Grimms Wörter
Grimms Wörter (mit dem Untertitel Eine Liebeserklärung) ist ein 2010 erschienenes Prosawerk von Günter Grass. Darin würdigt er mit künstlerischen Mitteln die Lebensleistung und das Werk von Jacob und Wilhelm Grimm und setzt sie ins Verhältnis zum eigenen Schaffen und öffentlichen Auftreten. Bei Grimms Wörter handelt es sich um den abschließenden Band seiner Trilogie der Erinnerungen (nach Teil 1: Beim Häuten der Zwiebel und Teil 2: Die Box).
Gestaltungsmerkmale
Seine Autobiographie in Variationen zu erzählen, war ein Vorsatz, den Grass bereits 2003 geäußert hatte.[1] Die Liebeserklärung an die Grimm-Brüder, an ihre Erforschung und Dokumentation deutscher Sprachkultur verfasst er in mehreren miteinander verbundenen Erzählsträngen. Zum einen geht es um die Darstellung des Lebens und Schaffens der Gebrüder Grimm. Daneben wird die langwierige, teils chaotisch anmutende Entstehung, Fortsetzung und Vollendung des von ihnen begonnenen Deutschen Wörterbuchs vermittelt.
Zudem geben bestimmte Aspekte des Verhaltens der Brüder im öffentlichen Raum wie auch im Privatleben Grass Anknüpfungsgelegenheiten für Vergleiche und Gegenüberstellungen mit eigenem Leben und Schaffen. Mitunter sucht er unmittelbare Nähe zu ihnen herzustellen, indem er etwa gemeinsame Spaziergänge mit ihnen imaginiert. Zeithorizonte und die jeweils zugehörigen Zeitgenossen werden dergestalt vielfältig zusammengeführt. Gegliedert ist das Werk in neun Kapitel, denen jeweils ein Buchstabe des Alphabets zugeordnet ist: Die ersten sechs von A bis F spiegeln die Arbeitsleistung der Grimm-Brüder bei der Entstehung des Deutschen Wörterbuchs; drei weitere kommen hinzu, einschließlich des Z. Die Vorsatzseiten eines jeden Kapitels sind mit „farbenfrohen Buchstaben-Vignetten“[2] ausgestattet.
Dem Buch als Anhang beigegeben sind die vier ersten Spalten vom ersten Band des Deutschen Wörterbuchs sowie der Wortlaut der von Jacob und Wilhelm Grimm mitunterzeichneten Protestnote der Göttinger Sieben.
Kapitelinhalte
A – Im Asyl
Zu Beginn des ersten Kapitels heißt es: „Von A wie Anfang bis Z wie Zettelkram. Wörter von altersher, die abgetan sind oder abseits im Angstrad laufen, und andere, die vorlaut noch immer bei Atem sind: ausgewiesen, abgeschoben nach anderswo hin. Ach, Alter Adam!“ (S. 9) Daran schließt Grass erste biographische Hinweise und wertschätzende Bemerkungen zum gemeinsamen Schaffen der Grimm-Brüder an. „Der ältere der Brüder, Jacob, kümmerte sich mehr ums Herkommen der Wörter und ging ihrem grammatischen Regelwerk nach. Wo Wilhelm dem schönen Klang zuliebe ab und an schummelte, blieb er wortgetreu. Sie ergänzten und grenzten sich ab.“ (S. 12) Dem Eingehen auf das Protestanliegen der Göttinger Sieben folgt die Darstellung ihrer Abschiebung aus dem Königreich Hannover ins kurhessische Exil nach Kassel.
Dort erreichte die die Brüder das Angebot der Verleger Karl August Reimer und Salomon Hirzel, ein neues großes Wörterbuch der deutschen Sprache zu erarbeiten. Das nimmt Grass zum Anlass, unter dem Buchstaben A ausführlich auf weitere Spielarten und Konnotationen des Begriffs Arbeit und auf weitere Wortanfänge mit A bis hin zu Azur einzugehen.
