Grenzmuseum Schifflersgrund
Das Grenzmuseum Schifflersgrund befindet sich an der ehemaligen innerdeutschen Grenze zwischen Hessen und Thüringen in der Nähe von Bad Sooden-Allendorf und Heilbad Heiligenstadt. Die Gedenkstätte gehört zu den ältesten Einrichtungen ihrer Art und umfasst einen der längsten erhaltenen Originalabschnitte des Eisernen Vorhangs in Deutschland und Europa.[1] Neben der neugestalteten Dauerausstellung und zahlreichen historischen Relikten und Objekten im Außengelände informiert ein Rundwanderweg über die Geschichte und Natur am Grünen Band.
Geschichte des Ortes
Der Schifflersgrund bezeichnet eine Senke an der früheren innerdeutschen Grenze. Sie befindet sich auf der historischen Tauschfläche, die beim Wanfrieder Abkommen am 17. September 1945 von der amerikanischen zur sowjetischen Besatzungszone wechselte. Infolgedessen gehört das ursprünglich hessische Gebiet heute zum thüringischen Landkreis Eichsfeld.[2]
Als Teil der Grenzsicherungssystems zur Bundesrepublik wurden von der Deutschen Demokratischen Republik im Schifflersgrund verschiedene Sperranlagen errichtet. Bis 1984 waren hier auch Selbstschussanlagen installiert. Eine Splittermine wurde am 31. Mai 1979 von drei westdeutschen Studenten demontiert.[3]
Am 29. März 1982 versuchte der 34-jährige Baggerfahrer Heinz-Josef Große, während der Bauarbeiten für einen Beobachtungsturm im Schifflersgrund zu flüchten. Mit der Hilfe eines Radladers konnte er den Grenzzaun überwinden. Nur wenige Meter von der Bundesrepublik entfernt trafen ihn Schüsse von DDR-Grenzsoldaten. Große brach zusammen und verblutete. Während die tödliche Flucht in der DDR verschwiegen wurde, entstand auf hessischer Seite in Sichtweite des Todesortes eine Mahnstätte mit Gedenkkreuzen zur Erinnerung an Heinz-Josef Große und die Opfer der deutschen Teilung.[4]
Museum
Nach der Grenzöffnung und der Deutschen Einheit gründete sich am 22. Dezember 1990 der Arbeitskreis Grenzinformation e. V., um am Todesort eine Gedenkstätte zu errichten und die Sperranlagen als Relikte des DDR-Grenzregimes zu erhalten. Am 3. Oktober 1991 wurde das Grenzmuseum Schifflersgrund eröffnet. Bis heute befindet sich die Einrichtung in Trägerschaft des gemeinnützigen Vereins.[5]
Die neugestaltete Dauerausstellung, die seit 2024 gezeigt wird, erzählt von den Ursachen der Teilung und dem Ausbau der DDR-Sperranlagen während des Kalten Krieges, vom Alltag und Leben beidseits der innerdeutschen Grenze sowie von deren Überwindung und Nachwirkung. Enthalten sind zahlreiche Bilder, Dokumente und Objekte sowie zehn Medienstationen mit über 170 Zeitzeugen-Videos. Präsentiert wird die Ausstellung im Heinz-Josef-Große-Haus, einem neu errichteten Gebäude mit Sicht auf die früheren Grenzanlagen. Neben dem mehr als 500 Meter langen Streckmetallzaun sind auch der KfZ-Sperrgraben, der Kolonnenweg, der Kontrollstreifen und der Beobachtungsturm am Schifflersgrund erhalten und stehen unter Denkmalschutz. Ebenso sind im Freigelände militärhistorische Fahrzeuge und Hubschrauber ausgestellt.[6]
Als Erinnerungs- und Lernort bietet das Grenzmuseum Schifflersgrund regelmäßig Sonderausstellungen und Veranstaltungen an. Das Bildungsangebot, das sich insbesondere an Schulklassen richtet, aber auch von Erwachsenengruppen genutzt wird, umfasst geführte Rundgänge, Grenzwanderungen, Zeitzeugengespräche und Workshops. Auch digitale Angebote sind vorhanden. Die virtuelle 360-Grad-Lernlandschaft „Grenzgeschichten“ wurde 2024 mit dem DigAMus-Award ausgezeichnet und war 2025 für den Grimme-Online-Award nominiert.[7]
Grenzwanderweg Schifflersgrund
Der TOP-Grenzwanderweg Schifflersgrund führt im Außenraum am heutigen Grünen Band entlang. Start- und Endpunkt des elf Kilometer langen Rundweges ist das Grenzmuseum Schifflersgrund. Auch kürzere Teilrouten sind möglich. Zehn große Informationspulte mit Texten und Bildern informieren auf der Wegstrecke über die Geschichte und Natur an der ehemaligen Grenze. QR-Codes auf den Pulten verlinken in eine interaktive 360-Grad-Landschaft. Dort kann man sich den einstigen Grenzverlauf anzeigen lassen, Grenzgeschichten in kindergerechter Sprache anhören und kleine Suchaufträge lösen.[8][9]
Literatur
- Siegbert Spiegel: Das thüringisch-hessische Grenzmuseum „Schifflersgrund“. Arbeitskreis Grenzinformation e. V., Bad Sooden-Allendorf 2008.
