anbetung der heiligen drei Könige dargestellt. Unterschiedlich bekrönt, kommen sie auf drei gleichförmig gestaffelten Pferden, die die linke Bildhälfte einnehmen, wobei nur zwei noch einen Reiter tragen, der dritte König kniet im Profil vor der zum Betrachter gewandten Maria mit einem schon älteren Jesuskind auf dem Schoß, dass den König segnet. Alle drei Könige haben ein Gefäss als Geschenk in der Hand. Bemerkenswert ist, dass allein Maria und das Jesuskind, und nur im linken Reliefpaar mit Heiligenschein gekennzeichnet sind.
Eingerahmt werden die zwei Tafeln von zwei schon mit 1239 datierten Fragmenten, einer Profilleiste oder Konsole mit unterschiedlichen floralen Bändern und einem Löwenkopf, der an die je vier kleinen Köpfe der Medaillons in Pisa erinnert – sowie eine Zierleiste mit inkrustiertem Rankmuster in weiß mit unterschiedlichen, abstrahierten Blüten- und Blattformen auf schwarzem Grund, wie sie ebenfalls für toskanische Baudekoration der Zeit typisch ist und an die toskanische Kirchenfassaden denken lässt.
In Pistoia werden Guido außerdem dekorierte Brüstungen in der Kirche Sant’Andrea zugeschrieben sowie ein Hochrelief des hl. Michael vom Giebel des Oratorio di San Giuseppe, das sich heute im dortigen Diözesanmuseum befindet.
Dokumentiert ist er in Pistoia nochmals 1452, wo er zusammen mit seinen Schülern Luca und Giannino im Dom Restaurierungsarbeiten durchführte.[8]
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Kanzel in San Bartolomeo in Pantano, Pistoia (1250)
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Der für Lukas stehende Ochse
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Die Evangelistenfiguren, des zweiten Pults der Kanzel
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Der Telamon
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Die vier Reliefs an der Kanzel
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Reliefs mit Szenen aus dem Leben Jesu und Dekorfragmente (1239), San Bartolomeo in Pantano
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Architrav des Portals von San Pier Maggiore, Pistoia (1263)
Literatur
- Valerio Ascani: La bottega dei Bigarelli, scultori ticinesi in Toscana e in Trentino nel Duecento. In: Mario Salmi, Storico dell’arte e umanista, atti della giornata di studio. Spoleto 1991, S. 107–134 (italienisch).
- Valerio Ascani: BIGARELLI. In: Enciclopedia dell' Arte Medievale. Band II. Treccani, Rom 1992, S. 508–513 (italienisch, treccani.it [abgerufen am 31. Oktober 2025]).
- Isa Belli Barsali: BIGARELLI, Guido. In: Dizionario Biografico degli Italiani. Band 10. Treccani, 1968 (italienisch, treccani.it [abgerufen am 31. Oktober 2025]).
- Licia Bertolini: Aspetti dell’attività di maestri comacini nelle zone di Pisa e di Massa. In: Edoardo Arslan (Hrsg.), Arte e artisti del laghi lombardi, Band I. Como 1959, S. 63–64 (italienisch).
- Antonino Caleca: Guido da Como (ad vocem). In: The Dictionary of Art, Band XIII. New York 1996, S. 817 (englisch).
- Laura Cavazzini: Il maestro della loggia degli Osii: l’ultimo dei Campionesi? In: Arturo Carlo Quintavalle (Hrsg.), Medioevo: arte e storia, atti del convegno, Parma 2008, S. 621–630 (italienisch).
- Aurora Corio: Guido Bigarelli da Como (Doktorarbeit), Universität Genua, 25. Mai 2020, online bei IRIS.cineca.it (italienisch).
- Ugo Donati: Breve storia di artisti ticinesi. Arturo Salvioni Editori, Bellinzona 1936, S. 16, 19–22 (italienisch).
- Renzo Grandi: I campionesi a Modena. In: Lanfranco e Wiligelmo. Il Duomo di Modena, catalogo della mostra. Modena 1984, S. 545–570, besonders 556–557 (italienisch).
- Saverio Lomartire: I Campionesi al Duomo di Modena. In: Rossana Bossaglia, Gian Alberto Dell’Acqua (Hrsg.), I Maestri Campionesi. Bergamo 1992, S. 36–81 (italienisch).
- Saverio Lomartire: Comacini, Campionesi, Antelami, „Lombardi“. Problemi di terminologia e di storiografia. In: Els Comacini i l’arquitectura romanica a Catalunya. Internationaler Kongress in Girona und Barcelona, 25/26. November 2005, Barcelona 2009, S. 77 (italienisch).
- Saverio Lomartire: Magistri Campionesi a Bergamo nel Medioevo da Santa Maria Maggiore al Battistero. In: Giorgio Mollisi (Hrsg.), Svizzeri a Bergamo... Arte e Storia, 10. Jg., Nr. 44 (Sep/Okt), Lugano 2009, S. 56 (italienisch).
- Pietro Toesca: GUIDO da Como. In: Enciclopedia Italiana. Treccani, 1933 (italienisch, treccani.it [abgerufen am 31. Oktober 2025]).
- Guido Bigarelli da C o m o. In: Ulrich Thieme, Fred. C. Willis (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 15: Gresse–Hanselmann. E. A. Seemann, Leipzig 1922, S. 278 (Textarchiv – Internet Archive).
- Guido da C o m o. In: Ulrich Thieme, Fred. C. Willis (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 15: Gresse–Hanselmann. E. A. Seemann, Leipzig 1922, S. 279 (Textarchiv – Internet Archive).
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Ascani 1992, o. S.
- ↑ Thieme-Becker nennt diese „ziemlich ausdruckslos behandelte männliche Idealköpfe, die z. T. mit Tierköpfen abwechseln“. Thieme-Becker, Bd. XV (1907), S. 278.
- ↑ Ascani 1992, o. S.
- ↑ Der Unbenannte in der Nachfolge Antelamis ist für die Fassadenreliefs mit Szenen aus dem Leben des heiligen Martin und des heiligen Regulus verantwortlich. Antelami 1992, o. S.
- ↑ Die Inschrift, die erstmals einen vollständigen Namen für Guido lieferte, wurde von August Schmarsow 1890 veröffentlicht: Guido da Como, Kap. IV in: S. Martin von Lucca und die Anfänge der Toskanischen Skulptur im Mittelalter (=Italienische Forschungen zur Kunstgeschichte, Band 1, hrsg. von A. Schmarsow). Schottländer, Breslau 1890, S. 53–87, hier: S. 56–57.
- ↑ Guido da C o m o. In: Ulrich Thieme, Fred. C. Willis (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 15: Gresse–Hanselmann. E. A. Seemann, Leipzig 1922, S. 278 (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ Est operi sanus superestans Turrisianus Namque fide prova vigil [HC] Deus indi corona. Zitiert nach Leader Scott: The Cathedral Builders. The Story of a Great Masonic Guild. 2. Ausgabe, London 1899, S. 230 f, mit einer Fotografie der Kanzel mit drei Säulen vorne. Die originale englische Übersetzung der Inschrift lautet: „The famous sculptor Guido of Como has proved himself learned in art, and his name should be sung in verse. A.D. 1250. Turrisianus (Torrigiani) acted as overseer to this fine work, and may God crown him for superintending the work so well.“ (Dieser folgt die deutsche Übersetzung im Text.)
- ↑ Ascani 1992.