B – Briefwechsel
Es ist Bettina von Arnim, auf deren brieflichen Zuspruch nebst Eingaben an übergeordnete Stellen zugunsten der Grimm-Brüder Grass unter anderem in diesem Kapitel näher eingeht. Bis zu dem sich hinziehenden Vertragsabschluss der Verleger mit den Grimms konnten diese für ihren Lebensunterhalt von Spenden zehren, die vielerorts für sie gesammelt wurden, sogar im fernen Königsberg. Unerwünscht aber waren ihnen Mittel aus liberal-demokratischen Quellen, da ihre in Göttingen bewiesene Verfassungstreue auf konservativem Beharren beruhte.
Unter den diversen Bedeutungen, die mit dem Begriff Brief einhergehen, greift Grass auch den offenen Brief auf, von denen er einige selbst in ihm in politisch wichtigen Angelegenheiten versendet hat, so an Anna Seghers, Kenzaburō Ōe, Kurt Georg Kiesinger oder Pavel Kohout. Einen Briefwechsel mit Bettina von Arnim gestaltet er zeitübergreifend: „Ein Briefcouvert, Bettina, / von Deinem Blaubeermund besiegelt, / gibt offen Botschaft mir, / wie blindlings unsere Briefe sich gekreuzt, / verloren blieben, dennoch neu erblühten / und sich erbarmten meiner Pein. / Ach such mich brieffrisch wieder heim /…“ (S. 65)
Auch des Buckels und bekannter Buckliger nimmt sich Grass unter dem Buchstaben B an. Zudem gedenkt er der eigenen politischen Leitbildfiguren August Bebel, Eduard Bernstein und Willy Brandt, die sein ausdauerndes Wahlkampfengagement für die SPD maßgeblich begründeten.
C – Die Cäsur
Die Eingangspassagen des Kapitels sind den zahlreichen Buchstabenumwandlungen vom C zum K gewidmet. Gleich einem Comic und doch auch wie ein Crimi lese sich, „ab wann im Tauschhandel der Buchstaben etwas Halbrundes sich eckig zu spreizen beginnt, wie aus Cloake eine Kloake, aus Nicolaus ein Claus und später ein Klaus wird. (S. 86) Jacob Grimm habe wegen „der vielen Wörter aus französischer Erblast“ vor allem das C nur lückenhaft erfasst. (S. 106) Das Chaos fehle, ebenso der Clown im Circus und Calvins Lehre. Jacob habe sich geweigert, das Chamäleon ins Wörterbuch aufzunehmen, „wenngleich dieses Tier genauso lustvoll wie der dritte Buchstabe zum Farbwechsel und Konvertieren neigt.“ (S. 98) Mit Blick auf die eigene Vita bemerkt Grass, der Katechismus habe seine jungen Jahre bestimmt, „der wie alles Katholische dem K anhing. Dessen Lehrsätze sowie das Sündenregister des Beichtspiegels paukte mir ein Vicar ein, dem es schweißtreibende Mühe bereitete, cölibatär zu leben, weshalb er uns Kinder, Knaben wie Mädchen, die ihm allesamt lieb waren, gerne befingerte. Danach verschwand er scheu lächelnd in einer Kammer neben der Sakristei, die ihm als Clausur oder Klausur diente.“ (S. 85 f.)
