Grafschaft Liedberg

Die Grafschaft Liedberg (war eine freie Grafschaft bzw. libera comitia, i.S. einer freien Volksgemeinschaft, die über ihre eigenen Angelegenheiten entschied) war ein Territorium im Herzogtum Niederlothringen, welche direkt dem König unterstellt bzw. Königsgut war. Landesherr war bis Ende des 11. Jahrhunderts der jeweilige Pfalzgraf von Lothringen. Räumlich deckte sie sich in großen Teilen mit dem alten Nievenheimer Gau. Noch Jahrhunderte später wurden ehemalige Gebiete der alten Freigrafschaft als „gräfliches Land“ bezeichnet.[1]

Die freie Grafschaft nahm aufgrund ihrer militärischen Ressourcen (neben der Burg Liedberg über 50 zum Teil stark befestigte Ritterlehen, zahlreiche, wehrpflichtige Höfe (Mannlehen) und hunderte freie, wehrpflichtige Männer), eine zentrale Rolle in der Landesverteidigung des Niederrheins gegenüber den Überfällen von Sachsen (insbesondere von Widukind) und den Raubzügen der Wikinger ein.

Entstehung und Liedberger Grafengeschlecht

Die Grafschaft Liedberg entstand nach Jakob Bremer nach der Zersplitterung der Gaugrafschaft im 9. Jahrhundert und bestand bis zur Erbteilung im Jahre 1166. Zu dieser Zeit war die Grafschaft im vollen Besitz der Landesherrschaft unter anderen der Niedrigen- und der Hochgerichtsbarkeit bis Anrath und Ürdingen. Vor der großen Erbteilung 1166 gab es bereits Erbauseinandersetzungen u. a. mit dem Haus von Helpenstein, wo früh viel Gebiet (Herrschaft Helpenstein) und zahlreiche Allodien verloren gingen[2]. Der nördliche und südliche Teil der Grafschaft ging nach der Erbteilung mit der Landesherrschaft in die Grafschaft Hülchrath[3] (ein Lehen von Kurköln), dem späteren Amt Hülchrath von Kurköln auf. Die Burg Liedberg zusammen mit diversen Allodien u. a. Steinhausen fiel an den Grafen Gerhard I von Randerath und verblieb bis 1278 beim Haus Randerath und bildete danach das Amt Liedberg von Kurköln.

Erster urkundlich nachgewiesener Graf mit Bezug zu Liedberg war Herimannus de Lithebereche (Hermanns comes de Lidtberg) der um 1100 in einer Urkunde des luxemburgersichen Staatsarchiv vorkommt. Er war mit Hadwig, einer Tochter des klevischen und moersischen Grafengeschlechts verheiratet. Seine Tochter Hildegunde heiratete den mächtigen Grafen Lothar von der Ahr.

Castrum Liedberg

Stammburg der Grafen von Liedberg und des späteren "Hauses Liedberg" (so wurde Liedberg in Urkunden oft genannt) war das Castrum Liedberg, von dem heute noch der Bergfried der Festung (Burg) erhalten ist.[4] Die Bezeichnung Castrum weist darauf hin, dass es sich um eine Festung mit überregionaler Bedeutung handelte. Bis heute gibt es keinen Gesamtplan der mittelalterlichen Festungsanlage, die einen erhebliche Umfang gehabt haben musste – da Bergfried und Schloss bereits im 11. Jahrhundert eine Einheit bildeten. Darauf weisen das Alter der Grundmauer des Schlosses hin, die auf das 11. Jahrhundert datiert werden.[5] Verteilt über das Herrschergebiet gab es eine Vielzahl von Ritterlehen (s. u.), die selbst wieder befestigt waren und zur Verteidigung und Militärdienst auf Liedberg verpflichtet waren.

Territorium, Orte und Gräfliches Land

Räumlich erstreckte sich die Grafschaft Liedberg im Norden bis Krefeld (Grenze Kastell Krefeld-Gellep incl. der Herrschaft Neersen), im Süden bis Gustdorf (incl. des Gebiets der Herrschaft Dyck), im Westen bis zur Niers (incl. das Gebiet der Reichsherrschaft Myllendonk) und im Osten bis zur Erft und dem Rheine bis zur Stadt Neuss mit der südlichen Grenze Nievenheim (Höhe des röm. Kastells Haus Bürgel, war bis 14. Jhd. linksrheinisch), ein Gebiet mit mehr als 400 km². Zu Liedberg gehörte ein großes abhängiges Siedlungsgebiet mit den Orten Liedberg, Steinhausen, Rubbelrath, Steinforth, Schlich, Glehn, Schelsen, Zoppenbroich, Kleinenbroich, Schiefbahn, Kehn, Holzheim, Kaarst, Meer, Büderich, Nierst, Sierst und Krefeld. Zu Liedberg gehörten zahlreiche Allodien (freies Erbgut bzw. Eigentum) die auch außerhalb der Grafschaft z. B. in Königswinter, Overmuth an der Maas, Sulsen, Wahlscheid und Wolsdorf lagen[6].

