Grigori Iwanowitsch Schirjajew
Grigori Iwanowitsch Schirjajew (russisch Григорий Иванович Ширяев, tschechisch Grigorij Ivanović Širjaev; * 24. Januar 1882 in Charkow; † 18. Juni 1954 in New York City) war ein russischer Botaniker und Hochschullehrer, der den Großteil seiner wissenschaftlichen Karriere in der Tschechoslowakei verbrachte. Sein botanisches Autorenkürzel lautete Sirj. und er galt als Spezialist für die Systematik der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae).
Leben
Herkunft, Ausbildung und Privatleben
Er kam Anfang 1882 als Sohn eines Kaufmanns in Charkow zur Welt. Die Großstadt hatte damals etwa 160.000 Einwohner und war innerhalb des russischen Kaiserreiches Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements. Dort besuchte Schirjajew bis 1901 das humanistische Gymnasium und immatrikulierte sich anschließend für ein Studium der Naturwissenschaften an der physikalisch-mathematischen Fakultät der Universität Charkow. In den Jahren 1902 und 1903 absolvierte er ein Auslandsstudium an der Universität Lausanne in der Schweiz und arbeitete während dieser Zeit auch am Herbarium Boissier in Genf. Als Magister der Botanik konnte er sein Studium 1907 in Charkow beenden.[1] Zwanzig Jahre später wurde er im Mai 1927 an der tschechoslowakischen Masaryk-Universität in Brünn zum Doktor der Naturwissenschaften promoviert – als Dissertation hatte er dafür seine Monographie über die Hülsenfrüchtlergattung der Esparsetten (Onobrychis) eingereicht.[1]
Seinen Militärdienst hatte er im 201. Lebedinsky-Reservebataillon abgeleistet und am 8. September 1909 wurde er zum Praporschtschik der Reserveinfanterie befördert. Er ging 1911 seine erste Ehe ein, der eine Tochter († 1943) entstammt. In Brünn heiratete er 1924 zum zweiten Mal; diese Ehe blieb kinderlos.[1]
Berufliche Karriere
Seinen Einstieg ins Berufsleben fand er 1907 als Assistent am Lehrstuhl für Botanik in Charkow. Diese Stelle hatte er bis 1914 inne und unterrichtete zudem während dieser Periode auch an der dortigen Frauenhochschule für Medizin und an der Veterinärschule. Während des Ersten Weltkrieges diente Schirjajew im 30. Infanterie-Reservebataillon der kaiserlichen Armee und stieg zum Leutnant auf. Anschließend kehrte er kurzzeitig an seine Alma Mater zurück, wo er sich habilitierte. Als wenig später jedoch der russische Bürgerkrieg ausbrach, wurde er in die antibolschewistische weiße Armee von General Anton Denikin eingezogen.[1] Er kämpfte auch für die Streitkräfte Südrusslands und diente im 1. „Generalleutnant-Markow“-Regiment, als dieses im November 1920 angesichts der sich abzeichnenden Niederlage von der Schwarzmeerhalbinsel Krim in die osmanische Stadt Gelibolu evakuiert wurde.
Von dort floh er nach Weliko Tarnowo in Bulgarien. Schließlich zog er 1922 in die tschechoslowakische Hauptstadt Prag, aber noch im selben Jahr weiter in das im mährischen Landesteil gelegene Brünn, wo er die nächsten 22 Jahre ansässig bleiben sollte. Seine zweite wissenschaftliche Heimat fand er am botanischen Institut der dortigen Masaryk-Universität. Zunächst erhielt er eine Stelle als provisorische wissenschaftliche Hilfskraft. Neben der Forschung oblag ihm dabei auch die Aufsicht über das Herbarium. Im Jahr 1924 übertrug man ihm die zwei Wochenstunden umfassende Vorlesung „Die Blütenpflanzen des europäischen und asiatischen Russlands“, die er erst in russischer und später in tschechischer Sprache hielt.[1] Nachdem sich Schirjajew 1928 erneut – diesmal als Flüchtling an der Prager Karls-Universität – habilitiert hatte, wurde ihm am 6. Mai 1935 in Brünn die Lehrberechtigung für systematische Botanik übertragen und er erhielt einen Lehrauftrag für Morphologie und Geographie der Pflanzen. Schließlich wurde er 1939 zum unbesoldeten außerordentlichen Professor für systematische Botanik ernannt.[1]
Nach dem Zweiten Weltkrieg flüchtete er nach Westdeutschland und kam dort zunächst in Flüchtlingslagern in Füssen und Oberschleißheim (beide in Bayern) unter. Während dieser Zeit arbeitete er unentgeltlich am Botanischen Garten München-Nymphenburg und übte eine intensive Vortragstätigkeit an Volkshochschulen aus. Im Jahr 1951 zog Schirjajew mit seiner Ehefrau in die Vereinigten Staaten. Dort fand er am Missouri Botanical Garden in St. Louis (US-Bundesstaat Missouri), am Gray-Herbarium der Harvard University in Cambridge (Massachusetts) sowie zuletzt im Herbarium des New York Botanical Garden in New York City (New York) freiberufliche Beschäftigung.[1] Dies waren jedoch keine Anstellungen, die einen Broterwerb sicherten, und „als Siebzigjähriger, der die Landessprache nicht beherrschte und der es wegen seiner großen angeborenen Bescheidenheit nicht verstand, sich in Szene zu setzen, gelang es ihm nicht, eine seinen Fähigkeiten entsprechende Stellung zu erhalten“.[1] Daher übernahm er mehrere Aushilfsarbeiten – als Gärtner, Portier, Heizer und schließlich als Nachtarbeiter in einer Streichholzfabrik. Er starb im Juni 1954 im Alter von 72 Jahren.