Eine neuerliche Wendung im Leben der Brüder Grimm ergab sich als Folge des Thronwechsels 1840 in Preußen von Friedrich Wilhelm III. zu Friedrich Wilhelm IV. Mehrseitige Fürsprachen bereiteten ihrer Berufung nach Berlin im Namen des Königs durch den neuen Kulturminister Friedrich Eichhorn den Weg, wo sie nunmehr mit dauerhafter finanzieller Unterstützung ihr Wörterbuchprojekt fortsetzten. Eine Wohnung fanden sie in der Lennéstraße am Großen Tiergarten, der sich ihnen fortan für Spaziergänge anbot. Grass, nunmehr aufs C bedacht, betrachtet ihr Wörterkunde-Arbeitsfeld aus heutiger Zeit: „Beim Wörtersuchen halfen weder Chips, / noch konnten die Brüder durch Raum und Zeit chatten. / Kein Computer öffnete ihnen den Weg ins Cyberspace.“ (S. 107)
In puncto Cäsur gelangt Grass zu zeitübergreifenden biographischen Parallelerscheinungen. Bei den Grimm-Brüdern bewirkte Hoffmann von Fallersleben als Gast bei Wilhelms 58. Geburtstag den gemeinten Einschnitt, als er von Studenten beim Absingen von Liedern gefeiert wurde, die der Zensurbehörde als Provokation zugetragen wurden, worauf Sanktionen und Fallerslebens Ausweisung aus Berlin folgten. Jacob und Wilhelm distanzierten sich im Nachgang von ihrem Gast – auf Kosten ihres Ansehens in der Öffentlichkeit. Als vergleichbare Cäsur im eigenen Leben behandelt Grass die Entlassungsaffäre um den Dramaturgen Heinar Kipphardt, den Grass wegen Abschusslisten gegen zeitgenössische Politiker in einem geplanten, dann aber zurückgezogenen Programmheft scharf angegriffen hatte. Bei einer von Grass besuchten Theatervorstellung der Schaubühne am Halleschen Ufer solidarisierte sich das Ensemble mit Kipphardt und forderte Grass vor Beginn der Vorstellung auf, das Theater zu verlassen. Als der sich mit der lautstark vorgetragenen Begründung, dass es ähnliche Aufforderungen in Berliner Theatern bereits 1933 gegeben habe, zu gehen weigerte, fand die Peer-Gynt-Aufführung unter Peter Stein schließlich doch im Beisein der Eheleute Grass statt.
D – Däumeling und Daumesdick
Während Wilhelm Grimm bei den anderen ersten Buchstaben des Alphabets seinem Bruder Jacob lediglich assistiert hatte, zeichnete er für das D hauptverantwortlich, er, der sich vorzugsweise der Märchensammlung widmete. Drama, Demokratie und Dasein thematisiert er unter anderem ausführlicher. Zum Däumling gesellt er den von ihm erfundenen, dreijährigen Dreikäsehoch Oskar aus der Blechtrommel. „Weißt du noch, Oskar, wie dauerhaft dir Däumling den Weg gewiesen, dich widerständig gemacht, durch Dick und Dünn geschickt hat? Sag danke, Oskar, sag danke!“ (S. 144)
Auch von im Alltag dominierenden Daumen ist die Rede, vom seit Neros Zeiten sich senkenden Daumen, vom goldenen und einem guten Gärtnern nachgesagten grünen Daumen. Grass legt dar, dass Jacob Grimm die Frankfurter Nationalversammlung als Abgeordneter in der Paulskirche seinerzeit zwar geschmückt habe, dass seine Anträge jedoch niedergestimmt wurden, darunter dieser: „das deutsche volk ist ein volk von freien, und deutscher boden duldet keine knechtschaft. fremde unfreie, die auf ihm weilen macht er frei.“[3] (S. 159)
Eigene Paulskirchenerfahrungen, merkt Grass an, habe er nur für einen Vormittag im Oktober 1997 vorzuweisen, als er die Laudatio auf Yaşar Kemal bei dessen Auszeichnung mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels hielt. Auf eisige Mienen in den ersten Reihen habe er geblickt, als er zuletzt deutsche Waffenlieferungen an die Türkei anprangerte und mit den Worten schloss: „Ich schäme mich meines zum bloßen Wirtschaftsstandort verkommenen Landes, dessen Regierung todbringenden Handel zuläßt und zudem verfolgten Kurden das Recht auf Asyl verweigert.“ (S. 163)
E – Der Engel, die Ehe, das Ende