Ursprüngliches gräfliches Land

Nach Jakob Bremer gehörten ursprünglich folgende Gemeinden zum Gräflichen Land: Giesenkirchen, Bedburdyck, Korschenbroich, Pesch, Schelsen, Liedberg, Kleinenbroich, Büttgen, Glehn, Holzheim, Hemmerden, Kapellen, Gustdorf und Elfgen.

Reste des gräfliches Landes 1450-1609

Vom ursprünglichen gräflichen Land waren 1450 bis 1609 noch Elfgen, Glehn und Büttgen vorhanden.

Liedberger Gerichtshoheit und Freigrafschaft

Liedberg besaß das Waldgrafenamt (Aufsichtsrecht) über ausgedehnte Waldungen zwischen der Niers, der Erft und dem Niederrhein, dem Mühlgau und im nördlich gelegenen Kehldachgau bis über Kempen, Budberg und Mörs hinaus[7]. Schon seit den Karolingern standen alle Wälder und Brüche unter besonderen Holz-; Wald- oder Wildgrafen, welche die Gerichtsbarkeit (sog. Holzgeding bzw. niedere Gericht) innehatten und die Wälder des Königs verwalteten. Sie entschieden über Wald- und Wildberechtigung, über Holz- und Feldfrevel, Schuldsachen, kleinere Strafsachen und hatten die Aufsicht über Wege. Das Liedberger Hoch- und Holzgericht (welche z. T. bis in die Neuzeit vorhanden blieb, die Anrather Holzbank außerhalb des Amtes Liedbergs) hatte umfangreiche Rechte.

Eine Teil des Gebietes der Grafschaft Liedberg, bildete zusammen mit den Herrschaften Myllendonk und Dyck eine alte Gau-Grafengerichtsbarkeit, welche in den Weisthümern als „freie Grafschaft“,[8] bzw. als gräfliches Land bzw. gräfliches Gericht bezeichnet wird[9].

Alte Gaugerichtsorte bestanden jahrhundertelang in Anrath und Kleinenbroich. Jakob Bremer fertigte für das ursprüngliche gräfliche Land (bis 1450) eine Karte[10] an, welche die Kommunen (Stand 1956) Liedberg, Korschenbroich, Kleinenbroich, Büttgen, Giesenkirchen, Glehn, Holzheim, Hemmerden, Kapellen, Bedburdyck, Elfgen und Gutsdorf des alten Landkreises Grevenbroich angehörten. Reste des gräflichen Landes bzw. Gerichts erhielten sich bis in die Neuzeit in Glehn, Büttgen, Kapellen und Elfgen.

Das gräfliche Land war ein freies Land und ein freies Gericht. In ihm gab es keine unfreie Menschen, die Bewohner (außer die dienstpflichtigen Höfe und Ministralen) waren frei von Abgaben und Diensten, Mahlzwang usw.[11] Das Gericht war kein Grafen- oder kurfürstliches, sondern ein alt frei kaiserliches Gericht; Berufungsgericht war der alte Pfalzort Aachen. Die Gerichtshoheit, die Wahl der Scheffen und Richter lag bei der freien Volksgemeinde, wie es bei den alten Germanen Brauch war.[12]

Ezzonen als Pfalzgrafen vom gräflichen Land

Die Grafschaft wurde jahrhundertelang als Dominum des Königsguts von den Pfalzgrafen (Vertreter des Königs) von Lothringen regiert. Belegt ist insbesondere Pfalzgraf Ermfried. Zentraler Amtssitz des Pfalzgrafen von Lothringen war die Kaiserpfalz in Aachen.

Nachdem Pfalzgraf Ezzo den königlichen Truppen in der Schlacht bei Odernheim (1011) eine empfindliche Niederlage zugefügt hatte, erzwang er eine politische Neuordnung seines Verhältnisses zu Kaiser Heinrich II. Dieser Prozess mündete nach 1016 in einen umfassenden Interessenausgleich: Zur Befriedung der ezzonischen Ansprüche – die primär auf dem Erbe von Ezzos Gemahlin Mathilde, einer Schwester Ottos III., fußten – bestätigte der Kaiser Pfalzgraf Ezzo das Erbe Ottos III. mit bedeutenden Reichsgut am Niederrhein, darunter die strategisch zentralen Orte Kaiserswerth und Duisburg sowie Gebiete und großer Allodialbesitz (königliches Eigengut) der Grafschaft Liedberg.