- Hans-Gerd Adler: Brückenköpfe. Arbeitskreis Grenzinformation e. V., Asbach-Sickenberg 2009, ISBN 978-3-00-028444-1.
- Sigrid Aschoff: Neues Konzept für das Grenzmuseum Schifflersgrund. In: Thüringer Allgemeine. 4. November 2011.
- Edith Behrends, Jakob Eisler (Hrsg.): Zwischen Erinnerung und neuer Gemeinsamkeit. Grenzmuseum Schifflersgrund. Bad Sooden-Allendorf 2016.
- Christian Stöber: Rosenkranzkommunismus. Die SED-Diktatur und das katholische Milieu im Eichsfeld, 3. Aufl., Berlin 2019.
- Christian Stöber: DDR-Grenzregime im Eichsfeld. Die Zwangsaussiedlungen in den Kreisen Heiligenstadt und Worbis. In: Volker Bausch, Mathias Friedel, Alexander Jehn (Hrsg.): Die vergessene Vertreibung. Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze, Berlin 2020, S. 153–170.
- Madlen Beckmann, Anne Vaupel-Meier, Christian Stöber: Geschichte wird gemacht. Asbach-Sickenberg 2024.
- Christian Stöber: Neue Dauerausstellung im Grenzmuseum Schifflersgrund. In: Eichsfeld-Journal 1/2025, S. 149 f.
Weblinks
- Literatur von und über Grenzmuseum Schifflersgrund im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Website des Grenzmuseums Schifflersgrund
- Digitale 360-Grad-Lernlandschaft „Grenzgeschichten“
Einzelnachweise
- ↑ Anna Kaminsky (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016.
- ↑ Ansbert Baumann: Thüringische Hessen und hessische Thüringer. Das Wanfrieder Abkommen vom 17. September 1945 wirkt bis heute nach. In: Deutschland-Archiv. In: Zeitschrift für das vereinigte Deutschland. Bertelsmann, Bielefeld 37.2004, Heft 6, S. 1000–1005.
- ↑ Christian Stöber: Zwischen perfider Perfektion und Menschenrechten. Der Abbau der Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze vor 40 Jahren. In: Gerbergasse 18. Thüringer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte und Politik, Ausgabe 1/2023 (= Heft 106), S. 31–34.
- ↑ Klaus Schroeder, Jochen Staadt (Hrsg.): Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949–1989, Bonn 2017, S. 417 f.
- ↑ Christian Stöber: Schifflersgrund. Historischer Ort und zivilgesellschaftliche Erinnerungskultur. In: Gerbergasse 18. Thüringer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte und Politik, Ausgabe 4/2019 (= Heft 93), S. 26–31.
- ↑ Christian Stöber: Leben an und mit der innerdeutschen Grenze. Neue Dauerausstellung im Grenzmuseum Schifflersgrund. In: Mitteilungen. Journal des Hessischen Museumsverbandes 68/2025, S. 6 f.
- ↑ Thüringen: Digitalprojekt "Grenzgeschichten" macht Jugendlichen deutsche Teilung erlebbar. In: mdr.de. 9. Oktober 2025, abgerufen am 16. Oktober 2025.
- ↑ TOP-Grenzwanderweg Schifflersgrund – Naturpark Eichsfeld-Hainich-Werratal. In: naturpark-ehw.de. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
- ↑ Christian Stöber: Grenzwanderweg Schifflersgrund. In: Eichsfeld-Journal 1/2024, S. 109–112.
Koordinaten: 51° 17′ 7″ N, 9° 59′ 37″ O