Im Gegensatz zu Jacob Grimm, der das E für gering erachtet habe, erwärmt sich Grass für dessen schönen Klang, den er der Elritze, dem sich Ergehen unter Eschen und Eichen wie dem Entenessen und dem Bernstein-Einschluss abgewinnt. Missmutig gestimmt in Bezug auf das E stellt er sich dagegen Jacob vor, als der im Anschluss an einerlei, einerseits und einzig von den ermüdenden Debatten zur Einheit in der Paulskirchenversammlung eingeholt worden sei. Daran knüpft Grass die eigene Perspektive auf das Jahr 1990, als das zweigeteilte Deutschland eilfertig auf eine seither nur auf dem Papier stehende Einheit eingeschworen worden sei, „geködert mit dem Versprechen, es werde das Geld eins zu eins gewechselt, weshalb aus Einöden blühende Landschaften werden würden.“ In Wirklichkeit sei es „zu einer Einheit ohne Einigung“ gekommen. (S. 180)
In Ehefragen lagen die Dinge bei den Grimm-Brüdern eindeutig: Wenn überhaupt einer, „dann hatte Wilhelm das Zeug zum Ehegemal. Er, der Erwählte, willigte ein.“ (S. 188) Betreffs der eigenen zwei Ehen bekennt Grass, auch zu zweit sein Eigenleben geführt zu haben – am Ende gleichwohl ein erprobter Ehemensch. (S. 191) Was Wilhelm Grimm anging, gelangte dieser jüngere der Brüder ans Ende seines Lebens, noch bevor er mit dem Buchstaben D zu Ende gekommen war, und hinterließ Jacob dieses Erbe zur Vollendung.
F – Bis die Frucht fiel
Der Buchstabe F im dritten Band des Grimmschen Wörterbuchs hebt an mit dem wohllautenden Wort Fabel und setzt fort mit Fabelbuch und Fabelhans. Grass wiederum erprobt seine Fabulierkunst am Fall. Dazu führt er unter anderem aus: „Im Falle eines Falles wollte Pilatus / von Fall zu Fall entscheiden, / entschied dann aber doch Knall auf Fall. / Später, viel später wurde das Fallbeil mit Volkes Beifall / als Fortschritt gefeiert, sobald es… / Und im Krieg war Fallschirmseide begehrt. / Als dann Millionen gefallen waren, / wurde die Frage gestellt: gefallen wofür?“ (S. 213)
In Familienalben sind aus Photographien Fotos geworden, „wie vormals organisch ph für f stand, / als althochdeutsch der Apfel noch Aphul hieß / und sich das pf bei Zipfel und Knopf behauptete. / Jetzt schreiben wir fotogen, fotoscheu. / Fast alles wird fotografiert, erfaßt fürs Archiv. / Festgenagelte Augenblicke, digitale Fangschüsse.“ (S. 229)
Während Jacob Grimm seine Arbeit an den F-Wörtern fortsetzte, war ihm bewusst, dass der Verlag den Korrektor Rudolf Hildebrand – der Wilhelm Grimm bereits beim D hilfreich gewesen war – ermutigt hatte, die Buchstaben G, H, I und J überspringend, Recherchen zum K anzustellen und umzusetzen, womit eine Fortsetzung der Arbeiten am Wörterbuch auch nach Jacobs Hinscheiden sich ankündigte. Dessen letzte Anstrengungen beurteilt Grass wie folgt: „Wie zuvor schon ist er fortan besorgt / um den Fortbestand althergebrachter Wörter, / auch jener, die sich fortentwickelt haben, / streicht aber fortissimo als Fremdwort ohne Bedauern. / Wer wird ferner auf weitläufigen Wortfeldern / fortackern und ab sofort zuständig sein / für Lohnfortzahlung und berufliche Fortbildung? / Er aber quält sich, wenn auch die Zeit ihm fortläuft, / mit nunmehr müden Kräften, / auf daß sich die Wörter fortzeugen, / bis endlich mit dem letzten Stichwort / die Frucht fällt.“ S. 246)
K – Vom Friedhof bis zu endlosen Kriegen
Der Kapitelanfang ist von Kopfsachen bestimmt: „Kopffüßler, die nicht durch Kiemen atmen / und die sich Menschen nennen…“, Köpfe die man schütteln, mit denen man nicken, die man stützen kann. „Trotzköpfe gibt es, den Schlaukopf, / Schafsköpfe und Brückenköpfe, / die heiß umkämpft sind. / Sogar Berge haben Köpfe oder Kuppen, / heißen Schneekoppe und Ochsenkopf.“ (S. 250)
Parallele Reflexionen stellt Grass zu Alter und Tod an, einerseits Jacob Grimm, andererseits ihn selbst betreffend. „Doch da mir , umringt von mehr und mehr Ungewißheiten, einzig der Tod gewiß ist, will ich ihn, wie Jacob es tat, als ungeladenen, aber umgänglichen Gast empfangen und allenfalls mit der Bitte belästigen: mach es kurz und schmerzlos.“ (S. 266) Bis zum Schluss am Buchstaben F arbeitend und bis zur Frucht gelangend, starb Jacob Grimm am 20. September 1863.