Botanische Forschung
In der frühen Phase seiner Karriere – als Assistent in Charkow – beschäftigte sich Schirjajew hauptsächlich mit gründlichen floristischen Untersuchungen des südlichen Russlands einschließlich der Krim und des Kaukasus. Als seine bedeutendsten Arbeiten gelten mehrere Monographien beziehungsweise Revisionen über Hülsenfrüchtlergattungen, die er allesamt in Brünn verfasste: über die Esparsetten (1925–1937), über Trigonella (1928–1934), über die Hauhecheln (1932) sowie über die Tragant-Untergattungen Tragacantha (1939) und Trimeniaeus (1944).[1] Seine wissenschaftliche Produktivität nahm in seinen letzten Lebensjahren deutlich ab, als er sich in Deutschland und in den Vereinigten Staaten nur noch sporadisch der Botanik widmen konnte. Hauptsächlich bearbeitete er nun Tragantsammlungen aus dem Iran, Afghanistan und angrenzenden Gebieten, die ihm Karl Heinz Rechinger zugesandt hatte. Sein Ziel war es, den „in einigen Sektionen dieser Gattung geradezu chaotischen Polymorphismus“[1] aufzuklären. Er konnte seine systematischen Studien über die altweltlichen Arten dieser Gattung allerdings nicht mehr beenden. Nebenbei revidierte er noch Material der früher von ihm monographisch behandelten Gattungen Esparsetten, Hauhecheln und Trigonella – zuletzt die anatolischen Funde von Peter Hadland Davis.
Schirjajews wissenschaftlicher Nachlass bestand aus Vorarbeiten zu einer Revision der altweltlichen Tragantarten. In diesem Rahmen hatte er für einige Sektionen – darunter auch sehr große, wie Myobroma, Onobrychium und Alopecias – Entwürfe für Bestimmungsschlüssel vorgelegt. Zwei Drittel seines schriftlichen Nachlasses gingen jedoch auf dem Transport von New York City nach Wien verloren.[1]
Bewertung und Ehrungen
„Seine monographischen Arbeiten sind grundlegend und vorbildlich durch Gründlichkeit in der Analyse und Klarheit und Übersichtlichkeit in der Zusammenfassung. Die entwicklungsgeschichtlichen Schlüsse, die er aus der Synthese des morphologischen Vergleichs mit den Tatsachen der geographischen Verbreitung der einzelnen Formenkreise gezogen hat, sind sehr gut fundiert und bei aller Vorsicht ziemlich weitreichend. Sie haben unsere heutigen Vorstellungen über die Geschichte der mediterranen und vorderasiatischen Pflanzenwelt formen geholfen.“
In Anerkennung seiner botanischen Leistungen wurde Schirjajew im Laufe der Jahrzehnte im Rahmen botanischer Erstbeschreibungen mit mindestens vier Epitheta geehrt:
- 1923: Der tschechische Botaniker František Nábělek (1884–1965) benannte eine im Nahen Osten vorkommende Esparsettenart als Onobrychis sirjaevii.[2] Mittlerweile gilt sie als Synonym von Onobrychis ptolemaica.[3]
- 1926: Der tschechische Botaniker Josef Podpěra (1878–1954) benannte eine Varietät des Süßgrases Dach-Trespe als Bromus tectorum var. sirjaevii.[4]
- 1983: Der tschechische Botaniker Alexander Plocek (1944–2009) benannte innerhalb der Rosengewächse eine in Bulgarien wachsende Frauenmantelart als Alchemilla sirjaevii.[5]
- 2008: Die iranischen Botaniker Shahin Zarre und Ali Asghar Maassoumi sowie ihr deutscher Kollege Dietrich Podlech benannten eine in den zentralasiatischen Steppen gefundene Tragantart als Astragalus sirjaevii.[6]
Weblinks
- Autoreneintrag für Grigori Iwanowitsch Schirjajew beim IPNI
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g h i j k l Karl Heinz Rechinger: Grigorij Ivanović ŠIRJAEV (24. 1. 1882—18. 6. 1954). In: Phyton. Band 6, Hefte 1/2, 1955, Seiten 24–30. Abgerufen auf zobodat.at (digitale biogeographische Datenbank ZOBODAT) am 10. Januar 2026.
- ↑ Spisy vydávané Přírodovědeckou fakultou Masarykovy univerzity. Band 35, 1923, Seite 93.
- ↑ Informationen über Onobrychis ptolemaica. Abgerufen auf worldfloraonline.org am 10. Januar 2026.
- ↑ Kvĕtena Moravy. Band 6, 1926, Seite 57.
- ↑ Alexander Plocek: Fifteen new species and varieties of Alchemilla (Rosaceae) In: Folia Geobotanica et Phytotaxonomica. Band 18, Heft 4, 1983, Seiten 415–432.
- ↑ Shahin Zarre; Ali Asghar Maassoumi; Dietrich Podlech: Papilionaceae V – Astragaleae. In: Flora Iranica. Band 177, 2008, 1–180.