Nach dem Aussterben der Hauptlinie der Ezzonen 1085 ging das "ezzonische Erbe" an Nebenlinien bzw. lokale Verwandte über, die eigene Dynastien (Graf Herimannus de Lithebereche um 1100) bildeten, wobei sie durch die Namensgebung (Hermann als Leitname) ihren hohen sozialen Rang betonten.[13]

In der genealogischen Forschung für den Zeitraum des 11. und 12. Jahrhunderts sind diese Leitnamen oft die einzigen Indizien, da lückenlose Stammtafeln erst später einsetzen. Der Name Hermann war bei den Ezzonen so wichtig (siehe Genealogie), dass er fast als Anspruch auf die Pfalzgrafenwürde galt. Dass die Liedberger und Dycker Geschlechter Hermann als Leitnamen (Erstgeborener) führten, deutet darauf hin, dass diese entweder direkte Nachkomme einer ezzonischen Nebenlinie waren oder durch Heirat einer ezzonischen Erbtochter (z. B. aus dem Haus Saffenberg, Leitname Berthold) in deren Rechte eintrat.[13]

Noch Jahrhunderte später wurden Teile des Gebiets der Grafschaft Liedberg als „gräfliches Land“ bezeichnet.

Ritterlehen von Liedberg

Zur Grafschaft Liedberg gehörten zahlreiche Ritterlehen (48 "Vasallen" gab es noch um 1400); diese waren Ministerialen der Grafen von Liedberg oder Lehnsleute, für die Verteidigung der Burg Liedberg und des Landes zuständig. Alleine welche zum getrennten Gebietes von Schloss Meer gehörten, "machten diese durch Zahl und vornehmes Auftreten großen Eindruck (J. Bremer, S 20). Im Gebiet der Grafschaft befinden sich heute noch zahlreiche Herrensitze und ehemalige Burglehen, z. B. Haus Horst, Burg Steinhausen (Korschenbroich), Haus Raedt, Stepprather Hof, Hauserhof (Kleinenbroich)[14], Haus Randerath (Kleinenbroich), Haus Schlickum (Glehn), Bloemenhof (Lüttenglehn), Haus Fürth, Haus Neuenhoven, Lauvenburg (Kaarst), Haus Zoppenbroich, Lewenhof (Steinforth), Schanzerhof (Glehn), Fleckenhaus (Glehn), Lövenling (Holzheim), Vorst (bei Fürth), Haus Meer, Haus Clörath, Haus Donk, Dyckhof, Rittergut Gelleshof, Haus bzw. Schloß Neersen, Haus Kaldenhausen und Schloss Dyck.

Einzelnachweise

  1. Jakob Bremer: Das kurkölnische Amt Liedberg. Kühlen, M.Gladbach, 1930, S. 49–58.
  2. Franzjosef Habitz, Die Herrschaft Helpenstein, in: Almanach für den Kreis Neuss 1984, S. 36–47
  3. August von Haeften:Die Grafschaft Hülchrath in ihren Beziehungen zur Vogtei der Domkirche und des Domstifts von Cöln. In: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande. Bd. 39/40 (1866)
  4. Paul Clemen:Die Kunstdenkmäler der Städte und Kreise Gladbach und Krefeld.Schwann, 1896
  5. Kristin Dohmen: Schloss Liedberg : Bauforschung im Kontext der Denkmalinstandsetzung. Enthalten in: Jahrbuch der rheinischen Denkmalpflege. - Worms. - 42.2011, S. 72–113
  6. Thomas R. Kraus: Die Entstehung der Landesherrschaft der Grafen von Berg bis zum Jahre 1225. 1981. S. 121
  7. Jakob Bremer: Das kurkölnische Amt Liedberg. Kühlen, M.Gladbach, 1930, 208 ff.
  8. August von Haeften:Die Grafschaft Hülchrath in ihren Beziehungen zur Vogtei der Domkirche und des Domstifts von Cöln. In: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande. Bd. 39/40 (1866), S. 229
  9. Jakob Bremer: Die reichsunmittelbare Herrschaft Dyck der Grafen jetzigen Fürsten zu Salm-Reifferscheidt. Grevenbroich 1959. S. 31 ff.
  10. Jakob Bremer: Die reichsunmittelbare Herrschaft Dyck der Grafen jetzigen Fürsten zu Salm-Reifferscheidt. Grevenbroich 1959. siehe Anhang
  11. Jakob Bremer: Das kurkölnische Amt Liedberg. Kühlen, M.Gladbach, 1930, 212 ff.
  12. Jakob Bremer: Die reichsunmittelbare Herrschaft Dyck der Grafen jetzigen Fürsten zu Salm-Reifferscheidt. Grevenbroich 1959. S. 23 ff.
  13. a b Ursula Lewald: "Die Ezzonen. Das Schicksal eines rheinischen Fürstengeschlechts". Erschienen in: Rheinische Vierteljahrsblätter 43 (1979), S. 120–168.
  14. s. a. https://www.geschichte-in-kleinenbroich.de/

Literatur

  • Jakob Bremer: Das kurkölnische Amt Liedberg. Kühlen, M.Gladbach, 1930