Beim Buchstaben K folgte auf die Kriechsucht der Krieg. „Mit ihm wird ein Land überzogen. Er nährt sich selbsttätig. Man kann zu ihm hetzen, ihn entfesseln, in ihm sein, ihn wie einen gewöhnlichen Streit vom Zaun brechen. […] Religionskriege gibt es, den Freiheits- oder Befreiungskrieg, Angriffs- und Verteidigungskriege, nicht zu vergessen: Erbfolgekriege. Mangelt es an äußeren Feinden, bieten Bürgerkriege Ersatz.“ (S. 283)
Zurzeit erlebe man den Kassensturz des Kasino-Kapitalismus, findet Grass, „wie einen Kreuzweg bis hin zur profitverheißenden Auferstehung.“ Seitdem verdienten die Konkursverwalter. „Kauflaune vergeht, und eine Krise / küßt die nächste wach. / Gleich krummen Kräuterweibern / befragen Kommentatoren den Kaffeesatz / nach künftigen Katastrophen. / Wissen wollen sie, was nach dem Kapitalismus kommt / und wer uns, bei verändertem Klima, / künftiges Heil verspricht.“ (S. 287)
U – Ungezählte Kuckucksrufe
Ungemein chaotisch war und blieb der Werdegang des Grimmschen Wörterbuchs. „Während vom Buchstaben F zum letzten dem G angehörigen Wort annähernd ein Jahrhundert verging, über dessen Verlauf Dutzende Wörterklauber, Stichwortbetreuer und Zitatenfahnder wegstarben, der Verlag aber weiterhin Hirzel hieß, veränderten zwei weltumfassende Kriege beinahe alles und doch nicht genug, …“ (S. 293)
Jacob Grimm war seinem Verleger zeitlebens dankbar für dessen „aufopfernde Anhänglichkeit“ und der Sache förderliche Sprachkompetenz, die sich in „lauter feinen Bemerkungen“ gezeigt habe. Als Verfasser könne er sich dafür nur glücklich schätzen. Ähnlich positiv äußerte sich auch Karl Weigand als Jacobs Nachfolger bei der Wörterbuchfortschreibung über den Inhaber des S. Hirzel Verlags. Grass knüpft daran mit eigenen Erfahrungen bezüglich seiner Verleger an. Er preist Eduard Reifferscheid, Inhaber des Luchterhand Literaturverlags, unter anderem als Lyrikliebhaber mit der Bereitschaft, dafür draufzuzahlen – was Grass mit seinen späteren Romanen aber mehr als ausgeglichen habe. Sein Wechsel zum Verleger Gerhard Steidl Jahrzehnte später kommentiert Grass, der seine Autorenrechte stets einträglich geltend zu machen wusste, euphorisch: Er prüfe wie einst Salomon Hirzel „jeden Andruck, der aus der Maschine kommt, sorgt für deren Futter, indem er auf Kurzreisen nach Amerika und bis in die Arabischen Emirate Aufträge einholt, auf daß sein Wunderding von Druckmaschine, die ich ihn streicheln sah, Tag und Nacht nicht zur Ruhe kommt, denn trotz Internet und Google glaubt er an die Zukunft des Buches, wenn es von erlesenem Papier, sorgfältig gebunden, altmodisch mit deinem Lesebändchen ausgestattet und sein Satzspiegel ansehnlich ist.“ (S. 306)
Den S. Hirzel Verlag führten Salomons Nachkommen ebenso fort wie die Ergänzung von Bänden des Deutschen Wörterbuchs, bis der Verlag in der NS-Zeit arisiert wurde. 1936 erschien die dritte Abteilung des 11. Bandes von U bis Uzvogel. Grass erprobt sich auch an diesem Buchstaben auf seine Weise: „Wo liegt der Unterschied zwischen Untertanen / und sonstigen Untergebenen? / Gefälschte Unterschriften, geblümte Unterhosen gibt es / und Unterricht auf unterstem Niveau. / Als aber das Unterste zu oberst gekehrt wurde / und letzte Wahrheiten untermauert waren, / begann es im Untergrund zu rumoren, / tat sich die Oberfläche der Unterwelt auf.“ (S. 320)
Z – Am Ziel
Auf zeitliche Aspekte – „einerseits zeitlos, andererseits zeitgemäß“ – griff Grass als „Krücke im Nebel der Zeitlosigkeit“ bereits unter anderem Buchstaben vor: „Viele meiner Zeitgenossen / zeitigten vorzeitig ihre Zeit. / Und jederzeit lärmte der Zeitgeist.“ (S. 303)
Zurückgeworfen auf das Jahr fünfundvierzig des zwanzigsten Jahrhunderts, vermag Grass angesichts des Kahlschlags im Berliner Tiergarten kaum noch die Wege und Nebenwege zu finden, „auf denen ich vormals den Brüdern Grimm begegnet bin, sobald es gelang, sie mit Lockrufen zu ködern oder auf bloßen Wunsch hin herbeizuzwingen.“ (S. 324) Am Grimmschen Wörterbuch aber wurde auch in der Zeit der deutschen Teilung sowohl in Göttingen als auch in Ostberlin einvernehmlich weitergearbeitet, erstaunlich und bemerkenswert für Grass, über den die DDR-Staatssicherheit eine zuletzt mehr als zweitausend Seiten umfassende Akte unter dem Decknamen „Bolzen“ vorhielt. In Ein weites Feld nahm sich Grass auch des Spitzelwesens zeitübergreifend literarisch an.
In einem letzten zeitaufhebenden Dialog mit den Brüdern Grimm meldet Grass ihnen die Vollendung ihres Werkes beim Zypressenzweig. Für beider Protestruf, dass es kein Ende gebe, hat er allerdings auch selbst Anhaltspunkte; gerade bei den Buchstaben A bis F bestehe besonderer Überarbeitungsbedarf. Die Brüder insistieren mit Eichendorff: „es treibt vom stolzen ziele, kaum geendet, nach neuem ziel dich neues unbehagen.“[4] (S. 357)
Rezeption
Grass setze in Grimms Wörter einen Doppeleinfall um, so Volker Neuhaus, indem er eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache mit Rückblicken auf das eigene politische Wirken verbinde. Lebenslanger Dienst am Wort einerseits und Grass‘ „aus Bürgersinn nicht endenwollende Tätigkeit in der politischen Tretmühle“ andererseits verbänden ihn mit den Grimm-Brüdern.[5]
Von einer beeindruckenden, „von akribischer Lyrik und farbenfrohen Buchstaben-Vignetten“ durchzogenen Liebeserklärung an die deutsche Sprache ist auch bei dem Grass-Werkinterpreten Dieter Stolz die Rede: „Und so geht der altersweise Schriftsteller mit Grimms Wörter erneut im Vollbesitz seiner Schaffenskraft aufs Ganze“ – vom „alten Adam über die waffenklirrende Gegenwart bis zur ungewissen Zukunft.“ Bei der lustvollen Suche nach Wörtern und den sie stützenden Zitaten sei demnach auch im 21. Jahrhundert kein Ende abzusehen.[6]
Ebenso „wortversessen“ wie die Grimm-Brüder entfalte Grass seine Sprachkunst, „um ihre Lebensleistung in Wortkaskaden zu illustrieren“, heißt es bei Günther Rüther, der von einem „wahrhaftigen Lesevergnügen“ schreibt. In einer Schieflage sieht er das Erinnerungsbuch allerdings wegen der von Grass eingestreuten politischen und autobiographischen Teile. Die soziokulturellen Unterschiede und historisch-politischen Prägungen ließen sich nicht „durch ein Hin- und Herwandern zwischen beiden Jahrhunderten synchronisieren.[7]
Grimms Wörter erzählten von einem „Wunderwerk nationalen Forscherdrangs“, so Harro Zimmermann. Noch einmal schwelge Grass „in den Form- und Sinn-Fluten des deutschen Idioms“, lausche er gemeinsam mit den Grimms „auf die subtilen Timbres seines Vokabulariums, seiner Emphasen und semantischen Veränderungsprozesse. „Er zeigt, wie bei den Brüdern unzählige Verbalien auf Herz-, Neben- und Zwischentöne abgeklopft werden, und gibt seine Bewunderung dieser blühenden Wort-Urgründe an das Lesepublikum weiter. Ganz so wie die „alten Wortarchäologen und Silbentüftler“ empfinde Grass den „Andrang von Letterngebilden, deren Bedeutung, Geltungssinn und Aussagenpotenzen immer neu geprüft und bewahrt werden müssten.“ Er finde zu einer Sprache, „die etwas von der Aura jener Entdeckerprosa bewahrt und dabei manchen historischen Ereignisbezug zwischen 1830 und 2010 aufzunehmen versucht.“ Indem Grass den Wortgarten der Grimms neu beatme, werde deutlich, wie sehr die Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts davon noch immer zehren könnten.[8]
Hörspielbearbeitung
Im Zeitraum 2016/2017 produzierten das Deutschlandradio und Radio Bremen eine 97-minütige Hörspielfassung, ebenfalls unter dem Titel Grimms Wörter. Unter der Regie von Holger Rink waren Nora Gomringer und Günter "Baby" Sommer zu hören.
Quelle: HörDat, die Hörspieldatenbank
Einzelnachweise und Anmerkungen
- ↑ Grass hatte sich bereits 2003 dem Spiegel gegenüber entsprechend geäußert: „Ich habe ein ziemliches Misstrauen gegenüber Autobiografien. Wenn ich eine Möglichkeit sähe, mich gewissermaßen in Variationen zu erzählen – das wäre vielleicht reizvoll. Aber eigentlich mag ich Autobiografisches in der verschlüsselten Form der Fiktion lieber.“ (Zitiert nach Volker Neuhaus: Günter Grass. Metzler, Stuttgart 1979, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2010, S. 420)
- ↑ Dieter Stolz: Günter Grass, der Schriftsteller. Eine Einführung. 3. aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, dtv, München 2023, S. 354.
- ↑ Grass folgt bei wörtlichen Zitaten generell der von Jacob Grimm praktizierten Kleinschreibung.
- ↑ Zur Kleinschreibung im Zitat siehe oben.
- ↑ Volker Neuhaus: Günter Grass. Metzler, Stuttgart 1979, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2010, S. 443.
- ↑ Dieter Stolz: Günter Grass, der Schriftsteller. Eine Einführung. 3. aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, dtv, München 2023, S. 354 und 360 f.
- ↑ Günther Rüther: Günter Grass. Ein politischer Märchenerzähler und Provokateur, Marix, Wiesbaden 2022, S. 326 f.
- ↑ Harro Zimmermann: Günter Grass. Biographie. Osburg, Hamburg 2023, S. 817–819.